GANNUNKEEBE UND FULBE IN BENIN

Über das Erinnern unter Nachkommen von Fulbesklaven

Von Christine Hardung

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Gannunkeebe-Mädchen. Foto: Ch. Hardung

Im Sahel-Sahara-Raum und Teilen der angrenzenden Savanne ist die innergesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Sklaverei und ihren Folgen noch immer aktuell und politisch brisant. Diese Tatsache aber wurde in der Öffentlichkeit der davon betroffenen Länder lange weitgehend tabuisiert. Doch eine überwiegend jüngere Forschergeneration aus West- und Nordafrika befasst sich mehr und mehr mit den früheren Sklavengemeinschaften ihrer eigenen Herkunftsregionen und fordert dazu auf, über der Auseinandersetzung mit den globalen Folgen des transatlantischen Sklavenhandels nicht die Beschäftigung mit lokalen Formen der Sklaverei in Afrika selbst zu vergessen.

Herr-Sklaven-Verhältnisse in Afrika waren komplex und in ihren lokalen Ausprägungen äußerst verschieden. Vorsichtigen Schätzungen nach machte im französisch sprachigen Westafrika der Anteil von Menschen unfreier Herkunft noch um 1900 etwa ein Drittel der Bevölkerung aus, in den drei großen nomadischen Gesellschaften, den Mauren, Tuareg und Fulbe waren es sogar weit über die Hälfte. Zu ihnen gehören auch die Gannunkeebe, großteils Nachkommen von Sklaven (maccube) der Fulbe im Norden des heutigen Benin. Die Gannunkeebe bilden heute eine überwiegend bäuerliche Gemeinschaft und betreiben neben Handwerk und Handel zu Teilen auch Viehzucht. Letzteres haben sie ebenso wie die Sprache und manche kulturellen Werte von den Fulbe übernommen. Hingegen grenzen sie sich in anderen Bereichen, wie etwa in dem ihnen eigenen Arbeitsverständnis, entschieden von den Fulbe ab und stehen überhaupt in einem ambivalenten Verhältnis zu ihren früheren Herren. Ihre unfreien Vorfahren, die zu wenigen in den Haushalten der Freien oder in unmittelbarer Nachbarschaft zu ihnen lebten, übernahmen alle schwereren Arbeiten, vor allem auch den Feldbau, von dem sich die Fulbe, die sich als Hirten verstehen, weitgehend fernhielten.

In ästhetischen, symbolischen und sozialen Zeichen, wie auch im Alltagshandeln selbst, wurden (und werden in Rudimenten noch heute) Differenz und Hierarchien zum Ausdruck gebracht, blieben Grenzen zwischen Herren und Sklaven gewahrt. Freie und Unfreie teilten aber auch viele Erfahrungsbereiche. Ein Zusammenleben in Willkür oder gegenseitigem Einvernehmen hing nicht zuletzt von der Persönlichkeit der Sklavenbesitzenden, vor allem aber der Sklaven selbst und ihrem individuellen Geschick ab, Bedingungen auszuhandeln. Sklavinnen und Sklaven bestimmten als aktiv Handelnde ihre Lebensumstände mit.

Die oft engen emotionalen Bindungen zwischen Freien und nicht Freien, die sich in manchen Familien über Generationen hinweg bis heute erhalten haben, dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Herr-Sklavenrelationen aus einem strukturellen Gewaltverhältnis hervorgingen. Einem Sklavenkäufer stand ein sozial isoliertes Individuum gegenüber, seiner Herkunftsgruppe entrissen, ein Mensch ohne Schutz der Ahnen, ohne verwandtschaftliche Fürsprecher. Daran änderte sich auch in den folgenden Generationen, die in der Regel nicht mehr veräußert wurden, nur wenig. Denn Sklavenkinder wurden den Besitzern ihrer Mütter zugesprochen, so dass Unfreie keine soziale Nachkommenschaft gründen konnten. Sich weder fiktiv noch real in eine freie Abstammungsgruppe und darüber hinaus in eine größere Herkunftsgemeinschaft eingebunden zu wissen, prägt das Identitätsbewusstsein der Gannunkeebe noch heute. Fragen nach dem historischen Geschehen erinnern an dieses Vakuum, was es sich im Reden mit Gannunkeebe immer wieder bewusst zu machen galt, entschied dies doch den Gesprächsverlauf entscheidend mit.

