HEISSER SCHLAMM AUF JAVA

Eine Umweltkatastrophe, von der die Welt fast nichts erfährt

Von Achim Sibeth

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Untergegangene Fabrikhalle. Foto: Anonym

Am 29. Mai 2006 treibt eine Firma im Auftrag des Konzerns PT Lapindo Brantas eine Probebohrung auf der Suche nach Erdgas in das Gestein bei Sidoarjo, rund 30 Kilometer von Surabaya in Ostjava entfernt. Als die Bohrung die Tiefe von 3000 Metern erreicht hat, trifft sie auf einen unterirdischen Schlammsee, der oberhalb des anvisierten Gasfeldes liegt. Was nun passiert, wird von einigen indonesischen Kommentatoren als „Geburt eines neuen Schlammvulkans“ bezeichnet. Denn seit diesem Zeitpunkt treibt das Gasfeld ungeheure Mengen von Schlamm an die Erdoberfläche. Jeden Tag treten 50.000 bis 125.000 Kubikmeter Schlamm aus der Erde und überfluten die Nachbarschaft. Die bedeckte Fläche ist bereits doppelt so groß wie Monaco (Frankfurter Rundschau, Oktober 2006). Ganze Dörfer, Felder, Schulen und Fabrikanlagen sind bereits in den Schlammmassen versunken. Teilweise ist die Schlammschicht zehn Meter hoch. Über 10.000 Bewohner der umliegenden Region mussten ihre Häuser bereits verlassen und aufgeben. Indonesiens Präsident Susilo Bambang Yudhoyono ordnete die Zwangsumsiedlungen der Bewohner der Region an. Die Angestellten der zahlreichen betroffenen Fabriken wurden von heute auf morgen arbeitslos. Erste Entschädigungszahlungen in Höhe von rund 450 Euro pro Familie stellen nur einen Bruchteil dessen dar, was die Menschen in Sidoarjo und Umgebung dauerhaft verloren haben, nämlich ihre Häuser und Erwerbsquellen (Arbeitsplätze und landwirtschaftliche Nutzflächen).

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Im August war der Damm an seiner Basis bereits aufgeweicht, die Autobahn nur noch einspurig zu befahren. Foto: Anonym

Die wichtigste Ost-West-Straßenverbindung auf Java führte viele Wochen lang zwischen meterhohen Erdwällen hindurch, war zwischenzeitlich nur noch einspurig zu befahren und ist mittlerweile gesperrt, da die Schlammassen sie ganz begraben haben. Ein an anderer Stelle erst vor kurzem hastig aufgeschütteter Damm droht in absehbarer Zeit vom Schlamm überflutet zu werden. Diese Gefahr ist umso höher, als jetzt in der Regenzeit zum ausgestoßenen Schlamm auch noch das Wasser des Monsunregens hinzukommt.

Während in indonesischen Zeitungen seit Juni offen über die Katastrophe und die Zusammensetzung der Giftbrühe – mit der in Indonesien üblichen Zurückhaltung – berichtet wurde, nahm sich die westliche Presse erst Ende September dieser Umweltkatastrophe an. In Indonesien ist bis heute Katastrophen-Management ein Fremdwort. Statt sofort nach dem Unglück Spezialisten herbeizuholen, unterließ man dies viele Wochen, bis es letztlich zu spät war. Heute kann niemand mehr die Schlammmassen aufhalten, und nach Aussagen von Spezialisten ist das Reservoir in der Tiefe möglicherweise so groß, dass die Schlammquelle erst in vielen Jahrzehnten erschöpft sein könnte. Zudem wächst die Gefahr, dass nach dem Ausspülen des Schlamms die betroffene Region in den entstandenen Hohlraum absackt.

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Überschwemmtes Dorf: Nur noch Dachfirste ragen aus dem Schlamm. Die Bevölkerung hat nahezu allen Besitz verloren. Foto: Anonym

In indonesischen Zeitungen (zum Beispiel der Bali Post oder Kompas) findet man viele Informationen und Spekulationen über die Zusammensetzung des Schlamms. Von Krebs erregendem Giftschlamm ist die Rede, von Phenolen, Kohlen- und Schwefelwasserstoffen, von Schwermetallen, Nitriden und Nitraten. Oberflächenwasser des Schlammsees wurde ohne Genehmigung in einen nahe gelegenen Fluss abgepumpt. Dies hatte zur Folge, dass alle Fische verendeten. Der Fluss aber trägt die giftige Brühe weiter in die Javasee zwischen Java und Madura. Zurzeit werden Rohr- und Kanalsysteme gebaut, die den Schlamm direkt ins Meer befördern sollen. Ökologen und Anwohner befürchten das Schlimmste – nämlich dass die Schlammmassen mit ihrem giftigen Inhalt die Küsten von Ostjava, Madura und Bali erreichen und das reiche Leben im Meer zerstören könnten. Die potentiellen Auswirkungen auf den Tourismus, der eine wichtige Einkommensquelle Indonesiens ist, wurden bislang noch gar nicht thematisiert.

