DIE JALAN MALIOBORO IN JOGJAKARTA

Begegnungen auf der Straße

Von Judith Schlehe

Die Jalan Malioboro in Jogjakarta
Die Jalan Malioboro in Jogjakarta/Indonesien. Foto: Judith Schlehe

Die berühmte, knapp zwei Kilometer lange Malioboro Straße in Jogjakarta repräsentiert die Identität von Jogjakarta, ebenso wie der Sultanspalast und die traditionelle Kunst. Sie markiert die spirituell bedeutungsvolle Verbindung zwischen dem nördlich von Jogjakarta gelegenen, sehr aktiven Vulkan Merapi und der Südküste, dem Reich der Geister- und Meereskönigin Ratu Kidul. In der Mitte zwischen Vulkan und Ozean - beziehungsweise. zwischen den damit assoziierten Geisterreichen - befindet sich der Palast des Sultans, auf den die Malioboro-Straße zuführt. Sie liegt also genau auf der Achse, welche den Herrscher und das Reich mit der Natur und dem Bereich des Übernatürlichen verbindet. Durch diese topographische Gestaltung wurde die zentralisierte Herrschaft der früheren mitteljavanischen Fürsten augenfällig und zugleich ordnete sie die Welt nach den entsprechenden kosmologischen Prinzipien. Die Menschen konnten sich zwischen Berg und Meer, zwischen männlichen und weiblichen Geistwesen und hinsichtlich ihrer sozialen Nähe zum Zentrum der politischen Macht verorten. Davon lässt die Jalan Malioboro heute freilich nicht mehr viel erkennen. Es gibt allerart hochmoderne Geschäfte, shopping malls, teure Gold- und Batikläden. Seit den 70er Jahren finden sich auf dem Gehweg viele Stände von fliegenden Händlern (kaki lima), inzwischen einer dicht am anderen, die Kunsthandwerk, Stoffe, Lederwaren, allerhand Souvenirs und vielerlei Gebrauchsgegenstände anbieten. Zwischen der ungemein dicht befahrenen Straße und dem Trottoir verläuft ein Streifen für die Fahrrad-Rikschas (becak), deren Fahrer auf Kunden warten, innen drängen sich die Fußgänger. Die Malioboro hat etwas Exotisches durch die vielen Händler, die nächtlichen Essensstände, vor denen Matten auf dem Gehweg ausgebreitet werden, so dass die Gäste am Boden sitzend ihre Reisgerichte verspeisen (lesehan), und durch die ungewöhnlichen Menschen, die dort arbeiten, einkaufen oder flanieren.

Die Malioboro wird von einheimischen Forschern (Laksana, PM./Nugroho Trisnu Brata/Kirik Ertanto/Ranspiosa Riomandha/Gunawan: Permainan Tafsir. Politik Makna di Jalan pada Penghujung Orde Baru. Jogjakarta: Insist Press 2000. S.37) als Grenzraum gesehen, als expansives und progressives neues "Land der Hoffnung", eine Gegend, in der man es zu etwas bringen kann. Der öffentliche Raum der Straße ist auch privater Raum, in dem die Leute wie in ihrem eigenen Zuhause schlafen, spielen, essen, urinieren, sich unterhalten, sich gegenseitig unterstützen oder betrügen und Konflikte austragen.

Eine Besonderheit der Malioboro und eines Teils der von ihr abzweigenden Straßen und verwinkelten Gassen von Jogjakarta ist, dass hier Touristen eine ganz wesentliche Rolle spielen, nicht nur indonesische mit unterschiedlichem ethnisch-kulturellem Hintergrund, sondern auch internationale. Die Straße ist ein globalisierter Begegnungsraum, in dem Kontakte von verschiedenster Art angebahnt werden, auf die sich allerlei Hoffnungen und Imaginationen richten und in dem neue Umgangs- und Verhaltensweisen sowie fremde Sprachen erprobt werden können. Da geht es natürlich um den direkten Verkauf der angebotenen Waren, darüber hinaus aber auch bei Vielen um das Bemühen, länger währende Verbindungen herzustellen. Im Folgenden werde ich exemplarisch eine der vielen Facetten solch neuer Interaktions- und Bedeutungszusammenhänge eingehender beschreiben.

