SOLIDARITÄT AUF KAMPANISCH

Ein neuer Abort für Neapel

Von Ute Süßbrich

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Bei Savignano Irpino. Foto: U. Süßbrich

Es ist Sonntagnachmittag. Gleißende Sonne, scharfe Kontraste, weites Land. Wir sind unterwegs in Irpinia, unterwegs in Süditalien zu einer Mülldeponie, die erst vor wenigen Tagen eröffnet wurde, um die Berge verfaulendem Abfall in den Straßen Neapels zu beseitigen. Franco Arminio, Schriftsteller und Journalist aus Bisaccia, einer der kleinen Städte im rund hundert Kilometer fernen Hinterland, begleitet mich. Er will mir zeigen, wie es aussieht, wenn Felder aufgerissen werden, um hinein zu kippen, wofür anderswo kein Platz ist.

Direkt betroffen vom neapolitanischen Müllexport ist aktuell das Dorf Savignano Irpino. Malerisch natürlich, mit eng aneinander geschmiegten Häuschen, liegt Savignano auf einer kleinen Anhöhe und beherbergt heute rund eintausend Menschen. Wir biegen um die Kurve. In die Altstadt fahren geht nicht. Terracottakübel versperren den Weg. Also steigen wir aus und machen in der Bar eine kurze Rast. Unter den ölblättrigen Bäumchen, die hier überall gepflanzt wurden, sitzen junge Männer und spielen Passatella, ein Dutzend Biergläser stehen unaufgeräumt auf den Tischen. Doch wir wollen die Leute nicht stören, sind müde, Fragen zu stellen, deren Antworten selbst uns schon erschöpfen: „Was soll man machen? Politik wird über unsere Köpfe hinweg gemacht. Wer sind wir denn schon? Kleine Gemeinden, die nichts zu sagen haben“.

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Bei Savignano Irpino. Foto: U. Süßbrich

Die Landstraße steigt wieder an und schlängelt sich durch das grüne Hügelland. Niemand kommt uns entgegen. Als rechts am Randstreifen schließlich ein paar Autos auftauchen, wechselt Franco ins Schritttempo. Wenig Bewegung bestimmt auch hier das Bild. Von der Polizei ignoriert, winkt uns schließlich ein Bekannter Francos heran. Der wendige Mann stürmt auf den Wagen zu, stemmt sein Kinn hoch, so dass sich braun der Himmel in seinen Sonnenbrillengläsern widerspiegelt. „Francesco“, sagt er, reicht mir schnell die Hand und zieht Franco aus dem Wagen. Ich gehe alleine los, streife entlang der paar parkenden Autos. In ihnen telefonieren Leute und sitzen die Unveränderbarkeit der Situation aus. Transparente, Krawalle und Parolen gibt es keine. Eine derart friedliche Stimmung hatte ich nicht erwartet. Der Widerstand der Bevölkerung gegen die Selbstermächtigung der Entscheidungsträger scheint gebrochen. Still ist es, unsichtbar die Gewalt.

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Bei Savignano Irpino. Foto: U. Süßbrich

Jetzt ziehen die Importe von der thyrrenischen Küste über Mund und Nase ein. Polizisten, Soldaten und ein paar Leute in Zivil tragen Mundschutz. Ein Uniformierter hält sich eine Gasmaske vors Gesicht. Sie haben sich das auch nicht ausgewählt, leiert es in meinem Kopf, doch ich wundere mich, wie wenige man hat herkommen lassen: drei Polizeiwagen, von denen einer immerzu, am Stacheldraht entlang, vor und zurück kutschiert. Auf der anderen Seite der Straße blüht der Mohn, rot und leuchtend. Honiggelbe Felder bis zum Horizont, zerfurchte Spuren im Weizen, Feldblumen mit schwarzweißen Schnecken, selbst die Vögel zwitschern, vielleicht aus Protest. Und dann der Wind, mit dem der Gestank in Richtung Westen weiterreist.

