SCHLANGEN, SCHAKALE UND SKORPIONE

Berber-Tätowierungen in Nordafrika

Von Ulrike Krasberg

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Berber-Mädchen mit Tätowierung auf Stirn und Kinn (Haratin vom Dschebel Sarhro). Foto: G. Bohm

Aischa, eine berberische Marokkanerin Mitte sechzig, die ich in Nordmarokko kennen lernte, hat sich die Tätowierung, die sie seit ihrem vierten Lebensjahr am Kinn trug, von einem Chirurgen aus der Haut schneiden lassen. „Er hat es aber nicht gut gemacht. Schau – sie streckt mir ihr Kinn entgegen – jetzt habe ich eine Narbe hier!“ Die Narbe zeichnet die ursprüngliche Tätowierung als eine Vertiefung nach: ein langer Strich von der Unterlippe zum Kinn, unterteilt durch einige kurze Querstriche. „Ich kann nicht verstehen, warum sich so viele junge Leute in Europa Tätowierungen machen lassen! Die sind doch so hässlich! Als ich nach Europa zum Arbeiten ging, habe ich mir meine entfernen lassen. Zum Glück hat mir meine Mutter nur diese eine Tätowierung gemacht, sonst hätte ich jetzt noch mehr Narben im Gesicht. Ich habe nur bei meiner ältesten Tochter eine Tätowierung am Kinn machen lassen, von meiner Schwester. Die hat alle ihre Kinder tätowiert. Bei meinen jüngeren Töchtern habe ich das nicht mehr machen lassen!“

Aischas Freundin Mimount, ebenfalls über fünfzig, sitzt neben ihr mit untergeschlagenen Beinen auf der Sofabank in der Wohnküche. Sie trägt eine Reihe kleiner Kreuzchen wie eine nach unten geschwungene Girlande zwischen den Augenbrauen, und von der Unterlippe über das Kinn den Hals hinab zieht sich eine weitere Reihe kleiner Kreuzchen. An den Handgelenken und Waden ist sie mit „Palmzweigen“ geschmückt: ein senkrechter langer Strich mit nach unten abgeknickten Querstrichen. „Die sind ein Zeichen für Fruchtbarkeit“, sagt sie. „Meine Mutter hat mir die Tätowierungen gemacht, aber ich habe meiner Tochter keine gestochen. Als ich klein war, wollte ich die Tätowierungen unbedingt haben, weil alle meine Cousinen welche hatten. Aber die Zeiten haben sich geändert, heute will sie niemand mehr.“

Die Sitte, kleine Mädchen im Gesicht, an den Unterarmen und Waden mit den alten geometrischen Berbermustern zu tätowieren, stirbt in Marokko mit den alten Frauen, die noch tätowiert sind, aus. Weder Aischa noch Mimount, keine der tätowierten Frauen, die ich in Marokko nach der Bedeutung der Zeichen fragte, konnte mir mehr sagen, als dass die Muster Fruchtbarkeit und Schutz bedeuten. Allerdings wussten sie, dass die Muster je nach Berberstamm variieren und mit den alten überlieferten „Schriftzeichen“ der Berber zu tun haben (die nie zu einer einheitlichen Schriftsprache weiterentwickelt wurden, sondern als spirituelle Zeichen, als eine Art „Geheimsprache“ der Berber galten). Das Wissen über die tätowierten Zeichen und Muster scheint jetzt schon bei den Frauen in Vergessenheit geraten zu sein.

Die Ethnologin Ferdaouss Adda schreibt, dass die „meist angewandte Tatauierungstechnik in Marokko das ‚Einstechen’ ist. Die Tatauiererin zeichnet das Muster entweder mit Ruß, Holzkohle oder einer aus einer Pflanze (Niledsch) gewonnenen blauen Farbe (Nila genannt) auf die Haut. Darauf folgend sticht sie mit einer Nadel in die Haut und folgt während dieser Prozedur den bereits gezeichneten Linien. Zum Schluss reibt sie die tatauierten Hautstellen mit einer Pflanze (Kheddira), aus der man eine grüne Farbe gewinnt, ein ... Nachdem sich die tatauierten Hautstellen entzündet haben und der Grind abgefallen ist, erscheinen die dauerhaften Tatauierungen in einer blau-grünen Farbe.“ (Adda 2006: 37).

