DIE SCHWANGERSCHAFT MIT DEM APFEL

Über Heiligenverehrung in Griechenland

Von Ulrike Krasberg

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Geschmückte Ikonen in einer Kirche. Foto: U. Krasberg

In Athen gibt es einen Ort der Verehrung der Heiligen Irini Chrisovalantu, nämlich eine Kirche mit Garten, in dem ein Apfelbaum wächst. Jeweils der oder die Äpfel, die an einem bestimmten Tag im Jahr reif vom Baum fallen, sind wundertätige Äpfel. Sie werden in die Kirche getragen und bleiben dort einige Zeit. Gläubige, die - nach drei Tagen des Fastens - ein kleines Stück von diesen Äpfeln zu sich nehmen, werden von Krankheiten oder Kummer befreit, oder aber - und um diese Hilfe wird von Frauen überwiegend gebeten - sie werden schwanger. Man kann auch dorthin schreiben und um ein Stück des wundertätigen Apfels bitten. Das wird dann, ganz profan in ein Stückchen Plastik eingeschweißt, mit der Post zugesandt.

Mit Hilfe einer Heiligen oder der Muttergottes schwanger zu werden, scheint in Griechenland nichts Außergewöhnliches zu sein, zumindest wenn man in kirchlichen Pilgerstätten die vielen Votivtafeln für ein Wunder bei einer Schwangerschaft sieht, oder die Dankesbriefe in kircheneigenen Broschüren liest. Ich möchte im Folgenden außer Acht lassen, dass wissenschaftliche Logik, in diesem Fall die der Medizin und Psychologie, ganz schnell die Nichtigkeit eines solchen Wunders beweisen könnte. Hier geht es vielmehr um das, was man die „kulturelle Wahrheit" eines solchen Wunders nennen könnte. „Kulturelle Wahrheit" hat mit „Sinn" zu tun, der zugleich in einer Person und im sozialen Zusammenhang zu finden ist. Der „Sinn" wird augenfällig in der Geschichte einer Region, er findet sich in Mythen und Märchen wieder, in Riten und in der Religion. „Wahrheit" wird empfunden, wenn ein und die gleiche Handlung auf mehreren Ebenen zugleich „Sinn" macht und dabei die innere Überzeugung der Person, die nach dieser Wahrheit im Zusammenhang mit einer Problemlösung sucht, identisch wird mit den Aussagen in anderen Sinnzusammenhängen.

Die Heilige Irini Chrisovalantu ist eine unter vielen wundertätigen Heiligen in Griechenland, zu deren Kapellen, Kirchen und Klöstern man pilgert und um Hilfe bittet, und die ganz allgemein ein Teil der kulturellen Identität und des griechischen Weltbildes sind. Obwohl Griechenland säkularisiert ist, hat sich die Identität der Menschen keineswegs in einen privat-religiösen und einen gesellschaftlichen, nicht-religiösen Bereich getrennt. Im Gegenteil: Griechin oder Grieche zu sein bedeutet immer auch Christin oder Christ zu sein. Diese Identität hat ihre Wurzeln unter anderem in den Jahrhunderte langen Befreiungskriegen von der türkischen Herrschaft, in denen weniger die ethnische oder nationale Identität als vielmehr die Religion beziehungsweise der gemeinsame Glaube das Einigende war.

