KLEIDUNG UND KÖRPER INTERNATIONAL: EIN PERSPEKTIVENWECHSEL

Von Birgitta Huse

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Hochlandbewohner Papua-Neuguineas. Foto: M. S. Kirk, aus: Karl Gröning (Hg.)(2001): Geschmückte Haut. Eine Kulturgeschichte der Körperkunst. München. S. 73

Dieses Bild macht offensichtlich: Es gibt weltweit und zu unterschiedlichen Zeiten verschiedene Vorstellungen über Körper und Kleidung. Wir neigen dazu, über das Aussehen von Menschen außerhalb unserer Kultur und Zeit zu schmunzeln. Individuelle Gefühle scheinen bei der Beurteilung von Körper und Kleidung eine große Rolle zu spielen – interessanterweise geben viele Menschen mit demselben kulturellen Hintergrund bei denselben Abbildungen ihrem Befremden Ausdruck. Es geht um mehr als individuelles Empfinden.

Die beiden folgenden Beispiele (ein europäisches und ein außereuropäisches) sollen dazu anregen, unsere eigenen Vorstellungen über das Aussehen anderer zu hinterfragen. Kleidung, Körper und Mode sind in allen Kulturen zentrale Themen. Um ihre Aussagekraft zu verstehen, ist eine Beschäftigung mit den jeweiligen soziokulturellen und wirtschaftlichen Hintergründen notwendig.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Kleidung und Körper? Eine zentrale Funktion von Kleidung ist der Körperschutz. Unterschiedliche klimatische Bedingungen (Hitze, Kälte, Sonneneinstrahlung) erfordern eine den Körper schützende Kleidung. Außerdem machen Temperaturschwankungen eine Anpassung durch einen Kleiderwechsel (anziehen/ablegen) nötig.

Kleidung kann den Körper auch vor den Blicken anderer schützen. Während eine bestimmte Kleidung für eine Intimsphäre sorgt, erreicht eine andere das Gegenteil durch das Exponieren des Körpers. Als kulturelle Funktion von Kleidung ist der Ausdruck von sozialer und wirtschaftlicher Position und Status besonders geläufig (zum Beispiel Uniformen). Gemeinhin wird geglaubt, die ökonomischen Möglichkeiten eines Individuums deutlich an der Kleidung zu erkennen. Der ökonomische Wert von Kleidung ist heute bei uns jedoch nur erkennbar, wenn Marke und Preis bekannt sind, aber nicht jeder zeigt seine gute Finanzlage durch Kleidung. Kleidung hat eine kommunikative Funktion. Verschiedene Inhalte wie Status, soziale und wirtschaftliche Position, individueller Ausdruck, soziale Rolle, politisches Symbol, religiöse Aspekte, soziale Rituale sowie Freizeit/Erholung werden kommuniziert (vgl. Barnard 2002, S. 59–70). Auch Schönheits- und Körperideale finden ihren Ausdruck. Mode und Kleidung können gesellschaftliche Werte und Ideale sowohl reproduzieren als auch revolutionieren. Die jeweilige gesellschaftliche Situation sowie übliche Vorstellungen und Werte können unterstrichen, gesellschaftlicher Wandel vorangetrieben werden. Funktionen von Kleidung und das Zusammenspiel von Körper und Kleidung lassen sich vor einem bestimmten gesellschaftlichen Hintergrund besonders gut verdeutlichen.

