VOM GESUNDEN LEBEN AM RICHTIGEN PLATZ

Vaastuveda: Im kosmischen Maß und Rhythmus gestalten

Von Hilde K. Link

Derjenige ist gesund, der viele Sonnenaufgänge erleben darf.

Vom gesunden Leben am richtigen Platz
Der tanzende Vaastupurusha ist Maß und Rhythmus

So definieren traditionelle Heiler auf Indiens Dörfern die Gesundheit. Wegen seines häufig bemühten Symbolgehaltes klingt so gut wie jeder Satz, in dem von einem Sonnenaufgang die Rede ist, erst einmal schön, ja fast romantisch, und vielleicht sehen wir uns sogar irgendwo am Strand auf einem Felsen sitzen und beobachten, wie die Sonne aus dem Meer steigt.

Die eingangs genannte Aussage ist gleich nicht mehr so lieblich, wenn wir sie jenseits von Klischees verstehen wollen. Wo steht, dass die Sonne nach dem Aufgehen nicht von Wolken bedeckt ist, dass es regnet oder kalt ist? Sogar Sonnenfinsternisse kommen vor. Und was ist mit den Sonnenuntergängen? Mit den unzähligen dunklen Nächten, die nur in Ausnahmefällen von hellen Sternen und einem strahlenden Mond erleuchtet sind?

Wer sagt denn, dass man an jedem Tag gesund ist, an dem für einen die Sonne aufgeht? Gesundheit wird in Indien, wie wir oben gesehen haben, mit einem kosmischen Geschehen in Zusammenhang gebracht. Der Mensch wird in einem Atemzug mit dem Lauf der Sonne genannt. Der Mensch und der Kosmos, die Erde und der Himmel, sind nicht getrennt voneinander, sie bilden eine Einheit. Unzählige indische Mythen berichten davon, dass Himmel und Erde einst vereint waren, und dass sie sich immer wieder neu vereinen. Dieses Motiv der Heiligen Hochzeit, das sog. Hieros Gamos-Motiv bedeutet, dass eine Mikrokosmos-Makrokosmos-Beziehung immerfort besteht und unauflöslich ist. Diese Beziehung ist Rhythmen unterworfen, sie ist abhängig von der Zeit. Auch das will das eingangs erwähnte Zitat verdeutlichen.

Wir haben nun Bilder und Mythen bemüht, ohne sie näher auszuführen, um uns an das Verständnis für ein indisches Menschen- und Weltbild, in dem die Gesundheit eine zentrale Rolle spielt, heranzutasten. Verlassen wir nun diese Ebene und begeben uns zu Kulturträgern, die uns auf eine ganz andere Weise den Zusammenhang von Mikrokosmos und Makrokosmos verständlich machen können: es sind dies indische Tempelbaumeister. Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was denn ein Architekt mit Gesundheit zu tun hat. Das sind doch Konstrukteure, Mathematiker, Leute, die sachlich kalkulieren und Pläne entwerfen.

Indische Tempelbaumeister arbeiten mit Texten und mündlichen Überlieferungen die davon ausgehen, dass alles, was in der Welt existiert, ein Maß hat und ein Maß haben muß, und dass alles einem Rhythmus folgt. Die Lehre hinter diesem Konzept heißt Vaastuveda. Das Wort setzt sich zusammen aus dem Sanskritwort vaastu, das ist u.a. der Platz, und dem Sanskritwort veda, das ist das Wissen. Vaastuveda ist also das Wissen vom Platz. Was aber ist der Platz? Gemeint ist nicht nur ein Bauwerk, ein Tempel oder ein Wohnhaus, sondern der Mensch selbst, sein Körper, sein Geist und seine Seele. Und auch die Sterne sind ein Platz im Gesamtgefüge des Universums.

Zwei Zahlen spielen im Vaastuveda eine wichtige Rolle. Dies ist zum einen die Zahl 8 und zum anderen die Zahl 9. Warum ausgerechnet 8? Warum ausgerechnet 9?