Diese doppelte (nationale und religiöse) Identität wird auch heute noch durch das gemeinsame Erscheinen von staatlichen und geistlichen Würdenträgern bei allen offiziellen (kirchlichen und staatlichen) Feiern in Griechenland hervorgehoben. So ist es auch kein Zufall, dass ein hoher nationaler Feiertag wie der 25. März, der als Tag der Befreiung von der türkischen Herrschaft gefeiert wird, zugleich auch der hohe Feiertag „Maria Verkündigung" ist. Besonders deutlich wird dieses Ineinandergreifen auch am Beispiel des berühmten Wallfahrtsortes der Heiligen Muttergottes (panagía) auf der Insel Tinos. Er steht in besonderem Zusammenhang mit der Gründung des griechischen Staates: Während des Kampfes um Unabhängigkeit wurde von einer Nonne die wundertätige Ikone der Muttergottes, die den Wallfahrtsort begründete, in der Erde gefunden. Die Unabhängigkeitskämpfer wurden durch den Fund der verloren gegangen geglaubten Ikone der Muttergottes auch deshalb in ihrem Siegeswillen so außerordentlich bestärkt, weil Maria, als Mutter Gottes, nicht nur das Symbol des Mütterlichen und damit das Ideal und Vorbild eines jeden jungen Mädchens und jeder Frau ist, sondern die Vitalität der panagía (die gebiert, nährt und schützt), findet sich als Symbol auch in kriegerischen Auseinandersetzung der Männer wieder. Der Glaube an die panagía hilft siegen (und vor allem deshalb ist Maria Himmelfahrt der Feiertag der Armee). So soll dem Mythos nach die Muttergottes im 7. Jahrhundert, als Konstantinopel von Persern und Avaren angegriffen wurde, auf Seiten der Stadtbewohner siegreich um die Befreiung der Stadt gekämpft haben. Als Dank wird noch heute während der Fastenzeit vor Ostern bei der Freitagsmesse eine an sie gerichtete Hymne gesungen, die ihr die Attribute eines siegreichen Generals verleiht. Somit ist die Nationwerdung Griechenlands symbolisch eng verbunden mit der Muttergottes.

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Sinnstrukturen von Weiblichkeit

Die symbolische Kraft Marias, der dominanten Heiligen im griechisch-orthodoxen Christentum, geht auf die, aus der Antike bekannte, Leben spendende und erhaltende Kraft der Erdmutter zurück. Sie ist die Basis der Familie und wird verkörpert durch die Mutter und Hausfrau. Maria als Leitfigur weiblichen Lebens kann durchaus so verstanden werden, dass ihre Vitalität und Potenz auch jede gläubige Frau verkörpern kann. Durch ihre Vitalität und Potenz wird sie zum „Werkzeug" Gottes, sie gebar Gottes Sohn, und die weibliche Passivität erscheint hier als Stärke. Der (Ehe-)Mann Josef ist zwar notwendig (die orthodoxe Kirche kennt nicht die jungfräuliche Geburt), spielt aber eine untergeordnete Rolle.

Die Vorstellung, dass zum Begattungsakt der „göttliche Wille" hinzukommen muss, damit neues Leben entstehen kann, erhält bei der „Schwangerschaft mit dem Apfel" eine starke Betonung. Der physische Akt alleine reicht nicht. Der Mann ist in seinen Möglichkeiten beschränkt, über den Akt hinauszugehen, aber die Frau kann in ihrem Glauben Hilfe erbitten. Denn ihr ist die Potenz gegeben, den Beginn neuen Lebens in sich entstehen zu lassen. Und in diesem Zusammenhang kann die Frau in eigener Verantwortung und im Sinne ihres Glaubens Probleme angehen. Somit ist es letztendlich nicht (nur) der Mann, der ihr zu einer Schwangerschaft verhilft, die göttliche Dimension der Entstehung neuen Lebens muss dazu kommen. Und wenn die Frau als Christin auch in der Dimension des Glaubens verortet ist, bekommt sie darüber einen gewissen Handlungsspielraum. Die "Schwangerschaft mit dem Apfel" verdeutlicht und betont diese religiöse Weltsicht und erhöht darüber die Stellung der Frau dem Mann als Vater gegenüber.

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Wie viele Frauen mit Hilfe der verschiedenen Heiligen schwanger geworden sind, darüber gibt es keine statistische Erhebung in Griechenland. Aber man kann davon ausgehen, dass auf sich warten lassende Schwangerschaften in ihrer Häufigkeit vergleichbar sind mit denen von deutschen Frauen. Der Unterschied aber ist der, dass Frauen, deren Schwangerschaft auf sich warten lässt, sich hier nicht um psychotherapeutische Hilfe bemühen würden und auch nicht selbstverständlich Hilfe in der medizinischen Therapie für dies Problem suchen. Sie gehen nicht zum Arzt, sondern sie vertrauen auf eine Kraft, die verkörpert wird durch die Heiligen.

