FAMILIE UND AIDS IM SPANNUNGSFELD VON LAND-STADT-MIGRATION

Grenzen verwandtschaftlicher Solidarität und neue Formen sozialer Sicherung in Tanzania

Von Hansjörg Dilger

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Selbsthilfeorganisation von Menschen mit HIV/AIDS im urbanen Tanzania. Foto Hansjörg Dilger

Während die HIV-Infektionsraten im subsaharischen Afrika kontinuierlich ansteigen und in manchen Ländern bereits bis zu 39% der Menschen zwischen 15 und 49 Jahren HIV-infiziert sind, wird offensichtlich, dass die unzähligen Präventions- und Aufklärungsprogramme in Afrika ihre beabsichtigte Wirkung nicht erreicht haben: Zunehmend zeigt sich, dass westliche Vorstellungen von Sexualität, Krankheit und Krankheitsvermeidung nicht unhinterfragt auf den soziokulturellen Kontext, in dem sich die Ausbreitung der Epidemie in Afrika vollzieht, übertragen werden können. Mit qualitativen Forschungsansätzen und ihrer klassischen Methode der teilnehmenden Beobachtung kann die Ethnologie differenziertere Einblicke in kulturelle Konstruktionen von Sexualität und Krankheit geben, die die Ausbreitung von AIDS nachvollziehbar machen: Nur durch längere Forschungsaufenthalte und die intensive Teilnahme am Leben der Menschen im untersuchten Land kann der gesellschaftliche Umgang mit Krankheit in seinen vielfältigen Bedeutungen verstanden werden. Für die Planung von AIDS-Programmen sollte die Einbeziehung der hierbei gewonnenen Erkenntnisse eine unabdingbare Voraussetzung sein.

Im Mittelpunkt derzeitiger Studien steht einerseits die Überlegung, wie HIV-Neuinfektionen besser verhindert werden können. Andererseits müssen Antworten gefunden werden, wie Gesellschaften des subsaharischen Afrika mit der steigenden Zahl von HIV-Infizierten und AIDS-Kranken umgehen können. Ein DFG-Forschungsprojekt am Institut für Ethnologie Berlin ging diesen letzteren Fragen zwischen 1999 und 2002 nach. Es untersuchte, wie HIV-Infizierte und ihre Familien in Tanzania den Lebensalltag und ihre Erkrankung meistern. Zudem wurde erforscht, welche Hilfestellungen die betroffenen Familien von ihrem sozialen Umfeld sowie von staatlichen und nicht-staatlichen Organisationen erhalten. Besonders in ländlichen Gebieten werden AIDS-Kranke von der Gesellschaft stigmatisiert. Das DFG-Projekt untersuchte deshalb, inwieweit dies die Lebenssituation von HIV-Infizierten und den Umgang mit der Krankheit beeinflusst. Da der Alltag von Individuen und Großfamilien im heutigen Tanzania schließlich stark von der Arbeitsmigration in die urbanen Zentren geprägt ist, wurden alle diese Fragestellungen vor dem Hintergrund des Spannungsfelds Stadt-Land untersucht.

Im Rahmen des Projekts wurden Feldforschungen in Dar es Salaam, der größten Stadt Tanzanias, und in der ländlichen Mara-Region am östlichen Ufer des Viktoriasees durchgeführt. Das ländliche Gebiet wird von den Luo bewohnt, die vorwiegend von der Feldarbeit, dem Fischfang, Kleinhandel und – wie angedeutet – von der Arbeitsmigration in urbane Zentren leben. AIDS stellt für die Luo heute ein wachsendes Problem dar. Da in vielen Familien oftmals nicht nur ein Angehöriger, sondern mehrere Verwandte HIV-infiziert sind, müssen die Familien lernen, emotional mit zahlreichen Krankheits- und Todesfällen umzugehen. Eine Erkrankung an AIDS destabilisiert zudem die ökonomischen Grundlagen von Familien – nicht nur, da häufig die Brotverdiener ganzer Großfamilien an AIDS sterben, sondern auch, weil sowohl während der Krankheit als auch nach dem Tod eines Verwandten neue Strategien entwickelt werden müssen, um die knapper werdenden Ressourcen für die Hinterbliebenen zu nutzen. Schließlich müssen die Familienverbände die Pflege erkrankter Angehöriger selbst übernehmen, da vielfach das Geld fehlt, um sie in einem der ohnehin überlasteten Krankenhäuser behandeln zu lassen.

