SICHERE ALPEN

Von Landschaftsbildern und verunsicherten Räumen

Von Doris Hallama

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Walter Niedermayr, Passo Rolle VII, 1995, Courtesy Galerie Meyer Kainer Wien

"Räume und Orte, so die grundlegende Annahme, werden in und durch bildhafte Kommunikation erzeugt, sie fungieren als Träger und Spiegelbilder gesellschaftlicher Bedürfnisse" schreiben Antje Schlottmann und Birgit Stöber in der Einleitung zur Fachsitzung Visuelle Geographien: Bilder, Metaphern und Szenarien von Natur und Kultur beim Geographentag Bayreuth 2007. Die Werbe- und Marketingbilder einer Tourismusregion wie die der Alpen zum Beispiel, machen ihre Gültigkeit offenkundig. Davon abgeleitet stellt sich meine Frage: Welche Aussagen über das gesellschaftliche Verhältnis von Mensch und Natur können aus zeitgenössischen Abbildungen der Alpen abgeleitet werden? Sind diese Landschaftsbilder, vorrangig also Landschaftsfotografien, Zeugen eines sich wieder wandelnden Verhältnisses zwischen Mensch und Natur? Die Diskussionen über klimatische Bedingungen und ihre Auswirkungen im Zusammenhang mit sogenannten natürlichen Ereignissen stellt ein durch Jahrhunderte gemaltes und durch Werbung besänftigtes, aber immer noch gültiges Bild der Bergwelt in Frage. Inwiefern nimmt die aktuelle Veränderung des Klimas auf die Wahrnehmung und Darstellung von Landschaftsbildern Einfluss? Und können die Aufnahmen von Landschaften mit ihren menschlichen und technischen Hinzufügungen wie Sicherheits- und Schutzelemente, die als gestaltende Faktoren fast ständiger Teil der Motive der aktuellen Berglandschaftsfotografie sind, als Indizien dafür gelesen werden?

Die Fotografie aus vier sich überlappenden Ausschnitten einer Ansicht, zeigt eine Landschaftsaufnahme des Dolomitenpasses Passo Rolle. Nur kleine Veränderungen im Aufnahmepunkt ergeben diese Blickverschiebungen auf den einzelnen Teilen. Die zwei oberen Bilder zeigen den eigentlichen Berg. Gleichzeitig werden mit den zwei unteren auch die ihn zu überwindende Straße, das dazugehörige Aussichtsgasthaus und einige Menschen mit ihren geparkten Autos aufgenommen. Durch das Zusammensetzen der Einzelbilder durch die Betrachtenden, wird der Zusammenhang der verschiedenen Elemente zueinander deutlich gemacht. Die Betonung liegt hier nicht auf der schönen Landschaft des Alpenraums sondern auf einem Ausbalancieren zwischen Landschaft und ihren infrastrukturellen Einrichtungen. Es werden Ausschnitte gerahmt, deren Fläche ausreicht für ihre Aussage: Eine Szene im alpinen Raum und Formen seiner Nutzung durch die Zivilisation. Auf dem einheitlich unaufgeregten Hintergrund der Gebirgsoberfläche sind die einzig präzisen und sich davon abzeichnenden Elemente die der Hangformation folgenden Lawinenschutzbauten und die darunter sich abspielenden Reise- und Tourismusszenen. Diese Szenen für sich irritieren nicht mehr, sie sind längst bekannt. Trotzdem ist eine Verunsicherung in dieser Fotografie auszumachen, die durch die Präsentation der Elemente entsteht, die sonst gerne großzügig aus der Landschaft ausgeblendet werden.

Was diesen Blick aber auch zu einem unsicheren macht, ist die Manipulation, zumindest die spezielle Belichtung der Bilder. Durch ihre besondere Ausarbeitung wirken sie durch ihre Helligkeit und Farbe widersprüchlich zu den gewohnten Fotografien mit implizitem Realitätsbezug. Die Räumlichkeit der Landschaft wird ihnen dadurch genommen. Auch mit Filtern und Reduktion der Dichte zeigt die dargestellte Landschaft nicht den erwarteten, schon bekannten Alpenblick. Farbe und Kontraste der Gebirgsoberfläche sind zurückgenommen und überlassen den dadurch besonders deutlichen Spuren und Objekten der Nutzung die Choreografie der Bilder.