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Zeichnung aus: Jean Herber: Onomastique des tatouages marocains (1948)

Die algerisch-französische Geschichtswissenschaftlerin Makilam ist der Bedeutung der Zeichen und Muster in ihrer kabylischen Heimat nachgegangen. Die gleichen geometrischen Muster, wie sie beim Tätowieren verwendet werden, finden sich auch eingewebt in Stoffen und Decken, als Verzierungen auf Töpferwaren und als dekorative Fresken außen und innen auf Häuser- und Zimmerwände gemalt. Entstanden, sagt Makilam, ist die Symbolsprache der Muster aus der Natur, aus den Beobachtungen der Frauen in ihrer alltäglichen Umgebung. Die Muster selber sind zwar abstrahiert aus den Formen der Natur, die Zeichen sind aber nicht ein für alle Mal festgelegt worden. In ihrer Verwendung, der individuellen Fertigung und in der Spontaneität der Kombination sind sie variabel geblieben und damit in gewisser Weise lebendig. Makilam schreibt in Bezug auf die kabylischen Handwerkerinnen (Töpferinnen und Weberinnen) und ihre Muster: „ Sie setzen sich aus Abfolgen von Dreiecken, Rauten und geometrischen Zeichen auf der Grundlage des Rechtecks zusammen. Es handelt sich um Bäume, wie Espen, Eschen, Feigenbäume oder auch Palmen … Auch werden Mond und Sterne, Schlangen, Krebse, Skorpione, Schmetterlinge und Fische dargestellt. Neben dem Rebhuhn, dem Bienenstock und einzelnen Bienen stellen andere Motive Menschen dar, Schmuckstücke und Fruchtbarkeitssymbole, die Eier.“ Im Akt des Schmückens mit diesen Mustern verbanden die Frauen ihr Leben mit der kosmischen Natur in einer einzigen Idee. „Wenn diese Sinnbilder des Lebens bis ins äußerste schematisiert werden, reduzieren sich die verschiedenen Motive auf Abbildungen, die miteinander verglichen werden können. So kann zum Beispiel das Motiv des Skorpions, eine Abfolge von Rauten mit in die Länge gezogenen Seiten, von einer anderen Töpferin als ein Fisch interpretiert werden ... Die Kabylinnen versuchen nicht ... zu täuschen oder irrezuführen, wenn sie ein und dasselbe Motiv unterschiedlich bezeichnen. Es existiert ein Wissen, welches das menschliche Leben beeinflusst und das die Menschen in sich tragen, ohne dass dies jedoch offenbar wäre. Dieses Wissen vermitteln die kabylischen Mütter ihren Töchtern, nicht durch theoretische Erklärungen, sondern über die Praxis alltäglicher Verrichtungen.“ (Makilam 2001: 247 ff.).

Diese abstrakten Muster der Kabylinnen erfüllen eine ähnliche Funktion wie die Schriftzeichen in Kulturen, die eine Schrift entwickelt haben. Wie die Buchstaben des Alphabets haben die Zeichen, nebeneinander oder untereinander gesetzt, Bedeutungen, die gelesen werden können. Unser Alphabet setzt jedoch eine hohe Abstraktion von den Dingen der uns umgebenden Natur voraus, denn je stärker die Buchstaben sich von ihrer ersten ursprünglichen Abstraktion entfernt haben, desto besser sind sie geeignet, immer differenziertere und abstraktere Ideen auszudrücken. Im Gegensatz zur westlichen Idee der Naturbeherrschung sehen sich Kabylinnen als Teil der Natur. Mithilfe ihrer Zeichen fügen sie neu Erschaffenes in den Zusammenhang der Natur ein, denn die Gesetze und Bedingungen der Natur müssen auch für die Menschen gelten.

