SCHAMANISMUSTRANSFER UND WESTLICHE PSYCHOTHERAPIE

Probleme der Integration von schamanischen Heilkulturen in unsere westliche Psychotherapie

Von Karin und Kurt F. Richter

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Ein örtlicher Jaguarschamane, der sein Shipibo-Dorf in Peru noch nie verlassen hat. Foto: K. Richter

Im Folgenden geht es um Schwierigkeiten, die bei dem Versuch auftreten, schamanische Heilmethoden in einen westlichen therapeutischen Kontext zu stellen. Dabei sind wir primär psychotherapeutisch und nicht ethnologisch ausgerichtet. Wir haben eine Vielzahl von Begegnungen mit Schamanen und sogenannten Schamanen in Europa, den USA und Südamerika ausgewertet und stellten uns die Frage: Was können wir als Psychotherapeuten von schamanischen Heilritualen lernen, was davon übernehmen und wann ist Skepsis angebracht?

Verständnis und Missverständnisse bei der Begegnung schamanischer und westlicher Heilkulturen
Krankheiten sind immer auch kulturelle Konstrukte. Die jeweilige Kultur definiert was normal und was abweichend und damit was gesund und was krank ist. Ebenso wie die Krankheitskonzepte sind auch die Gesundheits- und Heilungskonzepte, sowie die damit korrespondierenden Vorstellungen und Handlungsweisen kulturell bezogen.

Seit rund 50 Jahren existiert ein Interesse an Heilverfahren abgelegener Kulturen. Für sie wird in Europa und Nordamerika häufig die Bezeichnung Schamanismus als ein Sammelbegriff gebraucht. Schamanen sind Heilkundige, Medizinmänner, Sänger, Tänzer, Kräuter- und Geistheiler. Sie stammen aus ganz unterschiedlichen Kulturen und Weltregionen. Gemeinsam ist ihnen eine spirituelle Ausrichtung, Trancetechniken als Medium für Diagnosen und Heilungen sowie die Abhängigkeit vom jeweiligen sozialkulturellen Kontext. Der Heilungstourismus von Europäern und Nordamerikanern in Länder, in denen noch Schamanen praktizieren, sowie Workshops mit „echten“, eingeflogenen Schamanen begann vor etwa 15 bis 20 Jahren.

Die westliche Hinwendung zum Schamanismus scheint auf einen Mangel hinzuweisen. Es ist der Mangel an spirituellen Erfahrungen und vertrauenserweckenden ganzheitlichen Heilverfahren. Dies veranlasst „Westler“ (das heißt Europäer und Nordamerikaner) auf die Suche nach Heilverfahren zu gehen, die sich zunehmend auch auf schamanische Verfahren erstreckt. Claudia Müller-Ebeling vertritt die Hypothese, dass auch die Bereitschaft vieler Schamanen, ihre Kultur zu verlassen, um sich „Westlern“ zur Verfügung zu stellen, auf einen Mangel verweist: auf die mangelnde Anerkennung der kulturellen Leistungen der Völker, die noch Schamanen haben. Geachtet werden diese Völker nur von einer westlichen Minorität, zum Beispiel den an schamanischer Heilkunst interessierten Ethnologen, Medizinern und Psychotherapeuten, sowie Heilung suchenden Patienten und spirituell interessierten Menschen.

Für den Schamanen kann die Begegnung mit der europäischen Kultur, wie sie durch die Workshopszene vermittelt wird, zu einem großen menschlichen, professionellen und sozialen Problem werden. Kulturen zeichnen sich unter anderem durch spezifische Wertvorstellungen aus. Hier gibt es extreme Unterschiede. Dies möchten wir an einem Beispiel, das wir dem Buch von Müller-Ebeling entnehmen, illustrieren.

Zwei „Westler“ besuchten das Ayahuasca-Ritual eines kolumbianischen Schamanen. Dieser war ein in seinem Land bekannter Mann, der vorwiegend Kolumbianer aus der Umgebung behandelt, aber auch schon mal Europäer und US-Amerikaner dazukommen ließ. Während des Rituals stand einer der einheimischen Patienten - offensichtlich völlig außer sich - auf. Er verließ die Maloca und brach im Gelände zusammen. Keiner kümmerte sich um ihn. Irgendwann ging jemand hinaus und legte eine Decke auf den Mann. Die beiden „Westler“ konnten dies Verhalten nicht ertragen. Unter Protest reisten sie am nächsten Tag ab. Beide waren durchdrungen von den Werten der Fürsorglichkeit und Verantwortlichkeit: „Man kann doch den Mann nicht einfach in seinem Erbrochen liegen lassen!“ Anders der Schamane: Er ging davon aus, dass die im Ritual aktivierten heilenden Kräfte weiter in diesem Menschen wirken würden und der Patient darüber hinaus keine Hilfe bräuchte. Das Wertemissverständnis verdeckt bei den „Westlern“ ein oft tiefes Unverständnis für die Heilungsvorgänge, wie sie Schamanen praktizieren.

