WESTSIBIRIEN HEUTE

Bei den Chanten im Gebiet von Nischnesortymskij und Berjosowo

Von Achim Sibeth

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Der Informant Slawa und die Mitbewohnerin der Fischereigenossenschaft Woitichowo. Foto: A. Sibeth

Die Chanten gehören zu den ca. 30 verschiedenen indigenen Völker, die in Sibirien leben. Sie leben in der Taiga, einer Fluss- und Seenlandschaft mit Sümpfen und Mooren, die in höher gelegenen trockenen Regionen Fichten-, Zedern- und Birkenwälder hat; auf sandigen Böden wachsen Flechten und Beerenpflanzen. Die traditionelle Wirtschaftsweise der chantischen Jäger, Sammler und Rentierzüchter beanspruchte große Gebiete, die durch Chanten-interne Gewohnheitsrechte geregelt waren.

Heute sind die Chanten jedoch massiv in ihrer Existenz bedroht, da die russische Öl- und Gasförderung vielfältige Auswirkungen auf ihre Lebensweise hat. Nicht nur wurden sie durch den Zuzug von arbeitssuchenden Russen in ihrem traditionellen Wohngebiet in Westsibirien zur Minderheit im eigenen Land, auch die Umwelt leidet unter der mit Öl- und Gasförderung verbundenen Umweltverschmutzung. So klagen die Chanten in Nischnesortymskij (Nähe Surgut) zum Beispiel, dass die Wasserqualität in dieser wasserreichen Moor- und Sumpflandschaft zurückgegangen sei, der Fisch immer häufiger nach Öl rieche und daher nicht mehr genießbar, geschweige denn verkäuflich sei. Die Umweltverschmutzung vernichte die Nahrung der Rentiere und sei daher für den Tod vieler Tiere verantwortlich, und die zahlreichen Ölarbeiter würden durch unkontrollierbare Wilderei den Tierbestand massiv dezimieren. Der Raubbau an der Natur gehe gepaart mit einer starken Gefährdung des gesamten Ökosystems durch Übernutzung, Verschmutzung und Vergiftung.

Die Chanten leiden als ethnische Minderheit unter der Missachtung durch die russische Bevölkerung. Ihre Lebensweise werde nicht respektiert, die russische Mehrheit grenze sie aus, und durch schlechtere Bildungschancen seien sie für die besseren Jobs nicht geeignet. Viele Chanten sind von Sozialhilfe abhängig, sehen kein wirtschaftliches Fortkommen, verfallen dem Alkohol und flüchten sich sogar in den Selbstmord. Die Geburtenrate sinkt, die Bevölkerung nimmt ab. Zusätzlich werden Schulkinder ihren Eltern und der traditionellen Lebensweise in einem abseits der Stadt gelegenen Internat während der langen Wintermonate entfremdet. Und auch die finanzielle Abhängigkeit von der Ölfirma nimmt bedrohlich zu. Die Firma bietet Jobs im Wachdienst und auf den Pumpstationen und versucht die Chanten durch ein vordergründig umfangreiches Hilfsprogramm ruhig zu halten. Damit es zu keinen Schwierigkeiten bei Pumpstationen und Pipelines kommt, erhalten die Chanten pro Kopf im Quartal ca. 2.000 Rubel, alle vier Jahre einen neuen Motorschlitten, alle acht Jahre ein neues Motorboot. Hinzu kommt ein Stromgenerator und jeden Winter 13 Metall-Tonnen mit Treibstoff (Angaben eines Chanten). In der Realität müssen die Chanten jedoch oft genug um die ihnen zustehenden sowieso geringen Leistungen bitten und betteln.

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Die russische Ethnologin Olga Jernichova (rechts) in Expeditionsbekleidung. Umgebung von Nischnesortymskij, autonomer Bezirk der Chanten und Mansen. Foto: A. Sibeth

Die russischen Wissenschaftlerinnen Larissa Andrjienko und Olga Jernichowa des Museums Mensch und Natur in Chanty-Mansijsk versuchen auf Sammelerwerbsreisen Objekte der traditionellen Chanten-Kultur vor Ort für das Museum zu erwerben und so der Nachwelt zu erhalten. Allerdings ist die traditionelle Lebensweise der Chanten durch Armut und durch die mit den russischen Ölarbeitern ins Land gekommenen industriellen Konsumgüter dem Niedergang ausgesetzt, sodass nicht mehr allzu viele erhaltenswerte Objekte für das Museum gefunden werden.

