MASKEN

Identitäten im Dialog

Von Sol Montoya Bonilla

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Teufel beim Karneval in Reosucio/Caldas. Foto: S. Montoya Bonilla

Um das Wesen einer Maske zu verstehen, muss sie innerhalb eines rituellen Kontext gesehen und nicht isoliert betrachtet werden, ungebunden an spezifische Ereignisse wie Maskeraden, Feste, Karnevals, Theateraufführungen oder bestimmte Riten. Masken sind Bestandteil eines rituellen Prozesses, während dem die TeilnehmerInnen sozialen und persönlichen Veränderungen ausgesetzt sind. Masken sind zugleich das „Andere“ und das „Selbst“ das „Ich“ und das „Nicht-Ich“ und das eine wird ohne das andere nicht verständlich. Masken ermöglichen den Individuen, Zeit und Raum zu überwinden: Sie können mithilfe der Masken in vergangenen oder zukünftigen Räumen oder an weit entfernten Orten sein, ohne die Notwendigkeit, sich physisch zu bewegen. Man könnte sagen, die Maske ermöglicht die Reise in eine andere Welt und ist zugleich Ausdruck von dieser anderen Welt. Die Maske steht für verschiedene Identitäten, die sich ergänzen oder widersprechen. Und sie steht für einen Prozess, in dem die unterschiedlichen Identitäten einen Dialog führen, zum Beispiel den zwischen Menschlichkeit und Animalität, der Tiernatur, den beiden Seiten des menschlichen Seins.

Masken ermöglichen es, sowohl etwas ans Licht zu bringen als auch etwas zu verbergen. Sie können die Züge des Individuums, das sie trägt, betonen, aber auch verstecken. Durch Masken können Menschen ihr gewünschtes Ich, ihr gefürchtetes Ich oder auch ihr reales Ich darstellen und erleben. Im ersten Fall kann die Maske den Idealzustand ausdrücken, das, was Menschen als ihre anzustrebenden positiven Eigenschaften ansehen. Neid und Egoismus als negative Eigenschaften im zweiten Fall werden mit bestimmten Göttern und Geistern durch die Maske in Zusammenhang gebracht. Im dritten Fall kann die Maske Bedingungen des realen sozialen Lebens aufnehmen und darstellen.

Masken sind Bestandteil einer Verkleidung, daher sollen sie im Zusammenhang einer ganzen Tracht gesehen werden und auch im jeweiligen rituellen Kontext. Ich möchte diese Überlegungen jetzt an einem Beispiel erläutern: dem Karneval von Riosucio. Riosucio ist ein Dorf im Andengebiet von Kolumbien. Es liegt an der westlichen Bergkette im Bundesland Caldas. Dort wird alle zwei Jahre ein Karneval gefeiert, dessen eine Hauptfigur der Teufel ist. Er verkörpert für die Menschen aus Riosucio positive Eigenschaften.

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Karneval in Riosucio/Caldas. Foto: S. Montoya Bonilla

Die Maske des Teufels wird in Riosucio - wie die meisten Masken des Karnevals - aus Pappmaché gemacht. Es gibt einige annerkannte Maskenmacher, aber die Herstellung von Karnevalsmasken ist keine eigene Spezialisierung innerhalb der Gruppen, die den Karneval vorbereiten. Im Prinzip kann sie jeder machen. Der erste Schritt, um eine Maske herzustellen, ist die Beschaffung von Töpfererde, um eine Form herzustellen, auf die später das Pappmaché aufgetragen wird. Der Lehmklumpen muss sofort bemalt werden, um zu verhindern, dass der Ton beim Trocknen Risse bekommt. Wenn er dann die richtige Konsistenz hat, weder zu weich noch zu hart ist, wird der Lehm geknetet und schließlich die Form angefertigt. Wenn diese trocken ist, werden die Papierschichten aufgebracht. Zuerst kommt ein etwas dickeres Papier, damit die Maske später nicht am Lehm kleben bleibt, für die folgenden Schichten verwendet man Zeitungspapier. Damit die Maske solide wird, sind circa 10 Schichten Papier notwendig; sie werden mit Kleister verklebt. Wenn die Maske trocken ist, wird die Form herausgezogen und für Augen, Mund und Nase werden die Löcher geschnitten. Die Maske wird bemalt, und falls es notwendig ist, werden Ohrringe, Piercings oder anderer Schmuck hinzugefügt. Zuletzt wird die Oberfläche lackiert, damit sie geschützt ist. Die Herstellung der Maske ist Teil des gesamten Karneval-Rituals, das mit der Suche nach geeigneter Tonerde beginnt und mit der Rückgabe der übrig gebliebenen Erde und der gestalteten Form, an die gleiche Stelle, wo sie entnommen wurde, endet. Die entnommene Erde wird dadurch dem Leben zurückgegeben.

