GROSSMUTTER LEBT ALLEIN IN IHREM HÄUSCHEN

Alte Frauen in einem iranischen Dorf

Von Mary Elaine Hegland

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Aliabad. Großmutter ist zu Besuch im Haus ihrer Freundin, einer ebenfalls allein lebenden Großmutter. Foto: M. E. Hegland

Seit etwa zehn Jahren zeichnet sich im Iran bei älteren Witwen zunehmend der Trend ab allein zu wohnen. In Städten war diese Entwicklung schon früher zu erkennen, aber nun ist sie auch in Dörfern und Kleinstädten nicht zu übersehen: Die Großmutter will in ihrem Haus bleiben statt wie bisher, ihren Lebensabend im Kreise der Familie des (meist) jüngsten Sohnes zu verbringen. Was geht hier vor? Da diese Entwicklung auf einen raschen Wandel in zwischenmenschlichen Beziehungen hindeutet, machte ich sie zum Hauptthema meiner ethnographischen Forschung bei meinen drei jüngsten Besuchen im Dorf “Aliabad”.

Aliabad 1978 und 2003-2006
Als ich 1978 zum ersten Mal nach Aliabad kam, hatte das Dorf, das eine halbe Stunde Busfahrt von Shiraz entfernt liegt, ungefähr 3000 Einwohner. Die Bauern des Dorfes hatten gerade begonnen, sich nicht mehr auf Bodenbau zu beschränken, sondern in Fabriken zu arbeiten oder am Bau, oder sie suchten in Shiraz eine Arbeit, die ihnen ein besseres Einkommen versprach. Geld war knapp, die Lebensansprüche waren einfach. Die meisten Familien lebten innerhalb der alten Dorfmauern in Lehmziegelräumen, die auf die Stallbauten aufgestockt waren. Große Familien wohnten zusammen, jeder der Räume beherbergte ein Ehepaar mit Kindern. Die Gebäude waren um einen Hof herum angeordnet, und der Wohnraum war eng. Wenn Eltern eine Heirat für einen Sohn arrangierten, so wurde für das junge Paar meist ein Raum im elterlichen Wohnblock frei gemacht oder angebaut. Das Gehöft war die Welt der Frauen. Eine neue Schwiegertochter war noch mehr auf Haus und Hof beschränkt als ältere Frauen. Wenn sie ausgehen wollte, musste sie Erlaubnis von ihrem Mann und/oder ihren Schwiegereltern einholen. In Abwesenheit der auswärts arbeitenden Männer war die Mutter/Schwiegermutter die Herrin des Tagesgeschehens im Haus. Bis sie hinfällig wurde, überwachte sie alle Arbeiten und ihre unverheirateten Töchter und Schwiegertöchter und auch als Witwe behielt sie diese Position. Im Jahre 1978 lebte in Aliabad keine Witwe allein.

Diese Situation hatte sich 2003, als es mir wieder möglich war, Aliabad zu besuchen, grundlegend geändert. Die Bewohner von Aliabad waren relativ reich geworden. Nur wenige Männer waren noch Bauern. Sie hatten Boden verkauft, viele hatten Jobs mit ständigem Einkommen, die meisten hatten Bank-Darlehen. Alle wollten “modern” leben. Das bedeutete, dass die meisten Familien das alte Dorf verlassen und in den ehemaligen Feldern Ziegelhäuser gebaut hatten, umgeben von einem kleinen Garten und hohen Mauern. Die alte Dorfmauer war verschwunden und neue asphaltierte Strassen führten in alle Richtungen. Die Hauptstrasse nach Shiraz war kilometerlang von neuen Geschäften, Tankstellen, Reparaturwerkstätten, Banken, Ordinationen, und Büros gesäumt. Die Bevölkerung war auf etwa 7000 Einwohner angewachsen, teils wegen des großen Kinderreichtums in den letzten zwei Generationen, teils aber auch wegen der Zuwanderer aus umliegenden Siedlungen, die in Aliabad Arbeit fanden.