So werden Körbe aus Gräsern bzw. Halmen nur noch auf Bestellung geflochten. Moderne Gerätschaften haben die traditionellen weitgehend ersetzt. Dasselbe trifft auf die gefalteten und vernähten Tragkörbe und Kinderwiegen aus Birkenrinde zu. Heute werden zwar noch Tragkörbe in traditioneller Form hergestellt, aber jetzt statt aus Birkenrinde aus in Tarnfarbe bemaltem Blech. Offensichtlich wird die Form weiterhin als funktionell angesehen, zugleich aber Stabilität und Haltbarkeit des modernen Materials geschätzt. Daneben benutzen Chanten heute auch moderne Rucksäcke. Frauen halten zum Teil noch an traditioneller Kleidung fest. Sie nähen ihre Kleider selbst und versehen Rockränder sowie Ärmelenden mit umfangreichen und farbenfrohen Glasperlenarbeiten. Die Stoffe sind industriell gefertigt und werden in der Stadt gekauft. Die Frauen tragen aber auch noch traditionelle Nähtäschchen und Lederbeutel.

An zeitgenössischen Industrieprodukten sieht man in den Gehöften: Kleidung, Gummistiefel, Lebensmittelkonserven, Waschpulver, Seife, Metall- und Plastikgefäße, Geschirr, Plastik-Tischdecken, Spiegel, Glasfenster, Werkzeug, Industriedraht (zum Reusenbau), Asphaltpappen zum Dachdecken der Nebengebäude (dort auch für Wandverkleidungen verwendet).

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Der Chum einer alten Witwe, die nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr im gemeinsamen Haus weiterleben wollte. Umgebung von Nischnesortymskij, autonomer Bezirk der Chanten und Mansen. Foto: A. Sibeth

Die Wohnarchitektur unterliegt auch bei den Chanten einem großen Wandel. Der traditionelle Chum, ein spitz zulaufendes Rundzelt aus Tierhäuten über Holzstangen, das vor allem von den mobilen Rentierzüchtern verwendet wurde, ist nur noch selten zu sehen. Dieses Zelt ermöglichte den schnellen Wohnplatzwechsel durch die Flexibilität und Leichtigkeit der verwendeten Materialien. Aber heute ist der traditionelle Lebensstil durch die Verschmutzung der Umwelt nicht mehr möglich, und die Chum wurden durch massive Blockhäuser (ca. 5 x 4,5 m) ersetzt. Sie bestehen aus rundelassenen und in den Ecken verzahnten Holzstämmen von 18-22 cm Durchmesser und einem Sattel-, gelegentlich auch Flachdach. In mindestens einer Wand ist ein verglastes Fenster eingeschnitten. Gelegentlich gibt es Speicherräume unter dem Dach. Zwischen den Baumstämmen sind dicke Polsterschichten aus Flechten und Moos eingebracht, um das Haus optimal gegen Kälte und Wind zu dämmen. Heute wird oft bereits industriell gefertigte Isoliermatte verwendet, die jedoch viel schlechtere Dämmwerte erreicht.

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Überreste eines verlassenen alten Hauses, dessen Wände mit Moos und Flechten isoliert waren. Umgebung von Nischnesortymskij, autonomer Bezirk der Chanten und Mansen. Foto: A. Sibeth

Ein älterer Baustil zeigt sich an verfallenden, unbewohnten Häusern mit quadratischem Grundriss, die etwas vertieft stehen und nicht in Blockbauweise errichtet wurden. Schmale Wandbretter von ca. 3 cm Stärke stehen schräg und führen oben zu einer kleinen Öffnung, aus der der Rauch der offenen Feuerstelle bzw. des Ofens abziehen kann. Fenster hatten diese Häuser nicht, Licht kam nur durch eine niedrige Tür herein. Die schrägen Wände waren außen mit einer bis zu 30 cm starken Schicht von Moos und Flechten gedämmt, sodass das Haus von außen wie ein ‘natürlicher’ Hügel erscheint.


