DIE ÜBERWINDUNG DES DIGITALEN GRABENS

Ein medienethnologischer Ansatz für marginalisierte Kids in Rio de Janeiro

Von Werner Trieselmann

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Foto: R. Witt

Der digitale Graben, die „Lücke“, „Spaltung“ oder auch digitale „Kluft“ genannt, trennt die Welt in Menschen mit Zugang zu Internet und Telekommunikation und Menschen ohne denselben. Die Entwicklungspolitik der Geberländer zielt darauf ab diese Lücke zu schließen. Die Medienethnologie dagegen interessieren besonders die Folgen der Einseitigkeit des transkulturellen Informationsflusses durch die digitalen Medien und die damit einhergehende potentielle Beeinflussung der Wirklichkeitsrekonstruktion besonders der von Kindern und Jugendlichen, aber auch die Chancen einer konstruktiven Integration neuer Medien in marginalisierte gesellschaftliche Gruppen.

Erwähnenswert im Rahmen von Entwicklungspolitik ist das OLPC-Projekt ( one laptop per child ) von Professor Negroponte ( Massachusetts Institute of Technology ), der es sich mit seiner viel beachteten Initiative zum Ziel gemacht hat, ein kindgerechtes Laptop an jedes Kind in nicht-industrialisierten Ländern verteilen zu lassen um so die Informations- und Bildungslücken und den „digitalen Graben“ zu schließen.

Eine flächendeckende Durchführung des Projekts scheitert allerdings bis heute an der Finanzierung des etwa 100,- $ teuren Gerätes und am Widerstand der Weltbank, da Negroponte keine Studien und repräsentativen Auswertungen vorweisen kann. Negroponte und sein Team sind der Ansicht, dass nur durch Bildung Armut und Konflikten beizukommen sei. Wissen bekäme man nicht nur beigebracht, sondern erlange man auch durch Austausch und Interaktion, wofür vernetzte Computer äußerst geeignete Werkzeuge seien.

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Foto: OLPC-Projekt

Kinder sollen lernen zu lernen. Immer wieder betont der MIT-Professor: „Es ist kein Laptop-Projekt, sondern ein Bildungsprojekt.“ Noch in der Anfangsphase befindet sich ein vom Autor initiiertes brasilianisches Projekt, bei dem der digitale Zusammenhang erstens in der Arbeit der Kinder und Jugendlichen (den Kids ) mit digitalen Filmkameras besteht, zweitens in der digitalen postproduction (Nachbearbeitung und Schnitt des Rohmaterials) auf Laptops mit entsprechender Software und digitaler Internetvernetzung und drittens in der digitalen Internetpräsenz einer eigenen Website, die in ein entsprechendes möglichst globales medienethnologisches und -pädagogisches Netzwerk integriert sein wird. Der Zugang in die „digitale Welt“ entsteht - und das ist das besondere - nicht passiv und konsumorientiert durch fremd gesteuerte Videospiele, Programme oder einfaches Surfen. Vielmehr ist es die aktive filmische Umsetzung selbst inszenierter Vorstellungsbilder in der eigenen soziokulturellen Umwelt der Kids und dessen Präsentation im Internet, die hier den Zugang in das digitale Netz darstellt. Durch diese Ausgangsposition des „eigenen Anliegens“ der Akteure soll ein kritisches, konstruktives und medienkompetentes Verhältnis zwischen marginalisierten Kids und dem Internet begünstigt werden.

Bei diesem Projekt kooperieren das LABORE ( Laboratório de Estudos Contemporâneos ) der UERJ ( Universidade Estados do Rio de Janeiro ), die NGO MIDIATIVA (ein Brasilianisches professionelles Medienzentrum für Kinder und Jugendliche, seit 2002 mit Unterstützung von Unicef aktiv) und das sozialpädagogische Netzwerks Observatório de Favelas do Rio de Janeiro (ein Verbund aus Angehörigen der Favelas in Rio de Janeiro, Medienpädagogen, Medienprofis und unterschiedlichen interdisziplinär arbeitenden Forschern). Nach einigen bereits erfolgten Vorstudien sollen nun Kinder und Jugendliche in ausgewählten Favelas und Treffpunkten für obdachlose Kids im Zentrum der Metropole zu systematischen Filmarbeiten herangezogen werden. Die Ergebnisse dieser Arbeiten werden vor allem im Internet präsentiert und in brasilianischen Fernsehprogrammen (Rede Globo und MTV-Brasil) ausgestrahlt. Die Kids sollen lernen sich im digitalen Raum des Internets zu präsentieren und in den Dialog mit ausgesuchten Initiativen und eventuell Gleichgesinnten zu treten. In Anlehnung an die Deutsche Jugendinitiative Step 21 für Verantwortung und Toleranz soll mit und für Kinder und Jugendliche ein Medienwerkzeugkasten entworfen werden, mit dessen Hilfe an Schulen und in Medienzentren der kompetente Umgang mit digitalen Medien trainiert werden kann.

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Medienboxen für den deutschsprachigen Raum. Foto: www.step21.de - Jugendinitiative Step 21 e. V.