Vom gesunden Leben am richtigen Platz 2
Proportionen des Menschen: 8 + 1 taala

Eine der wichtigsten Maßeinheiten, die indische Baumeister verwenden, heißt taala und mißt eine Spanne, vom gestreckten Daumen zum gestreckten Mittelfinger. Taala bezeichnet auf Sanskrit u.a. den Rhythmus und wird in der Baukunst, in der Dichtung, in der Musik und im Tanz verwendet. Der Mensch ist taala , er wird in taala gemessen. Insgesamt besteht der Mensch aus 9 taala . Eigentlch müßte man sagen, aus 8+1 taala . Legen Sie einmal den Mittelfinger an Ihren Haaransatz und den Daumen an Ihr Kinn. Sie werden sehen, dass der Abstand genau eine Spanne, ein taala beträgt. Vermessen Sie Ihren Körper weiter nach dem Muster der nebenstehenden Abbildung, und Sie werden feststellen, dass Ihr Körper 8 taala mißt, wenn Sie die Schädeldecke (1/4), den Hals (1/4), die Füße (1/4) und, stellvertretend für alle Gelenke, das Kniegelenk (1/4) auslassen. Damit der Mensch denken und fühlen (Schädeldecke), umherblicken, sich also orientieren (Hals), gehen (Füße), und sich bewegen (Gelenke) kann, muß den acht taala ein neunter hinzugefügt werden (vier mal ein Viertel). Erst der letzte taala macht den Menschen lebendig. taala ist Rhythmus, haben wir gesagt, also nicht eine bloße Maßeinheit wie Zentimeter oder Inch. Was bedeutet das? Ihren eigenen taala können Sie nicht auf andere Menschen anwenden. Er paßt nicht. taala ist Ihr Rhythmus, Ihr Maß, nur für Ihren Körper allein. Wie Ihr Körper, so ist auch Ihr Geist und sind Ihre Gefühle einzig. Und dennoch sind alle Körper von allen Menschen auf dieser Welt in einer Hinsicht gleich. Der Rhythmus ist gleich, die Proportion ist gleich. Es ist taala , den wir nicht nur in anderen menschlichen Körpern finden, sondern auch in der Natur, im Kosmos.

So spielt taala bei den Himmelsrichtungen eine wichtige Rolle. Es gibt insgesamt 9 Himmelsrichtungen. Genauer gesagt: 8+1, analog zum menschlichen Körper. Die 8 Himmelsrichtungen, Osten, Süden, Westen und Norden mit den Zwischenhimmelrichtungen ergeben die Zahl 8. In Indien kommt noch eine Himmelsrichtung hinzu, das ist oben und unten. Die Weltenachse ( axis mundi ). Mit den 8 Himmelrichtungen allein wäre die Welt flach, zweidimensional. Erst die neunte Himmelsrichtung macht die Welt zu einem dreidimensionalen Ganzen, das sich rhythmisch um eine Achse drehen kann.

Wir haben einen Sprung vom Menschen und seinem Rhythmus zu unserer Erde und ihrem Rhythmus gewagt. Natürlich gibt es noch viel dazwischen. Den umbauten Raum beispielsweise, unser Haus oder unsere Wohnung. Diese Plätze folgen nicht einem natürlichen Rhythmus. Wir müssen sie gestalten, wir geben ihnen ein Maß. Dieses Maß muß in einer Relation zum Rhythmus unseres Körpers und zum Rhythmus eines kosmischen Gesamtgeschehens stehen. Ist dem nicht so, fühlen wir uns nicht wohl. Im Gegensatz zu den Himmelskörpern, die ihren eigenen Gesetzen folgen und ihre immanenten Maße haben, ist der Mensch darauf angewiesen, sich mit seinem Bewußtsein in einen kreativen Prozeß einzugliedern. Er muß gestalterisch tätig werden. So wie die Erde sich um ihre eigene Achse dreht, so hat auch der Mensch, ethnologisch gesprochen, seine mikrokosmische 'Weltenachse', seine axis mundi , um die sich seine eigene Welt dreht. Sind diese Drehungen zu schnell oder zu langsam, fühlen wir uns gelähmt, 'drehen durch', oder geraten gar gänzlich aus der Bahn. Wir erkranken.