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Das von Russen neu errichtete Blockhaus der alten Witwe. Umgebung Nischnesortymskij, autonomer Bezirk der Chanten und Mansen. Foto: A. Sibeth

Bei neu gebauten Blockhäusern versucht man chantische Bauelemente mit russischer Blockhausarchitektur zu verbinden. Dies gelingt nicht immer. So wurde in einem Fall vergessen, das Haus ca. 10 cm in der Erde zu versenken, d. h. zwischen Erde und Bretterfußboden zieht es hindurch. Auch wurde die Lagerstatt gegenüber dem Eingang zu hoch gebaut, sodass diejenigen, die darauf sitzen, den Boden mit den Füßen nicht mehr berühren können. Und der unter der Lagerstatt entstandene Hohlraum wurde nicht mit Dämmmaterial aufgefüllt, sodass die Lagerfläche extrem kalt ist. Die Verwendung von dünnen Industriedämmmatten zwischen den mächtigen Kanthölzern kann beim Trocknungsprozess des Holzes die entstehenden Ritzen nicht mehr ausgleichen. Auch dies führt zu erheblichen Wärmeverlusten.

An alten Traditionen festhaltende Chanten, die als Rentierzüchter mit festem Winter- und flexiblem Sommerwohnsitz im Chum leben, können diese Lebensweise nur noch selten führen. In vielen Regionen können heute wegen der Umweltproblematik keine Rentierherden mehr gehalten werden, die Erträge durch Jagd und Fischfang gingen stark zurück. Ein nur kleines Zubrot verdienen sich Chanten durch die Produktion von Körben, den Bau und Verkauf von Holzschlitten und den Verkauf von Fischen auf den Märkten der größeren Ortschaften.

Die Kleinstadt Berjosowo mit den umliegenden Ortschaften Tutlem, Woitichowo und Paschtary, ca. 600 km nördlich von Chanty-Mansijsk liegt nah am Polarkreis. Berjosowo, das im Frühling und Sommer nur mit dem Schiff oder Flugzeug zu erreichen ist, liegt an einer alten Handelsstraße. Der Ort zählt etwa 8.000 Einwohner, ist Sitz der Regionalverwaltung und inzwischen auch Wohnsitz vieler Chanten, die ihre früheren einzeln gelegenen Gehöfte verlassen haben. Der zu Sowjetzeiten florierende Hafen strahlt heute einen ‚morbiden Charme’ aus und spricht vom wirtschaftlichen Niedergang. Andererseits wird viel ins Stadtbild investiert. Verwaltungsgebäude, eine Schule, ein 3-Sterne-Hotel und ein neues Museumsgebäude wurden erst vor kurzem errichtet, die Kirche aufwendig restauriert.

Die Ortschaft Tutlem, früher ein florierender Ort mit Internat, Club und Badehäusern, ist inzwischen fast ganz verlassen. Viele Häuser sind restlos verschwunden, andere dem Verfall preisgegeben. Lediglich vier Häuser dienen den Chanten noch als temporäre Wohnplätze, wenn sie auf Jagd oder Fischfang gehen. In einigen befinden sich aber noch die Koffer mit heiligen Objekten. Sie werden entweder in einer Ecke des Hauses aufbewahrt oder auf dem Dachboden, der traditionell von Frauen nicht betreten werden darf. Die in der Siedlung anwesenden drei Chanten gaben bereitwillig Auskunft über die Geschichte des Ortes, wussten jedoch über die alte „Tradition“ nur noch sehr wenig. Rentierzucht und Pferdehaltung seien bereits zu Sowjetzeiten aufgegeben worden. Die anwesende Frau räumte sogar ein, dass ihre Kinder schon gar kein Chantisch mehr sprechen könnten.