Die Straßen sind der Bereich, in dem Männer auf Touristenjagd gehen. Früher gaben solche Männer sich gerne als Künstler, die Touristen in Galerien begleiten, heute gibt es auch viele, die sich offen als guides vorstellen und ihre Dienste als Führer anbieten. Zu diesem Zweck werden die internationalen Touristen und Touristinnen hemmungslos angesprochen, ungeachtet der sozialen Regeln und Hierarchien, welche Javaner ansonsten zu Distanz gegenüber Fremden verpflichten. In jedem Fall geht es nicht nur um die Entlohnung für das Führen, sondern mehr noch um die Kommission, welche von den Einkäufen der Touristen oder für deren Tickets, Übernachtungen usw. für die guides abfällt. Wenn sie keine Kunden haben, sitzen sie am Straßenrand oder an Essständen (warungs) oder sie schlendern umher, immerzu beobachtend, Informationen austauschend. Lange Haare, Tätowierungen, entspanntes, freundliches und selbstsicheres Verhalten, den Eindruck erwecken, über unbegrenzte Zeit zu verfügen, leidliche Englischkenntnisse eloquent eingesetzt und beachtliches Geschick im Einschätzen der spezifischen Bedürfnisse und Interessen der jeweiligen Touristen, das alles kreiert ein offenbar attraktives Image von asiatischer Gelassenheit gemischt mit kosmopolitischer Kompetenz. Diese Männer wissen immer genau, wer in ihrem Viertel mit wem wo ist und was tut. Das wird auch dadurch erleichtert, dass die Restaurants, Cafés und Läden wegen der Hitze fast alle mit ganzer Front zur Straße hin offen sind. Lediglich die wenigen klimatisierten Gebäude schaffen mehr Abgeschlossenheit gegenüber dem öffentlichen Raum. Informationen – zum Beispiel über neu angekommene Touristen oder Touristinnen - werden, teilweise unter Gewinnbeteiligung, weitergegeben, und man unterstützt die Geschichten der anderen. So bilden sie informelle Netzwerke zur gegenseitigen Hilfeleistung, teils auch in Kooperation mit Becakfahrern, Warung-, Restaurant- und Ladenbesitzern oder örtlichen Reiseunternehmen. Diese Netzwerke stellen in Notzeiten eine minimale Absicherung dar, indem sie für diejenigen, die ihr Glück gemacht haben, eine immer währende Verpflichtung zu geben, bedeuten.

Wesentlich einträglicher - und manchmal auch vergnüglicher - als nur zu führen, ist es, wenn man eine Affäre mit einer Touristin anbahnen kann. Man hat sie auf der Straße angesprochen, hat ihre eine Unterkunft vermittelt, zeigt ihr die Stadt und die Umgebung, geht am Abend mit ihr in eine Bar und dann früher oder später auch ins Bett. Man erzählt ihr, wie arm man ist, dass man aber gerne eine Galerie oder ein Geschäft eröffnen möchte, um etwas aus dem Leben zu machen oder dass man die Miete nicht bezahlen kann, die Krankenhauskosten für einen Verwandten nicht aufzubringen vermag oder der gleichen. Und die Freunde bestätigen die Geschichte oder sagen zumindest nichts Gegenteiliges und vor allem: sie erzählen nichts von den anderen Freundinnen. In vielen Fällen helfen die Frauen dann oder machen großzügige Geschenke. Nicht wenige schicken auch nach ihrer Abreise noch Geld, manche kommen wieder und etliche laden ihren Freund schließlich in ihr Heimatland ein. "Ich denke, man muss die Kultur und den Hintergrund einfach auch kennen lernen vom anderen", sagt eine deutsche Frau dazu. Der Gipfel des Erfolges ist, wenn daraus schließlich eine binationale Ehe entsteht, durch die der Mann dauerhaft abgesichert wird.