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Lebenswelt in einem Shipibo-Dorf in Peru. Foto: K. Richter

Schamanen, die noch wenig mit „Westlern“ zu tun hatten, werden, wenn sie zu uns kommen, mit einer ihnen fremden Mentalität und Bedürftigkeit konfrontiert. Sie machen die Bekanntschaft von westlichen Prinzipien der Leistungsgesellschaft. Wenn ein Europäer etwas bezahlt hat, will er dafür auch einen Gegenwert bekommen. Dies führt dazu, wie wir auf (bezahlten) Workshops erlebt haben, dass der Schamane nicht nur ein Heilritual durchführt, wie er es in der Regel von zuhause gewöhnt ist, sondern sich gleich mehrere Leute zur Behandlung melden. Da er aufgrund seiner Wertvorstellungen eine Heilanfrage nicht ablehnen darf, gerät er bei nicht selten 10 - 20 Anfragen in eine heillose Überforderungsituation. Die Abfertigung von Patienten im Minutentakt entspricht nicht der traditionell gängigen Vorgehensweise der Schamanen. In seinem kulturellen Umfeld behandelt er nicht nur den Patienten, sondern bezieht dessen sozialen Zusammenhang mit ein. Oft ist die ganze Familie, das ganze Dorf beim Heilritual zugegen und wird mit einbezogen. Im Workshop dagegen sind die Teilnehmer vereinzelt, zunächst ohne Zusammenhang. Jeder will etwas für sich, einen spirituellen Kick, Heilung und so weiter. Es kommt also nicht ein Familienverband mit einem Patienten zum Schamanen sondern 20, 30 vereinzelte, bedürftige Menschen gleichzeitig.

Traditionelle schamanische Heiler leben nicht von den Honoraren ihrer Patienten. Sie bestreiten ihren Lebensunterhalt durch die gleichen Tätigkeiten wie die anderen Bewohner ihres Dorfes. Sie fischen, jagen und verrichten Feldarbeit. Beruf und Berufung (zum Schamanen) sind bei ihnen getrennt. Westliche Patienten/TeilnehmerInnen erwarten eine bestimmte Dienstleistung eines „Berufs“-Schamanen für ihr Geld. Dienst an der Gemeinschaft und Dienstleistung für den Einzelnen bezeichnen völlig verschiedene kulturelle Grundeinstellungen. Allerdings ist niemand vor den Verlockungen des Geldes gefeit, auch Schamanen nicht. Die Auswirkungen der westlichen Honorare auf den Schamanen sind beträchtlich. In Bezug auf sein soziales Umfeld erwirbt er relativen Reichtum. Aber auch, wenn er alles an sein Dorf weitergibt, verändert sich seine soziale Stellung und damit eventuell seine schamanische Kraft.

Dies sind nur einige kleine Beispiele für das Missverstehen der jeweils anderen Kultur. Folgende Hypothesen lassen sich formulieren:
- Ein „Westler“ kann sich niemals im Sinne schamanischer Kulturen als Schamane bezeichnen, wenn er in unserem kulturellen Kontext praktizieren möchte - selbst wenn er eine mehrjährige Lehre bei einem „Originalschamanen“ gemacht hat. Es fehlt das dafür relevante soziale Umfeld. Die Berufsbezeichnung „Schamane“ für einen Europäer entspringt einem kulturellen Missverständnis.
- Auch ein in den Westen eingeflogener „Originalschamane“ kann hier keine „Originalrituale“ durchführen. Er trifft auf völlig andere Kontexte und Rahmenbedingungen. Man könnte das vergleichen, mit einem europäischen Chirurg, der in einem Urwalddorf ohne seine OP-Ausstattung mit einfachsten Mitteln operieren soll.
- Gleichwohl halten wir die Beschäftigung mit schamanischen Heilverfahren für ausgesprochen lehrreich und nützlich. Sie können nur nicht im Verhältnis 1:1 übernommen werden, sondern müssen übersetzt und modifiziert werden, sodass sie den Bedürfnissen, Wertvorstellungen und Heilungserwartungen von uns Europäern entsprechen. Auch hier gilt die Einsicht, der Klient muss da abgeholt werden, wo er steht.

