HIV/AIDS UND MENSCHENRECHTE IN PAPUA NEUGUINEA

Von Marion Struck-Garbe

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Human Rights. JPG Plakat, AIDS und Menschenrechte Quelle: PNG National AIDS Council

Der erste AIDS-Fall in Papua-Neuguinea (PNG) wurde offiziell 1987 registriert. Seitdem ist die Zahl der HIV/AIDS-Infektionen drastisch gestiegen. Papua-Neuguineas „National AIDS Council“ schätzt, dass heute etwa 30.000 Menschen infiziert sind oder den Virus unentdeckt in sich tragen, während der frühere Regierungschef des Landes Sir Mekere Morauta davon ausgeht, dass bereits 100.000 Menschen mit dem HIV-Virus infiziert sind und sich die Infektionsrate jährlich mindestens verdoppelt. Bei einer Gesamtbevölkerung von rund 5,4 Millionen Menschen hat Papua-Neuguinea, so sagen etliche Experten, die Kontrolle über das Problem bereits verloren.

Das von zahlreichen Geberländern (insbesondere von Australien) für die AIDS-Bekämpfung zugewiesene Geld wird hauptsächlich für Aufklärungsmaßnahmen in den Städten des Landes eingesetzt. Plakate, Sendungen im Fernsehen, Anzeigen in Zeitungen und Broschüren erreichen jedoch lediglich einen Bruchteil der Ziel- und Risikogruppen - die Menschen in den Ballungsräumen. Doch die Bevölkerungsmajorität (80 %) lebt in ländlichen Gebieten, in unzugänglichen Berggegenden und Regionen jenseits der Reichweite von Regierungsdiensten. Post, Telefon, Massenmedien und Transportmittel arbeiten lückenhaft, speziell auf dem Land verschlechtert sich die Lage zunehmend.

Das geringe Bildungsniveau und die immense kulturelle und Sprachenvielfalt des Landes erschweren jede Aufklärungsarbeit. Informationsmaterial in Englisch oder selbst Pidgin wird längst nicht überall verstanden. Die Analphabetenrate in Papua-Neuguinea ist hoch: 50 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer können nicht lesen und schreiben.

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Mi Gat Banis. JPG "Ich fürchte mich nicht, ich hab einen Schutz!" Quelle: Gesundheitsbehörde Enga Provinz PNG. Foto: M. Struck-Garbe

Die schwierige Kommunikationslandschaft Papua-Neuguineas macht es nicht leicht, zu einem so sensiblen Thema wie Sexualität Aufklärung zu betreiben und Menschen zu Vorsicht und Verhaltensänderungen zu bewegen. In Papua-Neuguinea verfügen nur die Kirchen über ein landesweit funktionierendes Netzwerk, das sie auch für Prävention und Gesundheitsfürsorge nutzen können. Die Kirchen tragen große Teile des Gesundheits- und Bildungswesens des Landes. Sie erreichen mit ihren basisnahen Möglichkeiten viel mehr Menschen als die Werbeaktionen der Regierung, die lediglich zu 20 Prozent der Bevölkerung vordringen.

Die Mehrzahl der Bevölkerung hat kaum Faktenwissen über HIV und AIDS und kennt die Krankheit nur vom Hörensagen, durch Gerüchte und Geschichten und vielleicht von der Kanzel des Predigers als Strafe Gottes. Das Thema ist eine unsichtbare und nicht fassbare Bedrohung, auch weil die Kranken versuchen, „sich unsichtbar“ zu machen. Die auftretenden Symptome werden aus Unkenntnis anderen Ursachen zugeordnet und HIV/AIDS bleibt häufig unerkannt. Auch die in Papua-Neuguinea sozio-kulturell bedingte Geheimhaltung einer Infizierung erschwert es, das wahre Ausmaß der HIV/AIDS-Verbreitung zu erfassen. Außerhalb des städtischen Bereichs gibt es kaum gesicherte Daten. Die gestiegene Mobilität und das für Papua-Neuguinea typische Verhalten, bei Krankheit und nahendem Tod in die ländlichen und oftmals abgelegenen Heimatorte zurückzukehren, hat HIV/AIDS vermutlich schon bis in den entferntesten Winkel das Landes vordringen lassen.