„Dauerhaft unbewohnbar”, nannte jetzt Indonesiens Staatspräsident die unter dem Schlamm begrabene Region. Allerdings wird dies nicht nur das Gebiet unmittelbar am Bohrloch betreffen, sondern möglicherweise alle Siedlungen und landwirtschaftlichen Nutzflächen, die im Bereich des verseuchten Grundwassers liegen.

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Mit altertümlichem Gerät wird vergeblich gegen die Naturgewalt gekämpft. Foto: Anonym

Als Europäer fragt man sich – über die menschlichen Dimensionen dieser Katastrophe hinaus – warum die indonesische Regierung nicht aus den verheerenden Erfahrungen der letzten Jahre gelernt hat (Tsunami Ende 2004 in Aceh sowie Erdbeben mit Flutwelle an der Südküste Zentraljavas im Frühjahr dieses Jahres). Warum existiert bis heute in Indonesien kein wirksamer Katastrophenschutz? Warum wurde und wird die Brisanz dieses Vorfalls von den Behörden bewusst heruntergespielt? Und auf der anderen Seite: Warum brauchte die internationale Presse Monate, um die katastrophalen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Auswirkungen zu erkennen? Von Mai bis September 2006 berichtete die internationale Presse nichts über diese Katastrophe. Es drängt sich die Vermutung auf, dass sie noch zu unbedeutend war, da keine Menschenleben zu beklagen sind und keine Europäer betroffen sind. Eher rhetorische Fragen sind, warum die beteiligten Firmen und Firmeneigner nicht offiziell angeklagt und zu angemessenen Entschädigungszahlungen für die leidende Bevölkerung verpflichtet werden. Und warum sich plötzlich Berichte in indonesischen Zeitungen häufen, die behaupten, die Schlammquelle ginge auf ein natürliches Phänomen zurück, und die keine direkte Verantwortung der Bohrfirma erkennen wollen.

Offensichtlich hängt dies damit zusammen, dass hinter der Firma Lapindo Brantas, die die Bohrung veranlasst hat, ein Mehrheitseigner steht, der über großen Einfluss verfügt, da er zurzeit Minister in der Regierung von Präsident Bambang Susilo Yudhoyono ist. Dieser Mehrheitseigner heißt Aburizal Bakrie und ist der aktuelle Sozialminister Indonesiens. Wie viele andere Politiker in Indonesien ist auch Bakrie kein Berufspolitiker, sondern ein erfolgreicher Geschäftsmann.

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In einem verzweifelten Versuch soll einen Bohranlage vor den Schlammassen geschützt werden. Foto: Anonym

Leider ist das von Korruption geschüttelte Land Indonesien nicht in der Lage, Katastrophen wie diese zu verhindern, geschweige denn professionell zu bewältigen. Wenn mächtige Wirtschaftsbosse und Politiker für ihr erkennbar fahrlässiges Handeln (hinter dem das schnelle Geld steht) nicht vor wirklich unabhängige Gerichte gestellt werden, bleiben Katastrophen wie diese eine alltägliche Gefahr für alle Indonesier.

Der Schlamm in Ostjava wird weitere Flächen unter sich begraben, weitere abertausende Bewohner werden ihres Landes und ihres Eigentums beraubt. Ihre Zukunft auf der überbevölkerten Insel Java ist völlig ungewiss. Möglicherweise müssen sie ihre Heimat verlassen und sich auf anderen indonesischen Inseln niederlassen. Die ökologischen Schäden werden gigantische Ausmaße annehmen und die gesundheitlichen Folgen für die betroffene Bevölkerung und die Arbeiter werden sich erst mittelfristig bemerkbar machen. Die Firma Lapindo Brantas sowie ihre Eigner dagegen kommen vermutlich mit einem - für Indonesien typischen – „blauen Auge“ davon. Sollten sie tatsächlich am Ende gerichtlich verpflichtet werden, Schadensersatz zu leisten, so wird dies für die einzelnen ostjavanischen Bauern und Arbeiter nur ein Bruchteil dessen sein, was ihnen wegen Unfähigkeit, Leichtsinn und Missmanagement genommen wurde.

Zum Autor

Dr. Achim Sibeth ist Ethnologe und Kunsthistoriker. Seit 1990 Kustos der Südostasien-Abteilung am Museum der Weltkulturen Frankfurt am Main. Wissenschaftliche Schwerpunkte sind Indonesien (die Batak in Sumatra und die Ngadha auf Flores) und Kunstethnologie (traditionelle Kunst Indonesiens und moderne Kunst auf Bali).


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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