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Schamanentrommel. Foto: K. und K. F. Richter

Versuche, schamanische Heilmethoden in westliche Kontexte zu integrieren
Der „Instand-Schamanismus“ von Michael Harner
Während Castaneda mit seinen Romanen das Interesse an der schamanischen Welt nach Nordamerika und Europa brachte, war vermutlich der Anthropologe Michael Harner der wirksamste Wegbereiter schamanischer Heilverfahren. Nach ausgiebigen Feldforschungen (1956 bis 1973) bei nord- und südamerikanischen Indianern entwickelte er eine komplexitätsreduzierte, aus mehreren Kulturen zusammengetragene und neu zusammengefügte Version, die er den Core-Schamanismus nannte. Er bot als erster eine am westlichen Markt orientierte Ausbildung zum Shamanic Counceler an.


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Skulptur zu einer archaischen Körperhaltung. Foto: K. und K. F. Richter

Der rekonstruierte Schamanismus von Felicitas Goodman
Die Anthropologin Felicitas Goodman entdeckte die „rituellen Körperhaltungen“ eher per Zufall. Sie war mit der Erforschung von Trancephänomenen beschäftigt (Pfingstgemeinde). Ihre kreative Leistung bestand darin, bestimmte archaische Körperhaltungen, wie sie auf Abbildungen aus ganz verschiednen Kulturen auftauchen, und deren Entstehung bis in die Jäger- und Sammlerkulturen zurückreichen, in Verbindung zu bringen mit bestimmten tranceerzeugenden Rhythmen (210 beat ) und Muskelanspannung. Mittlerweile wurden circa 65 Körperhaltungen veröffentlicht, untersucht, sowie medizinisch und biologisch erforscht. Auch hier ist der interkulturelle Ansatz im Verfahren selbst angelegt.


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Rasseln. Foto: K. und K. F. Richter

Europäische Workshopkultur
Workshops, besonders wenn sie im Rahmen einer Tagung oder eines Kongresses angeboten werden, bieten einen vorbestimmten Rahmen, in den sich der Inhalt, hier also die Demonstration schamanischer Künste, einfügen muss. Die Workshops werden jedoch nicht mehr nur von „Originalschamanen“ durchgeführt. Zu beobachten ist auch eine Vielzahl von Schamanen der zweiten Generation. Häufig sind es Landsleute, die aber nicht in der schamanischen, sondern oft in der städtischen Kultur des Landes groß geworden sind. Sie haben lange Lehrzeiten bei authentischen Schamanen durchlaufen und die dazugehörigen Initialriten überstanden. Sie können in beiden Kulturen leben und sind deshalb besonders geeignet schamanische Rituale in die westliche Kultur zu transportieren.

Neoschamanismus
Genau betrachtet ist der Core-Schamanismus der erste Vertreter dieser Spezies. Einen interessanten Kulturmix praktiziert ein holländischer Neoschamane. Er verbindet auf eine sehr wirksame Weise alte schamanische Ansätze mit der Aufstellungsarbeit von Hellinger. Eine ganz andere Variante des Neoschamanismus besteht in der Rückverlegung des Schauplatzes schamanischer Praxis von westlichen Workshops an Originalschauplätze in Kolumbien, Peru, Nepal und so weiter. All diese Ansätze übersetzen nicht so sehr, sondern schaffen etwas Neues.

Religiöser Schamanismus
Der nepalesische Schamane Indra Doj Gurung sagt dazu: „Wir Schamanen stammen aus der Steinzeit. Wir haben keine Religion. Religion ist für diejenigen, die nicht mehr sehen können.“ (Müller-Ebeling u.a. 2000, S. 41) Katholische Kirche und Schamanismus vertragen sich in manchen Regionen Lateinamerikas ausgesprochen gut. Bedeutung bekommen haben einige brasilianische Ayahuasca-Kirchen, zum Beispiel die Santo Daime, die auch erste Fühler nach Europa auszustrecken beginnen. Erfolgreiche Verbindungen von offizieller Religion und Schamanismus gibt es allerdings schon seit buddhistische Mönche Tibet missionierten und auf die Schamanen der Bön Kultur stießen.

