DAS STIERFEST DER MAFA

Als "Tochter von Huva" bei den Mafa in Nordkamerun

Von Godula Kosack

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Der Stier wird mit Hirsebier besprüht. Foto: G. Kosack

„Beweg dich, mein Stier, beweg dich!“ ruft der bi gola (wörtlich: der „Chef der jungen Männer“) in den kleinen Rundstall hinein, dessen einzige Öffnung mit mächtigen Astgabeln und Steinquadern verbarrikadiert ist. Der bi gola , einer von acht Männern, die in dem Dorf Huva im nördlichen Mandaragebirge während des Stierfestes eines der wichtigstem Ämter bekleiden, beugt seinen Oberkörper weit in den Stall hinein, nimmt eine Mundvoll Hirsebier aus der Kalebasse und sprüht sie dem sich ängstlich an die Hinterwand drückenden Stier ins Gesicht, „Schüttle dich!“, ermuntert er das Tier. Seit es vor etwa zwei Jahren zum Opferstier erkoren wurde, hat es hier im Halbdunkel gestanden und keinen Huf mehr nach draußen gesetzt. Futter hat es stets reichlich bekommen, denn der Stier sollte stark werden, dem Hausherrn zum Ruhme und den Ahnen zu Ehren. Heute ist der Tag, an dem er hinausgetrieben werden soll, als erster von den insgesamt 14 Opferstieren des Dorfes. Sollte sich das Tier allerdings nicht rühren, dann müsste das Steinorakel befragt werden, ob eventuell ein Haus- oder Wegegeist, ein Ahne oder auch ein lebender Mensch der Familie zürnt und verhindern will, dass das Fest in seiner rituellen Ordnung abgehalten wird.

Das Stierfest ist das bedeutendste Ritual der Mafa, einer der 14 nordkamerunischen ethnischen Gruppen. Es wird alle drei Jahre, sobald das Neujahrsfest vorüber ist und alle dörflichen Streitigkeiten beigelegt worden sind, in einer für die einzelnen Dörfer festgelegten Reihenfolge gefeiert. Huva ist das zweite in der Reihe. Zum Auftakt steigt Fidai, mit nunmehr 96 Jahren der Älteste des Dorfes, auf einen Felsen und ruft weit über das Tal nacheinander allen Ältesten des Dorfes mit seiner etwas brüchigen, aber dennoch tragenden Stimme zu: „He, Tengwocè, leg die Hirse ins Wasser. Wir wollen das Stierfest feiern! - Ah, Vicè, leg die Hirse ins Wasser. Wir wollen das Stierfest feiern!“ Die so Angesprochenen rufen zurück: „Wir haben verstanden. Wir werden es tun!“

