DIE VERWANDTSCHAFT MIT DEM KROKODIL

Initiation und Narbentatauierung bei den Iatmul in Papua-Neuguinea

Von Eva Ch. Raabe

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Krokodiltanz zu Beginn der Initiation. Iatmul, Dorf Yamanumbu. Foto: H. Schlenker, 1974, Museum der Weltkulturen

Schon die ersten Geographen und Ethnologen, die während der deutschen Kolonialzeit bis zum Ersten Weltkrieg den damals Kaiserin-Augusta-Fluß genannten Sepik in Neuguinea erforschten, äußerten sich beeindruckt von den Holzschnitzereien und Keramiken, die sie in den Dörfern im Stromgebiet vorfanden. Als Beleg für die große künstlerische Kreativität der Sepik-Bevölkerung werden in den Expeditionsberichten auch immer wieder Trachten, Frisuren, Körperschmuck und damit die verschiedenen Arten von Narbentatauierungen erwähnt. Über die Narbenmuster der Iatmul gehen die Ansichten allerdings auseinander: Der Geograph Walter Behrmann (1922: 216) empfand „die Anordnung dieser wulstigen Narben“ als „auch für unsere Auffassung sehr schön gewählt“. Der Anthropologe Otto Reche (1913: 112) schrieb dagegen: „Vom 375 km-Dorfe an sah ich nur noch einfache ‚Fischgräten’-Muster, regellose Punkthaufen und vereinzelte Bogenlinien.“ Die Kulturen am Sepik waren in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts noch weitgehend unbekannt. Die ersten europäischen Forscher kannten weder die lokalen Sprachen, noch hielten sie sich lange genug auf, um ausreichende Sprachkenntnisse zu erwerben. Da sie die Einheimischen nicht nach der symbolischen Bedeutung von Tracht und Narbenverzierungen fragen konnten, beschrieben sie die Körpergestaltung der Menschen lediglich nach ästhetischen Gesichtspunkten. – Und tatsächlich wirkt das Narbenmuster, das die Männer der Iatmul am Mittellauf des Sepik auf Rücken, Schulter und Brust tragen, oberflächlich betrachtet wie ein „einfaches“ Fischgrätenmuster ohne geometrische oder figürliche Ornamentik.

Der Prozess des Narbenschneidens bei den Iatmul stellt eine Phase eines längeren Initiationsverfahrens dar, das der Überführung der männlichen Jugendlichen in den Status erwachsener Männer dient. In vielen Kulturen gab und gibt es noch Reife- und Weihefeiern für Jugendliche, die in der Ethnologie allgemein als Übergangsrituale bezeichnet werden. Ihnen allen liegen einander ähnliche Vorstellungen zugrunde: Die Jugendlichen sterben einen rituellen Tod – sehr oft als Verschlingung durch ein mythisches Ahnenwesen gedacht –, um danach als fertige, sozial verantwortliche erwachsene Mitglieder der Gemeinschaft wiedergeboren zu werden. Mit der Initiation von Jungen sind meistens Praktiken wie Beschneidung, Ohrlochstechen oder das Durchstechen der Nasenscheidewand, die Tatauierung oder Benarbung verbunden. Die dabei verursachten Blutungen werden oft als ein Ablassen des mütterlichen Blutes interpretiert. Der Junge wird so von allen weiblichen Anteilen gereinigt und damit zum erwachsenen Mann. Ritueller Tod, Wiedergeburt und die Trennung von allen weiblichen Körperanteilen sind ein grundlegendes Erklärungsschema, das sich auf die Initiationsrituale vieler Kulturen anwenden lässt, das aber bei weitem nicht dem gesamten Deutungsspektrum der vielfach sehr komplexen Ritualabläufe gerecht wird. Um zu verstehen, mit welchen Vorstellungen und Institutionen innerhalb der Iatmul-Gesellschaft die Initiation der jungen Männer und damit deren Skarifizierung verbunden ist, muss man sich auch mit der Mythologie und dem Verwandtschaftssystem auseinander setzen.