Viele Familien besitzen aber noch heilige Stätten, in denen sie heilige Objekte aufbewahren. Eine solche besuchten wir in der Nähe des Ortes Woitichowo (einer „Fischerei-Genossenschaft“ an einem Nebenarm des Flusses Ob). Dort steht ein kleines Pfahlhaus, das wie ein traditioneller Speicher mit niedrigem Raum und relativ flachem Dach gebaut ist. Eine kleine Tür ist vorn eingelassen. Damit wir Männer die heiligen Objekte dieses Häuschens sehen konnten (die Anwesenheit von Frauen ist untersagt), musste der Vorplatz grob gesäubert und ein Bretterboden als Sitzfläche vorbereitet werden. Alle bis auf den Besitzer Slawa setzten sich; mitgebrachtes Essen und Wodka wurden bereitgestellt. Erst nach einer Zeremonie mit Anrufung der Ahnen wurde das Häuschen geöffnet. Dazu verharrte Slawa einige Sekunden in sich gekehrt davor, stieß dann einen lauten OH-Laut aus und drehte sich dreimal im Uhrzeigersinn. Er führte seine Handflächen aneinander und beugte sein Haupt. Nach dem Trinken von Wodka wurde die Speichertür entfernt. Im vorderen Bereich des Innenraums standen Geschirr und Gläser für größere Feiern. Dahinter lagerte eine große Holzkiste mit Metallbeschlägen, die Slawa herausholte. Er öffnete die Kiste und packte alle Objekte langsam aus: Bündel von Pfeilen, die mit verschiedenfarbigen, meist hellen Tuchfetzen umwickelt waren und in denen jeweils eine Münze in einer Tuchecke verknotet war. An zwei dieser Tuchstreifen hing jeweils eine korrodierte Bronzeschelle. Die Pfeilspitzen hatten unterschiedliche Formen und waren teilweise schon stark korrodiert. Ebenso ein alter Säbel mit Geweihgriff, ca. 50 cm lang, der aus einer Feile gearbeitet war. Unten in der Kiste lagen diverse Münzen jüngeren Alters, die älteste war aus den 1960er-Jahren, und ein kleines Metallobjekt in der Gestalt einer fliegenden Ente, das früher als Jagdzauber Verwendung fand. Nachdem wir die Objekte fotografiert hatten, verpackte Slawa alles ohne besondere Ehrfurcht oder Sorgfalt. Nach dem Verschließen des Häuschen folgte noch ein weiteres Trankopfer, wobei ein wenig Wodka auch unter die Hütte gekippt wurde. Beim Verlassen der heiligen Stätte räumte Slawa die Sitzbretter beiseite, stand für einen Moment schweigend vor der Hütte, verneigte sich nochmals und verließ als Letzter den Platz.

In vielen Orten leben Chanten und Russen seit langem zusammen. Dort haben sich die Kulturen vermischt. So liegt z. B. das Fischerdorf Paschtary an einer ehemaligen Pelz-Handelsstraße und war daher schon früh russischen Einflüssen ausgesetzt. Seine 20 Häuser, überwiegend schon im russischen Stil errichtet, sind Heimat von ca. 70 Personen, die teilweise in engen verwandtschaftlichen Beziehungen zueinander stehen. Milchkühe und Pferde bilden neben Jagd und Fischfang die Lebensgrundlage der Bewohner. Viele arbeiten auch im nahe gelegenen Berjosowo. Das Dorf macht einen vitalen und geordneten Charakter, und es gibt zahlreiche Kinder. Einige kulturelle Elemente der Chanten konnten sich hier erhalten: die Frauen machen noch ihre Näharbeiten mit Glasperlen-Stickerei; vereinzelt werden noch Wadenstulpen und Filz-Hausschuhe hergestellt und von den Älteren getragen. Im Haus unseres Gastgebers Viktor gibt es noch eine heilige Stätte mit vier Koffern, von denen einer ein kleines Bärenfell und sowjetische sowie russische Münzen und Geldscheine enthält. Bärenfeste werden hier keine mehr durchgeführt, was wohl daran liegt, dass diese Region kein Lebensraum für Bären ist. Es sind aber auch hier vor allem die Alten, die versuchen, etwas von der alten „Tradition“ zu retten.

Unter der Leitung von Larissa Andrjienko (Museum Mensch und Natur, Chanty-Mansijsk) konnte der Autor im Frühjahr 2004 mit Vera Thümmel und Klaus Kupfer an zwei Sammelerwerbsreisen teilnehmen. Siehe auch Beitrag von Vera Thümmel (link)!


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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