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Fulbe-Mädchen. In Gesichtsverzierungen, Schmuck und Farbgebung visualisieren sich Statusunterschiede zwischen Fulbe und Gannunkeebe. Foto: Ch. Hardung

Was ehemals Unfreie von der Zeit der Sklaverei thematisierten, beschränkte sich unter Umständen auf einen eingeschobenen Nebensatz oder eine unmittelbar fallende Bemerkung während einer Unterhaltung ganz anderen Inhalts. Das Wissen um die eigene Geschichte konnte sich mir gegenüber aber auch in einem Schweigen äußern, im Überhören einer Frage, im ablenkenden Überleiten auf andere Themen. Möglich, dass dies dann nur an der falschen Frage, zum falschen Zeitpunkt, am falschen Ort lag. Denn auch unter den Gannunkeebe gibt es durchaus solche, für die es keinen Grund gibt, ihre Sklavenvergangenheit zu leugnen, die in bestimmten Momenten bereit dazu sind, tradierte Erfahrungen weiterzugeben. Viele aber wollen oder können dies nicht. Denn die Identität ehemals Unfreier ist nicht selten negiert, dem Vergessen preisgegeben oder durch Selbstzuschreibung zu einer anderen ethnischen Gemeinschaft verdeckt, eine Tatsache, die den Zugang zu den historischen Erfahrungen und alltagsgeschichtlichen Kenntnissen dieser Gruppe erschwert. Dass gleichwohl der Verbalisierungsvorgang als solcher, das Zur-Sprache-Bringen kollektiven Wissens, ein verborgenes oder im Reden überdecktes individuelles Erinnern plötzlich aktivieren kann und das Erzählen dann die Erinnerung nicht nur verbal fasst, sondern überhaupt erst Voraussetzung des Erinnerns wird, zeigt das folgende Beispiel.

Zu einem Gespräch mit einer Frau aus einem einst Sklaven besitzenden Haushalt über ihre Sicht auf die Lebensbedingungen ihrer Sklavinnen hatte sich eine weitere, schon sehr alte Frau hinzugesellt, die die Angaben der ersten Frau immer wieder präzisierte, manchmal korrigierte und schließlich fast zur Gänze das Gespräch übernahm. Für das Benennen der internen Statusunterschiede unter den Sklaven bediente sie sich dabei eines Wortschatzes, der einst eine Bedeutung für die Sklavengemeinschaften, nicht aber für die Herren hatte. Viele unter den Nachkommen von Unfreien kannten ihn ebenfalls kaum mehr, wohl aber jene, die mit dem sklaveneigenen Vokabular aufgewachsen waren, weil es sich für sie mit noch gelebten Realitäten verband. Solche nebenbei fallenden Bezeichnungen sind von besonderer Bedeutung, stellen sie doch unreflektiert in das Gesprochene eingewobene Zeichen dar, die sich der Intention des Erzählenden entziehen. Unmittelbar an die Gegenwart des erinnerten Erlebten gebunden, verweisen sie durch das „perspektivische Eingebundensein“ des Sprechenden darauf, dass es sich beim Beschriebenen nicht um ein Erleben aus zweiter Hand handelt. Merkmale dieser Art, denen die lebensgeschichtliche Forschung in der gesprochenen und geschriebenen Sprache nachzugehen sucht, sind aber auch in der Körpersprache zu finden, das heißt sie übermitteln sich in Haltungen und Gesten.

Verdeutlichen lässt sich dies an eben jener Frau, als sie über das Arbeitsleben einer kordo, einer Sklavin der Fulbe sprach. „Wenn die Herrin ein Kind geboren hat und es hat das Alter erreicht, in den Haushalt des Ehemannes zu ziehen, hat sie das Kind der Sklavin genommen, damit es geht und für ihre Tochter arbeitet. ... Es heißt, dass es welche gab, die ein Sklavenmädchen zurückbehalten haben, wenn sie genügend Sklaven hatten. Wenn es ein kleines Kind war und die Herrin wollte sich ausruhen, hat sich das Kind niedergesetzt, so” -. Hier brach die Frau das Reden ab, kniete sich mit einiger Beschwernis auf die Matte, verharrte kurz in kauernder Stellung, deutete auf ihren Rücken und sagte: „Die Herrin hat sich niedergelassen und ihre Füße hochgelegt, auf dem Rücken des Kindes da.“ Die alte Frau richtete sich wieder auf, blieb aber auf der Matte sitzen und fuhr fort. „Es heißt auch, dass das Kind zum Wasserholen da war. Es hat Wasser geschöpft, hat es in das Gehöft gebracht, hat davon genommen und in der Hütte abgestellt, hat sich an die Armreifen ihrer Herrin gemacht und sie sauber geputzt.“ Solche Beschreibungen über Arbeit und Nicht-Arbeit, in denen sich frühere Machtverhältnisse spiegeln, stellen Erzählsequenzen dar, die, bis in die Wortwahl hinein nahezu identisch mit den Berichten anderer Gannunkeebe, überwiegend in tradierten Erinnerungsschemen wiedergegeben werden. Anders hingegen die Rede über das Kind, in der sich kollektive Erinnerung und biographisches Nacherleben zu vermischen schienen.

