MALEREI AUS TANSANIA

Ein Einblick in die Sammlung Ethnomedizin in Wien

Von Ruth Kutalek

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„Sherehe ya mganga na marohani (mashetani) wake“ „Das Fest des traditionellen Heilers mit seinen Geistwesen“ Peter Martin (*1959, †2006), 80 x 105, 1997, Inv. Nr. 1025

Das Bild zeigt einen traditionellen Heiler bei einem Fest, das er zu Ehren seiner Geistwesen gibt. Der Maler Peter Martin dazu: „Dieser Heiler kann die Medizin mit Hilfe seiner Geister sehen. Jetzt feiert er mit ihnen, es ist ein Dank an seine Geister, weil diese ihm die Medizin zeigen, mit der er viele Krankheiten behandeln kann. (...) Er bringt also seine Geschenke, ein Huhn und Honig. Er ist hier gemeinsam mit seinen Geistern abgebildet, und er freut sich, dass sie seine Geschenke akzeptiert haben. (...) Die mashetani können verschiedene Gestalten annehmen, manche haben große Ohren, einige Hörner, sie können auch Flügel haben, so sind sie eben. Sie haben keine fixe Form, sie verändern sich.“

Die Sammlung
Die Sammlung Ethnomedizin in Wien wurde 1998 gegründet und umfasst bereits über 1.600 Objekte aus den Bereichen traditionelle Medizin und Ernährungsanthropologie sowie zeitgenössische Malereien mit ethnomedizinischen Themen aus Tansania (die sogenannte Tinga-Tinga Malerei), Hinterglasbilder aus dem Senegal (Suwer) und Malereien von Künstlern aus der Demokratischen Republik Kongo (DRC). Dazu kommt noch eine Reihe von dokumentierenden Fotos und Filmen. Es ist eine private Sammlung, die mit Unterstützung der Österreichischen Ethnomedizinischen Gesellschaft ständig erweitert wird. Die Österreichische Nationalbank finanziert im Rahmen des Jubiläumsfonds die Digitalisierung der Bestände und den Schnitt sowie die Aufbereitung der Filme.

Die Malereien
Tingatinga Bilder mit ethnomedizinischen Inhalten stellen am lokalen Kunstmarkt in Tansania die Ausnahme dar. Üblicherweise zeigt das Gros der Tingatinga Bilder, die fast ausschließlich für den lokalen Touristenmarkt und den Export produziert werden, Tierdarstellungen, die oft kopiert werden und nur in Details Neues aufweisen. Hier handelt es sich meist um Kunsthandwerk. Einige Künstler entwickeln aber auch eigene unverwechselbare Stile. Der Übergang von Kunsthandwerk (oder „Airport Art“) zu Kunst ist daher fließend.

In erster Linie wird gemalt, weil man überleben muss. Die Künstler unserer Sammlung sind meist Autodidakten oder durchliefen bei erfahrenen Malern eine Lehre. Sie sind selten akademisch oder professionell ausgebildet, und vielleicht liegt gerade hierin die starke Ausdruckskraft dieser Bilder begründet. Das Spektrum der Malereien ist überaus vielfältig. Es finden sich Darstellungen von Ritualen und Geistwesen, traditionelle Behandlungsszenen, Bilder im Sinne einer Gesundheitsaufklärung, und kritische Momentaufnahmen des westlichen Gesundheitssystems. Die Künstler sind mit wenigen Ausnahmen keine traditionell-medizinischen oder rituellen Spezialisten. Trotzdem müssen die Bilder für den westlichen Zuschauer „übersetzt“ werden, weil die Maler aus einer Symbolik schöpfen, die uns oftmals fremd ist.

Das Interesse an bildlichen Medien als ein Mittel um ethnologisches Wissen zu transportieren hat sich bis vor kurzem fast ausschließlich auf Foto und Film beschränkt. Wenig werden dazu Malereien herangezogen, weil diese Kunstform zumindest in Afrika nicht als „ursprünglich“ oder „traditionell“ gilt und die Künstler weder rituelle noch im eigentlichen Sinn kunsthandwerkliche Spezialisten sind. Umso interessanter sind die Darstellungen für die Ethnomedizin, weil sie eben oft nicht spezialisiertes Alltagswissen zeigen.

