KARMA UND KATASTROPHEN

Krisenbewältigung in Thailand

Von Roland Platz

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Bungalowanlage in Khao Lak vor dem 26.12.2004. Foto: R. Platz

Khao Lak, das einstige Paradies an der Andamanensee, ist zerstört. Wie gehen die betroffenen Thais mit der Naturkatastrophe um? Sind es andere Konzepte der Bewältigung von Trauer als im Westen?

Die Thais, die im Fernsehen nach der Katastrophe interviewt werden (meist sind es Mitarbeiter von Hilfstrupps) wirken sehr gefasst. Viele lächeln, auch wenn ihre Augen eine andere Sprache sprechen. Schon wenige Tage nach dem 26. Dezember haben an den Stränden der Insel Phuket, nur 100 Kilometer von Khao Lak entfernt, die Kneipen und Bars wieder geöffnet. Wir überlegen uns in Deutschland, Silvester- und Faschingsfeiern abzusagen, während die Thais darum bitten, die Touristen mögen doch bitte nicht ausbleiben. Ist das pietätlos? Sind die Thais nur am Geld interessiert und tun alles, damit die Maschinerie des Tourismus weiterhin läuft? Wie zeigen sie ihre Trauer? Eine Überlebende des Tsunamis in Khao Lak, die ich als Besitzerin und Managerin eines Resorts gut kenne, hat in der Familie Opfer zu beklagen, und von der Hotelanlage steht nichts mehr. Neben der spürbaren Trauer macht sie keinen Hehl daraus, alles wieder aufbauen zu wollen.

Eine wesentliche Grundlage des Buddhismus, nämlich dass das Leben Leid sei, ist tief verwurzelt im Bewusstsein der Thais. Diese Aussage, die leicht misszuverstehen ist, bedeutet, dass kein dauerhaftes Glück möglich ist und es kein Recht auf Glück gibt. Es gibt kein Paradies, und selbst wenn wir ein glückliches Leben führen, dann liegt das Unglück nicht weit entfernt. Das hindert die Thais nicht daran, alles zu tun, um glücklich zu sein. Sie gehen in den wat (Tempel), um tam bun (wörtlich: Verdienstvolles tun) zu praktizieren. Sie opfern Buddha Räucherstäbchen, Blumen und natürlich Geld. Buddhastatuen werden aus Verehrung mit Goldplättchen überzogen. Selbst in Bangkok ziehen am Morgen die Mönche durch die Straßen, um sich ihre Schalen mit Nahrung füllen zu lassen. Das ist ebenso eine Art des tam bun wie auch, viel Geld bei den Tempelfesten zu spenden, die als fund raising veranstaltet werden.

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Vergoldeter Chedi des Doi Suthep. Foto: R. Platz

Von Bedeutung für den Glauben sind auch die Geister ( phi ). Der Glaube an Geister ist wie überall in den buddhistischen Ländern Südostasiens eine Symbiose mit dem Buddhismus eingegangen. Da gibt es die so genannten Geisterhäuschen, die vor den Häusern und selbst vor den großen Hotels und Hochhäusern der Metropole Bangkoks stehen. Reis, Wasser in Schalen, Räucherstäbchen besänftigen den phra phum , den Erdgeist. Obwohl das Leben Thailands so modern wirkt - die alten Holzhäuser der Städte wurden abgerissen, um für gesichtslose Betonbauten Platz zu machen, die Menschen tragen westliche Kleidung, der motorisierte Verkehr tost in den Innenstädten -, dürfte es kaum einen Thai geben, der die Existenz der phi leugnen würde.

Der mo phi (wörtlich Geisterarzt) ist eine Art schamanischer Heiler, der in Trance die Ursache von Krankheiten herausfindet. Und Heilung geschieht, wenn die wandernde Seele ( khwan ) wieder in den Körper zurückkehrt, dazu werden Baumwollfäden um das Handgelenk gebunden. Die so genannten Hilltribes, Minoritäten, die im Bergland leben (die Karen beispielsweise kennen bis zu 37 Seelen), veranstalten spezielle Seelenrückrufzeremonien. Dabei werden die Geister, welche die Seelen gestohlen haben, durch Opfer besänftigt. Der Mensch ist dem Unglück also nicht hilflos ausgeliefert.

Im Buddhismus dagegen gewährt Buddha selbst Schutz. Dabei helfen auch die Amulette, die, von Mönchen hergestellt, als Halskette getragen werden oder am Rückspiegel der Autos hängen. In der klassischen Interpretation der Lehre können Laien nicht das Nirwana erreichen, aber ein moralischer Lebenswandel im Sinne Buddhas und gute Taten bewirken ein gutes Karma, und das heißt eine bessere Wiedergeburt im nächsten Leben. Mönche verkörpern das höchste Ideal dieses Lebenswandels. Sie widmen sich intensiv dem Studium des Buddhismus, sie meditieren und haben die 227 Regeln der vinaya zu befolgen. Da der Einzelne selbst seines Glückes Schmied ist, beeinflusst er sein Karma selbst. Negatives Karma kann sich vielleicht erst im nächsten Leben auswirken, so wie Unglück in diesem Leben unrechte Taten aus einem vorherigen Leben sein können. Wie auch immer, wir wissen nie, was passieren wird. Alles ist möglich. Aktives positives Gestalten beeinflusst das Schicksal positiv, aber es gibt immer Unwägbarkeiten.