Mensch und Natur als Gegensatz
Die Wahrnehmung des Alpenraums, generell die von Landschaft oder Natur, ist immer noch einem klassischen Bild verpflichtet: dem der Beziehung zwischen Mensch und Natur als ein Gegensatz. Hier das Unberührte, Wahre, dort das schon Angegriffene, respektive durch Annäherung und Nutzung Zerstörte. Fortlaufend werden diese Gegensätze beschworen und für die Wahrnehmung und Darstellung von Natur verwendet. Sie wird romantisiert und von uns distanziert, dargestellt als prächtige Kulisse - eher schon Bühne - aber eben als das Andere und Gute, in der Reales höchstens flüchtig aufgenommen wird. Geprägt wurde diese Auffassung durch künstlerische Artikulationen in allerlei Medien, an vorderer Stelle dabei die Malerei, die soweit beeinflussend wirkt, dass nicht mehr gesehen wird was da ist, sondern was davor schon vorgestellt wurde.

Im 18. Jahrhundert, begründet in der Landschaftsmalerei, werden die Alpen zu einem ästhetischen Phänomen. Bis zu dieser Aufwertung war Landschaft nur dann als schön bezeichnet worden, wenn "kultiviert" gemeint war. „Kulturell genutzt“ bedeutet hier Sinn gebend, beziehungsweise nutzbar gemacht.

Als Kritik an Ihrer Aneignung aber kommt es zu einer weiteren Sichtweise, die eine lineare Darstellung der verschiedenen Naturbilder nicht mehr zulässt. Als Gegenstück zur industriellen Entwicklung wird die Rückkehr zum Ursprünglichen gefordert. Nur das wirklich Natürliche soll als schön wahrgenommen werden. Die sich nahbar gemachte Natur wird dazu in Kunst und Literatur, befreit von ihren technischen Eingriffen, als reiner Empfindungsraum dargestellt. Dem entsprechend werden Begrifflichkeiten für Gefühle wie das Schöne, Erhabene oder Pittoreske eingeführt. Wichtig mit der Landschaftsmalerei wird, dass Imaginiertes die Vorlage der Darstellungen bildet. Die Wechselwirkung zwischen Zu-Bild-Gebrachtem als Vorstellung und der sich daraus entwickelnden Auswahl und Aufnahme der Blicke und Wahrnehmungsbilder hat hier ihren Anfang.

Vor allem durch das neue Medium der Fotografie, wurde auch Kulturlandschaft als die gesicherte Natur ins Bild gesetzt. Fotografie suggerierte mit dem Blick durch das technische Medium einer Maschine, eine neutrale Basis zu sein für die Darstellung der Relation von Mensch und Natur. Der romantisierende Blick wurde abgelöst von einem als realistisch verstandenen Bild, das durch seine Wirklichkeitsnähe Beweiskraft für eine heroische Zähmung des Natürlich-Wilden gewann. Als selbstbewusste Antwort auf das Erschreckende des Alpinen wird mit Hilfe der Fotografie Anfang des 20. Jahrhunderts eine Sprache entwickelt, die seine Kultivierung triumphierend darstellt und als Propaganda für alles Nützliche und Schützende zur Bewältigung der Natur eingesetzt wird.

In der Kunst hat die Fotografie mit ihrem vermeintlich wahren Blick auf die Landschaft die Malerei inzwischen abgelöst. Nur ist spätestens seit den Möglichkeiten der digitalen Fotografie offensichtlich, dass auch Fotografie das Bild inszeniert. Die Trennung zur Malerei, als die imaginierende Kunst, ist längst aufgehoben und die Gewissheit über eine reale Landschaft als Patin hinter einer Fotografie hat ständigem Zweifel gegenüber dem Fotografierten stattgegeben. Aber nicht nur das Medium verunsichert, sondern auch das Motiv.

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Margherita Spiluttini: Yppstal, A, 2001

Landschaftsfotografie als Abbildung gesellschaftlicher Unsicherheit
In anderer Weise als Walter Niedermayr arbeitet Margherita Spiluttini mit Einzelbildern, die bis ins kleinste Detail scharf gezeichnet sind. Sie betonen den konkreten Ausschnitt, die Rahmung - genau dieser Blick ist beabsichtigt. Das tradierte Landschaftsbild ist darin noch erkennbar, aber gleichzeitig schleichen sich in die reale Landschaft, wie in ihre fotografische Darstellung technische Artefakte ein, die die ursprünglich kontroversiellen Ziele von Naturbeherrschung und Naturgenuss in Frage stellen. Zum Verschwimmen der Entgegensetzungen schreibt Gernot Böhme treffend: "Von der naturbelassenen Natur wird erwartet, dass sie kultiviert sei, eben ein Paradies: sicher und sauber."