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Zeichnung aus: Jean Herber: Onomastique des tatouages marocains (1948)

Ein neu gebautes Haus wird mit Zeichen und Mustern bemalt, um ihm einen Platz zu geben in der kosmischen Ordnung der Dinge. Diese Ordnung aber ist nicht starr oder ein für alle Mal festgelegt. Bei der aktuellen Gestaltung der Fresken in einem Haus hat die Malerin künstlerische Freiheiten, die sich in gestalterischen Vorlieben und spontanen Ideen ausdrücken. Mit den gleichen geometrischen Zeichen, die die Wand eines Zimmers schmücken, gewebte Wolldecken, Stoffe oder getöpferte Gefäße werden auch die Menschen in den großen kosmischen Zusammenhang gestellt.

Mimounts Kreuzchengirlande zwischen den Augenbrauen ist in diesem Sinne eine frei gestaltete Markierung mit Zeichen. Die Kreuzchen in ihrem Gesicht bedeuten nach Jean Herber „Fliege“, „Biene“, „Taubenfuß“ oder „Schakalpfote“. Die Girlande jedoch ist die künstlerische Umsetzung dieses Musters. Mimount hat eine recht lange Nase und ein etwas streng wirkendes Gesicht. Die Girlande an der Nasenwurzel mildert diese Strenge und gibt ihrem Gesicht etwas Elegantes.

Es ist aber gerade nicht eine Verzierung im Sinne von Schönheit, die hier im Mittelpunkt steht, sondern die Verbindung zwischen menschlichem kulturellen Leben und der Natur. Die Zeichen und Muster sind vergleichbar mit Ikonen von Heiligen in der christlichen Welt. Die Ikone stellt die Verbindung dar zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt, sie ist zu beiden Seiten hin durchlässig wie eine Membrane. Das Heilige gelangt als Schutz in die diesseitige Welt, und die Ikone ist der Ort, an dem die Menschen Kontakt mit dem Heiligen aufnehmen können. Dass die Ikone nach ästhetischen Gesichtspunkten gestaltet und ein „Kunstwerk“ im traditionell überlieferten Sinn (die Symbolik für die einzelnen Heiligen ist vorgegeben) ist, ist dabei von untergeordneter Bedeutung. Oder ein anderes Beispiel: Wenn Marokkanerinnen oder Algerierinnen sich Khohul in die Augen streichen, tun sie dies nicht um des Schminkeffekts willen, es geht vielmehr um die Reinigung der Augen, denn Khohul bringt die Augen zum Tränen. Die sorgfältige Reinigung des Körpers wiederum ist ein wichtiger Aspekt muslimischen religiösen Lebens.

Dass die jungen Mädchen heute nicht mehr mit den alten Berbermustern tätowiert werden, hat mit den sich wandelnden Lebensumständen zu tun. Berber stellten über viele Jahrhunderte hinweg die Landbevölkerung in Nordafrika, während die Araber, die die Muster und Tätowierungen nicht kannten, vornehmlich in den Städten lebten. Die Arbeitsmigration in Europa ermöglichte vielen Berbern, genug Geld zu verdienen, um anschließend in den nordafrikanischen Städten Fuß zu fassen. In den Städten aber orientieren sich auch die Berber an der modernen arabischen und westlichen Kultur. Die jungen Mädchen übernehmen Schönheitsideale aus der arabischen und der westlichen Welt. Das sind einerseits die Hennamalereien, andererseits die Schminke. Die spirituelle Verbundenheit mit dem Kosmos hat darin keinen Platz mehr.

Weiterführende Literatur

Makilam (2001): Weibliche Magie und Einheit der Gesellschaft in der Kabylei. Riten, verborgene Lebensweise und Kultur der Berberfrauen Algeriens. Münster: LIT
Adda, Ferdaouss (2006): Überlegungen zu Sinn und Bedeutung von Körpertatauierungen bei Frauen in Marokko. (Magisterarbeit im Fach Völkerkunde, Philipps-Universität, Marburg)
Herber, Jean (1948): Onomastique des tatouages marocains. In: Hespéris.

Zur Autorin

Dr. Ulrike Krasberg, Ethnologin, Projektleitung und Redaktion der Internetzeitung "Journal Ethnologie" am Museum der Weltkulturen in Frankfurt am Main, Privatdozentin an der Philipps-Universität Marburg im Fachgebiet Völkerkunde. Regionaler Forschungsschwerpunkt: Mittelmeerraum.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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