Man fragt in Thailand nicht, wieso musste so etwas passieren? Niemand fragt nach einem Grund. Es gibt Stimmen, die sagen, dass der rücksichtslose Umgang mit der Natur die Ursache für dieses spezifische Unglück sei und man umdenken müsse. Der Buddhismus lehrt den achtsamen Umgang mit der Mitwelt (dieser Begriff ist weniger distanziert als das Wort Umwelt). Der Mensch ist lediglich Teil der Natur. Doch auch im modernen Thailand gibt es allerorten Umweltzerstörungen.

Der Buddhismus war und ist eine sehr pragmatische Religion, die um die Schwächen der Gläubigen weiß. Mit moralischen Vorhaltungen ist niemandem gedient. Geld verdienen und Geschäfte machen wird durch den Buddhismus nicht verhindert. Nur an die Mönche werden hohe Ansprüche und Erwartungen gestellt. Buddhismus in Thailand war immer schon, seit er im 13. Jahrhundert im Sukhothai-Reich Staatsreligion wurde, eng mit den Herrschenden verknüpft. Zu Beginn es 20. Jahrhunderts wurde die Religion (der Buddhismus) zum tragenden Pfeiler der nationalen Ideologie neben der Liebe zur Nation und zum Königshaus. Ein guter Thai ist auch Buddhist.

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Die Tempelanlagen von Sukhothai. Foto: R. Platz

Der Buddhismus ist ein tragendes Fundament der Gesellschaft. So auch bei der Bewältigung der Katastrophe. Rezitierende Mönche waren in den Tempeln der Provinz Phangnga zugegen, als sich die Leichen dort stapelten. Normalerweise werden Tote drei Tage lang aufgebahrt, bevor sie in einer Prozession zur Verbrennung ins wat geleitet werden. Bei der großen Anzahl von Opfern nach der Katastrophe war dies vorgeschriebene Ritual aber nicht möglich. Normalerweise bewahren Thais eine Urne mit der Asche des Verstorbenen zu Hause auf. Der tote Körper hat nicht die Bedeutung wie im Christentum. Dennoch wurde im Stadion von Takua Pa, das in der Nähe von Khao Lak liegt, von 2000 Mönchen eine Zeremonie für die Seelen der Toten abgehalten, damit sie nicht umherirren, sondern sich von der irdischen Welt lösen können. Die Vorstellung der Besänftigung der Seelen oder auch der Glaube an die Geister der Toten sind vorbuddhistische Elemente, die aber untrennbar mit dem praktizierten Buddhismus verbunden sind.

Aktuell häufen sich bei der Bevölkerung Begegnungen mit Geistern, welche die toten Seelen der Tsunami-Opfer verkörpern. So gibt es bei einer in Khao Lak wohnenden Familie Anrufe von verstorbenen Freunden, die Erlösung aus den Flammen des Krematoriums erflehen. Oder es werden des Nachts Stimmen von Toten gehört.

Die Modernisierung ist in Thailand weiter fortgeschritten als in den Nachbarländern. Längst haben die Schulen die Tempel als Wissensvermittler abgelöst. In Thailand gibt es bereits einen breiten Mittelstand. Wirtschaftlicher Erfolg in Form von Konsum, teuren Autos, schicker Kleidung oder Schmuck wird gerne zur Schau getragen. Die neu errichteten Tempel werden immer pompöser. Manchmal sieht man selbst bei Mönchen und Novizen die besser gestellte Herkunft: Wer es sich leisten kann, trägt eine seidene Robe. Die Unterkünfte der Äbte wohlhabender Stadttempel, gesponsert von Politikern oder führenden Militärs, sind nicht gerade bescheiden. Immer mal wieder wird Kritik laut, fordern engagierte Laien dazu auf, sich der religiösen Wurzeln zu besinnen. Religion spielt im Alltagsleben der Thais eine größere Rolle als im Westen. In der höchsten Not wendet man sich an einen Mönch, lässt sich von ihm segnen und bittet um den Beistand Buddhas.

Die Familie ist neben den religiösen Institutionen der Ort, an dem man sich öffnen kann und wo es möglich ist, über Probleme zu sprechen. Freundschaften im westlichen Sinne existieren kaum. Sicher, man hat seine Kumpels, hilft sich gegenseitig, aber es geht darum, Spaß miteinander zu haben, auszugehen, etwas zu unternehmen. Probleme haben da aber wenig Raum.

Zwei Wertemuster bestimmen das Verhalten in Zeiten der Krise. Zum einen ist es schwierig, das Leid mit jemandem zu teilen, und zum anderen werden Emotionen in der Öffentlichkeit vermieden (in all den Jahren, die ich in Thailand zugebracht habe, habe ich nie ein sich in der Öffentlichkeit küssendes Liebespaar gesehen). Es fehlen Ventile und Ausdrucksmöglichkeiten sowohl für Glück als auch für Leid. Aber immer gehört das Leid zum Leben. In diesem Bewusstsein ist es manchmal leichter, nach einer Katastrophe weiterzumachen. In Khao Lak werden bald die ersten Anlagen wieder stehen, die Fischer werden wieder ihre Boote reparieren und auf das Meer hinausfahren, und einige werden den Schmerz nur schwer verkraften.

Weiterführende Literatur

Cohen, Paul T.(2001): Buddhism Unshackled: The Yuan „Holy Man“ Tradition and the Nation-State in the Tai World. In: Journal of Southeast Asian Studies, Vol 32, No 2, pp 227-247
Jackson, Peter A. (1989): Buddhism, Legitimation and Conflict. Singapore

Sombon Suksamran (1982): Buddhism and Politics in Thailand. Singapore

Autor

Dr. Roland Platz, mehrjährige Feldforschungen bei Lisu und Karen in Nordthailand, Referent für Landeskunde Thailand und entwicklungspolitische Themen, journalistische Beiträge, Lehrbeauftragter


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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