Die Frauen sind die Mobilen, die flüchtigen Faktoren im Spiel. Sie bestimmen, wann sie kommen und gehen, sie haben die materielle Macht. Aber sie verfügen über keine lokale Kompetenz, und somit wird das meist große Bildungsgefälle zwischen den indonesischen Straßenjungs und den westlichen Touristinnen zunächst ausgeglichen. Die Männer gefallen den westlichen Frauen, weil sie gut aussehen, unbeschwert und entspannt wirken, nicht von Leistungs- und Zeitdruck geplagt sind, weil sie über praktische und künstlerische Fähigkeiten verfügen und überzeugend reden können, so dass sie große Lebensweisheit zu haben scheinen. Die Frauen genießen es, von ihrem einheimischen Partner verwöhnt und geführt zu werden, an Plätze zu kommen, an denen keine anderen Touristen sind und durch ihn Zugang zu seiner sozialen Welt zu bekommen, die ihnen offen und warm erscheint.

Die Männer koordinieren ihre Beziehungen geschickt. Zunehmend mehr sitzen sie in Internetcafés und schicken E-Mails in alle Welt, damit sie ihren Partnerinnen in Erinnerung bleiben und um zu verhindern, dass zwei Frauen gleichzeitig kommen. Sie können auf Geschichten mit Freundinnen aus verschiedensten Ländern zurückblicken. Diese global ausgerichteten Erfahrungen prägen ihr Verhalten, ihren Kommunikationsstil, ihre äußere Erscheinung, ihre Identität und - jedenfalls bis zu einem gewissen Grad - ihre Vorstellungen von Geschlechterrollen. Zugleich bleiben sie aber immer auch in lokalen Diskursen und sozialen Zusammenhängen verhaftet. Dies zum einen bezüglich ihrer eigenen Gruppe, zum anderen, weil sie es in ihrer flexibler Art verstehen, sich gegebenenfalls auch immer wieder auf solche Javaner und Javanerinnen einzustellen, die ihrerseits nichts mit Fremden zu tun haben. Ihre Identifikations- und Identitätsmuster sind an lokalen Loyalitäten ausgerichtet, und zugleich auch an globalen Werten und Lebensstilen orientiert. Manche heiraten eine Indonesierin, wenn sie älter geworden sind und kehren zu einem weniger globalisierten Lebensstil zurück. Dies stellt, sofern sie nicht verarmt sind, keine große Schwierigkeit dar, denn ihr Tun wird von der weiteren sozialen Umgebung nicht stigmatisiert. Hier zeigt sich eine deutliche Diskrepanz nicht nur zu Prostituierten, sondern auch zu denjenigen Frauen, die Beziehungen zu Touristen eingehen und dafür moralisch diskreditiert werden. Nicht so die Männer, ihnen gegenüber herrscht eine weitgehend permissive Haltung vor, und oft gelten ihre wechselnden Freundinnen gar als Zeichen von Erfolg.

Damit ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt aus den vielfältigen Aktivitäten und Interaktionen auf der Jalan Malioboro beschrieben. Wie der soziale und politische Kontext und die alltäglichen Handlungspraxen ihrer Benutzer, so verändern sich auch die Bedeutungen einer Straße fortwährend. Die Malioboro führt im Süden zum Sultanspalast als dem Sinnbild traditioneller zentraljavanischer Kultur (mittlerweile freilich nicht zuletzt als Touristenattraktion). Wer ihr aber nach Norden folgt, kommt zum Bahnhof und kann in die weite Welt fahren. Zwischen diesen Polen finden sich vielfältige soziale Räume, welche die Dynamik - und zuweilen auch die Tragik - von Lebensformen in Übergangssituationen zeigen.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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