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Skarifikation von Brust und Schultern. Iatmul, Dorf Japanaut. Foto: H. Schlenker, 1973, Museum der Weltkulturen

Im Schöpfungsmythos der Iatmul taucht ein mythisches Krokodil auf den Grund des Urmeeres, holt Schlamm empor und formt diesen zu einer Insel. Es reißt seinen Kiefer weit auseinander und lässt damit die Sonne aufgehen. Dann erschafft es Tiere und Menschen. Aus seiner Verbindung mit einer ersten Frau gehen die Klane hervor. Oft wird dieser Weltenschöpfer als ein Krokodil mit dem Kopf eines Menschen beschrieben. Die Narbentatauierung auf Brust und Rücken der Initianden ist kein „einfaches Fischgrätenmuster“, sondern ahmt die Struktur einer Krokodilshaut nach und deutet in ihrem Verlauf Gliedmaßen und Schwanz dieses Tieres an. Die auch als Biss des Krokodils bezeichneten, durch Schnitte verursachten Narben stehen als Beweis dafür, dass die Jungen vom Krokodilahn verschlungen wurden, um später als erwachsene, fertige Männer wiedergeboren zu werden.

Während seiner Feldforschungen (1972–1974) bei den Nyaura (eine westliche Untergruppe der Iatmul) konnte der Ethnologe Jürg Wassmann den vollständigen Ablauf einer Initiation im Dorf Kandingei beobachten. Zusammenfassend beschreibt er drei größere Initiationsphasen, denen eine Zeit der Vorbereitung vorangeht und ein „Nachspiel“ folgt. Dabei unterscheidet er zwei unterschiedliche Verständnisebenen, nämlich die eines „uninformierten Beobachters“ und die eines alten, bereits in alle Initiationsstufen eingeweihten Mannes der Iatmul (Wassmann 1987: 552 f.). Zur Vorbereitung wird ein Blätterzaun um das Männerhaus errichtet und der Tanzplatz davor geschmückt. Auf der mythologischen Ebene ist dies das Auftauchen der ersten Erde aus dem Urmeer. Das emportauchende, herannahende Urkrokodil wird im Tanz der bereits initiierten Männer vom Flussufer in die Umzäunung dargestellt. In der ersten Initiationsphase werden die Novizen geschlagen und skarifiziert. Dabei verlieren sie ihr mütterliches Blut und sind tot – das Urkrokodil hat sie verschlungen. Während der zweiten Phase werden die Novizen gepflegt, gut ernährt und in praktischen Fähigkeiten und theoretischem Wissen unterrichtet. Sie befinden sich im Bauch des Krokodils, wo sie heranwachsen. Es ist dies der Ort der urzeitlichen Schöpfung, und die Ahnen selbst sind die Lehrer der heranreifenden Männer. In der dritten Phase wird der Zaun niedergerissen, und die Novizen springen ins Wasser der Lagune. Nun sind sie wiedergeboren und dürfen den Schöpfungsort verlassen. Die Erde ist entstanden, und das Urkrokodil kehrt an den Ursprungsort zurück (Wassmann 1987: 552 f.). Mit den „Hautzeichen“, die die Initiierten jetzt tragen, weisen sie sich als erwachsene, heiratsfähige Männer aus. Auf der mythologischen Verständnisebene stehen die Narben aber auch als Nachweis für die Verwandtschaft mit dem Schöpferwesen in Gestalt des Urkrokodils.

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Skarifikation des Rückens. Iatmul, Dorf Japanaut. Foto: H. Schlenker, 1973, Museum der Weltkulturen

Jeder einzelne Klan ist für bestimmte Dinge, Pflanzen, Tiere und Landschaften zuständig. Es ist ein Klaneigentum, das sich im Besitz geheimer, heiliger Namen manifestiert, die nur der betreffende Klan weitergeben darf und die während der Initiationen rezitiert werden (Wassmann 1982, 1988). Die Novizen werden so in das Namens- und Wissenssystem ihres väterlichen Klans eingebunden. Es ist aber jeweils der dem mütterlichen Klan des Novizen angehörige Mutterbruder, der seinen Schwestersohn durch das beängstigende und schmerzhafte Ritual der Benarbung begleitet. Er führt den Jungen in die Umzäunung und hilft ihm, sich gegen die heftigen Schläge beim Empfang zu schützen. Der Initiand und sein Mutterbruder lassen sich dann beide auf einer umgedrehten Kanuhälfte nieder: Während des Schneidens auf der Brust sitzt der Initiand vor seinem ihn von hinten umarmenden Mutterbruder. Bei der Benarbung auf Schultern und Rücken liegt er bäuchlings in den Armen seines unter ihm ausgestreckten mütterlichen Onkels. Dieser hilft dem frisch verwundeten Jungen auch beim schmerzhaften Aufstehen und Setzen und trägt ihn auf seinem Rücken aus der Umzäunung, um ihn als „tot“ der Mutter vorzuzeigen (Wassmann 1987: 529–33). Einige Monate später schließlich erhält jeder Novize in einem rituellen Nachspiel von seinem Mutterbruder einen geheimen Namen zusätzlich zu seinem üblichen, nach der Geburt vom Vater erteilten Namen. Obwohl jeder junge Mann während der Initiation ganz und gar aus dem Klan seiner Mutter herausgelöst wurde, wird er doch durch seinen geheimen Namen als Ausdruck vollständiger sozialer Integration wieder mit dem Mutter-Klan verbunden (Wassmann 1987: 551, 1982: 43).