Am 5. März 2003 war diese Aufforderung bereits ungeduldig erwartet worden. Ganz Huva war für das Ritual bereit. Doch Fidai und mit ihm die Mehrheit der Würdenträger wollten warten, bis ich, die Ethnologin, eintreffe. Ich hatte angekündigt, dass ich das Fest noch einmal, wie vor drei Jahren, filmen wollte. Damals hatte ich den Film vom Stierfest im Dorf gezeigt. Nachdem ein klappriger Mitsubishi Videorekorder und Fernsehapparat des Parlamentsabgeordneten zum Markt von Huva gerumpelt hatte, war das gesamte Dorf gelaufen, um einen Blick in die „télévision“ zu werfen. Viele von den Versammelten, unter ihnen Fidai, hatten noch nie einen Fernsehapparat gesehen, geschweige denn sich selbst im Film, und ich bezweifle, ob Fidai sich erkannte, als er, in der ersten Reihe vorm Fernsehapparat sitzend, von allen Seiten bejubelt wurde: „Fidai, das bist du!“ Jovial hatte er in alle Richtungen gegrüßt, und ich hatte einmal mehr sein Herz gewonnen. Nun war er entschlossen, ohne mich das Fest nicht beginnen zu lassen. Diskussionen fanden statt, und der Fall wurde sogar dem Parlamentsabgeordneten vorgetragen, der zwar das moderne Kamerun repräsentiert, aber dennoch wie ein höchster traditioneller Chef in allen wichtigen Angelegenheiten um Rat gefragt wird. Dass die Entscheidung zu meinen Gunsten ausfiel, war nicht nur der Sympathie mir gegenüber geschuldet, sondern die „Alten“ schätzen meine Arbeit. Ich dokumentiere ihre Kultur für die folgenden Generationen. Immer mehr Kinder besuchen die Schule, in der sie von zumeist christianisierten Lehrern auf Französisch, nicht in ihrer Muttersprache Mafa, lesen und schreiben lernen. Die Kultur ihrer Ahnen gerät mehr und mehr in den Hintergrund und – so schätzen das auch die alten Bergbewohner ein – über kurz oder lang in Vergessenheit. Alle am Stierfest beteiligten Hausherren aus Huva und aus den Dörfern, die nach Huva feiern, mussten zwei Wochen länger ihre Tiere versorgen: Die Frauen hatten täglich das Wasser von den Kilometer entfernten Wasserstellen die Berge hoch zu schleppen und die Männer für teures Geld Heu zu kaufen, denn ihre Vorräte waren bereits aufgebraucht.

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Das Stierfest wird vom Dorfältesten ausgerufen. Foto: G. Kosack

Ich hatte mich am Tag nach meiner Ankunft noch nicht von dem chaotischen Flug in den Norden Kameruns erholt, mich keinesfalls an die brütende Hitze akklimatisiert und war darüber hinaus bös erkältet, als meine Gewährsfrau Davna, die aus Huva stammt und mir den Kontakt zu den Dorfältesten vermittelt hatte, mich zur Eile antrieb: „Ich soll dir sagen, du sollst schnell kommen, das Stierfest wird heute ausgerufen.“ Es gab keinen Aufschub. Ich musste den zweistündigen Marsch in die Berge auf mich nehmen. Es wäre unverzeihlich gewesen, hätte ich mich krank gemeldet.

Während die Hirse für das rituelle Bier keimte, hatte ich zwei Tage zum Verschnaufen. Dann hieß es, täglich in die Berge zu steigen. Als erster Akt des eigentlichen Festes wurde die mystische Schlange, die, repräsentiert durch eine heilige Kordel, drei Jahre lang in dem eigens dazu errichteten Rundhaus geruht hatte, mit Bier und Hühnerblut geweckt, um bi gola bei seinen gefährlichen Unternehmungen zu begleiten und zu beschützen. Wieder war Fidai als bi teba, als Chef der heiligen Kordel, der Hauptakteur. Mit seinen zittrigen Händen zerschnitt er verschiedene Unheil abwehrende Sukkulentenstängel in eine Kalebasse, aus der die bi gola Segen bringendes Bier zu trinken hatten. Anschließend verteilte er die Sukkulenten-„Medizinen“ an die bi gola, die sie während des Festes mit verschiedenen Amuletten um den Hals tragen. Damit waren sie für ihre gefährliche Tätigkeit, die Stiere aller am Fest Beteiligten freizulassen und wieder einzufangen, gerüstet. Die Gefahren drohen allerdings weniger von den sich bisweilen wie wild gebärdenden Stieren, als vielmehr von allen möglichen Geistwesen oder Hexe(r)n, die während dieser Zeit besonders aktiv sind.