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Abendliches Lernen. Alphabetisierungskurse, in denen nicht Status, sondern Wissen zählt, werden in ihrer egalisierenden Wirkung wahrgenommen und als solche vor allem von Gannunkeebe genutzt. Foto: Ch. Hardung

Das kniende Mädchen wird die erzählende Frau selbst gewesen sein - zumindest wird sie die Situation in unmittelbarer Nähe miterlebt haben. Wir wissen nichts über die Hintergründe, die eine Fulbe-Herrin dazu bewogen haben könnten, ihre Füße auf dem Rücken des Mädchens abzustützen. Mit einiger Wahrscheinlichkeit aber lässt sich sagen, dass es sich hier um einen außergewöhnlichen Vorfall gehandelt haben dürfte, der aus diesem Grund auch unvergessen blieb. Doch nicht in Sprache, in Bewegung war das Erinnern gefasst. Hinweis auf gelebte Erfahrung waren nicht einzelne Worte, sondern eine unmittelbar eingenommene Haltung. Solche nonverbalen Formen des Erinnerns sind von besonderer Bedeutung, wenn wie bei ehemals Unfreien die kollektive oder eigene Geschichte nicht selten nur im Schutz einer anderen Identität vorgebracht wird und das eigentliche Selbstverständnis nicht thematisiert werden kann. Die erinnerte Demütigung äußerte sich in einem niedergebeugten Rücken und verlangte im Augenblick ihres Nacherlebens unwillkürlich nach einer knienden und sich vornüberbeugenden Stellung, so mühsam diese auch für die alte Frau war. Wie die beim Wiedergeben eines von Webersklaven einst gesungenen Liedtextes sich unwillentlich einstellende Handbewegung, die sich aus dem rhythmisierten Werfen eines Weberschiffchens ergibt, oder eine im Reden über die Herrin deren Gebaren einfangende Geste, die der Sklavin zum Putzen des Armschmucks lässig entgegengehaltene Hand, ist das habituelle Erinnern keiner bewussten oder unbewussten Manipulation der Erinnerungsinhalte, keiner sprachlichen Zensur unterstellt. Vielmehr lässt es sich zu den „unwillkürlichen Erinnerungen“ zählen, die die gesellschaftliche Konstruktion von Gedächtnisleistungen nicht generell in Abrede stellen, ihr vielmehr vorausliegen.

Wie sich zu einem späteren Zeitpunkt herausstellen sollte, waren die Verbindungen zwischen den einstigen Herren und den Bewohnern jener Siedlung, der die Erzählende entstammte, besonders eng geblieben. Daher war es durchaus möglich, dass diese Frau Erinnerungsfragmente wiedergab, die über jene der Eltern- und Großelterngeneration hinaus ihren eigenen Kindheits- und jungen Erwachsenenjahren entstammten. Sie aber benutzte in ihren Schilderungen die Bezeichnung für eine bestimmte Gruppe unter den Unfreien, die sich gerade nicht im Besitz von Fulbe befunden hatten und beließ im Vagen, ob sie aus Herren- oder Sklavensicht sprach. Diese Gesprächssituation, geprägt von einem persönlichen Erfahrungshintergrund, der aber als solcher nicht benannt wurde und nach dem sich der Thematik wegen nicht direkt fragen ließ, stellte sich in ähnlicher Weise unter älteren Gannunkeebe immer wieder ein. Gannunkeebe sprachen über die Anderen und indem sie von den Anderen sprachen, sprachen sie über sich selbst. So auch diese Frau. Weil sie die Begriffe und mit ihnen, wie mir schien, für einen Moment ihre Identität tauschte, vermochte sie sich zu erinnern und konnte, außerhalb ihrer selbst und ihrer Vorfahren stehend, im Reden über eine andere Sklavengruppe ihre Erfahrungen wiedergeben. Erst die Distanz von ihrer eigenen Geschichte ermöglichte ihr die Nähe zu eben dieser.

Der hier beschriebene Vorgang als einer Facette vielschichtiger Prozesse des Erinnerns muss in einen größeren Zusammenhang gestellt werden. Geschichtliche Erfahrungen sind in die individuellen und gemeinschaftlichen Lebenszusammenhänge der Gegenwart eingebunden und werden mit diesen in Übereinstimmung zu bringen gesucht. Das Erinnern sichert individuelle und kollektive Identität, ein kreatives Moment wohnt ihm inne, das als solches nur wahrgenommen werden kann, wenn die heutige gesellschaftliche Wirklichkeit der sich Erinnernden mitreflektiert wird.

Weiterführende Literatur

Hardung, Christine (2002), “Everyday life of slaves in Northern Dahomey: Using oral testimony“, in: Jones, Adam (ed.) Everyday Life in Colonial Africa, (= JACS 15/1: 35-44), London
Hardung, Christine (2003), Den Strick durchtrennen – Arbeit, Sklaverei und Prozesse des Erinnerns bei Nachkommen von Unfreien in Nordbenin, Bayreuth (publiziert als CD, in Buchform im Erscheinen)
Niethammer, Lutz (1995), “Diesseits des «Floating Gap». Das Kollektive Gedächtnis und die Konstruktion von Identität im wissenschaftlichen Diskurs”, in Platt, Kirstin, Dabag, Mihran (Hrsg.), Generation und Gedächtnis, Opladen: 25-50
Tonkin, Elizabeth (1992), Narrating our Pasts. The Social Construction of Oral History, Cambridge

Zur Autorin:

Dr. Christine Hardung, Gastlektorin am Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien, Feldforschungsaufenthalte in Nordbenin zwischen 1988 und 1997.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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