Die wenigen frühen Berichte über Iatmul-Initiationen (Roesicke 1914: 510; Bateson 1932) gehen kaum ins Detail – erst mit Feldforschungen im Rahmen der Basler Sepik-Expedition zwischen 1972 und 1974 (Wassmann 1982, 1988, Stanek 1983, Schmid 1992) und den 1973/74 entstandenen Filmen des Kameramanns Hermann Schlenker liegen ausführliche Dokumentationen der Initiationsabläufe vor. Da es zwischen den frühen vereinzelten Berichten und den ausführlichen Feldforschungsergebnissen der jüngeren Zeit keine kontinuierliche Berichterstattung zu den Initiationen am Sepik gibt, ist auch keine lückenlose Dokumentation historischer Wandlungsprozesse möglich.

Eine wichtige Veränderung manifestiert sich wahrscheinlich in der Ästhetik der „Hautzeichen“ selbst: Auf den alten während der Berliner Expedition 1912/13 entstandenen Aufnahmen erscheinen die Narben auf Brust und Rücken der abgebildeten Männer gröber und unregelmäßiger als die entsprechenden Narbenmuster auf jüngeren Fotografien. Während in voreuropäischer Zeit die Skarifizierung mit Bambus-, Stein- oder Muschelmessern vorgenommen wurde, ging man mit zunehmendem Zugang zu europäischen Gütern immer mehr zur Benutzung von Rasierklingen über. Mit diesen dünnen, scharfen Klingen konnten feine, saubere Schnitte gesetzt werden, was sicherlich zu einer besseren Verheilung der Schnittwunden, zur Minderung von Narbenwucherungen und zu mehr Gleichmäßigkeit des Narbenmusters führte (siehe Roesicke 1914, Abb.1 und Probst 1992, Abb. S. 10).

Wenn man heute Mythologie und Initiationspraxis der Iatmul als Publikations- oder Ausstellungsthema für die Öffentlichkeit aufbereitet, begegnet man immer wieder der Frage, ob dabei im so genannten „ethnologischen Präsens“ abgefasste Texte noch gerechtfertigt seien, da man doch wohl über eine längst vergangene Institution berichte. Vielfach wird vorausgesetzt, dass sich unter dem Einfluss von Fremdverwaltung, Mission und der Gründung des Nationalstaates Papua-Neuguinea das Leben und die religiösen Vorstellungen der Iatmul so gewandelt haben, dass heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts überhaupt keine Initiationsfeiern mehr abgehalten werden. So eindeutig verhält sich die Sache aber nicht:

Tatsächlich setzten bereits unter der Kolonialverwaltung in den 1920er- und 1930er-Jahren starke Wandlungsprozesse ein. Viele Männer verließen die Dörfer über Jahre, um auf den Plantagen an der Küste Lohnarbeit zum Erwerb von Steuergeldern zu leisten, und konnten die Feiern nicht mehr zum richtigen Zeitpunkt ausrichten. Mit Einführung der allgemeinen Schulpflicht mussten viele Kinder und Jugendliche Internatsschulen außerhalb ihrer Heimatregion besuchen. Da die Jungen nun im Alter zwischen zwölf und 14 Jahren nicht mehr zu Hause lebten, konnte man sie erst bei ihrer Rückkehr ins Dorf initiieren. Man führte also erst dann Initiationen durch, wenn sich genug Kandidaten im Dorf aufhielten. Die Feiern wurden seltener, und das Durchschnittsalter der Novizen stieg an, da immer häufiger auch bereits erwachsene Männer noch initiiert werden mussten. Dieser Prozess führte aber nicht zur völligen Aufgabe der Initiationsfeiern. In den Dörfern der Iatmul gehören immer mehrere Klane einer Dorfhälfte als ritueller Einheit an. Ein Klan aus der einen Hälfte ist jeweils einem Klan aus der anderen Hälfte bei der Ausrichtung der Initiation verpflichtet. Hat der eine Klan seine rituelle Verpflichtung wahrgenommen, schuldet ihm wiederum der andere Klan seine Hilfe. Eine Studie von 1990 belegt, dass in den Kulturgruppen am Sepik, in denen die Organisation und Durchführung der Initiationen auf einem solchen alternierenden Klansystem beruht, die Motivation zum Erhalt dieser Feiern niemals völlig erlischt (Roscoe u. Scaglion 1990: 414). Noch im Jahr 1988 wurde eine Initiation im Dorf Yensan ethnologisch dokumentiert und fotografiert (Coiffier 1995: 232 f.). Warum sollten also nicht auch in den 1990er-Jahren noch Initiationen stattgefunden haben und nicht weiterhin in Zukunft solche Feiern stattfinden? Da die Iatmul ihre Initiationen auch ohne europäischen Beobachter abhalten und nicht bei jeder Initiation in jedem Iatmul-Dorf der Ethnologe vor Ort ist, lässt sich für die Jetztzeit eben keine verlässliche Statistik durchgeführter und geplanter Initiationen aufstellen. Sie deshalb aber totzusagen, wäre eurozentrische Ignoranz.

