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Traditionelle Medizin bei den Yupno in Papua Neuguinea

Von Verena Keck

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Aufmerksame Beobachterinnen einer Brautpreisübergabe; hier können durch falsches Handeln viele "belastende Probleme" entstehen. Foto: Verena Keck

Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit sowie Praktiken gegen Erkrankungen sind in jeder Gesellschaft immer auf engste mit dem Weltbild, mit den kulturellen, religiösen, sozialen und politischen Begebenheiten verbunden. Besonders deutlich wird dies in Ozeanien mit seiner enormen Vielfalt unterschiedlicher Kulturen mit jeweils anderen historischen, kolonialen und missionarischen Erfahrungen und entsprechenden gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen. So gibt es auch nicht eine traditionelle ozeanische Medizin, sondern jede Gesellschaft im Südpazifik konstruierte ihre Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit kulturell anders.


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"Heisse", zornige Männer bei einem Landstreit - ein Konflikt voller Risiken und möglicher krankmachender Folgen. Foto: Verena Keck

Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten:

1. In allen Gesellschaften war oder ist die traditionelle Medizin integraler Bestandteil des Glaubenssystems.
2. Ursachen für Kranksein umfassen soziale Spannungen, Tabuüberschreitungen, Verärgerungen von Ahnengeístern oder Zauberei.
3. Mit Ritualen, dem Opfern von Schweinen und Hühnern oder Zahlungen aller Art, werden die gestörten Beziehungen und somit die soziale Harmonie wiederhergestellt.
4. Heiler und Heilerinnen mit Spezialwissen in der Kräutermedizin helfen mit Tees und Getränken aus Blättern und Rinde sowie mit Massagen, die Gesundheit wiederherzustellen.
5. Das traditionelle Heilen hat also oft eine spirituelle, psychologische, soziale und medizinische Komponente.

Bei den Yupno in Papua Neuguinea beherrscht das Konzept von gestörten oder belasteten sozialen Beziehungen die traditionellen Vorstellungen von Kranksein und Gesundsein. Die Person wird definiert durch soziale Beziehungen. Eine Unterbrechung oder Störung dieser sozialen Beziehungen ist gefährlich und kann die Person krank machen.

Die Yupno, eine Gesellschaft von rund 5000 Menschen, leben im zerklüfteten, abgelegenen Finisterre-Gebirge im Nordosten von Papua Neuguinea auf einer Höhe zwischen 1200 und 2200 m; sie ernähren sich wie viele andere Hochland-Gruppen von Süsskartoffeln, Bananen und Blattgemüsen. Ihre Gesellschaft ist in patrilineare Clane gegliedert, wobei je zwei Clane zusammen ein Clanpaar bilden. Diese Beziehung ist heute, nach der Missionierung durch die Lutheraner in den 1950er Jahren, vor allem noch beim Brautpreis, bei der Verteilung von Land, aber auch bei Krankheit und Tod wichtig.

Für die Yupno besteht ein Mensch aus verschiedenen Dimensionen, die mit der kartesianischen, im Westen vorherrschenden Körper-Geist-Teilung keinesfalls übereinstimmen. Sie empfinden ihren Körper als etwas, das die Person und ihre Sozialbeziehungen ganzheitlich integriert. Für das Verständnis von Kranksein bei den Yupno ist daher die genaue Kenntnis ihrer einheimischen Anthropologie, also ihrer "Konzeption des Menschen", grundlegend.

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Beilegung eines Konflikts, ausgelöst durch einen Diebstahl einer mit Betelnüssen gefüllten Netztasche. Foto: Verena Keck