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„Misimu“ „Ahnengeister“ Job John Lulandala (*1965) 89 x 107, 2000, Inv. Nr. 1087

Job: „Viele Afrikaner glauben an Ahnengeister. Die meisten Geister nehmen die Form von Menschen an, einige Körperteile sind menschlich, manche sind aber anders. Ich male, was die Menschen über Ahnengeister glauben. Die meisten Leute glauben, dass diese Ahnengeister nur zu den Heilern gehören. Sie gehen zu den Heilern und glauben, dass sie von ihnen Hilfe bekommen.“ Die menschlich aussehende Gestalt im oberen Bereich des Bildes ist übrigens auch ein Ahnengeist. Für Job haben die verschiedenen Farben, die er benutzt, keine besondere Bedeutung.


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„Hexen bestrafen den Übeltäter“ John Kilaka (*1966), 80 x 110, um 2000, Inv. Nr. 1029

John Kilaka ist einer der bekanntesten Tingatinga Künstler, von dem viele kopieren. In Stil und Inhalt bleibt er unübertroffen. Er versteht sich nicht nur als Maler, sondern auch als Erzähler; seine Malereien sind deshalb nicht nur einfach Bilder, sondern auch Geschichten. In diesem Bild beschreibt er ausführlich die Bestrafung eines Übeltäters (links sitzend) durch Hexen, die ihn zur Strafe für sein Vergehen krank machen. Die Hexen bewohnen zwei Baobab-Bäume, die in ganz Afrika als Sitz übernatürlicher Wesen gesehen werden. Die Hexen können ihre Gestalt verändern, und in der Tat sehen manche den Geistern der vorangegangenen Bilder zum Verwechseln ähnlich. Hexen benehmen sich immer gegenteilig zu „normalen“ Menschen: Sie gehen rückwärts oder fliegen, sie sind nackt (hier ist das nicht „ausformuliert“) und sprechen eine unverständliche Sprache. Ihre Gliedmaßen sind komplett verdreht, und sie zeigen tiergestaltige Charakteristika (vor allem ganz rechts unten).

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„Traditionelle Behandlung“ Mocha, 31 x 45, um 2001, Inv. Nr. 1030

Das Bild ist auf ein Tablett aus Holz gemalt. Im Zentrum der Szene steht die Behandlung einer Frau durch einen traditionellen Heiler. Er hält die für Heiler typischen Paraphernalien in seinen Händen, einen Wedel aus Tierhaar und eine mit Heilmitteln gefüllt Kalebasse. Rechts von ihm ist seine Assistentin, die weitere Heilmittel bringt. Links vorne sitzt ein Paar und beobachtet die Szene. Rechts im Bild ist eine Frau mit einem Huhn zu sehen, das wahrscheinlich als Bezahlung für den Heiler gedacht ist. Es mag sich dabei um Angehörige handeln oder auch um Patienten, die selbst auf eine Behandlung warten. Im Zentrum vorne brodelt ein Topf mit Heilmitteln. Diese Töpfe werden oft für rituelle Zwecke gebraucht. Menschenknochen anstelle von Feuerholz - wie auch der Schädel links im Hintergrund - symbolisieren, dass hier Hexerei im Spiel ist.


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„Traditioneller Heiler “ Maiko Kapunda (*1968), 89 x 95, um 1993, Inv. Nr. 1017

Maiko: „Dieser Mann hier wurde traditioneller Heiler, weil er zu faul zum Arbeiten war. Er verwandelt sich in eine Schlange, legt sich auf einen Weg und wenn jemand vorbeigeht, beißt er zu. Wenn die Leute gebissen werden, gehen sie zur Behandlung zum Heiler; sie gehen zu ihm, wenn er sich wieder in einen Menschen zurückverwandelt hat. Die Heiler verwenden diesen Trick, um ans Geld der Leute zu kommen. Die Eule (rechts oben) wird von den Heilern in die Dörfer geschickt. Der Schrei der Eule bedeutet etwas Unheilvolles, wenn sich die Dorfbewohner dann fürchten, gehen sie zum traditionellen Heiler. Es ist ein Trick, damit man an die Heiler glaubt.“

Der Heiler trägt ein Schutz-Amulett auf seinem Oberarm. Das Bild zeigt gerade die Transformation von Mensch zu Schlange. Mit seiner Zunge, die eigentlich schon eine Schlange ist, nimmt er die magische Medizin, die ihn verwandelt. Wenn er sich zurückverwandeln will, nimmt er von der gleichen Medizin noch einmal.