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JPG, Ein Mann an AIDS-erkrankt im Hospital. Quelle: General Hospital Port Moresby

Umgang mit HIV/AIDS
Kulturelle Konzepte von Scham, Schande, Ablehnung und Stigma sowie lokale Glaubensvorstellungen prägen den Umgang mit HIV/AIDS-Kranken. Für HIV-Infizierte und AIDS-Kranke in Papua-Neuguinea bedeuten Ansteckung und Krankheit nicht bloß Schwäche, Verfall und Tod, sondern auch ein akut erhöhtes Sicherheitsrisiko.

Normalerweise bietet das „Wantok System“ - ein Verbund von Verwandten und Menschen gleicher Abstammung (wantok = eine Sprache) - dem Einzelnen soziale Sicherheit im Alltag. HIV und AIDS-Erkrankten versagt das System häufig jede Unterstützung. Deshalb droht den Betroffenen zusätzlich zu den Krankheitsproblemen auch Stigmatisierung und manchmal körperliche Bestrafung. Damit ist es für infizierte Personen, speziell in ländlichen Regionen, fast unmöglich, sich öffentlich zu ihrer Krankheit zu bekennen. Ein offenes Bekennen kommt gelegentlich einem Todesurteil gleich. Nicht selten wird aus Angst und Unkenntnis mit Gewalt auf die Krankheit reagiert oder diese wird - solange es geht - einfach komplett verheimlicht, um der Familie und dem Clan keine Schande zu machen. „Sippen-Haftung“ ist in dem Sinne üblich, dass durch die HIV-Infektion und AIDS-Erkrankung eines Einzelnen seine ganze Familie stigmatisiert wird. Dies wiederum kann leicht dazu führen, dass Familien ihre AIDS-Kranken entweder verstecken oder verstoßen.

In abgelegenen Gebieten wird der Tod durch AIDS den Wirkungen von Hexerei zugerechnet, was oft eine Spirale von Schadensersatzforderungen (Kompensation) oder unter Umständen auch weitere Tote, Fehden und Auseinandersetzungen nach sich zieht. Selbst die Polizei- und Ordnungskräfte gehen nicht rational mit dem Thema um, wie eine brutal durchgeführte spontane Razzia gegen Gäste eines Clubs in Port Moresby 2004 zeigte. Damals wurden alle, die Kondome bei sich trugen, verhaftet - Sozialarbeiterinnen inklusive.

Nicht nur tradierte gesellschaftliche Werte stehen einer wirksamen AIDS-Prävention entgegen. Nicht wenige Kirchenautoritäten, besonders der katholischen Kirche, halten weiterhin Sex außerhalb der Ehe für eine Sünde. Kondome gelten deshalb als ein Übel, das zu raschem und häufigem Partnerwechsel und zu unmoralischem Verhalten ermutigt. Als der Vatikan verkündete, dass Kondome nicht vor dem HIV/AIDS-Virus schützen, unterlief er die löbliche Absicht, Kondome möglichst flächendeckend zu verteilen. Viele Kirchen vor Ort, die Sexualaufklärung ermöglichen und Schutzmöglichkeiten propagieren wollen, stoßen dadurch auf erhebliche Schwierigkeiten.

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JPG, Frau mit Kind auf der AIDS-Station im Krankenhaus in Port Moresby. Quelle: AusAid, Canberra