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Eine allein lebende Großmutter rezitiert während einer religiösen Versammlung von Frauen an einem Dorfschrein. Foto: M. E. Hegland

Mit dem Zufluss von Geld ist das Wohnen komfortabler geworden. Die alten Stallungen sind verschwunden. Die Kleinfamilien leben nun in mehrräumigen Ziegel/Zement-Häusern und haben moderne Küchen, Gas-Heizungen, und Badezimmer mit fließendem Wasser. Die Zimmerwände sind mit Stuck und Spiegel-Mosaiken verziert, es gibt Fernsehapparate und Küchenmaschinen, Video-Kameras und Autos. Die Nahrung ist so reichhaltig geworden, dass Übergewicht zu einem Problem geworden ist. Die Kleidung richtet sich nach der städtischen Mode. Junge Familien haben wenige Kinder, und diese haben Idealerweise ein eigenes Zimmer und elektronische Unterhaltungsmedien. Zum Unterschied der Kinder der Elterngeneration gehen heute alle in die Schule. So wie überall in Iran sind Mädchen auch hier bessere Schülerinnen als Jungen und bestehen die Aufnahmeprüfung für ein Universitätsstudium eher als ihre Brüder. So studieren etliche Mädchen von Aliabad. Mit dieser Entwicklung stieg auch das allgemeine Heiratsalter, besonders aber das der Mädchen. Bevor sie heiraten, wollen sie zumindest die Schule abschließen, wenn nicht gar studieren. Das heißt sie wollen nicht mehr mit 14 oder 15 Jahren verheiratet werden. Es kommt auch immer öfter vor, dass sie einen Mann, den die Eltern für sie ausgesucht haben, ablehnen. Manchmal sieht man junge Ehepartner sogar miteinander in aller Öffentlichkeit zärtlich sein. Das wäre noch vor ein paar Jahren als schamlos kritisiert worden. Junge Ehepaare wenden Methoden der Schwangerschaftsverhütung an, denn Kinder groß zu ziehen ist teuer geworden. Die jungen Frauen wollen Geld verdienen, damit sie sich ein “gutes Leben” leisten können, wie sie sagen.

Mit diesem neuen Selbstverständnis wollen sie sich auch nicht mehr einer Schwiegermutter unterordnen oder das Einkommen und die Zuneigung des Ehemannes mit ihr teilen. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass eine Schwiegertochter der Mutter ihres Mannes ohne Widerrede gehorcht, für sie arbeitet, oder sich von ihr bekritteln oder kontrollieren lässt. Junge Frauen sagen, dass sie sich in dem Maße um ihre Schwiegermutter kümmern, wie sie sie persönlich schätzen, und nicht mehr aus Pflichtgefühl. Dieser Wandel von traditionellen zu modernen persönlichen Beziehungen hat schwerwiegenden Einfluss auf das Leben der älteren Frauen.

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Aliabad: Eine Witwe sitzt am Grab ihres vor kurzem verstorbenen Ehemanns. Foto: M. E. Hegland

Unabhängige dörfliche Großmütter
Aus der Sicht der Großmütter bedeutet diese Entwicklung, dass sie (mit Ausnahmen) nicht mehr so wie früher unter dem Druck stehen, auf jeden Fall unter männlicher Obhut leben zu müssen. Wenn der Ehemann stirbt, fühlt sich die Witwe nicht mehr durch die Erwartungen ihrer Familie und der Dorfbewohner gezwungen, zu einem ihrer Söhne zu ziehen. Das heißt jedoch nicht, dass sie sich ganz von den erwachsenen Kindern absondert. Alle 40 älteren Frauen im Dorf, die ich befragte und beobachtete, besuchen ihre Kinder und Enkelkinder oft für mehrere Tage, feiern alle Festtage mit ihnen, und sie fühlen sich frei genug, auch andere Verwandte zu besuchen. Niemand verbietet es ihnen, und die geringe Arbeitslast im eigenen Haus erlaubt viel Freizeit.

