EDITORIAL

Ethnologische Geschlechterforschung

Ethnologische Geschlechterforschung , das Schwerpunktthema dieser Ausgabe, ist ein Arbeitsbereich innerhalb der Ethnologie, der erst in den 1970er-Jahren, parallel zur Frauenbewegung in den westlichen Ländern, entstanden ist. Bis dahin gingen auch forschende Frauen davon aus, dass allein einheimische Männer adäquate Gesprächspartner und Informanten waren, um Wissenswertes über eine Kultur zu erfahren. Frauen - so hieß es - seien ja nur mit Kochen und Kindern beschäftigt, könnten also nichts von Bedeutung über die Religion, über Mythen, Rituale und Genealogien erzählen. Außerdem hätten Frauen – im Gegensatz zu Männern - auch meist keine Zeit, stundenlang auf Fragen der Ethnologen zu antworten. Diese Vorstellungen änderten sich erst, als Frauen im Westen (und auch Ethnologinnen) bewusst wurde, dass die weibliche Lebenssituation grundsätzlich verschieden von der männlichen ist, aber genauso wichtig. Eine für uns heute eher banal erscheinende „Entdeckung“, die aber damals einen Paradigmenwechsel herbeiführte mit ungeahnten Konsequenzen für die eigene Lebenssituation und auch für die (ethnologische) Forschung. Die Erkenntnis, dass aus der Perspektive der Lebenswelt von Frauen eine Kultur ebenso „wahr“ und real beschrieben werden kann wie aus der Sicht der Männer, stand am Anfang einer langen Entwicklung. Heute zeigt sich, dass selbst das, was wir bislang für die unveränderliche biologische Natur von Mann und Frau gehalten haben, ebenfalls kulturell erworben ist, „männlich“ und „weiblich“ also relativ sind.

Die Beiträge zum Thema Ethnologische Geschlechterforschung geben Einblick in die Lebensbereiche von Frauen unter ganz verschiedenen kulturellen und politischen Bedingungen. Da sind zum einen die matrilinear organisierten Familien der Minangkabau in Indonesien (im Beitrag von Ute Metje), zum anderen die vom südafrikanischen Apartheid-System in rechtlicher Unmündigkeit gehaltenen Frauen in den Homelands (im Beitrag von Rita Schäfer). Und da sind die Frauen in Mali, die heute auf ganz eigenwillige Weise aus ihrer traditionell islamischen Lebenssituation heraus in gesellschaftspolitische Prozesse eingreifen (im Beitrag von Dorothea E. Schulz).

Susanne Schroeter und Ulrike Prinz hinterfragen in ihren Beiträgen die Kategorien „männlich“ und „weiblich“, und Margrit Kaufmann gibt einen Überblick von der ethnologischen „Frauenforschung“, Anfang der 70er-Jahre, bis hin zur heutigen „Geschlechterforschung“, die von den Texten der Philosophin Judith Butler wesentlich geprägt wurde. Die Erkenntnisse der Geschlechterforschung gehören mittlerweile zum intellektuellen Handwerkszeug bei jeder Feldforschung.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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