Kleidung in Europa

Kleidung und Körper international: Ein Perspektivenwechsel 2
„Streit der Moden“ (Bruno Paul, 1904)

Ende des 19. Jahrhunderts begann in Europa (England, Skandinavien, Deutschland) eine Reformbewegung, die sich gegen die damalige extreme Modellierung des weiblichen Körpers durch Korsett, Stützröcke und Polster wandte (Zander-Seidel 2002). Aus medizinischer Sicht wurde argumentiert, dass das Korsett die inneren Organe einenge und dadurch die Gebärfähigkeit der Trägerin beieinträchtige, und aus ästhetischen Gründen wurde die optische Unterteilung des weiblichen Körpers in mehrere Teile moniert. Es wurde gefordert, die Kleidung der Frau solle eine „Ganzheitlichkeit“ widerspiegeln. Aus emanzipatorischer Sicht solle ein Kleid praktisch sein und Mobilität erlauben. In gebildeten bürgerlichen Kreisen (Beamte, neue Angestellte, geistig und künstlerische Berufe) wurde das „Reformkleid“ propagiert. Es war aus leichtem Stoff und locker fallend und zeigte im Vergleich zur taillenbetonten Kleidung eine ganz neue Silhouette (Ellwanger 2002).

Die Diskussion um das Reformkleid veranschaulicht diese Karikatur:
„Das Reformkleid ist vor allem hygienisch und erhält den Körper für Mutterpflichten.“ – „So lange Sie den Fetzen anhaben, werden Sie nie in diese Verlegenheit kommen." (aus: Simplicissimus, München 9. Jg. Nr. 13, 1904)


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Reformkleid der Dada-Künstlerin Hannah Höch. Aus: Zander-Seidel (2202) S. 83

In den 1920er-Jahren gab es in Deutschland eine veränderte weibliche Lebenswirklichkeit: Viele Frauen waren nach dem Ersten Weltkrieg berufstätig, selbstständig und unabhängig geworden. Besonders in den Großstädten fand diese neue Lebensform Anhängerinnen und verbreitete sich rasch. Das traditionelle Frauenbild wurde zugunsten der „neuen Frau“ abgelöst. Einen optischen Eindruck vermittelt das Kleid der Dada-Künstlerin Hannah Höch um 1925/27:

Zander-Seidel dazu (2002, S. 84): „Das lose fallende, türkise Gesellschaftskleid folgt in Material und Zuschnitt der Mode um 1925/27. Der kurze, tief angesetzte Rock, der nicht nur den Staub der Straße weit hinter sich gelassen hatte, sondern in noch nie da gewesener Weise die Beine der Frau enthüllte, das geringe Gewicht eines derartigen Kleides muten an wie die späte Erfüllung der Reformforderungen um 1900.“

Das Reformkleid ist Ausdruck gesellschaftlicher und politischer Strömungen. Die kritischen Zeichnungen der Zeit zeigen, dass Kleidung als Bestandteil gesellschaftlicher Entwicklungen öffentlich und kontrovers diskutiert wurde. Heute ist für uns die Symbolsprache des Reformkleides nicht mehr ohne weiteres erkennbar, wir brauchen ergänzende Informationen über den Zeitgeist um 1900, um die mit dem Kleid kommunizierten Inhalte zu verstehen.

Kleidung in Mexiko
Welche Kleidung gab es in Mexiko vor Ankunft der Spanier? In der Relación de Michoacán, die von dem spanischen Bruder Jerónimo de Alcalá zwischen 1539 und 1541 in Mexiko zusammengetragen wurde, also eine spanische geprägte Sichtweise widerspiegelt, findet sich das folgende Bild:


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Tarasken vor der Hochzeit (Tafel 37)(aus: Anawalt 1981, S. 116)

Eine taraskische Edelfrau ist auf dem Weg zur Hochzeit. Sie wird von einem Mann mit einem kurzen Kleid geführt, sie selbst trägt eine kurzen, karierten Rock und einen Schulterschal, der den Oberkörper weitgehend unbedeckt lässt. Weiter sind auf der Erde sitzende, kaum bekleidete Personen abgebildet. Alle zusammen vermitteln den Eindruck, dass Indianer eher wenig bekleidet waren. Eine vergleichende Analyse mit den Kleidungskulturen anderer indianischer Ethnien derselben Zeit verdeutlicht jedoch, dass die wenig den Körper bedeckendeTarasken-Kleidung sich erheblich vom sonst in Mesomerika üblichen Kleidungsstil unterschied: Die kurzen, den Oberkörper bedeckenden Kleider der Tarasken-Männer sind dem huipil vergleichbar, der in anderen Ethnien von Frauen getragen wurde, wenn sie nicht längere Wickelröcke trugen und darüber huipiles oder quechquemitl , die den gesamten Oberkörper bedeckten (Anawalt 1981, S. 92 f.; 194 ff.).

