Kontinuität und Wandel ayurvedischer Praktiken im dörflichen Kerala, Südindien

Von Mihaela Paina

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Offizielle Einweihung der Cattaru Nāyar-Klinik im Dorf. Foto: M. Paina

Es ist ein sonniger und trockener Septembertag im Jahre 2003, der offiziell festgelegte Freitag für die Einweihung der CNS-Klinik im Dorf. Im Vorhof des neuen Gebäudes, zwischen der provisorischen Bühne für die VIPs und dem Publikum, entzünden der Vaidya (Arzt) G. Nāyar und einige seiner Gäste die rituelle Messinglampe, in der Ölfilze in geklärter Butter, dem Ghee, schwimmen. Die Lampe steht neben der Abbildung des verstorbenen Vaidya C. Nāyar (C. N.). Beide Objekte sind mit Girlanden von Jasminblumen beschmückt, gleich den Gottheiten, die täglich in Indien verehrt werden.

Nach dem Eingangsritual werden Eröffnungsreden gehalten vom Vaidya und von seinen geladenen Ehrengästen wie dem Kulturminister Keralas und renommierten ayurvedischen Ärzten, die sich alle um den Begriff pāramparyam (wörtlich: Sukzession oder Abfolge; sinngemäß: Tradition) drehen, und in deren Mittelpunkt der Name des verstorbenen Gurus Cāttaru Nāyar steht. In seinem Vermächtnis ( smāraka ) wurde schon die CNS-Fabrik und jetzt die Klinik errichtet. Der aktuelle Vaidya ist ein entfernter Verwandter des verstorbenen Gurus, genauer der Ur-Groß-Schwiegersohn und sein ehemaliger Schüler. Diese Verbindung steht heutzutage für eine fast ausgestorbene Art der Übertragung spezifischen ayurvedischen Wissens und Praxis. Da in den letzten 60 Jahren die spezifische Wissensweitergabe vom Guru an seinen Schüler immer mehr durch beurkundete Lehrpläne in ayurvedischen Hochschulen ersetzt wurde, erlangen die Vaidya gewissermaßen einen Seltenheitswert und damit eine Aura von Echtheit.

Das Bild des ehemaligen Gurus im Zentrum der Zeremonie und der in den Reden zentrale Begriff der „Tradition“ einerseits und das neue Krankenhaus andererseits weisen auf eine Ansammlung von Wissen hin und damit auf eine Art „ayurvedischen Kapitals“ in dieser Familie. Das Motto für diese beiden familienbasierten Unternehmungen (Fabrik und Klinik) „Heilen - ein Erbe“ betont die traditionelle Wissensübertragung und ist damit ein Garant für „Echtheit“.

Vielfältiges Āyurveda
Āyurveda ist ein Komplex südasiatischer Heilpraktiken, die seit etwa 2500 Jahren in Indien und den Nachbarstaaten bekannt ist und heute noch praktiziert wird. Diese Praktiken basieren auf einem einheitlichen aber dynamischen Konzept – die Theorie der doşa ( vāta - Luft, pitta - Galle, kapha - Phlegma). Dabei werden vielfältige, an lokale Pflanzenvorkommen angepasste Arzneirezepte verwendet. Etablierte, aber anpassungsfähige Diagnose- und Therapieschritte, sollen zur Ausbalancierung der doşa und sogar zur Eliminierung erhöhten doşa führen. Diagnose und Therapie erlauben eine große lokale Flexibilität.

Diese Flexibilität kam auch dadurch zustande, dass das ayurvedische Wissen bis vor rund 60 Jahren noch mündlich überliefert wurde und kein vergüteter Beruf war. Die Tätigkeit eines Vaidya war eine Art Teilzeitbeschäftigung, die vor allem Ehre und soziale Anerkennung brachte und oft unbezahlt blieb. Ein Vaidya erzielte sein Haupteinkommen durch die Landwirtschaft und den Tauschhandel mit Reis zwischen den Kasten. Darüber hinaus wurde er für seine Heilungen - wie jegliche Dienstleistung im Dorf – nicht bezahlt.

Die Weitergabe ayurvedischen Wissens basierte auf strengen Meister-Lehrlings-Verhältnissen, die sehr intensiv waren, lange dauerten und stark hierarchisch aufgebaut waren. „Intensiv“ bedeutete, beim Guru zu leben oder zumindest tagsüber bei ihm zu sein, mit ihm zu essen, ihm zu dienen und zu gehorchen, und nach und nach die Arzttätigkeit und manchmal – zusätzlich – einen Beruf von ihm zu erlernen. Der spätere Ruf des Lehrlings hing stark von dem seines Lehrers ab und umgekehrt, sodass der Guru seine Lehrlinge sorgfältig und in jungem Alter (bereits ab 12 Jahren) auswählte.