Drei Faktoren begünstigen diesen Zug zur Selbständigkeit. Einer ist die finanzielle Unabhängigkeit. Früher waren ältere Frauen in Bezug auf den Lebensunterhalt fast vollständig auf ihre Söhne angewiesen. Heute haben die meisten Zugang zu mehreren kleinen Einnahmequellen. Sie erhalten zum Beispiel Geld aus der Verpachtung von Land oder einer Liegenschaft, durch die Vermietung eines Zimmers in ihrem Haus oder sie bekommen eine Witwenrente, staatliche Unterstützung oder Geld von einer Wohlfahrtsorganisation. Auch wenn diese Einkommen gering sind, erlauben sie den genügsamen alten Frauen doch selbständig zu wirtschaften. Auch die finanzielle Unabhängigkeit der Kinder spielt dabei eine Rolle, denn durch Löhne, Kredite, Verkauf von Land, und allerlei geschäftlicher Tätigkeiten sind die meisten Söhnein der Lage, im eigenen Haus zu wohnen statt im elterlichen.

Ein weiterer Faktor ist der ausgesprochene Wunsch vieler älterer Frauen, alleine so zu leben, wie sie wollen. Sie möchten selbst kochen, selbst einkaufen, selbst entscheiden, wann sie ausgehen, Tee trinken oder schlafen gehen, und sie möchten ihre Ruhe haben. Eine drückte es so aus: “Die Alten haben keine Geduld mehr für Kinder und Schwiegertöchter”. Früher war zwischen dem Lebensstil junger und alter Menschen kaum ein Unterschied. Aber die Veränderungen in der Hierarchie innerhalb der Familie und die daraus resultierende Dynamik der Beziehungen, sowie der Wandel im Lebensstil der Jungen, machen das Zusammenleben für beide Generationen unbequem. So hat zum Beispiel die Großmutter, die nicht lesen und schreiben kann, wenig Verständnis für die herumliegenden Bücher und die laute Musik der Enkel. Die Enkelinnen wiederum möchten von der Großmutter nicht ständig hören, dass ihre Kleider zu aufregend, ihr Make-up überflüssig, und die ewigen Handy-Gespräche störend sind. Die verschiedenen Lebenseinstellungen sind Grund für Verstimmungen. Die Alten klagen darüber, dass sie nicht mit dem erwarteten Respekt behandelt werden und finden das längere Zusammensein mit den Jungen unerfreulich oder zumindest anstrengend. Pizza und Popmusik, Sandwichs und amerikanische Filme sind den Alten fremd. Nach einem längeren Besuch bei ihren Familien ist die Großmutter froh, wieder in ihr eigenes ruhiges Haus zu kommen.

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Eine Frau aus Aliabad, gerade zurückgekehrt von einer Pilgerfahrt nach Mekka zusammen mit ihrem Mann, wird von einem jungen Verwandten begrüßt. Foto: M. E. Hegland

Der dritte Faktor betrifft die Wünsche der Schwiegertöchter. Auch wenn die eine oder andere alte Frau lieber bei ihrem Sohn wohnen würde als allein, wehrt sich die Schwiegertochter erfolgreich dagegen. Viele Leute klagen darüber, dass junge Schwiegertöchter und ihre eigene Familie sehr anspruchsvoll geworden seien. Sie haben hochgespannte Erwartungen an die Annehmlichkeiten des Hauses und den Lebensstil, und eine davon ist, dass sie getrennt von der Familie des Ehemannes leben wollen. Das macht alte, allein stehende Frauen oft unglücklich. Sie klagen einander ihr Leid, dass sie niemanden haben, mit dem sie reden können, dass die Schwiegertöchter sie von den Enkeln fernhalten, dass niemand für sie Zeit hat.