Wenn wir diese Zusammenhänge im Bewußtsein behalten, verstehen wir auch was es bedeutet, wenn indische Tempelbaumeister und traditionelle Heiler sagen, der Mensch müsse seinen Wohnraum und seine Gesundheit gestalten, ihnen also ein Maß geben. Und wir verstehen auch, dass der Körper, ist er doch Wohnort unserer Seele und unseres Geistes, nicht unabhängig ist von dem Platz, an dem wir leben. Das Innen und das Außen sind miteinander verwoben, so wie der Himmel immer mit der Erde verbunden ist und bleibt. Erinnern wir uns an das Hieros Gamos-Motiv , an die 'Heilige Hochzeit', die in einem prozeßhaften, gestalterischen Geschehen auf einer rituellen Ebene in Indien und anderswo auf der Welt immer wieder aufs Neue vollzogen werden muß. Darüber ein andermal. Wir wollen hier etwas ganz anderes wissen: Welche Möglichkeiten bietet Vaastuveda , damit der Mensch gesund bleiben oder werden kann?

Beginnen wir mit dem Wohnraum, also dem umbauten Raum. Vaastuveda wird oft als das ' indische Feng Shui ' bezeichnet. Obwohl man einige Praktiken im Vaastuveda als Geomantik interpretieren könnte, ist es seinem Wesen nach kein geomantisches System. Geomantik ist, wie wir wissen, das Wahrsagen aus der Erde. Im Vaastuveda geht es darum, dass eine Verbindung hergestellt wird zwischen dem Individuum Mensch und seinem Wohnraum. Diese Verbindung wird im Vaastuveda unter anderem über mathematische Kalkulationen errechnet, die ich hier nicht weiter ausführen kann. Nur so viel: individuelle Körpermaße der Menschen, die in einem Bauwerk leben oder leben werden, sei es ein Palast, eine Hütte oder ein Reihenhaus, spielen für die Gestaltung und die Ausrichtung eines Bauwerks eine entscheidende Rolle. Selbst das Sternbild, an dem zur Stunde der Geburt der Mond gerade entlanggezogen war, ist eine mathematische Größe, mit der gerechnet wird. Wichtig bei diesen Berechnungen ist nicht das Ergebnis selbst, sondern der Rest, der bei einer abschließenden Division übrigbleit. Es bleibt immer ein Rest. Wenn sich mathematisch kein Rest ergeben sollte, wird einer konstruiert. Es ist also entscheidend, dass die Rechnung nicht aufgeht, dass sie immer offen bleibt, dass ein Prozess nicht zum Stillstand kommt. Nur so geht das Leben weiter, nur so kann der Bewohner viele Sonnenaufgänge erleben. Auch kommt es darauf an, welchen Zweck das Bauwerk erfüllen soll. Ein Krankenhaus wird aus einem anderen Grund gebaut als ein Wohnhaus. Den einen Platz will man möglichst schnell wieder verlassen, bei dem anderen ist Beständigkeit erwünscht. Gestaltung von Räumen ist also nicht bezogen auf eine möglichst raffinierte Architektur oder auf das Anschaffen von Designermöbeln, sondern auf eine Eingliederung in den Rhythmus, den der Kosmos vorgibt.

Wenden wir uns jetzt der Gestaltung des Körpers zu. Vielleicht denkt der ein oder andere an die grandiosen Möglichkeiten, die uns die Schönheitschirurgie bietet. Wer sich einer solchen Maß-Nahme unterzieht, gestaltet nicht. Er greift ein. Er stört den Rhythmus, den beispielsweise das Alter uns vorgibt. Wertvorstellungen unserer Kultur werden zum Maß, wie etwa: jung ist schön, alt ist häßlich. Hier werden Lebensphasen zu einem Wert-Maß-Stab, einem Stab, mit dem wir einen Wert messen. Im Bezug auf die Natur legen wir häufig ein anderes Wert-Maß an: ein Blatt im satten sommerlichen Grün ist nicht unbedingt schöner als ein Blatt im Herbst mit seinen feinen Gold-Rot-Gelb-Grün-Schattierungen.

Den Körper gestalten bedeutet immer, dass man auch die Seele und den Geist mitgestaltet. Konzentrieren wir uns hier nur auf eine von vielen Gestaltungsmöglichkeiten: den Atem. Unser deutsches Wort 'Atem' gehört zur selben Sprachfamilie wie das Sanskritwort atman . Atman bedeutet u.a. 'Leben und Seele'. Unser Atem ist in unserem Innen und in unserem Außen, er verbindet die zwei Sphären. Der Rhythmus dieser beiden Sphären ist gleich. Die Weltenseele und unsere individuelle Seele sind eins. Das ist einer der Gründe, warum es der Atem ist, der in Indien eine zentrale Rolle zur Gesunderhaltung des Menschen spielt und als 'Medikament' bei Erkrankungen aller Art eingesetzt wird. Es leuchtet ein, dass - folgen wir einmal einer 'indischen Logik' - der Atem-Rhythmus als Therapieform dient, um einem Menschen, der beispielsweise in eine seelische Not geraten ist, zu beruhigen. Die Gemütslage des Menschen kann über den Atem verändert werden. Über den Atem können wir unsere Zellen mit Sauerstoff versorgen, und somit eine Besserung unserer Leiden herbeiführen. Indische Heiler sagen das anders: das Gesunde, Lebensspendende wird gestärkt, damit krankmachende Wesen in uns schwach werden und schließlich nicht mehr existieren können.