Lehrlinge aus den höheren Kasten mussten innerhalb einiger Jahre auch die Sprache Sanskrit erlernen, bevor sie in die klassische ayurvedische Theorie eingeführt wurden, die auf Sanskrit basierte. Die kompakten und manchmal codierten Sanskrit-Verse, die der Guru vorsprach, musste der Schüler rezitieren und auswendig lernen. In einem zweiten Schritt wurden sie vom Guru für den Schüler übersetzt und erläutert, damit er sie in der Praxis anwenden konnte. Die eventuell lokal vorhandenen und manchmal nur im Haus des Gurus über Generationen bewahrten Palmschriften dienten lediglich der Orientierung und eventuellen Fachgesprächen.

In der Praxis am Patienten, während der Untersuchung, musste der Lehrling, zunächst nach dem Diktat des Gurus und später selbständig, lange Listen der für den einzelnen Krankheitsfall notwendigen Pflanzen auf Palmblätter aufschreiben und dazu jeweils ihre spezifische Darreichungsform, ob sie gekocht werden mussten, zu Pulver verrieben, zu Pillen gedreht, ob Ghee-, oder Öl-Mischungen verwendet werden mussten und so weiter. Die Pflanzen wurden später von der Familie des Kranken gekauft und nach der Anleitung zu Hause zubereitet. Nach der Untersuchung teilte der Lehrling seinem Guru mit, welche Diagnose er stellen, und welche Therapie er vorschlagen würde und rezitierte die Sanskrit-Verse, die dazu passten. Nach vielen Jahren wurde so aus einem Lehrling ein Vaidya (wörtlich: Wissender).

Damit war die Ausbildung allerdings noch nicht abgeschlossen. Der Vaidya musste wandern und neue Kenntnisse über Pflanzen, Krankheiten und Therapien von anderen Lehrern oder wissenden Menschen erwerben. Seine Praxis, seine Arzneien und Therapien waren am Ende aus vielen Quellen (sowohl vererbt als auch innovativ) zusammengesammelt.

Eine ayurvedische Familientradition
G. Nāyar, 70 Jahre alt, ist der letzte Vaidya der C. N.- Vaidya linie. Seine Familie gehört zur höheren Kaste der nāyar . In den 50er-Jahren wurde er vom alten Vaidya , Cāttaru Nāyar, der nach dem plötzlichen Tod seines Sohnes einen Nachfolger brauchte, als Lehrling ausgewählt. In dessen Haus, während und nachdem er Sanskrit von einem Astrologen gelernt hatte, lernte er mehr als 16 Jahre lang Ackerbau und ayurvedische Theorie und Praxis (vor allem die Spezialität seines Gurus – Kinderheilkunde).

Patienten sind damals unregelmäßig (etwa drei bis acht am Tag) zu ihm ins Haus oder auf die Felder gekommen. Manchmal musste er lange Strecken zurücklegen, um einen Patienten zu besuchen, der bettlägerig war. Die in solchen Fällen manchmal zusätzlich indizierte externe Therapie (Öl-, Schwitzen-Therapie) wurde - nach seinen Einweisungen - von Hausdienern oder sachkundigen, geschickten Dörflern durchgeführt. Physiotherapeuten oder Standardrezepte existierten genau so wenig wie Standardverschreibungen oder Festdiagnosen. Für seine Mühe wurde er mit einem Kleidungsstück oder einer Münze entlohnt; oder er bekam von einem Patienten, wenn er genesen war, ein Bündel Bananen, Kokosnüsse oder Melasse (Zuckersirup). Fünf Jahre vor dem Tod seines Lehrers heiratete er die Ur-Großenkelin seines Gurus und zog in sein Haus.

In Laufe der Jahre, durch seine erfolgreichen Therapien, aber auch durch sein soziales, politisches und religiöses Engagement, durch seine traditionelle Erscheinung und sein angemessenes Verhalten machte er sich einen Namen in Kinderheilkunde. Durch sein soziales Netzwerk wurden zwei seiner Kinder von ayurvedischen Kollegen als Schüler aufgenommen und absolvierten bei ihnen ein Standardstudium.