Bilder wie diese, die den Eindruck des „einfachen“ Indianers entstehen lassen, wurden von europäischen Missionaren vermittelt. Gerade bei den Tarasken waren Codices, Aufzeichnungen von den Indianern selbst, von den Spaniern weitestgehend vernichtet worden, sodass es heute an indianischen Aussagen aus der vorspanischen Zeit mangelt (Anawalt 1981, S. 84). Unser Eindruck ist also durch die spanische Sichtweise geprägt, wenn wir uns nicht um weitere Quellen wie die folgende kümmern.

Der Stolz der tlaxcaltekischen Elite ist an Kleidung und Körperhaltung auf diesem von den Tlaxcalteken gemalten Stoffbild zu erkennen:

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Cortés und Marina mit tlaxcaltekischen Edelleuten (Lienzo de Tlaxcala, Tafel 7. Aus: Anawalt 1981, S. 114

Die Frauen sind bedeckt bekleidet, die Röcke haben unterschiedliche Muster. Auch die Kleidungsstücke der Männer unterscheiden sich im Muster, jeder Mann hat einen aufwendigen Kopfschmuck sowie einen großen Ohrpflock. Cortés ist als Einziger sitzend dargestellt, zeichnet sich aber im Vergleich zu den Tlaxcalteken nicht durch eine besonders prachtvolle Kleidung aus. Die abgebildeten Spanier wirken eher schlicht, und die Tlaxcalteken stehen den Spaniern an Ausstrahlung nicht nach.

Etwa 30 Jahre nach der Eroberung Mexikos (also 1550) erinnerten die Tlaxcalteken mit dem Lienzo de Tlaxcala an ihre besondere Beziehung zu den Spaniern: Sie hatten die Spanier beeindruckt, auch dadurch, dass sie ihnen lange standgehalten hatten, und sie hatten zusammen mit den Spaniern andere Ethnien unterworfen – weshalb sie von Cortés besondere Vergünstigungen erhielten (Anawalt 1981, S. 62 f.).

Das Beispiel der Tlaxcalteken, im Gegensatz zu den Tarasken, macht deutlich, dass Kleidung im Mesoamerika des 16. Jahrhunderts und davor – also bevor die Spanier kamen – eine besondere Rolle spielte. Das Körperbild war hier durch Kleidung bestimmt und nicht durch individuelle Frisuren oder einen besonders gearteten Körperbau – eine Tatsache, die hierzulande auch heute noch wenig bekannt ist.

Kleidung im Kulturvergleich

Wie schwierig es (für Europäer) ist, den Informationsgehalt von Kleidung zu erfassen und im Gedächtnis zu behalten, zeigte eine Befragung, die ich 1989/90 (Huse 1994) in Südmexiko bei europäischen Touristen durchführte. Diese hatten zwei indianische Dörfer besucht und waren danach nicht in der Lage, die besuchten indianischen Gruppen anhand der Kleidung unter vier Auswahlmöglichkeiten wiederzuerkennen.

Der Zusammenhang zwischen dem jeweiligen Bild vom Idealkörper und der dazugehörenden Kleidung ist keineswegs neu. Die Gestaltungsmöglichkeit des eigenen Körpers übt in den verschiedensten Kulturen eine große Anziehungskraft aus. Einzelne Leitmotive sind zu verschiedenen Zeitpunkten auffällig, die praktizierte Vielfalt in Körper- und Kleidungsgestaltung darf aber nicht vergessen werden. Ein genauer Blick lohnt sich, wenn es um neue Moden und Trends geht.