Schamanismus und die Wissenschaften vom Heil und Heilen
Große Legitimationsprobleme treten in Bezug auf die herrschenden medizinischen und psychologischen Wissenschaften auf. Diese verhalten sich distanziert, nicht selten abwertend (Esoterikverdacht).

Ganzheitliches Heilen und Metaerzählungen
Die Einbeziehung schamanischer Rituale und Methoden in unser Therapiekonzept rechtfertigen wir mit einem Mangel an Ganzheitlichkeit, einer oft zu starken Reduktion von Komplexität. In unserer Praxis arbeiten wir mit Methoden aus der Gestalttherapie, der systemischen Therapie, sowie der Kreativitäts- und Körpertherapie. Dies ist schon ein breites methodisches Spektrum, das wir im Bedarfsfalle in unseren Therapien einsetzen können. Wir können sowohl die Ich-Ebene, die der psychophysischen Ganzheit und die spirituelle Ebene bis zu einem gewissen Grad abdecken. Spiritualität ist nicht primär auf Heilung ausgerichtet. Es fehlt uns der ursprüngliche, archetypische Weg, der Zugang zu den nichtalltäglichen Bewusstseinsformen und Wirklichkeitsregionen schafft. Diese sind dem westlich geprägten Ich in der Regel nicht zugänglich. Aber gerade das sind die Wirklichkeitsbereiche, die vorwiegend unsere psychosomatische und geistige Selbstregulation bewirken.

Wir haben in unserer Praxis die Erfahrung gemacht, dass einige schamanische Methoden, wenn man sie in einem angemessenen rituellen Kontext einsetzt, die Möglichkeit eröffnen, andere, uns in unserer alltäglichen Wirklichkeit kaum zugängliche Ebenen der menschlichen Existenz, schnell und effektiv zu erreichen. Kurz, wir haben den Eindruck, dass durch die Hinzunahme von schamanischen Techniken wir erst zu einem wirklich ganzheitlichen Ansatz gefunden haben, der alle Wirklichkeitsebenen eines Menschen berücksichtigt. Unser Ansatz ist trotzdem nicht schamanisch, sondern durchaus westlich. Er versucht nur durch das, in unserer Kultur verlorengegangenes Wissen bei anderen Kulturen - mit allem Respekt - zu entlehnen und in unser Konzept zu integrieren. Das sagt sich zwar leicht, in der Konkretisierung steckt aber das Problem.

Anzustreben ist, dass die Ritualgestaltung nicht von der Magie der Fremde lebt, sondern von der verständlichen Kraft der Rituale in unserer Kultur. Dies verstehen wir als Einladung zu einer Suche danach, was unsere Kultur an Ressourcen und Integrationsmöglichkeiten zu bieten hat.

Weiterführende Literatur

Andritzky, Walter (1999): Traditionelle Pasychotherapie und Schamanismus in Peru. Berlin: Verlag für Wissenschaft und Bildung
Goodman, Felicitas D. (1992): Trance. Der uralte Weg zum religiösen Erleben. Gütersloh: Güthersloher Verlagshaus
Harner, Michael (1994): Der Weg des Schamanen. Genf: Ariston Verlag
Müller-Ebeling, Claudia; Christian Rätsch; Surendra Bahandur Shaahi (2000): Schamanismus und Tantra in Nepal. Aarau, Schweitz: AT-Verlag
Richter, Karin; Kurt F. Richter (2005): Transferschritte für die Arbeit mit „Rituellen Körperhaltungen und ekstatischer Trance nach Felicitas Goodman“ in der Psychotherapie. In: curare 28/ 2005. S. 43–52

Zu den Autoren

Karin Richter: Psychotherapie (HPG), Ausbildungen in mehreren psychotherapeutischen Verfahren, sowie in „Ritueller Körperhaltung und ekstatischer Trance“ nach F. Goodman, Core-Schamanismus und Imaginationstherapie. Feldforschung im peruanischen Amazonasgebiet. Forscht über die Wirkung von Trancework bei traumatisierten Menschen und schweren Krankheitsprozessen.
Kurt F. Richter: Psychologischer Psychotherapeut, Supervisor und Coach. Dozent und Fachbereichsleiter für „Psychotherapie und Beratung“ an der Akademie Remscheid, untersucht derzeit unter anderem Einsatzmöglichkeiten von Trancework in Coachingprozessen.
Beide arbeiten zusammen in ihrer Psychotherapeutischen Praxis. E-Mail: kfrichter@aol.com
www.trancework.de


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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