Die Ergebnisse aus der Film- und Verhaltensanalyse mit den Zielgruppen und aus der Teamarbeit mit beteiligten brasilianischen Pädagogen, Medienforschern, Psychologen, Medizinern und Ethnologen liefern gleichzeitig Daten und Grundlagen für das Forschungsgebiet einer innovativen Medienethnologie zu den Schnittstellen ( Interfaces ) von Mensch und Maschine, ihren digitalisierenden Oberflächen und den transgressiven Bereichen von Medien als Räumen, in denen soziale Wirklichkeit verhandelt und Handlungsmacht verliehen wird.

Meine eigene medienethnologischen Forschung im Rahmen dieses Projekts widmet sich dem Zusammenhang zwischen der Rekonstruktion der sozialen und kulturellen Wirklichkeit der marginalisierten Kids in Rio de Janeiro, ihrer kulturspezifischen Kommunikations- und Medienkompetenz und der Integration ubiquitärer digitaler Mediennutzung. Um die Vorstellungsbilder der Kids einerseits und das ihnen zur Verfügung stehende Kommunikations- und Mediensystem andererseits kennen lernen zu können, wurde der Feldforschungsansatz, genauer die Rollen des Forschers und der Erforschten, beziehungsweise des teilnehmenden Beobachters und der „Anteil nehmenden“ Beobachteten erweitert.

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5th World Summit on Media for Children, South Africa 2007. Projektvorstellung und Treffen des Autors mit Vertretern von NGO's, Fernsehsendern und MTV aus Brasilien. Foto: W. Trieselmann

In Anlehnung an Sol Worth und John Adair, die in den 1960er-Jahren anlässlich ihres „Navajo-Projekts“ ihre Filmkameras in die Hände der First Nations legten mit der Bitte, sich als ethnische Gemeinschaft selbst zu filmen, wird auch hier das Konzept einer Rollenumkehrung erarbeitet und angewendet: Der Forscher und Medienethnologe gibt nicht nur die Kamera aus der Hand, sondern fordert seine Zielgruppe auf, ihre Vorstellung über den/die Besucher zu inszenieren und zu filmen. Somit werden die Erforschten vorübergehend zu Forschern. Dieser Rollentausch beinhaltet zwei wichtige Aspekte: Zum einen gibt es kaum eine deutlichere Primärdarstellung der mehr oder weniger geplanten strukturellen Praxis und zweitens liefert die Zielgruppe mit dem Filmmaterial Daten und Rohmaterial einer bestimmten unverfälschten Qualität. Zwar stellen sie sich nicht explizit selbst dar, dem Material haften aber breit gefächerte Informationen über weite Areale ihres Handlungs- und Vorstellungsspektrums an. Diese gilt es gemeinschaftlich zu interpretieren und zu analysieren. Meine These ist, dass die Rolleninversion der Agenten und Teilnehmer der Zielgruppen, indem sie ihre Vorstellung davon inszenieren, wie sich die Fremden und Forscher verhalten, unbewusstes aber authentisches Verhalten zeigt.

Ablauf der filmischen Praxis im brasilianischen Projekt
Nach kurzer Einführung aller Teilnehmer in ein minimales Handling der Filmtechnik überreichen die Ethnografen den Kindern und Jugendlichen nach und nach die Kamera, mit der Bitte von ihnen inszeniert und gefilmt zu werden. Nach Fertigstellung dieser ersten Phase wird das Rohmaterial besprochen und geschnitten um veröffentlicht zu werden. Dann werden die Rollen umgekehrt. Die Kids werden zu Darstellern, die Ethnografen zu Regisseuren. Durch Rollenumkehrung soll die Möglichkeit erkundet werden, das Imaginäre des jeweiligen Anderen filmisch zu entdecken. Man kann also zwei Positionen einnehmen, die des Filmenden und Dokumentierenden (der eigentliche „Ethnografierte“) und die des Gefilmten und Dokumentierten (der eigentliche Ethnograf). Die jeweils nicht direkt beteiligten Personen sollten als Statisten, Komparsen und Assistenten am Set zur Verfügung stehen. Es geht nicht primär darum in der jeweiligen individuellen und persönlichen Befindlichkeit gesehen zu werden, sondern als Repräsentant eines oder mehrerer kultureller Rahmen.

Aktionsradius und Blickwinkel aus der Perspektive der Rolle des Regisseurs und Produzenten: „Du kommst als Wissenschaftler in meine Welt, um mich und die dazugehörige Wirklichkeit/Lebenswelt kennen zu lernen und zu dokumentieren, aber wir kehren die Rollen um: Ich setze dich in Szene, so wie ich mir dich in deiner Welt vorstelle. Nach einer Reflexionsphase tauschen wir die Rollen. Aktionsradius und Blickwinkel aus der Perspektive der Rolle des Darstellers und Inszenierten: Ich komme zu dir als Wissenschaftler in deine Welt und spiele für dich, wie du dir mich und meine Welt vorstellst. Du inszenierst mich und ich unterstütze dein Vorhaben mit Hilfe meiner Darstellungskraft.