Neben der Körperlichkeit eines Menschen - und weit wichtiger als diese - gehören zu jedem vollständigen Menschen existentiell auch zwei seelische Aspekte sowie die lebensnotwendige "vitale Energie". Die eine spirituelle Substanz, monan (Wind, Atem, Hauch, Dampf) genannt, bewirkt, daß der Mensch sieht, riecht, hört und sich bewegen kann, und sie befindet sich in jedem Teil des Körpers wie im Speichel, in den Haaren, auf der Haut und besonders konzentriert im Atem. Beim Tod eines Menschen löst sie sich auf. Die andere spirituelle Dimension, wopm (Bild, Schatten), kann den Körper im Traum und im Zustand des Krankseins temporär verlassen; beim Tod wird sie endgültig zur "Totenseele" und im Lauf der Zeit zu einem unpersönlichen Totengeist. Jeder Mensch hat zudem ein bestimmtes Maß von "vitaler Energie" in sich - nicht zuviel und nicht zu wenig, im Idealfall genau soviel, um sich in einem erstrebenswerten "kühlen" Zustand zu befinden. Diese vitale Energie kann durch bestimmte Handlungen vermindert werden: der oder die Betroffene kommt dadurch dann in den "kalten" Zustand einer energielosen Handlungsunfähigkeit, eines sprachlosen Verharrens im sozialen Abseits; wird die "vitale Energie" dagegen vermehrt, "erhitzt" sich der Mensch und wird krank. Kranksein bedeutet immer, sich in einem "außergewöhnlichen", "heißen" Zustand zu befinden; so bedeutet auch der Yupnobegriff für Kranksein, wörtlich übersetzt "verbrennen, erhitzen, kochen". Jede Therapie zielt darauf ab, den Erhitzten abzukühlen, in aus seinem unerwünschten, außergewöhnlichen Zustand in die "kühle", harmonische Normalverfassung zurückzuführen. Dieses Kontinuum zwischen "heiß" und "kalt" bildet eine wesentliche Orientierungsachse im Denken der Yupno.

Zu einem vollständigen Menschen gehören auch die sozialen Beziehungen, die durch das Verwandtschaftssystem sowie die Sozialorganisation bestimmt werden. Stimmen diese Beziehungen entweder auf individueller Ebene (zwischen zwei Personen) oder aber zwischen zwei Verwandtschaftsgruppen nicht, sind sie konfliktbeladen oder "gespannt", dann entstehen "belastende Probleme", an denen der Mensch erkranken kann. In Tok Pisin, der lingua franca in Papua Neuguinea, werden diese "belastenden Probleme" sehr treffend hevi (vom englischen "heavy") genannt.

Die Yupno verfügen über ein mehrstufiges System des Erkranktseins. Die erste große Gruppe bilden die "natürlichen" Störungen, wie Kopfschmerzen, Schnupfen, Gliederschmerzen u.a., durch die man zwar heiß, aber noch nicht krank ist. Ihnen messen die Yupno nur wenig Aufmerksamkeit zu. Zunächst werden sie mit Hausrezepten (Diät, Schonung, Massage), behandelt, hilft diese Behandlung nicht, wird ein Heiler oder eine Heilerin, "Abkühler" genannt, konsultiert, die mit Kräuterrezepten und Waschungen den "Erhitzen" abkühlen. Für diesen Bereich von Störungen wird auch der biomedizinische Gesundheitsdienst in Form von Aid Posts oder einem kleinen Health Center aufgesucht.

"Kranksein" beginnt aber erst dann, wenn eine Störung des sozialen Umfelds, also ein hevi, angenommen wird; geht man, bei möglicherweise gleichen körperlichen Symptomen, nicht von einer solchen Störung aus, dann ist der Betreffende nicht "krank". Vorbedingung für sämtliche "belastenden Probleme" sind gestörte Sozialbeziehungen, ausgelöst durch unbewusstes oder kalkuliert durchgeführtes Fehlverhalten (wie einem Diebstahl oder unerlaubter sexueller Beziehungen), von dem immer ein "Überbleibsel" auch über längere räumliche und zeitliche Distanzen zurückbleibt; es lässt "heiße" Gefühle wie Wut, Hass, und Zorn entstehen und kann somit zu Kranksein führen. Die Erkrankung kann nicht nur den eigentlichen Verursacher der konfliktbeladenen Beziehung befallen, sondern auch ein beliebiges Mitglied seiner Verwandtschaftsgruppe (seines Clans oder Partnerclans). Damit wird auch deutlich, daß ein Individuum keinesfalls nur allein für sein Handeln und dessen Folgen verantwortlich ist, sondern daß sein individuelles Handeln in die Sozialstruktur eingebettet ist und damit auch auf seine Verwandten Auswirkungen hat: jeder und jede trägt auch eine Verantwortung für seine Verwandtschaftsgruppe, ist ein sozial fest eingebundenes Wesen.