Analog zu den Winden, die über die Erde wehen, ist es nicht notwendig, dass der Atem immer gleichmäßig fließt. Es gibt Situationen, in denen es sinnvoll ist, dass wir schneller atmen als sonst. Bei Erregungszuständen beispielsweise, die wir als positiv empfinden, reguliert sich der Atem in der Regel von alleine und wir brauchen nicht bewußt einzuschreiten. Bei einer Panikattacke aber, oder bei Depressionen, bleibt der Atem oft zu hektisch bzw, zu langsam oder zu flach. Er kann in solch einem Falle als ein Medikament eingesetzt werden, welches uns dazu verhilft, eine zu schnelle oder eine zu langsame Drehung - denken wir an die 'Weltenachse' in uns - wieder in das rechte Maß zurückzuführen. Auch die Nahrung wird von traditionellen Heilern gezielt als Medizin verwendet, die der Behebung von Krankheiten oder zur Gesunderhaltung dient. So wie durch gezieltes Atmen sich seelische und körperliche Spannungen lösen lassen, so können wir unseren Körper über die Nahrung mitgestalten. Was wir zu uns nehmen, was wir also - ähnlich dem Atem - von außen nach innen bringen und wieder nach außen abgeben, trägt dazu bei, dass wir gesund bleiben oder erkranken, bzw. dass wir in einen Gesundungs- oder Erkrankungsprozess eintreten. Wichtig ist es zu erkennen, dass Gestalten immer ein Prozeß ist, den wir selbst einleiten und mit Geduld fortführen müssen. Wenn uns der Schönheitschirurg die Kummerfalten wegspritzt, das Fett absaugt oder das Gesicht liftet, verändern wir etwas, aber wir gestalten nichts. Es geschieht kein Prozess, wir sind nicht unmittelbar mit unserer Kraft oder unserem eigenen Willen beteiligt.

Es gilt also, unseren Wohnraum und unseren Körper so zu gestalten, dass ein andauernder kreativer Prozess aufrecht erhalten bleibt, der mit dem Rhythmus, gleichsam mit dem Atem des Kosmos, korreliert. Ein indischer Schöpfungsmythos besagt, dass der Gott Vishnu , das ist der Erhalter, auf dem Grund des Weltenozeans auf der Weltenschlange Shesha schläft und rhythmisch atmet. Dadurch wird ein Prozeß ausgelöst, nämlich ein Lotos wächst aus seinem Nabel. Auf diesem Lotus sitzt Brahma, der Schöpfergott.

Kehren wir zu unserem Anfangsgedanken zurück. Für denjenigen Menschen, der viele Sonnenaufgänge erleben darf heißt dies, dass er sich einem Maß, einem Rhythmus anpaßt. Für die Gesundheit bedeutet das, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach schon einmal krank geworden ist. Im Vastuveda ist es nicht notwendig, ja nicht einmal wünschenswert, dass man immer gesund bleiben oder sein muß. Es scheint auch nicht immer die Sonne, selbst wenn sie aufgegangen ist, und es ist auch einmal dunkel. Das sind natürliche Gegebenheiten, die wir nicht zu ändern brauchen und auch nicht ändern sollen. Es ist gar nicht gesund, niemals krank zu sein. Gesund sein bedeutet, Wärme, Kälte und Wind, Helligkeit, Dunkelheit und Finsternis erleben zu können.

Derjenige ist also gesund, der viele Sonnenaufgänge erleben darf.

Zur Autorin:

Dr. Hilde K. Link, Institut für Ethnologie und Afrikanistik
der Ludwig-Maximilians-Universität München
Hilde.Link@vka.fak12.uni-muenchen.de

Die Literaturliste zu diesem Beitrag findet sich unter:


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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