AIDS betrifft familiäre Einheiten somit auf sehr unterschiedlichen Ebenen und trägt dazu bei, dass die Institution Familie, die durch die jüngeren sozialökonomischen Entwicklungen in Afrika ohnehin beeinträchtigt wurde, einen Teil ihrer integrierenden und stabilisierenden Funktion verliert. Dabei werden im Kontext von AIDS gerade die ökonomisch Schwächeren von denjenigen im Stich gelassen, die der Tradition nach besonders solidarisch sein müssten: Bei den Luo sind dies die Brüder eines Mannes, die für seine finanzielle und emotionale Versorgung, aber auch für die Versorgung seiner Witwe oder seiner Kinder zuständig sind. Insbesondere junge Witwen und unverheiratete, HIV-infizierte Töchter einer Familie leiden unter einer immer schlechteren Versorgungssituation und werden vereinzelt einem einsamen Tod überlassen. Verfügen HIV-Infizierte hingegen über einen gewissen Wohlstand, ist die Hilfsbereitschaft der Familien oft größer.

Innerhalb der Familien wird kaum über AIDS-Erkrankungen gesprochen, was künftige Infektionen begünstigt. Viele HIV-Infizierte fürchten die soziale Isolation, wenn sie ihre Angehörigen oder den/die Partner/in über ihre Krankheit informieren. In der Regel teilen aber auch Ärzte nicht ihren Patienten selbst die Diagnose AIDS mit, sondern sprechen – wenn überhaupt – mit deren Angehörigen. Vielfach verschweigen diese wiederum den Betroffenen die Diagnose und wenden sich aus Angst vor Ansteckung oft stillschweigend von ihnen ab.

Es führt jedoch nicht allein die Angst vor der eigenen Infektion zur Isolation von HIV-Infizierten. Von den meisten Luo wird AIDS nicht als eine ausschließlich körperliche Erkrankung im biomedizinischen Sinn empfunden, sondern steht als Metapher für die Zerrüttung der Gesellschaft und als Symptom eines ‘kranken’, modernen Lebens. Das Benennen einer HIV-Infektion ist gleichbedeutend mit dem Vorwurf – beziehungsweise dem Eingeständnis – eines unmoralischen, sündhaften Lebenswandels. Es gibt daher über die Familien hinaus einen Konsens, nach dem AIDS-Kranke und ihre nächsten Angehörigen nicht mit der "Schande" der Krankheit konfrontiert werden, und es ist eine kaum zu durchbrechende Atmosphäre des gemeinschaftlichen Schweigens entstanden.

Die tanzanische Regierung hat bislang nur unzureichend auf die gesellschaftliche Tabuisierung von AIDS und auf die zunehmend schlechte (medizinische) Versorgung von AIDS-Patienten reagiert. Teilweise wird die Versorgungslücke im Solidargefüge von Großfamilien jedoch von international finanzierten Nicht-Regierungs-Organisationen (NROs) sowie von neuen religiösen Bewegungen aufgefangen, die sich vor allem in den urbanen Zentren Tanzanias formiert haben. In Dar es Salaam gründete sich 1995 eine Selbsthilfeorganisation von HIV-Infizierten, deren Ziel die Durchsetzung "positiven Lebens mit HIV/AIDS" in der Gesellschaft ist. Ihre Mitglieder versuchen, ‘offen’ mit ihrer Krankheit umzugehen – nicht nur untereinander, sondern auch in ihren Familien und ihren Gemeinden. Allerdings meiden viele HIV-Infizierte selbst diese Organisation, da sie das Bekanntwerden ihrer Krankheit scheuen. Der größere Teil der in der Relation wenigen Infizierten, welche eine institutionelle Hilfe in Anspruch nehmen, sucht daher eine von insgesamt vier weiteren AIDS-NROs in Dar auf. Diese bieten ihren Mitgliedern zum Teil kostenlose medizinische und psychosoziale Beratung sowie den Besuch von Selbsthilfegruppen an. Eine der NROs hat sich auf die rechtliche Unterstützung – zum Beispiel in Erbstreitigkeiten – spezialisiert und unterstützt die Infizierten bei der Ausarbeitung eines Testaments. Andere geben Hilfen, die von Nahrungsmitteln über kleine Geldbeträge bis zur Bezahlung des Schulgeldes für die Kinder von Infizierten reichen.

Teilweise leben Infizierte mit Unterstützung der NROs schon bis zu zehn Jahre mit dem Virus, obwohl die medizinische Versorgung ‘nur’ die Behandlung opportunistischer Infektionen mit herkömmlichen Medikamenten (in sehr geringem Umfang mittlerweile auch mit AIDS-spezifischen Medikamenten) umfasst. Besonders wichtig für diesen Erfolg ist auch die Beratung und der Austausch in Selbsthilfegruppen, wodurch die Infizierten lernen, ihre Krankheit zu akzeptieren und verantwortlich mit ihrer Sexualität umzugehen. Da HIV-Infizierte diese Informationen an ihre Familien und Gemeinden weitergeben, wirken sie schließlich als Multiplikatoren von AIDS-Programmen.