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Gekochte, konservierte Medikamente. Foto: M. Paina

Ende der 80er-Jahre wurde zunächst das offizielle ayurvedische Zertifikat eines Freundes und danach das der Tochter verwendet, um die 1972 gegründeten CNS-Fabrik zu mechanisieren und damit etikettierte ayurvedische Arzneien zu produzieren und zu verkaufen. Einige Arzneimittel, die bislang frisch gekocht werden mussten, konnten jetzt durch Konservierungsstoffe haltbar gemacht werden und waren damit jederzeit gebrauchsfertig. Inzwischen stellt man sie sogar in Pulverform als Plastikkapseln oder Tabletten her.


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Die ayurvedische Cāttaru Nāyar Memorial-Fabrik. Foto: M. Paina

Diese offiziell mit „CNS“ beschrifteten Arzneien wurden nun auch in gemieteten Apotheken in den Nachbardistrikten verkauft und sogar nach Nordindien geliefert. Heute befindet sich die Fabrik in einem modernen Gebäude, besitzt den GMP-Titel (Gute Manufaktur Praxis), verfügt über 15 Außenstellen in Kerala und hat mehrere private Lieferanten in Indien.


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Die ayurvedische Cāttaru Nāyar Memorial-Klinik. Foto: M. Paina

Einzelne stationäre Patienten wurden auch ab den 80er-Jahren in einigen gemieteten Gebäuden im Dorf aufgenommen. Erfolgreiche Therapien wurden sogar mediatisiert. 2003, mit Hilfe des ayurvedischen Zertifikats des Sohnes, wurde ein ayurvedisches Krankenhaus in Betrieb genommen, in das heute bis zu 24 Patienten aufgenommen werden können. Wöchentlich besuchen über 150 Patienten ambulant die Klinik.


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Ayurvedische, gekochte Medikamente in Pulverform. Foto: M. Paina

Standardisiertes Āyurveda
In den letzten 150 Jahren entwickelte sich ein radikaler Wandel des Āyurveda, der im Zusammenhang mit der verhängten Umstellung von Naturaltausch auf Geldwirtschaft steht.

Während der britischen Kolonialherrschaft (1857-1947) mussten auch in den Dörfern ein Teil der Steuern mit Geld gezahlt werden. Damit begann ein Lebenskampf um Bargeld, den die Landbevölkerung durch für den Verkauf bestimmte Anbaufrüchte (Kautschuk, Kokos, Cashewnüsse, grüner Tee, Gewürze und so weiter) oder Landflucht/Auswanderung, erzielen konnte. Die zeitaufwendige, intensive Ausbildung und traditionell nicht bezahlte Tätigkeit der Vaidya verlor immer mehr an Bedeutung.

Gleichzeitig wurden von der entstehenden indischen Regierung das Gesundheits- und Unterrichtswesen als unter ihrer Verantwortung stehende Bereiche ausgebaut. Es entstanden die ersten ayurvedischen Schulen (1886 in Südkerala), Ärztekammern (1890 in Bombay), Pharmaunternehmen (1902 in Nordkerala) und Zertifizierungs-Prüfungen (1908 in Bombay). Immer mehr Kinder der Vaidya entschieden sich für solch zertifizierte Ausbildungen.

Āyurveda wird heute als Kulturerbe Indiens betrachtet. Parallel dazu gilt das moderne Gesundheitswesen als notwendig für die Entwicklung des modernen indischen Nationalstaates. Die postkoloniale Regierung sieht Āyurveda sowohl als traditionell (Hindu Kultur) als auch als innovativ (Indisches Medizinsystem) an. Daraufhin entwickelte sich Āyurveda in den vergangenen 60 Jahren sowohl als kulturelles Kapital Indiens, als auch als standardisiertes Medizinsystem. Āyurveda als „Tradition und Erbe“ ist heute ein gut gehender Wirtschaftszweig, als Alternative zur Biomedizin mit ihren Nebenwirkungen, vor allem wenn Āyurveda modern verpackt und verkauft wird. Das allerdings widerspricht der Ideologie ayurvedisches Wissen als traditionelles Erbe Indiens anzusehen. Dieser Widerspruch findet sich auch in öffentlichen Aussagen der Vaidya oder der ayurvedischen Ärzte (während Zeremonien, Interviews für Zeitungen, Werbemottos) wieder oder wenn zum Beispiel das Werbemotto „Heilen - eine Erbe“ neben einer industriell gefertigte Pillenpackung zu finden ist.