Einige Maskenhersteller werden „mascareros“ genannt. Es ist eine Art Ehrentitel, der auf eine besondere Verbindung zwischen Hersteller und Maske hinweist. „Mascarero“ bedeutet nicht so sehr, die Technik des Maskenmachens zu beherrschen, sondern vielmehr, der Schöpfer der „Seele“ der Maske zu sein: Der „mascarero“ stellt einen Gegenstand her, der „zu dir spricht“. Dafür ist es nötig, eine Beziehung zu der entstehenden Maske aufzubauen. Man kann auch sagen: Der „mascarero“ verhält sich der Maske gegenüber, als wäre diese ein Kind. Die Maske spricht mit dem „mascarero“, sie sagt vielleicht: „Schau mal, du hast mich pausbäckig gemacht“ und der Maskenmacher antwortet: „Ich habe dich pausbäckig gemacht, damit du hässlicher wirst“, und auf einmal sagt die Maske: „Je hässlicher ich bin, desto besser gefalle ich.“ In dem Maße, in dem die Maske an „Leben“ gewinnt, stellt sie immer mehr Ansprüche an ihren Schöpfer. Sie sagt ihm vielleicht: „Ich bin hübscher als du“, oder „du hast mich schlecht gemacht.“ Die Maske kann von ihrem Schöpfer aber auch fordern: „Ich möchte, dass ich so oder so getragen werde, dass du mir dieses oder jenes Ornament machst!“ Ein Maskenmacher erzählt: „Wenn man eine Maske herstellt, kann man viele und sehr unterschiedliche Erlebnisse haben. Die Beziehung, die beim Arbeiten an einer Maske entsteht, ist eine besondere. Es gibt Masken, die von ihren Schöpfern wie Kinder in den Schlaf gesungen werden.“ Wenn die Maske dann fertig ist, bekommt sie zwar der Schauspieler, aber die Erinnerung an das Erlebte bleibt beim „mascarero“ und die Fähigkeit, schöne Sachen herzustellen.

Manche „mascareros“ aus Riosucio vermögen es, unterschiedliche Aspekte der Personen, die die Masken tragen werden, in die Masken hineinzugeben. Aber auch die soziale Realität, in der sich die Menschen bewegen, kann in der Maske assoziativ gesehen werden. Und zum Dritten finden sich auch die allgemein positiven und negativen Aspekte des menschlichen Zusammenlebens in der Maske wieder. Eine Technik, diese Darstellungen zu erreichen, ist die der Zwei-Facetten-Maske. Diese Maske hat zwei Gesichter, ohne dass die eine von der anderen völlig verdeckt wird. Diese Art von Maske steht in enger Verbindung mit einer Verkleidung, die in Riosucio als „transformación“ bezeichnet wird. Das bedeutet, im Laufe der Darstellung findet die Verwandlung zu einer anderen Person statt. Dazu befindet sich unter der ersten Tracht eine zweite. Früher benutzte diese Figur zwei unterschiedliche Masken, aber dann wurde eine besondere Maske mit zwei unterschiedlichen Facetten hergestellt. Zu dieser Maske gehören auch Umhänge mit zwei unterschiedlich gestalteten Seiten, welche die Darstellung zweier verschiedener „personajes“ ermöglicht. Im Karneval 1995 zum Beispiel trug eine Gruppe eine Maske mit der Darstellung von sozialen Konflikten auf der einen Seite und auf der anderen die Darstellung des „guten Teufels“.