Die Frau, die „mit dem Apfel" schwanger wird, handelt in eigener Kompetenz und erfährt dadurch eine Stärkung ihres Selbstbewusstseins. Als gläubige Christin kann sie so jenem Moment der Empfängnis mehr Bedeutung und Gewicht verleihen, den auch die wissenschaftliche Medizin als außerhalb ihres „Arbeitsgebietes" liegend definiert: den mystischen Moment der Entstehung neuen Lebens. Bei modernen naturwissenschaftlichen Methoden zur Herbeiführung einer Schwangerschaft verliert die Frau ihre physische und psychische Kompetenz Kinder zu bekommen, an ein System, das ihre Kinderlosigkeit auf einen körperlichen Defekt reduziert. Sie wird Patientin. Bleibt ihre weibliche Identität aber verankert in den traditionellen und religiösen Dimensionen, die immer noch fester Bestandteil des sozialen und geselligen Lebens im Dorf sind, so erhält sie sich auch ihre weibliche Kompetenz.

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Postmoderne Lebensweisen

Die postmoderne (städtische) Gesellschaft bietet die Annehmlichkeiten einer auf allen Ebenen guten materiellen Ausstattung. Aber im Gegensatz zur dörflichen Gemeinschaft ist jedes Individuum für sein persönliches leibliches und seelisches Wohl weitgehend selbst verantwortlich, sei es in Bezug auf Ernährung (Lebensmittelskandale), auf die Qualität medizinischer Hilfen, auf Wohnen oder Verkehr. Das wiederum lässt die Illusion entstehen, den Schutz von Körper und Seele selbst in der Hand zu haben, ja den individuellen Schutz tatsächlich leisten zu können, wenn nur alle (Wahl-)Möglichkeiten ausgeschöpft werden und seien sie auch außerhalb der modernen Welt in Traditionen oder esoterischen Weltvorstellungen zu finden.

Diese Lebenszusammenhänge der Postmoderne haben ohne Frage auch Einfluss auf die Lebensplanung im modernen Griechenland und besonders in griechischen Großstädten. Schon seit etlichen Jahren ist zu beobachten, dass es ehemalige Abwanderer aus den ländlichen Gebieten Griechenlands in die städtischen Ballungsräume wieder vermehrt in ihre Heimatdörfer zurückzieht. Dies ist ein neues Wanderverhalten und wird individuell damit begründet, dass man wieder Gemüse aus dem eigenen Garten essen will, für den Eigenbedarf Hühner und Ziegen halten will, und dass es von Bedeutung ist zu wissen, dass das Fleisch vom Metzger das Rind auf der Weide gegenüber geliefert hat. Aber nicht nur das: Auch die traditionellen Heilmittel, die im Zusammenhang mit der religiösen Praxis im Dorf stehen, erscheinen plötzlich als Möglichkeit der Selbstbestimmung über Körper und Seele. Für Arbeitsmigranten, die ihren Urlaub im Dorf verbringen, ist gerade dieser Lebensbereich sehr attraktiv.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet wandelt sich auch die „Schwangerschaft mit dem Apfel" durch ihren sozio-religiösen Sinnzusammenhang von vermeintlich "mittelalterlichem Denken" zu einer selbstbestimmten Handlung, adäquat den Sinnzusammenhängen moderner Individualität und (post)moderner Lebensführung.

Dieser Beitrag ist eine gekürzte Version von: Ulrike Krasberg (1998): Die Schwangerschaft mit dem Apfel. Eine dichte Beschreibung kultureller Wahrheit. In: Gerhard Fröhlich, Ingo Mörth (Hg.): Symbolische Anthropologie der Moderne. Kulturanalysen nach Clifford Geertz. Frankfurt/M., New York: Campus. S. 193-202

Zur Autorin
PD Dr. Ulrike Krasberg, Ethnologin, Privatdozentin am Institut für Vergleichende Kulturforschung, Universität Marburg. Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Museum der Weltkulturen. Feldforschung in Griechenland und Marokko.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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