Nicht nur lebende Menschen, auch Totengeister können "belastende Probleme" verursachen; so ist es möglich, daß ein Totengeist zu Lebzeiten entweder sich selbst falsch verhielt oder von anderen sehr verärgert und damit in eine "heiße" zornige Stimmung versetzt wurde, in der er auch nach seinem Tod noch verstrickt ist, und die er auf einen oder eine seiner Nachkommen überträgt. Als Grundlage jeder Therapie dieser "soziosomatischen" Krankheiten gilt es, die genaue Ursache für die "belastenden Probleme" herauszufinden. Die für die Yupno entscheidenden Fragen lauten also nicht, an was jemand erkrankt ist, sondern warum jemand erkrankt ist, und wer dafür verantwortlich ist. Welchen Grund könnte eine Verwandtschaftsgruppe oder ein Individuum haben, jemanden durch eine "heiße" Gefühlsverfassung oder die Übertragung eines "Überbleibsels eines Fehlverhaltens" krank zu machen? Und wo sind die "Schuldigen" zu suchen? Die Yupno kennen hierbei verschiedene Methoden des Herausfindens.

Zunächst wird die erkrankte Person sowie ihre soziale und räumliche Umgebung auf bestimmte Zeichen hin beobachtet; sie können Hinweise auf die Ursache beinhalten. Diese Zeichen können mimischer oder gestischer Art des Kranken selbst sein; sie umfassen aber auch Tiere, die sich in seiner nächsten Umgebung aufhalten. Für die Yupno haben diese Zeichen ihre festgelegte Bedeutung; eine große Zahl verweisen auf eine bestimmte Gruppe von Verwandten, andere Zeichen sind durch das "heiss-kühl-kalt"-Konzept bestimmt; ein Teil entspricht der rechts-links-Aufteilung, wobei "rechts" für die männliche, "starke" Seite steht, die den Bogen spannt und den Pfeil abschießt, links dagegen für die weibliche, "helfende", die den Bogen hält. Ein kleinerer Teil dieser Zeichen hat seine Erklärung in der Mythologie und im Ritual. Zwei Beispiele sollen genügen: Macht der Kranke auffällig viele gestische Zeichen auf seiner linken "schwächeren" Körperhälfte, dann deutet das auf die Verwandtschaftsgruppe seiner Mutter hin. Huscht eine bestimmte kleine Echse in das Haus des Kranken, dann deutet das auf einen verwandten Vorfahren hin, der in die Gestalt der Echse geschlüpft ist; diese Echse hat nämlich für das Wohlbefinden der Menschen und Siedlungen eine besondere religiöse Bedeutung. Gleichzeitig achtet man auf die Träume des Erkrankten oder Angehöriger, die von einem Spezialisten interpretiert werden und weitere Aufschlüsse für die Ursache des Krankseins geben können.

Ist durch die Zeichen oder die Deutung der Träume nun der Kreis der krankseinsverursachenden Personen eingegrenzt, treffen sich die Angehörigen des Erkrankten zusammen mit den "Schuldigen" zu einer oft mehrstündigen Diskussion, in der jeder Beteiligte sein Fehlverhalten oder den Grund für sein "heißes Gefühl" aus seiner eigenen Sicht schildert. Ist die Ursache so geklärt, dann wird der Erkrankte durch die Betreffenden "entschädigt", durch die Übergabe eines Schweins oder Geldbetrags "abgekühlt" und somit von der Last der "belastenden Probleme" befreit.

Heilen bei den Yupno hat also keinesfalls nur die Heilung des individuellen erkrankten Körpers zum Ziel, sondern eine Umwandlung von gestörten und belasteten sozialen Beziehungen in entspannte, unbelastete, "kühle" , balancierte Beziehungen. Somit bringen die Yupno ihre Vorstellung vom Menschen und seiner Dimensionen, ihre Ideen und Methoden der Konfliktlösung und ihre Therapien von Kranksein zusammen. In ihrem Heilen sind Qualitäten, die in unserer Medizin kaum gefunden werden können.

Weiterführende Literatur:

Keck, V. 2004. (in print) Social Discord and Bodily Disorders: Healing among the Yupno of Papua New Guinea. Durham: Carolina Academic Press überarbeitete Version des Buches von 1992 "Falsch gehandelt - schwer erkrankt" .
Keck, V. 1992. Falsch gehandelt - schwer erkrankt. Kranksein bei den Yupno in Papua New Guinea aus ethnologischer und biomedizinischer Sicht. Basel: Wepf (Basler Beiträge zur Ethnologie Band 35).

Zur Autorin:

Dr. Verena Keck, Research Fellow am Institut für Ethnologie, Universität Heidelberg, Feldforschungen bei den Yupno in Papua Neuguinea (1986-1988, 1992, 2000), in Bali (1993-1995) und Guam, Mikronesien (1993, 1997-1998)


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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