Am folgenden Tag wird der Stier des Dorfhäuptlings freigelassen. Dem geht voraus, dass die bi gola einen Ziegenbock schlachten. Dabei wird zunächst, vom Hausherrn ein Bieropfer an die Ahnen zelebriert. Dann wird der arglos dastehende Bock von den beiden bi gola bei den Füßen gefasst und auf die Seite geworfen. Als das Böckchen beim Schächten ein kinderähnliches Geschrei anhebt, bin ich froh, mit Filmen beschäftigt zu sein. Dann wird der Mittelteil des Felles sorgfältig abgezogen. Einer der bi gola wird sich daraus einen Beutel anfertigen, den er beim nächsten Stierfest tragen und in dem er Fleisch von den Opfertieren, Paste aus Erdmandeln und Erdnüssen sowie geröstete Bohnen nach Hause tragen wird. Die Leber wird sogleich auf ein paar brennenden Hirsestängeln gegrillt. Die Füße und der Kopf werden mitsamt dem Fell zusammen mit allen Innereien und dem gesamten Fleisch in den großen Tontopf des Hausherrn geworfen, in dem bereits das Wasser mit Pottasche siedete. Dann werden Magen- und Darminhalt sorgfältig auf eine große Tonscherbe geleert.

Nachdem die bi gola ein reichhaltiges Mahl, bestehend aus Hirse und Ziegenfleisch zu sich genommen hatten, verließen sie dreimal im Gänsemarsch das Gehöft und kehrten dreimal wieder bis zum Stall zurück. Dabei sangen sie:
„Es ist ein Stier in diesem Haus.
Die Ziege ist bereits geschlachtet.
Wir haben Bier getrunken.
Niemand wird dieses Haus unzufrieden verlassen.
Der Stier wird ohne zu zögern herauskommen.“

„Beweg dich, mein Stier, beweg dich!“, rief der erste bi gola zum wiederholten Male in den Rundstall hinein. Ich hoffte inständig, dass das Tier ihn erhören möge. Denn bereits vor drei Jahren hatte es Diskussionen gegeben, ob es etwa auf meine Anwesenheit zurückzuführen sei, als der Stier des Häuptlings den Stall nicht verlassen wollte. Immer wenn die Dinge nicht allen Regeln gemäß ablaufen, wird nach Unregelmäßigkeiten geforscht. Und die Teilnahme einer Europäerin am Fest ist etwas Außergewöhnliches, auch wenn ich „Tochter von Huva“ genannt werde, weil ich das Fest mit den Dorfbewohnern gefeiert habe.

Nachdem sich der Stier nun endlich geschüttelt hat, müssen alle Leute das Gehöft verlassen. Niemand darf im Hause bleiben, während der Stier über den Hof hinaus durch das Eingangshaus des Mannes ins Freie getrieben wird. Ein späteres Unglück könnte auf Übertretungen solcher Gebote und Verbote zurückzuführen sein. Vor dem Gehöft wartet die Menschenmenge. Die ohrenbetäubende Musik, die Jungen auf eintönigen Eisenflöten und Kuhhörnern machen, und das Tanzen und Singen der Frauen und Männer wird unterbrochen. Mit lautem „Ah!“ und „Oh“ wird der Stier angefeuert. Der Stier macht ein paar Sätze, sucht das Weite und bleibt dann, verstört auf die Leute glotzend, wieder stehen. Er wird von den bi gola erfasst und wieder ins Haus getrieben. Aber o weh! Es stellt sich heraus, dass er von der falschen Seite wieder eingetreten ist. Ein Opferstier darf ebenso wenig wie eine Frau das Gehöft umrunden. Das könnte den Tod für eines der Familienmitglieder, insbesondere für den Gehöftsherrn, bedeuten. Die alten Männer beraten sich. Am besten der Stier würde noch einmal hinausgejagt und von der richtigen Seite wieder hineingetrieben. Damit wäre er je einmal nach links und nach rechts hinaus und wieder hineingetrieben worden. Das müsste dann in Ordnung sein.

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Akteure des Stierfestes. Foto: G. Kosack

Nachdem der Stall hinter dem Stier wieder sorgfältig verbarrikadiert war, verließen die bi gola ein letztes Mal das Gehöft. Etwas abseits von der Menge rieben sie sich und ihre Amulette sorgfältig mit dem Magen- und Dünndarminhalt des Ziegenbocks ein. Das gilt der mystischen Schlange als Nahrung. Vor der Freilassung eines jeden Stiers werden sie einen Ziegenbock opfern und sich anschließend mit dieser grünen Soße einreiben. Bis zum Ende ihrer Prozession von Gehöft zu Gehöft werden sie sich nicht waschen.