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Bei Savignano Irpino. Foto: U. Süßbrich

Nein, etwas Monströses hat die Halde nicht. Da ist kein Krater, der tief in die Erde gerissen worden wäre, sondern nur ein flaches, weites Becken. Das erste Becken, so hat man mir gesagt, soll von vier weiteren ergänzt und die ganze Deponie dann nach anderthalb Jahren wieder geschlossen werden. Jetzt jedoch wird erstmal abgekippt, ungetrennter Müll füllt die Grube, heute kommt er aus Acerra, einer Stadt in der der Abfall seit Monaten vor sich hin fault. Francesco wird von einem Reporter belagert. Dieser hält die Kamera auf den kleinen Mann und schwenkt dann auf zwei Laster im Innenfeld der Deponie: In ihnen habe man heute Mittag Kühlschränke, Autoreifen und Katheter gefunden, Sondermüll also, der hier nicht her gehöre. „Wir haben den zweiten Tag nach der Eröffnung der Deponie und schon wird versucht, die Vereinbarungen zu unterlaufen“, sagt Francesco, „doch diese Kontrollen werden nicht immer mit so einem Einsatz für uns da sein!“ Ein Nebenstehender lacht erbost. Er hält sogar den Fund für eine Demonstration effizienter Arbeit, eine Inszenierung für die Öffentlichkeit.

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Bei Savignano Irpino. Foto: U. Süßbrich

Zwei Schritte weiter ruft eine Frau: „Da hinten liegt unser Grundstück!“ Ihre Hand weist auf ein bewaldetes Eckchen Land im Westen der Deponie. Ich hätte gerne mit ihr gesprochen, doch für sie ist alles gesagt. Am Tor gestikuliert inzwischen Franco vor der Kamera. Der Schriftsteller ist einen Kopf größer als der Journalist und fixiert während seines unermüdlichen Redens die im Wind wirbelnden Zellophantüten, rosa, blau. Seit fünfzehn Jahren kämpft der Dichter und Dorfvisionär gegen die Müllhalden, die das dünn besiedelte Land Irpinia immer neu bedrohen, wenn in Neapel nichts mehr geht. Bei Franco zu Hause wird der Müll getrennt, schon seit fünf Jahren, denn die Mehrheit der Gemeinden Irpinias entsorgt vorbildlich. Jetzt ist der schwarze Peter trotzdem an eben diese Gemeinden gegangen. Solidarität wird ihnen abverlangt, die der Gemeindekasse von Savignano Irpino jetzt für jede Tonne Müll von Neapel 5,20 Euro bringt. Auch eine „Solidaritätsquote“ wurde erfunden; sie besagt, zu wieviel Prozent der Müll von anderen Provinzen Kampaniens hier entladen werden darf. Die Bewohner aber lässt solche nacheilende Scham kalt: „Schließlich weiß man, dass der Großteil der Müllimporte von der Camorra organisiert wird“, erklärt Francesco, der wieder neben Franco getreten ist. „Es ist doch eine seltsame Form der Solidarität, wenn sie der Kriminalität dienlich ist. Wer hat auch je davon gehört, dass in Kampanien die Müllentsorgung – ob legal oder illegal – ernsthaft kontrolliert würde?“

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Bei Savignano Irpino. Foto: U. Süßbrich

Der Gestank ist nicht mehr zum Aushalten, treibt mich zurück in den Wagen. Als Franco endlich auch kommt, fahren wir weiter, in die gleiche Richtung. Am Horizont bewegen sich kleine Traktoren, ziehen lautlos durch die endlosen Weizenäcker. Kurz hinter der Deponie begegnen wir Claudio de Furia, einem Bauern, der mit einem Strohbesen die Straße fegt. Wir fragen ihn, wie es jetzt weitergehen wird und er antwortet: „Wir leben von diesem Land, unsere Urgroßeltern haben hart darum gekämpft und ihre Häuser darauf gebaut. Heute machen wir aus unserem Weizen hervorragende Pasta, wir stellen Käse erster Klasse her, Ricotta, Morzarella, Scamorza…“ In den paar Häusern, die verstreut auf dem Hügel stehen, würden noch hundert Menschen wohnen, sagt er. Und auf ihrem Grund und Boden weiden Schafe und Kühe. Wer weiß, wohin die aus ihm erwachsenden Früchte bald wandern werden. Viele Bewohner Irpinias stehen jedoch vor der Wahl: Wegziehen oder irgendwie weitermachen. Dabei soll die Deponie in Savignano erst der Beginn sein, der Einstand für eine Reihe größerer Gruben, für die das so schön dünn besiedelte weite Hügelland die Auswüchse der Solidarität unter Beweis stellen darf, einer Solidarität auf kampanisch.

Zur Autorin
Dr. Ute Süßbrich ist Kulturanthropologin und führt seit 2005 für das regionale Wissenschaftsportal Science for FrankfurtRheinMain (S4FRM) Interviews mit Wissenschaftlern und Forschern. Wissenschaftliche und journalistische Publikationen zu Theorie und Praxis einer Anthropologie der Medien, 2004 ethnographische Ausstellungen, Reiseberichte und Buchprojekt zu innovativen Dörfern Süditaliens.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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