Weiterführende Literatur

Bateson, Gregory (1932): Social Structure of the Iatmül People of the Sepik River. Oceania 2: 245–291 u. 401–451
Behrmann, Walter (1922): Im Stromgebiet des Sepik. Eine deutsche Forschungsreise in Neuguinea. Berlin
Coiffier, Christian (1995): Initiation der Krokodilmänner. In: Anthony J. P. Meyer, Ozeanische Kunst. Köln: Könemann Verlagsgesellschaft. S. 232–233
Probst, Peter (1992): Der dekorierte Körper. Museumspädagogik Besucherdienst. Berlin: Museum für Völkerkunde
Reche, Otto (1913): Der Kaiserin-Augusta-Fluß. Ergebnisse der Südseeexpedition 1908–1910. II. Ethnographie: A Melanesien Bd. 1. Hamburg
Roesicke, Adolf (1914): Mitteilungen über ethnographische Ergebnisse der Kaiserin Augusta-Fluß-Expedition. Zeitschrift für Ethnologie 46: 507–522
Roscoe, Paul u. Richard Scaglion (1990): Male Initiation and European Intrusion in the Sepik: A Preliminary Analysis. In: Sepik Heritage. Tradition and Change in Papua New Guinea. Hg. von Nancy Lutkehaus u. a. Bathurst: Crawford House Press; Durham: Carolina Academic Press. S. 414–423
Schmid, Jürg und Christin Kocher Schmid (1992): Söhne des Krokodils. Männerhausrituale und Initiation in Yensan, Zentral-Iatmul, East Sepik Province, Papua New Guinea. Basler Beiträge zur Ethnologie 36. Basel
Stanek, Milan (1983): Sozialordnung und Mythik in Palimbei. Bausteine zur ganzheitlichen Beschreibung einer Dorfgemeinschaft der Iatmul, East Sepik Province, Papua New Guinea. Basler Beiträge zur Ethnologie 23. Basel
Wassmann, Jürg (1982): Der Gesang an den Fliegenden Hund. Untersuchungen zu den totemistischen Gesängen und geheimen Namen des Dorfes Kandingei am Mittelsepik anhand der kirugu-Knotenschnüre. Basler Beiträge zur Ethnologie 22. Basel
Wassmann, Jürg (1987): Der Biss des Krokodils: Die ordnungsstiftende Funktion der Namen in der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt am Beispiel der Initiation, Nyaura, Mittel-Sepik. In: Neuguinea, Nutzung und Deutung der Umwelt Bd. 2 (Roter Faden zur Ausstellung 13). Hg. von Mark Münzel. Frankfurt: Museum für Völkerkunde. S. 511–557
Wassmann, Jürg (1988): Der Gesang an das Krokodil. Die rituellen Gesänge des Dorfes Kandingei an Land, Meer, Pflanzen und Tiere (Mittelsepik, Papua Neu Guinea). Basler Beiträge zur Ethnologie 28. Basel

Zur Autorin

Dr. Eva Ch. Raabe, geb. 1957, seit 1985 Kustodin der Ozeanienabteilung des Museums der Weltkulturen. 1998/99 International Research Fellow, Centre for Cross-Cultural Research, Australian National University, Canberra. 1991-2000 Lehrbeauftragte der Universität Marburg.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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