Um dem Höhepunkt des Festes beizuwohnen, musste ich lange vor Sonnenaufgang aufbrechen. In stockfinsterer Nacht suchte ich, begleitet von meinem Assistenten, mithilfe einer Taschenlampe den Weg zwischen den Felsen zum Gehöft Vochods, der mich eingeladen hatte, bei ihm zu filmen. Heute, am fünften Tage nachdem die mystische Schlange geweckt worden war, werden vor dem Morgengrauen alle Opferstiere geschlachtet. Noch im Dunkel der Nacht wurde der sich sträubende und aufbäumende Stier an den Füßen zusammengebunden und zum Erliegen gebracht. Mit einem Messer, das nur diesem Zweck dient, wurde die Kehle von einer Seite des Halses zur anderen durchgeschnitten. Reichlich pumpte das Herz das Blut aus den Venen, eine Schüssel fing es auf. Dann wurde der mächtige Leib auf den Rücken gewälzt, seine Beine angewinkelt wie bei einem spielenden Hündchen. In sein Maul wurden Blätter gesteckt, ein Handreibstein, mit dem die Hausfrau sonst die Hirse mahlt, eine Kalebasse mit Hirsemehl, und die Messer, mit denen er zerlegt wird, wurden auf den Bauch gelegt. Der Älteste der Verwandtschaftsgruppe zelebrierte ein weiteres Ahnenopfer im Eingangshaus des Hausherrn.

Die Sonne schickte bereits Licht in den Hof, als die beiden Freunde des Hausherrn dem Stier zu Leibe rückten. Wieder wurde nur der mittlere Teil der Haut abgezogen. Mit ihr wird eine Totentrommel bespannt. Dann wurde der Stier zerlegt. Die Frauen des Hauses und alle Anwesenden schnitten sich ihr Teil ab und ließen es im Mund oder in der Hosentasche verschwinden. Ich wurde gefragt, ob ich auch Appetit hätte. Meine dankende Ablehnung erregte allgemeine Heiterkeit.

Ehe ich mich verabschiedete, fragte ich den Hausherrn nach dem Sinn des Festes für ihn. „Nur ein erwachsener Mann darf einen Stier opfern“, erklärte mir Vochod, „und wirklich erwachsen ist ein Mann erst dann, wenn er keinen Vater mehr hat. Längst nicht jeder Mann kann sich einen Opferstier leisten. Er ist teuer in der Anschaffung, und es macht viel Mühe, ihn zu versorgen. Aber es macht glücklich, einen Stier zu opfern. Nur wer mindestens einmal an einem Stierfest teilgenommen hat, wird von den Ahnen im Jenseits als Gleichwertiger angenommen. Die anderen Verstorbenen bilden eine Gemeinschaft für sich. Darüber hinaus bereitet es allen Freude, von dem Fleisch zu bekommen. Dieses war mein zweiter Opferstier. Ich bin also jemand, der reichlich Fleisch zu verteilen hat.“

Mit diesen Worten drückte mir Vochod eine Niere und ein Stück Lende in die Hand. Ich bedankte mich von Herzen und nahm mir vor, das Fleisch nach der Zubereitung nicht mehr mit dem Tier in Verbindung zu bringen, dem ich in die Augen geschaut und dessen Todeskampf ich erlebt hatte. Andererseits machte aber gerade diese unmittelbare Teilnahme an dem Vorgang des Tötens das Fleisch zu einer Kostbarkeit. Ich war einmal mehr in die Dorfgemeinschaft von Huva integriert. Indem ich an dem Segen des Opferstieres teil hatte, bin ich keine Fremde mehr, sondern eine „Tochter von Huva“.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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