Maikos recht negative Auffassung von traditionellen Heilern spiegelt die Ambivalenz wieder, mit der traditionellen Heilern oft begegnet wird. Einerseits sind sie sehr gefragt, weil sie sich, anders als etwa westlich ausgebildete Ärzte, für ihre Patienten Zeit nehmen. Außerdem stammen Heiler meist aus dem engeren sozialen Umfeld des Patienten und eine Konsultation bedeutet eine geringere soziale Schwelle. Andererseits werden viele Heiler auch mit Hexerei Verbindung gebracht und demgemäß gefürchtet. Das wird auch im vorhergehenden Bild von Mocha deutlich.

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"Traditionelle Behandlung", Said A. Mkumba (* 1964), 60 x 60, 2006, Inv. Nr. 1659

Mkumba zeigt das Alltagsleben der Menschen in Tansania. Frauen schleppen Holz und Wasser, stampfen Mais mit ihren Kindern am Rücken und flechten sich die Haare; Männer spielen bao . Rechts behandelt ein traditioneller Heiler einen Patienten mit einem aufgeblähten Bauch. Der Heiler zieht die Krankheit verursachende Hexereisubstanz (Mkumba bezeichnet es wörtlich als „Gift“) mit Hilfe eines magischen Horns und dem Stachel eines Stachelschweins aus dem Bauch des Patienten und befördert sie in ein weiteres magisches Horn. Hexereisubstanz wird oft mit Hilfe von Tierhörnern „übertragen“, deshalb findet man in fast allen Bildern, die traditionelle Behandlungen zum Thema haben, solche Hörner. Diese sind auch die bevorzugten Flugkörper von Hexen. Links im Bild wird ein Patient gebracht, der an „ slimming disease “ leidet, ein Begriff, der oftmals für Aids verwendet wird. Erstaunlicherweise spiegelt sich die hohe HIV-Rate Tansanias und das damit verbundene unglaubliche menschliche Leid kaum in Tingatinga Bildern wieder.

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"Hospitali ya nyama" „Spital der Tiere“ von Issa (*1969), 2006, Privatbesitz

Dieses Bild zeigt am ehesten den ursprünglichen Tingatinga-Stil. Das zunächst von John Kilaka entworfene Sujet wird von einigen anderen Künstlern, hier etwa von Issa, kopiert. Es zeigt eine Klinik unter freiem Himmel, mit verschiedenen Tieren als Akteuren der westlichen Medizin. Es werden Anamnesen erstellt, Medikamente und Injektionen verabreicht, Beine gegipst und Instrumente sterilisiert. Die Krankenpfleger sind Hasen und Affen, der etwas stilisierte Löwe oben rechts hat den Ambulanzbereich unter sich. Kröten, Erdferkel, Elefanten, Geparden, Giraffen und so weiter, sind Patienten, die sich- anders als in der freien Wildbahn - hier harmonisch zusammenfinden. Hervorzuheben ist die Darstellung der Wäsche aufhängenden Frau links im Hintergrund. Dies spiegelt eine Realität des afrikanischen Klinikalltags wieder: Die Menschen müssen sich in Krankenhäusern in der Regel selbst um die Versorgung ihrer Angehörigen mit Wäsche und Essen kümmern, oft werden von ihnen auch einfache pflegerische Maßnahmen erwartet.

Weiterführende Literatur

Goscinny, Yves (ohne Jahr): Tingatinga. The Popular Paintings from Tanzania. Dar es Salaam: La Petite Galerie
Wembah-Rashid, J.A.R. (1974): Edward Saidi Tingatinga – An Obituary. Tanzania Notes and Records 74. S. 49-50

Zur Autorin

Dr. phil. Ruth Kutalek arbeitet als Ethnologin an der Unit Ethnomedizin und International Health, Zentrum für Public Health, Medizinische Universität Wien. Sie gibt den englischsprachigen Viennese Ethnomedicine Newsletter heraus.
ruth.kutalek@meduniwien.ac.at www.univie.ac.at/ethnomedicine


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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