Was ist „Mode“ in einer uns fremden Kleidungskultur? Wir sollten unsere Art der Wahrnehmung anderer Kulturen überprüfen, da auch sie gewissen „regionalen Moden“ unterliegt. Unsere Wahrnehmung beschränkt sich nur zu gern auf einen idealisierten „traditionellen“ Bereich, der zwar existiert, aber nicht der einzig mögliche ist. „Tradition“ und „Moderne“ werden einander gegenübergestellt: Kulturen außerhalb Europas wird die „Tradition“ zugeschrieben, während das Selbstbild von der „Moderne“ geprägt ist. Kurz: Indianer tragen Trachten – wir tragen moderne Kleidung und sind auch im Umgang mit dem Körper „modern“.

Was aber, wenn Indianer Jeans und T-Shirt tragen und wir uns zunehmend „traditionellen Methoden“ zur Körperpflege wie dem türkischen Dampfbad zuwenden? Sowohl außerhalb als auch innerhalb des eigenen kulturellen Rahmens gibt es „Ungereimtheiten“. Diejenigen innerhalb der eigenen Kultur werden jedoch im Gegensatz zu denjenigen, die außerhalb des eigenen kulturellen Rahmens stehen, in Deutschland aktiv diskutiert und reflektiert. Wir übersehen allgemein die Entwicklungen in anderen Kulturen, weil wir uns ganz auf das Hier und Jetzt in der eigenen Kultur konzentrieren. Insofern hat sich an einer in Europa weit verbreiteten ethnozentrischen Sichtweise von Kleidung und Körperbild und soziokulturellen wie politischen Hintergründen wenig verändert. Nach wie vor stehen europäische Kleidung und Mode sowie Körpervorstellungen im Vordergrund des europäischen Bewusstseins, während die aktuellen Vorstellungen, Produkte und Entwicklungen anderer Kulturen viel zu wenig beachtet werden

Weiterführende Literatur

Anawalt, Patricia Rieff (1981): Indian Clothing before Cortés. University of Oklahoma Press. Norman
Barnard, Malcolm (2002): Fashion as communication. London
Ellwanger, Karen (2002): Reformkleidung, Geschlecht und Nationalität. In: Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg (Hg.): Kleider machen Politik. Zur Repräsentation von Nationalstaat und Politik durch Kleidung in Europa vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Oldenburg. S. 86–92
Hahn, Hans Peter (2005): Materielle Kultur. Eine Einführung. Berlin
Huse, Birgitta (2004): Kleidertausch in Mexiko: Neue Kleidung für Indianer – Secondhand-Kleidung für Touristen. In: Huse, Birgitta (Hg.): Von Kopf bis Fuß – Ein Handbuch rund um Körper, Kleidung und Schmuck für die interkulturelle Unterrichtspraxis. Münster. S. 299–310
Huse, Birgitta (2005): Textilien, Maya-Indianer und Touristen: Transformationen von Traditionen und Lebenswirklichkeiten gestern, heute und morgen. In: Mentges, Gabriele (Hg.): Kulturanthropologie des Textilen. Berlin. S. 341–363
Zander-Seidel, Jutta (2002): Kleiderwechsel. Frauen-, Männer- und Kinderkleidung des 18. bis 20. Jahrhunderts. Nürnberg
Gröning, Karl (Hg.) (2001): Geschmückte Haut. München

Zur Autorin

Dr. Birgitta Huse ist Referentin/Trainerin in der Jugend- und Erwachsenenbildung; Schwerpunkte: Kleidung/Textilien außerhalb Europas, Kulturwandel/Tourismus, Interkulturelle Kompetenz. Seit 1989/90 regelmäßige Forschungen in Mexiko. Lehrbeauftragte an der Universität Dortmund (Institut für Kunst und Materielle Kultur). E-Mail: birgitta.huse@uni-dortmund.de


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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