DÖRFER MIT AUSSICHT

Über den Zeitvertreib in einem süditalienischen Dorf

Von Ute Süßbrich

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"Du musst Bisaccia nicht verlassen, um in die Welt zu gehen." Foto: U. Süßbrich

Abendlicht fällt auf die gelblichen Dächer Bisaccias und taucht sie in leuchtendes Orange. Ich stehe zwischen den Säulen der unbekannten Hohenstaufenburg und genieße die Sicht auf das weite Land. Am Ende des Tages kommt mir dieses süditalienische Dorf vor wie eine goldene Arche, die sich auf der Fahrt über Apuliens Weizenfelder über weite Bergketten hin in Richtung Meer bewegt. Hier oben werfen die Arkadenpfeiler lange Schatten auf den kalkigen Steinboden, den einst Persönlichkeiten beschritten wie Friedrich II. oder, Jahrhunderte drauf, der Dichter Torquato Tasso. Heute gehört die Burg den Bewohnern von Bisaccia und ihre historischen Figuren sind eingeschweißt in matte Werbebroschüren. Die Häuser unterhalb der herrschaftlichen Festung erzählen dagegen eine ganz andere Geschichte. Ich sehe die mit viel Grün überwucherten Risse und denke an den Trotz, mit dem hier Jahrtausende lang gemauert wurde – gegen Armut, Mühsal und Verwüstung, gegen Erdbeben, Erdrutsche und unablässige Abwanderung. Zusammengedrängt auf den Höhen Irpiniens liegen diese Dörfer da wie archaische Gebilde. Sie sind Epen einer Kultur im Irgendwo, sind vergessen in einem Niemandsland jenseits des gehegten Garten Europas.

Tatsächlich ist Irpinien ein schön klingender Name für einen sehr abgelegenen Flecken Italiens. Flankiert von der zauberhaften tyrrhenischen Küste um Amalfi im Westen und von der imposanten adriatischen Kreideküste des Gargano im Osten, von der karstig-archaischen Landschaft der Basilikata im Süden und den beeindruckenden Berggipfeln des Gran Sasso im Norden, versinkt Irpinien in touristischer Bedeutungslosigkeit. Man spricht von der Kornkammer und der Schweiz des Südens und manchmal auch vom Müllabladeplatz des Belpaese. Für die Bewohner steht ihre Heimat für den unablässigen Strom der Abwandernden. Irpinien ist ein Land, das darauf wartet, durch einen magischen Stab berührt und zum Leben erweckt zu werden.

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"Vor hundert Jahren war Paris das Zentrum der Welt, heute macht man die Weltausstellung in Bisaccia." Foto U. Süßbrich

Begleitet von einem ortansässigen Schriftsteller gehe ich durch die Gassen Bisaccias. Das Dorf hat überraschend viele Künstler, Intellektuelle und Utopisten hervorgebracht. Franco Arminio gehört zu den erfolgreichen unter ihnen. Seit er fünfzehn ist, schreibt er – über die irpinischen Dörfer, ihren Alltag und über sich selbst. Inzwischen zählen seine Bücher zur Avantgarde der italienischen Literatur. Mit einer Gruppe von Freunden hat Arminio diverse Versuche gestartet, Brücken zu schlagen zwischen den lokalen Altstadtzentren und den vernetzten Kulturszenarien Europas. Es sind gewagte Anläufe, diese im Aussterben begriffenen Orte neu zu beleben. Denn im Gegensatz zu den von offizieller Seite aus entworfenen Werbebroschüren, in denen die Dörfer gewöhnlich zu toskanischen Touristenperlen stilisiert werden, setzen die Intellektuellen bewusst auf die Spielwiese der Surrealität der fossilen Kulturgewächse. Sie leugnen nicht, was offen-sichtlich ist: Bisaccia und die umliegenden Dörfer verlieren an Realität und das jeden Tag ein Stück. Noch intakte, wunderbar gebaute Häuser werden verlassen, Paläste verfallen, feudale Mauern brechen auf, Küchen, Bäder, Salons und Höfe werden zu Gefäßen wuchernder Pflanzen. Und die Menschen? Sie rebellieren oder sie werden älter, sitzen auf Schwellen und warten.

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"Wenn du aufstehst, öffnet sich die Weite." Foto: U. Süßbrich

Die Arche auf den Feldern ist am Versinken. Wir stehen auf dem nördlichen Plateau des Dorfes, dem Wind zugewandt. Hinter uns liegt eine geschlossene Architektur auf 830 Metern – ein Mauerwerk, das einmal über zehn-tausend Einwohner aufgenommen hat, und das heute noch etwa viertausend Seelen zählt. Doch es weht auch ein Zauber durch seine Straßen, der kommt, wenn alles andere vergeht. „Um die Welt von heute zu verstehen“, erklärt der Dichter Arminio, „muss man nach Bisaccia kommen“. Er sieht das Dorf als ein Akkordeon, dessen Klänge weit auseinander gezogen werden und die Welt in die Ferne rückt. Aus dieser Ferne wirke alles Schnelle zusammengedrängt und ließe sich betrachten wie in einem Schaufenster. Bisaccia hält überdies keinerlei eingängige Bilder bereit – keine Werbung, keine Plakate, keine vorgefassten Beschreibungen. Bauwerke, Menschen und ihre Erzählungen öffnen sich indessen unmittelbar und entpuppen sich bald als kommunikative Partner zur Anregung neuer Lebensentwürfe. In den letzten fünfzehn Jahren, meint Arminio, hätten die Dörfer Irpiniens tiefgreifendere Veränderungen durchgemacht als Frankfurt oder Paris. Heute könnten sie im buchstäblichen Sinne als verrückte Zentren allgegenwärtigen Wandels erforscht werden. Der Verbund zwischen Land und Gemeinschaft sei gebrochen, die Erinnerungen von Generationen seien abgeschwemmt und die Rhythmen im Organismus gerieten durcheinander. Um sich ihrer neu zu versichern, drängt es den Schriftsteller umso heftiger in seine Dörfer, auf die Plätze, in die Gassen.