Die hier dargestellten filmischen Praktiken dienen einem Aufbrechen (Versöhnen) des social and cultural othering , dem Phänomen der eintretenden „Veranderung“ wie Reuter es nennt, das in der Regel einsetzt sobald fremde Gruppen oder Personen aufeinander treffen. Beim Vergleich mit den anderen Fremden, will man sich abheben und distanzieren, sich vermeintlich schützen und erfahrungsgemäß durch Abwertung des Gegenübers selbst aufwerten. Bei der exotistischen Variante des Othering verschwindet das Andere als Subjekt oder kulturelle/soziale Gemeinschaft um zur Projektionsfläche des Selbst und der eigenen Kultur zu werden.

Mittlerweile scheint der Fokus des Projekts von digitalen zu imaginären Aspekten zu schwenken. Man könnte auch versucht sein, das Digitale als praktischen medienethnologischen Aspekt des Projekts zu sehen und das Imaginäre als Teil der theoretischen Hintergrundforschung. Aber tatsächlich stehen beide Bereiche in interdependentem und synergetischem Verhältnis zu einander.

Digitalität steht heute auch für die Geschwindigkeit, mit der Daten produziert, gespeichert und abgerufen werden. Zumindest der Konsum findet aufgrund der Optionen bruchstückhaft statt und führt von zirkulärem und linearem zu einem punktuellen Zeit- und Handlungsverständnis. Nur mit Hilfe unserer Vorstellungskraft und imaginären Potentiale (die auch in globaler transnationaler Hinsicht kulturspezifisch geprägt sind) sind wir in der Lage, die Bruchstücke in komplexe, sinnvolle Vorstellungen, Bilder und Abläufe zusammenzusetzen, bzw. zu transformieren, zu enkodieren und dekodieren. Desto weniger sinnstiftende kohärente Informationen wir bekommen, desto stärker werden die imaginären Potentiale gefordert und umgekehrt.

Das medienethnologische Projekt und der damit einhergehende Zugang zu digitalen Medienräumen steigern die Anforderungen an die imaginären Potentiale der betroffenen Akteure. Für die über das Projekt hinausgehende Forschung ergeben sich folgende Fragen: Lässt sich das Imaginäre, unsere individuell geprägte, sozial abgestimmte und kollektiv kursierende Vorstellungskraft als wirkmächtige Größe menschlichen Seins und Handelns konkret fassen? Wie entsteht und entfaltet sie sich? Muss Das Imaginäre nicht die Rolle des ständigen Gegenspielers, der als kollektiv und soziokulturell festgelegt gewünschten Werte und Normen spielen, ebenso wie die letzte Instanz in der stets nur vorübergehenden Akzeptanz bestehender Verhältnisse? Welchen Einfluss übt das Imaginäre, die manifeste Vorstellungskraft im Zusammenspiel aller kognitiven Einflussfaktoren auf das Handlungs- und Entscheidungsverhalten aus? Wie lassen sich das kulturspezifische Imaginäre und dessen Fähigkeiten untersuchen und festlegen?

Das Kulturspezifische dient hier als Folie, hinter der die Formen des Imaginären umso deutlicher hervortreten, je intensiver sich das menschliche Nachahmen auf das jeweilige Andere konzentriert. Das Filmische ermöglicht dabei Reflexion und verstärkt durch den zielgerichteten Aktionscharakter auf das performative Nachahmen des imaginierten Anderen, das zutage Treten der Formen des eigenen Imaginären.

Das Ergebnis bietet der Medienethnologie unter anderem die Möglichkeit Konstruktionsdetails, Strukturen, Ästhetiken, Ausstattungen und Design des Imaginären zu analysieren und sozial- und kulturanthropologische Forschungsmodule zu verbessern und zu erweitern.

Weiterführende Literatur
Adair, John & Sol Worth (1973): Through Navajo Eyes. An exploration in Film Communication and Anthropology. Bloomington: Indiana University Press
Appadurai, Arjun (1991): Global Ethnoscapes: Notes and Queries for a Transnational Anthropology. In: Robin Cohen / Steven Vertovec (ed.): Migration, Diasporas and Transnationalism. Celtenham, UK / Northhampton, MA., USA. S. 463-483
Escobar, Arturo (1994): Welcome to Cyberia: notes on the anthropology of cyberculture. Current Anthropology 35: 211-231
Eggers, Maureen Maisha (2005): Rassifizierte Machtdifferenz als Deutungsperspektive in der kritischen Weißseinsforschung in Deutschland. Zur Aktualität und Normativität diskursiver Vermittlungen von hierarchisch aufeinander bezogenen rassifizierten Konstruktionen. In: Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster
Reuter, Julia (2002): "Ordnungen des Anderen". Zum Problem des Eigenen in der Soziologie des Fremden. Bielefeld

Zum Autor
Dr. Werner Trieselmann, Ethnologe, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ethnologie der FU Berlin, Feldforschung in Westafrika, Brasilien und Europa.
jonte@zedat.fu-berlin.de
werner.trieselmann@web.de


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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