WEIBLICHE GENITALVERSTÜMMELUNG IN AFRIKA

Kulturelle Hintergründe einer folgenschweren Tradition

Von Petra Schnüll

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Maasai-Beschneiderinnen werden zu Hebammen ausgebildet. Foto: Sandra Göhl

In den Gesellschaften, in denen weibliche Genitalverstümmelung ( Female Genital Mutilation , FGM) praktiziert wird, werden grundsätzlich alle Mädchen diesem Brauch unterzogen. Je nach Tradition wird die Genitalverstümmelung kurz nach der Geburt, in der Pubertät, unmittelbar vor oder nach der Eheschließung oder nach der ersten Entbindung ausgeführt. Durchschnittlich sind die Mädchen heute zwischen vier und zwölf Jahre alt. Die Begründungen, die für die weibliche Genitalverstümmelung angegeben werden, sind sehr vielfältig, und es existieren weitaus mehr, als hier aufgeführt werden, doch ihre Variabilität und Spannbreite, aber auch ihre Widersprüchlichkeit, lassen sich damit bereits gut dokumentieren. Abgesehen davon, dass es sich um eine alte Tradition handelt, beruhen alle weiteren Begründungen in erster Linie auf Mythen und Überlieferungen, medizinischer Unkenntnis und dem (missinterpretierten) Islam. Die nachstehenden Begründungen treten nicht alle gleichzeitig auf, sie variieren von Ethnie zu Ethnie sowie regional.

Eine der häufigsten Erklärungen für den Fortbestand der FGM ist der Umstand, dass es sich um einen Brauch handelt, dessen Missachtung mit sozialer Ächtung bestraft wird. Es existieren konkrete Bezeichnungen für „Beschnittene“ und „Unbeschnittene“, die von ihrem Sinn her entweder Respekt und Anerkennung oder aber Geringschätzung bis Verachtung ausdrücken. Das Vorhandensein beziehungsweise das Fehlen wichtiger Privilegien schlägt in dieselbe Kerbe.

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Traditionelles Beschneidungswerkzeug. Foto: Gleice Mere

Es wird erwartet, dass sich die Frau nur ohne oder mit eingeschränkter Libido voll ihrer Bestimmung als Frau und Mutter widmen und die von ihr erwartete soziale Funktion erfüllen kann. In vielen Gesellschaften Afrikas gelten Frauen als geradezu nymphoman. Man nimmt an, dass die potenziell exzessive Sexualität der Frauen auf Dauer zerstörerische Konsequenzen für die familiäre Gemeinschaft hat. Überdies führe das Reiben der Klitoris an der Kleidung zu permanenter sexueller Stimulation. Deshalb müssen sie quasi vor sich selbst geschützt werden, vor Masturbation ebenso wie vor Promiskuität und Prostitution.

Die Genitalverstümmelung soll ferner die Frau vor Vergewaltigung und in Gegenden, wo Polygynie praktiziert wird, den Mann vor sexueller Überforderung bewahren. So sollen die Treue der Frau gewährleistet und der Lustgewinn des Mannes gesteigert werden. Die Infibulation, das Entfernen der Klitoris und der kleinen Labien mit anschließendem Zunähen der Vaginalöffnung, kommt im Prinzip dem mittelalterlichen Keuschheitsgürtel gleich, da mit dem Verschluss der Vagina vor- oder außerehelicher Geschlechtsverkehr und die Zeugung nicht eindeutig zuordenbarer Nachkommen verhindert werden soll.

Manche Ethnien gehen von einer Doppelgeschlechtlichkeit von Mann und Frau aus. Zur eindeutigen geschlechtlichen Differenzierung werden deshalb Vorhaut (als weiblich assoziierter Teil) beziehungsweise Klitoris (als männlich assoziierter Teil) entfernt. Bei manchen Ethnien gilt das äußere weibliche Genitale als hässlich und schmutzig. Es gibt auch die Vorstellung, dass es ohne zu einer Art Genitalverstümmelung Riesenwuchs der Klitoris käme.

In Gesellschaften, in denen die ökonomische Versorgung der Frau im Prinzip nur durch Heirat gewährleistet und gleichzeitig die Genitalverstümmelung die Norm ist, müssen sich heiratswillige Frauen der FGM unterziehen, um einen Ehepartner zu finden. Und bei vielen Ethnien richtet sich der „Brautpreis“ nach dem Ausmaß der Genitalverstümmelung.