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"Die Politiker reden und reden, sie sind schlau, aber sie spielen mit unserer Armut!" Foto: U. Süßbrich

Die Verrückung dort hat inzwischen beschauliche Spielarten hervorgebracht. Anthropologen, Psychologen, Historiker oder Geographen, sagt Arminio, sollten herkommen und sich das ansehen. Sie sollten sehen, wie Hunde die Menschen ersetzen, wie sie die Gassen bevölkern und in Rudeln umherziehen. Sie sollten erleben, wie die einen im Kartenspiel erwachen, wie ihre Wut aufflammt, und wie andere gelassen dabei zuschauen. Sie sollten Männer kennenlernen, die zu sprechen aufgehört haben und ihr Dasein auf das Hin und Her-Spazieren, auf das Rauchen und ein gelegentliches Lächeln reduzieren. Sie sollten mit denen reden, die noch nicht verstummt sind und sich über das Versagen der Politik Aufklärung verschaffen. Oder sie sollten Anteil nehmen daran, wie die Menschen sich in Erinnerungen verlieren an den Tanz vergangener Tage.


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"Bisaccia bietet Anknüpfungspunkte für jeden Lebensbereich." Foto: U. Süßbrich

Auf den überschaubaren Plätzen im alten Teil des Dorfes pulsiert das Leben dieser kuriosen Besatzung aber durchaus weiter. Ich treffe Leute aus allen Schichten: viele sind Mütter oder Väter, Kartenspieler oder Bankhocker. Unter ihnen befinden sich einige Individualisten – welche mit realistischen und fünf mit anarchistischen Ideen. Letztere haben vor zwei Jahren die „Universität“ von Bisaccia gegründet, eine Mannschaft aus Suchenden unter freiem Himmel, wo die Stundenten im Dorf oder vor der Internet-Seite sitzen und nach Inspirationen für einen aktuellen Lebenswandel suchen. Die Fakultät erforscht Techniken und Instrumente der Entspannung. Anregend und leicht scheint das für alle, die aus den Quellen des Müßiggangs schöpfen wollen und dafür die Kunst des alltäglichen Zeitvertreibs – die italienische Passeggiata, die Ergonomie der Parkbank oder die Ethik des Zaubers – in Anspruch zu nehmen verstehen. Solche und ähnliche Ideen werden in Bisaccia oft und vor allem nächtlich geboren. Sie steigen durch die Sommermonate und verflüchtigen sich wieder, wenn es Herbst wird und sich der Nebel auf die Hochebene legt.

Trotzdem meint ein selbst erwählter Professor dieser Universität, dass Irpiniens Dörfer ideale Felder für alle Arten sozialer Experimente seien. Er ist davon überzeugt, dass die Impulse für neue Utopien, wenn überhaupt, dann nur noch von hier ausgehen können. Diese in sich ruhenden Mittelpunkte seien Panoramen für Gedankenspiele, sie seien Plattformen, auf denen die universellen Muster vertrauter Berührungen mit den neuen Kommunikations-Techniken zusammengebracht würden.

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"Bisaccia könnte ein Ort der Inspiration sein für Leute, die noch an Utopien glauben." Foto: U. Süßbrich

Der Wind fegt frisch durch die leeren Straßen. Ich stehe allein. Grelles Licht, glatte Steinflächen. Vor der Haustür reckt sich eine Frau mit aufgeblähtem braunem Rock zu einem eisenverzierten Tor herauf. Ein Spitz sucht nach Futter. Sein weißes Fell kontrastiert mit dem Schwarz des Lavasteins. Ein paar Tage Bisaccia und es können Wochen werden. Plötzlich möchte man nicht mehr weg und es sind andere als die üblichen Gründe, die dazu veranlassen – die Abwesenheit von Geschäften und Plakaten, der unverdiente Verfall der alten Mauern, die leise pulsierende Ruhe in unstabil gewordener Zeit, vielleicht. Bestimmt sind es die Leute, ihre Offenheit und Experimentierfreude. Bisaccia bietet Pausenzeichen in der Welt des Aktionismus und damit die besten Aussichten für eine virtuose Zukunft.

Wer tiefer einsteigen will in die Welten Bisaccias, der besuche die Website www.unibis.org oder lese bei Franco Arminio nach: Arminio, Franco: Viaggio nel cratere, Sironi Editore, Milano 2003

Der Beitrag ist Ergebnis einer Verschnaufpause nach meiner Promotion, die mich zu allerlei ethnographischen Projekten inspiriert hat. Dabei herausgekommen sind ein kulturanthropologisches Reisekonzept, eine mit Fotos und Ansichten der Dorfbewohner kartierte Ausstellung sowie ein noch zu beendendes Buch.

Zur Autorin

Dr. Ute Süßbrich ist Kulturanthropologin und führt seit 2005 für das regionale Wissenschaftsportal Science for FrankfurtRheinMain (S4FRM) Interviews mit Wissenschaftlern und Forschern.
Wissenschaftliche und journalistische Publikationen zu Theorie und Praxis einer Anthropologie der Medien, 2004 ethnographische Ausstellungen, Reiseberichte und Buchprojekt zu innovativen Dörfern Süditaliens


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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