Die letzten Vaidya
Nach der Unabhängigkeit Indiens, entwickelte sich die Standardisierung und Zertifizierung des Wissens rasch als notwendige Vorbedingung ärztlicher Praxis und erreichte auch die dörfliche Ebene. Seit den 70er-Jahren benötigt man eine Arzt-Urkunde um eine Praxis oder Pharmafabrik eröffnen zu dürfen.

Heute bezeichnet vaidya einen nicht beurkundeten Arzt. „Ayurvedischer Arzt“ dagegen ist ein Beruf geworden, den die Vaidya offiziell nicht ausüben dürfen. Sie sind praktisch arbeitslos und ihre unbeschrifteten, handgemachten Arzneien können sie nur im Haus oder im Dorf als Einzelverkauf vermarkten. Sie leben in Armut, weil die Bevölkerung mittlerweile gebrauchsfertige Arzneien bevorzugt, die schnell und mühelos einzunehmen sind. Einige Vaidya werden in ayurvedische Fabriken beschäftigt (vor allem Vaidya aus unteren Kasten), oder lernen andere neue Berufe (vor allem Vaidya aus höheren Kasten). Manche, wie in unseren Fall, benutzen die Urkunden ihrer Freunde oder Kinder zur Entwicklung ihrer Praxis. Man beginnt generell mit einer Fabrik, da auch früher für verschriebene Pflanzen bezahlt wurde. Die Monetarisierung im Arzneimittelherstellungsbereich wird viel schneller von der Bevölkerung akzeptiert, als die Bezahlung der Dienstleistungen. Traditionell gab es verschiedene Gründe, weshalb ein Vaidya kein Honorar für die Behandlung akzeptieren durfte. Bereits vor dem Anfang der Ausbildung, während der rituellen Initiierung, wurde der Schüler darauf hingewiesen, seine künftige Tätigkeit ohne Entgelt durchführen zu müssen. Zusätzlich - unter den Brahmanen - gab es das Problem der Übertragung des schlechten Karmas der Kranken durch Tausch. Sie führten regelmäßig Schutzrituale durch oder lehnten eine Bezahlung ab. Ein Vaidya verlangt grundsätzlich kein Geld, da er es aber heutzutage benötigt, akzeptiert er den Betrag, der durch den Patienten festgesetzt wird.

Zwischen Tradition und Innovation
Ayurvedische Praktiken wurden kontinuierlich verändert und waren stets mit fachlichen Auseinandersetzungen, Neudefinitionen und Innovationen konfrontiert. Die verbreitete Behauptung eines gleichmäßigen Kontinuums ayurvedischen Wissens und Praxis dient lediglich nationalistischen Zwecken. Nur durch die Fähigkeit, sich auf den sozialen Wandel einzustellen, konnte der Vaidya seine Praxis erhalten. Dennoch werden Innovationen sorgfältig -entsprechend lokaler ethischer Werte - ausgewählt, die allerdings von Praktiker zu Praktiker unterschiedlich gedeutet und angewendet werden. In privaten Gesprächen mit Praktikern werden Kreativität, Innovation, Forschung, Kundenzufriedenheit (die Fähigkeit, sich auf den neuen, populären Geschmack für Āyurveda anzupassen), aber auch Ethik betont. Die mühsamen und konfliktreichen Strategien einiger Vaidya , ihre familienbasierte Praxis weiter zu entwickeln, ohne dabei die zerbrechliche ethische Balance zwischen Erbe und Innovation zu zerstören, bilden die Grundlage ihrer heutigen Tätigkeit.

Weiterführende Literatur
Leslie, Charles (ed.) (1976): Asian Medical Systems: A Comparative Study. Berkeley: University of California Press
Jeffery, Roger (1979): Recognizing India’s Doctors: The Institutionalization of Medical Dependency, 1918-1939. In: Modern Asian Studies 13(2). S. 310–326
Jeffery, Roger (1988): The Politics of Health in India. Berkeley: University of California Press
Langford, M. Jean (2002): Fluent Bodies: Ayurvedic Remedies for Postcolonial Imbalance. Durham: Duke University Press
Leslie, Charles & Allan Young (eds.) (1992): Paths to Asian Medical Knowledge. Berkeley: University of California Press

Zur Autorin
Dr. med. Mihaela Paina, ist Doktorandin der Ethnologie, am Südasien-Institut der Universität Heidelberg. 18 Monate Feldforschung in Kerala, Südindien, Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung
paina@stud.uni-heidelberg.de

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Indien. Karte: E. S. Schnürer






Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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