In Riosucio werden für die Masken leuchtende Farben verwendet, was der indianischen Tradition in diesem - heute mestizischen Gebiet - entspricht. Manche Masken tragen auch Muster aus dem traditionellen Flechtwerk, das in dieser Gegend hergestellt wird. Viele sehen die Maske als den wichtigsten Teil der Tracht an, da durch sie das Ausschalten der dem Träger eigenen Identität erst möglich wird, was wiederum die Voraussetzung dafür ist, während des Festes eine neue Identität zu bekommen. Das Gewand wird lediglich als „Ergänzung der Maske“ betrachtet. Die große Bedeutung, die die Leute aus Riosucio der Identitätsveränderung beimessen, kommt auch darin zum Ausdruck, dass immer wieder betont wird, wie wichtig es sei, dass die Schauspieler hinter ihrer Maske vom Publikum nicht erkannt werden. Sonst würde es nicht möglich sein, als die dargestellte „personaje“ gesehen zu werden.

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Foto: S. Montoya Bonilla

Im Karneval 1997 stellte der „mascarero“ Hugo Ladino eine Maske mit zwei verschiedenen Seiten her; auf der einen das Leben, durch die Schlange des Ursprungs symbolisiert, auf der anderen durch den Tod. Diese zwei widersprüchlichen Elemente wurden in der Maske durch ein Herz in der Mitte vereinigt. Die Verbindung mit dem Jenseits oder der spirituellen Welt wurde durch zwei Flügel, die oben an der Maske angebracht waren, dargestelllt. Die Farben der Maske waren die der Fahne Riosucios: grün, weiß und gelb.

Die Maske von Hugo Ladino stellt einerseits den Karnevals-Teufel dar, das wichtigste Symbol des Riosucio-Karnevals. Gleichzeitig verweist sie auf die Gechichte des Dorfes Riosucio, das gegründet worden war durch die Zusammenlegung von zwei Dörfern aus unterschiedlichen Regionen. Die beiden Dörfer hatten lange und vergeblich gegen die Zusammenlegung und den Platz gekämpft, wo heute das Dorf liegt. Als die Dörfer dann schließlich doch zusammengelegt worden waren, trafen Menschen mit unterschiedlichen Ursprüngen und Traditionen aufeinander und mussten miteinander umgehen. In „La Montaña“ hatte eine überwiegend indianische Bevölkerung gelebt, in „Quiebralomo“ eine schwarze Bevölkerung, die einst aus Afrika verschleppt worden war, dazu waren Europäer als Bergwerksunternehmer in die Region gekommen. In Hugo Ladinos Maske wird die ästhetische Harmonie durch die visuelle Spannung zwischen sehr konträren Farben und Figuren erreicht. Die Maske ist die Darstellung des Zusammenlebens der Menschen in Riosucio mit ihren verschiedene Identitäten.

Maskenmacher behaupten, die Herstellung der Riosucio-Maske fängt mit der Suche nach dem Lehm an, wenn sie losgehen, um „der Erde das Leben zu entreißen“. Die Masken werden paralell zu den Vorbereitungen der „Schauspieler“ hergestellt. Bevor der „Schauspieler“ sich äußerlich für seine Rolle verkleidet, muss er schon eine innere Verwandlung durchlaufen haben. Die äußere Verwandlung des Individuums muss mit der inneren übereinstimmen. Eine Verwandlung, die von den Leuten aus Riosucio als „endiablamiento“ bezeichnet wird.

Zwischen der Maske und dem Individuum, das sie tragen wird, gibt es in der Vorbereitungszeit auf den Karneval einen intensiven Austausch, bis dem Schauspieler die Harmonie mit der Maske gelingt. In dem Maße, wie der Schauspieler sich darauf vorbereitet, auf die Bühne zu gehen, wird die Verbindung zur Maske enger. Er träumt von seiner Maske und von seinem Gewand, er kümmert sich um sie. Im Laufe der Herstellung der Verkleidung findet er die richtige Art, sie zu tragen, und so erreicht er die Identifizierung mit der dargestellten „personaje“.

Für die Schauspieler sind die beiden wichtigsten Eigenschaften einer Maske neben ihrer Schönheit, die an den traditionellen Maskenkonzepten orientiert ist, die Bequemlichkeit, mit der sie sich tragen lässt. Die Maske soll den Shauspielern ermöglichen, deutlich zu sprechen, und soll auf keinen Fall im Gesicht drücken, sie soll vielmehr seine zweite Haut sein. Die Schauspieler kümmern sich sehr sorgfältig um ihre Gewänder, die kein anderer tragen soll.

Zur Autorin

Sol Montoya Bonilla ist Professorin für Ethnologie am Departamento de Antropología, Universidad de Antioquia, Medellin/Kolumbien.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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