Deshalb haben viele Großmütter in Aliabad gemischte Gefühle in Bezug auf ihre Lebenssituation. Als ich eine fragte, warum sie nicht bei einem ihrer Söhne wohnte, sagte sie, “Ich möchte allein leben. Ich möchte ihn und seine Familie besuchen, ein, zwei Nächte dort bleiben, aber nicht dort wohnen. Wenn mein Sohn ein zweistöckiges Haus hätte, dann würde ich gerne im oberen Stockwerk wohnen, aber ansonsten nicht, weil ich sie stören würde. Sie wären nicht frei, zu tun, was sie wollen, und ich auch nicht. Bei mir daheim lege ich mich hin, wenn ich müde bin, wenn ich Tee trinken will, mache ich Tee. Wenn ich bei meinem Sohn leben würde, so müsste ich Tee trinken, wenn meine Schwiegertochter ihn macht. Wenn sie keinen macht, hätte ich keinen. Mein Sohn kommt erst um sechs Uhr nach Hause, vorher gibt es kein Abendessen, auch wenn ich hungrig bin. Schwiegertöchter mögen ihre Schwiegermütter nicht besonders gern. Sie wollen nicht gehindert werden, im eigenen Auto herum zufahren oder ihre eigene Familie zu besuchen. Ich würde dabei nur stören”. Doch die gleiche Frau klagte darüber, dass sie nicht viel zu tun hätte, und dass sie das einsame Leben satt habe. Deshalb, sagte sie, besuche sie so oft ihre Kinder, besonders ihre verheirateten Töchter. Denn Töchter, das sagt jeder, haben eine engere Beziehung zur Mutter und viel mehr Geduld mit ihr als die Schwiegertöchter, die traditionell zur Versorgung der Eltern des Mannes verpflichtet sind.

Eine andere alte Frau sagte, “Ich möchte unabhängig sein. Wenn ich bei meinem Sohn leben würde, hätten er und seine Frau das Sagen, sie würden bestimmen, was geschehen soll und wann. Ich könnte nicht einfach ausgehen und jemanden besuchen. Oft weiß ich besser, wie man etwas macht, aber die Jungen sagen, dass die Alten nichts wissen und nichts können”. Wie andere auch, beklagt sie jedoch die Stille im eigenen Haus, und erzählt vom vergangenen Leben in ihrem Hof, wo jeder kleine Kinder hatte, und man nie allein war. Aber auch dieses Leben hatte seine Schattenseiten: “Kein Wunder, dass meine Nerven kaputt sind”, sagte eine alte Frau, “zuerst hatte ich vier Kinder um mich und jetzt bin ich ganz allein”.

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Aliabad. Zurück aus Mekka - Begrüßung von der allein lebenden Schwester und dem Sohn. Foto M. E. Hegland

Alle alten Frauen müssen sich heute mit dieser Gegebenheit auseinandersetzen. Die meisten, die sagen, dass sie ihren Lebensabend selbst gestalten wollen, schätzen die heutigen sozialen und wirtschaftlichen Umstände realistisch ein. Noch hat sich für die Altersversorgung kein neues kulturelles Muster gebildet. Im Dorf gibt es keine Seniorenheime oder Wohngemeinschaften, und auch in Städten sind sie selten und haben einen schlechten Ruf. Vorerst muss im Übergangsstadium von der Groß- zur Kleinfamilie jeder für sich selbst Entscheidungen treffen, die daraus resultierenden Vorteile nützen und die Nachteile in Kauf nehmen. Im rapiden Kulturwandel des heutigen Iran sind alte Frauen Pioniere im Improvisieren und Testen von Lebensformen für die letzten Jahre des Lebens.

Dieser Beitrag ist eine Zusammenfassung des Vortrages, "Iranian Village Grandmothers and the Independent Life", den die Autorin bei der 5. Konferenz der Society for Iranian Studies, in Bethesda, Maryland, U.S.A. im Mai 2005 hielt. Übersetzung von Erika Friedl


Zur Autorin

Mary Elaine Hegland lehrt Ethnologie an der Santa Clara University in Kalifornien, U.S.A. Sie arbeitet hauptsächlich an Themen der vergleichenden Gerontologie in Iran, Tadjikistan, den USA und der Türkei.

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Iran. Karte: E. Schnürer, Museum der Weltkulturen




Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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