Auch das Verhalten zwischen den Geschlechtern steht einem aufgeklärten Umgang mit Sexualität im Wege. Die in den Gesellschaften Papua-Neugineas dominanten Männer fordern traditionell eine Unterordnung der Frau. Die meisten Männer in Papua-Neuguinea lehnen Kondome ab. Fortpflanzungswünsche, Stolz, Arroganz und der Einfluss von Alkohol stehen dem Gebrauch von Präservativen entgegen. Frauen haben häufig nicht die Möglichkeit, darauf zu bestehen, dass Kondome benutzt werden. Mit der Verheimlichung ihrer HIV-Infektionen übertragen Männer bedenkenlos ihre Krankheit auf ihre Sexualpartnerinnen. Da Promiskuität und Polygamie im Hochland nicht selten sind, trägt dieses Verhalten wie auch die weithin übliche sexuelle Gewalt gegen Frauen - ob in der Ehe, in außerehelichen Beziehungen oder als Gruppen-Vergewaltigung - zu dem drastischen Anstieg von HIV und AIDS erheblich bei. Sexuelle Gewalt gegenüber Frauen ist extrem verbreitet. Dies erhöht für Frauen das Risiko einer HIV-Infektion erheblich.

Die gestiegene Mobilität der Menschen in Papua-Neuguinea führt zusätzlich zur raschen Ausbreitung der Krankheit von Provinz zu Provinz. Besonders gefährdet sind die Gebiete, die an den wenigen Verbindungsstraßen liegen. Dort kommt es bei Raubüberfällen nicht selten zu Banden-Vergewaltigungen. Außerdem ist in den Provinzen entlang des Highlands Highways Prostitution stärker verbreitet als im restlichen Land. Nur wenige Prostituierte benutzen Kondome, auch weil die Verhütungsmittel nicht überall zu bekommen sind. Viele von den „Raun Raun Meris“ (Prostituierten) und den „Tu Kina Meris“ (leichten Mädchen) bestätigen, dass von ihren Freiern und anderen Männern Sex „nating nating“ - ohne Gummi - bevorzugt wird.

Im General Hospital von Port Moresby hat AIDS Malaria als Haupttodesursache inzwischen abgelöst. Angst und Scham verhindern, dass die Verwandten ihre Toten aus den Leichenschauhäusern abholen und ihnen eine ordentliche Bestattung zukommen lassen. Stattdessen werden die nicht abgeholten Toten in Massengräbern beigesetzt. Kranke geben falsche Namen an, wenn sie ins Krankenhaus gehen. Beim Versterben außerhalb von Hospitälern und Krankenhäusern wird AIDS als Todesursache nicht angegeben. Die Angehörigen fürchten sich vor den sozialen und kulturellen Konsequenzen und dass die Versicherungen nicht zahlen. Autopsien sind nicht üblich. All diese Faktoren verhindern die Feststellung des tatsächlichen Ausmaßes der Epidemie.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass im Umgang mit AIDS-Kranken in Papua-Neuguinea die Menschenrechte verletzt werden. Dr. Ninkama Moiya, Direktor des NAC-Sekretariats, fasst dies so zusammen: "Die meisten von uns haben von Leuten mit HIV/AIDS gehört, die von anderen ignoriert, gequält und vernachlässigt wurden. Sie sterben einsam, in einem Armengrab beerdigt und ihrer menschlichen Würde beraubt. Dies weist darauf hin, dass wir unsere Mitmenschen nicht als menschliche Wesen behandeln und ihnen Gefühle von Wärme, Respekt und Liebe vorenthalten."

Das soziale Umfeld trägt also wenig dazu bei, dass die ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung von HIV/AIDS Erfolge zeigen können. Diesen Problemen ist mit der Benutzung von Kondomen allein nicht beizukommen. Abhilfe und Linderung kann nur langfristig und durch landesweite Aufklärung, Bildung und Beratung erreicht werden. Auch eine Aufwertung der Stellung der Frau und die konsequente Strafverfolgung bei sexueller Gewalt gehören zu einer wirkungsvollen Prävention. Doch bislang prägen Gewalt und Ignoranz - auch von Seiten der staatlichen Organe, Dienststellen und Behörden - weithin den Umgang mit HIV/AIDS-Kranken in Papua-Neuguinea.