Auch Kirchen haben sich der AIDS-Problematik vereinzelt angenommen. Dabei haben religiöse Organisationen in der Epidemie lange eine ambivalente Rolle gespielt. In Tanzania greifen hochrangige Kirchenvertreter die Kondomwerbungen von Regierung und NROs bis heute scharf an und plädieren in den Medien für einen ‘moralischeren’ Lebenswandel. In den meisten christlichen Organisationen gilt AIDS nach wie vor als eine Strafe Gottes und als Zeichen für das nahende Weltende. Indirekt wird damit HIV-Infizierten selbst die Schuld an der Erkrankung – als Folge seines ‘sündhaften’ Lebens – zugeschoben. Religion kann so zur Stigmatisierung Infizierter, und eventuell zu ihrem Ausschluss aus dem sozialen Leben beitragen.

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Taufzeremonie in einer Pfingstkirche in Dar es Salaam. Foto: Hansjörg Dilger

Die Zuschreibung von AIDS als eine von Gott gebrachte Krankheit hat – in den Augen der Gläubigen – jedoch eine Kehrseite: Wenn AIDS durch Gott gebracht wird, kann die Krankheit durch Gott auch wieder geheilt werden. Die Tatsache, dass die Biomedizin, die auch in Tanzania als mächtigste Instanz menschlicher Heilkraft gilt, bislang kein Heilmittel für AIDS gefunden hat, verstärkt diese verbreitete Überzeugung. Eine wahrscheinliche Folge davon ist nicht nur, dass sowohl in den Städten, als auch in ländlichen Gebieten, zahlreiche Geschichten über AIDS-Wunderheilungen kursieren. Auch tragen spirituell-religiöse Konzeptionen für Menschen mit HIV/AIDS gerade in den urbanen Zentren dazu bei, ihre Kraft für das Leben mit der Krankheit vorwiegend aus ihrer Religion und ihrem Glauben zu schöpfen.

Exemplarisch für die Bedeutung religiöser Gemeinschaften ist die 1989 gegründete Full Gospel Bible Fellowship Church (FGBFC), die landesweit ca. 120 000 ‘errettete’ Mitglieder hat. Die Attraktion der Pfingstkirche besteht in spirituellen Heilungen, die sowohl kollektiv sonntags, als auch in individuellen Sitzungen unter der Woche durchgeführt werden. Besonderes Aufsehen erregte die Kirche 1999, als sie spezielle Tage zur Heilung von AIDS-Kranken einrichtete, die wöchentlich ca. 40 HIV-Infizierte anzogen. Trotz der Ambivalenz derartiger Heilungen hilft die Pfingstkirche vielen AIDS-Kranken durch praktische Maßnahmen. So existiert in der Gemeinde in Dar es Salaam ein informelles Netz der Solidarität, das auch im Falle einer AIDS-Erkrankung aktiv wird: In den vielen kleinen home churches mit rund 20 Mitgliedern wird bei schwerer Krankheit ein Hilfsdienst organisiert, der sich nicht auf das Beten beschränkt. Für alleinstehende Kranke übernehmen Gemeindemitglieder das Kochen und Waschen. In Einzelfällen wird Geld für die medizinische Behandlung oder das Begräbnis gesammelt.

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass NROs und religiöse Organisationen eine wichtige Funktion in der sozialen Absicherung von HIV-Infizierten spielen, insofern ihre Arbeit familiäre Defizite kompensieren kann. Weitere Forschungen sind jedoch notwendig, um vergleichende Aussagen darüber treffen zu können, wie unterschiedliche Gesellschaften Afrikas der Herausforderung durch die Bedrohung AIDS begegnen. Der national und international vernetzte Forschungsschwerpunkt ‘AIDS in Afrika’ am Berliner Institut für Ethnologie kooperiert zudem mit Organisationen wie der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), um eine bessere Voraussetzung für die Gestaltung derjenigen AIDS-Programme zu schaffen, die bislang kaum Veränderung brachten. Im Mittelpunkt des Interesses steht dabei nicht nur, wie sich die Ausbreitung der Epidemie in Afrika aufhalten lässt und wie die Versorgung von Infizierten und AIDS-Waisen verbessert werden kann. Angesichts des Ausmaßes der Katastrophe stellt sich mit Dringlichkeit auch die Frage, wie eine gesellschaftliche Kohärenz, die im subsaharischen Afrika durch das Sterben einer ganzen Generation nachhaltig bedroht ist, überhaupt noch gesichert werden kann.

überarbeitete Version von: "Leben mit AIDS in Tanzania"; zuerst erschienen in: fundiert. Wissenschaftsmagazin der Freien Universität Berlin, Themenheft ‘Seuchen und Plagen’, 02/2002: 66-73

Weiterführende Literatur:

afrika spectrum, Nr. 36 (1) 2001, Schwerpunktheft ‘AIDS in Africa. Broadening the Perspectives’. Hamburg: Institut für Afrikakunde (Gastherausgeber: Hansjörg Dilger).

Zum Autor;

Dr. Hansjörg Dilger
Freie Universität Berlin
Institut für Ethnologie
hansjoerg.dilger@berlin.de


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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