Bei der Mehrheit der FGM praktizierenden Muslime herrscht die Überzeugung, dass der Islam die weibliche „Beschneidung“ zwingend verlangt. Tatsächlich handelt es sich um einen präislamischen Brauch, welcher in der „Wiege“ des Islams, in Saudi-Arabien, sowie in zahlreichen anderen muslimischen Ländern, völlig unbekannt ist. Auch im Koran existiert keinerlei Erwähnung. Hauptsächlich wird die weibliche Genitalverstümmelung unter Berufung auf einen bestimmten Hadith (arabisch: Rede, Bericht) vorgenommen. Bei den Hadithen handelt es sich um überlieferte Aussprüche des Propheten Mohammed (deren Interpretationsmöglichkeiten allerdings zahlreich sind und deren Authentizität von manchen Fachleuten angezweifelt wird). Sie bilden neben dem Koran die zweitwichtigste Quelle des islamischen Rechts. Laut eines Hadith soll der Prophet eine Beschneiderin angewiesen haben: „Nehme ein wenig weg, aber zerstöre es nicht. Das ist besser für die Frau und wird vom Mann bevorzugt.“ Man kann hierin natürlich eine klare Anweisung sehen. Eine andere Meinung lautet, der Prophet wollte mit der alten vorislamischen Sitte nicht brechen, favorisierte aber ihre Unterlassung. Eine weitere Interpretation sagt, dass es sich um eine freiwillige ehrenvolle Tat handelt, deren Unterlassung nicht sanktioniert wird.

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Maasai- Beschneiderinnen werden über die negativen Folgen von Genitalverstümmelung aufgeklärt. Foto: Sandra Göhl normale Ansicht

Allerdings ist die körperliche Unversehrtheit einer der höchsten Werte in der Scharia (Islamisches Gesetz). Nicht nur Selbstmord und Euthanasie sind im Islam streng verboten, sondern jegliche Beeinträchtigungen der Integrität des Körpers eines jeden Muslims. Ausnahmen bilden hier nur die vorgeschriebene Knabenbeschneidung sowie die gottgewollten Körperstrafen.

Um es zusammenzufassen – ebenso, wie es nicht den Islam gibt, existieren auch sehr unterschiedliche Meinungen zur genitalen Verstümmelung unter MuslimInnen, das Spektrum reicht von „verpflichtend“ bis hin zu „verboten“. Daneben existieren bei andersgläubigen Ethnien verschiedenste Glaubensvorstellungen beziehungsweise heilige Mythen, auf deren Grundlage die Genitalverstümmelung durchgeführt wird. Die Dogon in Westafrika zum Beispiel führen diesen Brauch unter anderem deshalb aus, um die Schuld des Menschen gegenüber der Erde zu begleichen: Gott hat den Menschen aus Erde geschaffen und im Gegenzug dazu wird die Erde mit Blut getränkt.

Die Initiation bildet ein Übergangsstadium, das mit der Trennung von der früheren sozialen Stellung und der Inkorporation in einen neuen gesellschaftlichen Stand und in eine neue soziale Rolle einhergeht. Erst Initiierte gelten als vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft und heiratsfähig. Neben äußerlichen Veränderungen, die den Statuswechsel anzeigen (zum Beispiel Kleidung oder Schmuck), wird dieser Übergangsprozess oft durch verschiedene körperliche Markierungen symbolisiert, zu denen neben anderen auch die "Beschneidung" gehören kann. Dabei dient das Verhalten des Mädchens während der Verstümmelung häufig zur Prognose über ihr zukünftiges Auftreten (umso tapferer sie sich verhält, desto mutiger wird sie andere schwierige Situationen meistern und umgekehrt).

Vielfach wird behauptet, dass die Genitalverstümmelung die Fruchtbarkeit erhöhe und Schwangerschaft und Geburt erleichtere. Außerdem soll so verhindert werden, dass Insekten in die Vagina eindringen. Es herrschen Überzeugungen, nach denen die Klitoris als solche Gesundheit und Leben all jener gefährde, die mit ihr in Berührung kommen, dass Unbeschnittene keine Kinder bekommen können, dass die Gebärmutter bei Nicht-Infibulierten heraus fiele, und dass die Genitalverstümmelung die gesamte gesundheitliche Konstitution der Frauen erhält und fördert.

Weibliche Genitalverstümmelung in Afrika 4
Wie überall in Afrika gehört auch in Kenia das Wasserholen zu den traditionellen Aufgaben von Mädchen und Frauen. Foto: Ulla Barreto

Viele solcher Grundannahmen basieren auf Desinformation und Unkenntnis der weiblichen Anatomie und Physiologie, oft klaffen Intention und Realität weit auseinander: Die Genitalverstümmelung wirkt sich nicht positiv auf gesundheitliche Konstitution, Schwangerschaft und Geburt aus, sondern erweist sich im Gegenteil als schädigend, und statt der erwarteten höheren Fruchtbarkeit kann vielmehr Unfruchtbarkeit die Folge sein.