Struck-Garbe Aids erkrankt
JPG, Frau an AIDS-erkrankt im Hospital Quelle: AusAid, Canberra

Ausblick
Der Kampf gegen die Ausbreitung von HIV und AIDS kostet Geld. Dringend nötig sind Investitionen in die Prävention, um mit rechtzeitigen und gezielten Aufklärungsmaßnahmen sowie freiem Zugang zu Kondomen AIDS einzudämmen. Der Erfolg von Präventionsarbeit hängt zum Großteil davon ab, dass es gelingt, die Grundbildung auf ein deutlich höheres Niveau zu heben.

Seit 2002 wird den Gefahren, die von HIV/AIDS ausgehen, auch in den Massenmedien eine größere Beachtung beigemessen. Allmählich wächst in den Redaktionen das Wissen über das Thema, da die Redakteure in ihrem Umfeld zunehmend auf Menschen treffen, die HIV/AIDS haben. Krankenstatistiken werden immer häufiger mit persönlichen Geschichten von AIDS-Kranken ergänzt. Dabei ist es für die Medien im Land eine schwierige Grandwanderung und Herausforderung nicht die kulturellen und gesellschaftlichen Stigmata, die Vorurteile und die mit HIV/AIDS-Erkrankungen Hand in Hand gehende Hoffnungslosigkeit zu stärken, sondern auf ein Leben mit dem Virus und auf Heilungschancen hin zu orientieren. Kulturelle und christliche Tabus machen es schwierig, das Thema offen anzugehen. Massenmedien und sensibilisierte Redaktionen sind unerlässlich für eine erfolgreiche HIV/AIDS-Aufklärung. Informationen über „riskantes Verhalten“ sind notwendig, um weitere Ansteckungen einzudämmen und zu verhindern. Anna Solomon, die ehemalige Herausgeberin der Wochenzeitungen „Wantok“ und „The Independent“, fordert von den Journalisten des Landes, AIDS auch direkt in Zusammenhang mit Vergewaltigung, mit der in Papua-Neuguinea verbreiteten häuslichen und innerehelichen Gewalt, mit Teenager-Schwangerschaften und allgemein mit den heftigen Problemen des Geschlechterverhältnisses zu thematisieren. Sie sagt: "AIDS is not just about condoms."

Die fortschreitende Erosion des staatlichen Gesundheitswesens ist auch für die AIDS-Kranken ein Dilemma. Dringend notwendig ist eine Verbesserung besonders in ländlichen Gebieten. Um die Ausbreitung der HIV/AIDS-Epidemie in Papua-Neuguinea einzudämmen, müssen flächendeckend Maßnahmen ergriffen werden, die die religiöse und kulturelle Ausgangslage ebenso wie die Besonderheiten des Sexualverhaltens und den gesamtgesellschaftlichen Umbruch reflektieren.

Dieser Beitrag ist die gekürzte Version des Artikels: "HIV/AIDS und Menschenrechte in Papua-Neuguinea" von Marion Struck-Garbe, erschienen 2005 in: Volker Böge, Jochen Lohmann, Roland Seib und Marion Struck-Garbe (Hg.): Konflikte und Krisen in Ozeanien. Pazifische Inseln zwischen häuslicher Gewalt und innergesellschaftlichen Kriegen. Pazifik-Informationsstelle, Neuendettelsau. S.99-113

Weiterführende Literatur
Richard Eves und Vicki Luker (2004): HIV/AIDS in Papua New Guinea: Priorities for Policy and Social Research. State, Society and Goverance in Melanesia Project (SSGM); Conference Report and Abstracts, University of Australia, Canberra
National Aids Council of Papua New Guinea -
Pazifik-Informationsstelle -

Zur Autorin
Marion Struck-Garbe ist Erzieherin, Sozialwirtin und Ethnologin. Sie arbeitet zu den Themen: Gewalt, internationale Beziehungen im Pazifischen Raum, Umwelt, moderne Kunst und Literatur in Ozeanien. Sie hat in Tonga, Fiji und Papua-Neuguinea gelebt und wohnt heute in Hamburg, wo sie als Kampagnen-Assistenz bei Greenpeace Deutschland arbeitet und als Lehrbeauftragte an der Universität unterrichtet. Vorstandsvorsitzende des Pazifik-Netzwerks e.V.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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