Dass Frauen ihre Libido nicht unter Kontrolle haben, stimmt mit den Erfahrungen unversehrter Frauen nicht überein. Um Frauen von vorehelichem Sex, Ehebruch, Promiskuität oder Prostitution abzuhalten, stehen Gesellschaften darüber hinaus ganz andere (Sanktions-)Möglichkeiten zur Verfügung als die Genitalverstümmelung. Die Erziehung spielt hier sicher eine herausragende Rolle (was auch immer man davon halten mag). Davon abgesehen gibt es – ganz im Widerspruch zur eigentlich angestrebten sexuellen Enthaltsamkeit oder Treue – durchaus Frauen, die auf der (möglicherweise vergeblichen) Suche nach sexueller Erfüllung ihre Sexualpartner erst recht häufig wechseln. Auch die Idee, dass eine Frau ihrer zugeschriebenen Rolle als Ehefrau und Mutter nur mit einer relativ schwachen Libido gerecht werden könne, erscheint unrealistisch. Besonders fragwürdig aber ist es, das sexuelle Verlangen der Frau einzuschränken, um den Mann vor sexueller Überforderung zu bewahren. Der Gipfel patriarchaler Selbstsucht ist wohl, wenn Mädchen und Frauen als potenzielle Opfer von Vergewaltigung präventiv zugenäht werden.

Ob das weibliche Genitale nun schön oder hässlich ist, liegt im Auge der BetrachterInnen. Wir sollten in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass alle Gesellschaften bestimmte Schönheitsideale besitzen, und Menschen bereit sind große Opfer auf sich zu nehmen, um ihnen zu entsprechen. Doch es ist legitim, die Entscheidung den Betroffenen selbst zu überlassen – und zwar im Erwachsenenalter, um die Konsequenzen ermessen zu können.

In vielen Ethnien, die die Genitalverstümmelung im Rahmen von Initiationen praktizieren, hat sich dieser Akt vom eigentlichen Ritus der Initiation zeitlich und räumlich längst losgelöst (oft als Folge von Gesetzen). Dass es möglich ist, solche schädlichen Riten zu reformieren und die Genitalverstümmelung durch harmlose Symbolhandlungen zu ersetzen, haben erfolgreiche Projekte bereits gezeigt.

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Kinder gelten als Reichtum. Foto: Christa Choumaini

Wie erwähnt, existiert die weibliche Genitalverstümmelung in Afrika vorrangig unter MuslimInnen, die davon überzeugt sind, dass eine rechtgläubige und ehrenhafte muslimische Frau "beschnitten" sein muss. Viele Menschen sind fälschlicherweise davon überzeugt, das Gebot der weiblichen "Beschneidung" sei explizit im Koran aufgeführt. Die einzigen, die diese falsche Information richtig stellen können, sind die islamischen Religionsführer. Einmal für die Aufklärungsarbeit gewonnen, kann ihr positiver Einfluss zur Abschaffung der Genitalverstümmelung geradezu bahnbrechend wirken, wohingegen ein Umdenken ohne die Billigung der geistlichen Führung erschwert wird.

Hinter vielen der Begründungen für die Genitalverstümmelung scheinen die Kontrolle und Unterdrückung der Frau im Namen von Sitte und Anstand in einer von Männern dominierten Gesellschaft zu stehen. Allerdings wird man der Problematik keineswegs gerecht, wenn man sie darauf reduziert. Denn im gesellschaftlichen Kontext lässt ein Großteil der angeführten Begründungen gleichzeitig oder sogar vorrangig beste Absichten erkennen. Die FGM hat sich zu einer Tradition oder Handlungsroutine entwickelt, die als solche nicht reflektiert wird, sondern einfach zum Leben dazu gehört. Warum sollten die Menschen Bewährtes in Frage stellen, etwas, das „schon immer“ getan wurde, was alle tun, und von dem man sich ja außerdem eine erhebliche Steigerung der Lebensqualität verspricht? Solange die physisch und psychisch negativen Resultate nicht mit der Verstümmelung als Ursache in Verbindung gebracht werden und gleichzeitig keine Vergleiche zu unversehrten Frauen möglich sind, entsteht auch kein Handlungsbedarf zur Veränderung der gegenwärtigen Situation.

Dabei hat sich gezeigt, dass gesetzliche Verbote zwar durchaus Signalwirkung besitzen, doch ohne flankierende Maßnahmen weitgehend wirkungslos bleiben. Um ein allgemeines Bewusstsein für diese Problematik zu schaffen und ein Umdenken zu erreichen, kann also nur eines greifen: eine differenzierte Auseinandersetzung mit diesem Tabuthema und sensible Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit. Als fundamentales Element im soziokulturellen Kontext kann das Problem nicht isoliert betrachtet werden; letztlich muss diese Arbeit mit dem Empowerment von Frauen einhergehen.

Weiterführende Literatur

Schnüll, Petra, 2003: Weibliche Genitalverstümmelung in Afrika. In: Terre des Femmes (Hrsg.), 2003: Schnitt in die Seele. Weibliche Genitalverstümmelung – eine fundamentale Menschenrechtsverletzung. Frankfurt/Main. S. 23-64

Zur Autorin

Petra Schnüll, Studium der Ethnologie, Soziologie und Publizistik & Kommunikationswissenschaft, seit über 11 Jahren zum Thema Genitalverstümmelung aktiv, Mitglied bei Terre des Femmes e. V.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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