Die Fotografie stellt sich vor wie ein klassisches Landschaftsbild. Eine Felslandschaft durchzogen von kräftig grünen Grasbändern. Ein Ausschnitt eines Gebirgshanges, noch nichts Auffälliges. Die Felspartien können als klaffende Narben beschrieben werden. Das Gras hört dort abrupt auf, zeigt den darunterliegenden Fels und zieht sich an anderer Stelle so willkürlich wieder weiter. Kein weicher Übergang zwischen Bewuchs und Stein, eher wie an einem Schnitt ist der Aufbau des Grüns auf dem Erdreich sichtbar. Die Fotografie zeigt die Felsstruktur des Berges in zwei breiten Streifen, die aus dem Grün hervor treten. Der untere erscheint flacher, was aber auch eine Täuschung durch die Fotografie sein kann. Der obere ist steil und von dichten Bäumen bekrönt. Der Landschaftsausschnitt ist nicht besänftigt, wie es heute in den Tourismus- und Werbebroschüren üblich ist, er grenzt sich aber auch nicht von einer anderen bekannten und gewohnten Methode für Naturdarstellungen ab. Ein wenig pathetisch, aber auch versöhnlich, schön.

Erst auf den zweiten Blick nimmt man die baulichen Elemente als unnatürliche wahr. Sie machen deutlich, dass damit das traditionelle Alpenbild nicht mehr reproduziert werden kann. Der untere Teil des Hanges im Bild ist mit einem Netz überzogen, das kaum sichtbar zum Teil schon von Gras überwachsen ist. Würde es durch seine Maschung nicht Streifen bilden, wäre es auf der Fotografie fast nicht wahrnehmbar. Auffälliger sind die Betonkörper, die die Felswand stützen, auch wenn nicht sichtbar wird wer durch sie gefährdet wäre. Dem steilen Felshang werden turmartige Stützmaßnahmen wie Strebepfeiler vorgesetzt. Im unteren Felsabschnitt scheinen dagegen die Betonteile integriert. Sie füllen quasi Felslöcher aus oder binden loses Gestein aneinander, sind liegende Elemente und haben fast Raumcharakter. Der Beton folgt den Wellen des Untergrunds und geht in manchen Bereichen derart in die Steinstruktur über, dass die Grenzen des Eingriffs nicht mehr deutlich festzustellen sind. Die Bauteile sind oberflächlich durch Punkte strukturiert. Sie weisen erst bei bewusstem Hinsehen auf die Verankerungen hin, die den Beton mit dem Fels verbinden - und ihn zu dem machen was er ist: eine Hangsicherung.

Nutz- und Sicherungsbauten treten in tradierten Landschaftsbildern auf, verschwimmen mit ihnen, aber bringen sie dadurch doch ins Wanken. Wenn auch das festgesetzte Bild vom Gegensatz Mensch-Natur in die Betrachtung hinein spielt und Berührungen zur heroisierenden Technikfotografie möglich sind, so können sie doch als Versuch interpretiert werden, einen neuen Aspekt ins Bild zu bringen: den der gesellschaftlichen Konstruktion von Sicherheit. Sie zeigen die Widersprüchlichkeit zwischen dem Wunsch nach Verdrängung aller zivilisatorischen Nutzung aus dem Bild, aber kommunizieren damit gleichzeitig auch Sicherheit - Beschützung in einer Zeit der ständig beschworenen Gefahren. Mit dem Klimawandel, und der medial angekündigten Häufung von Katastrophen folgt der einstigen Risikolust jetzt wieder ein verstärktes Sicherheitsbedürfnis gegenüber den Alpen. Man kann die Bilder lesen als Abbildung einer aktuellen Unsicherheit in diesen Landschaftsräumen und sie sind gleichzeitig Indiz dafür, dass Schutz geboten wird und vermitteln das Gefühl, die Gefahren bändigen zu können. Kos zitiert Margherita Spiluttini, die diese Ambivalenz in ihrer Annäherung an das Gebirge beschreibt. "Ich habe die Berge von der Kindheit an immer als extrem gefährlich und bedrohlich erlebt. Sie bedeuteten für mich Katastrophen: Lawinen, Sturzbäche, Unwetter. Deshalb genieße ich auf Alpenstraßen das Gefühl des Beschütztseins, wie es durch Lawinenschutz-Galerien vermittelt wird, und empfinde durchaus Vergnügen beim Fahren."

Weiterführende Literatur
Böhme, Gernot (1992): Natürlich Natur. Über Natur im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt: Suhrkamp
Kos, Wolfgang (Hg.) (1997): Alpenblick. Die zeitgenössische Kunst und das Alpine. Ausst. Kat. Kunsthalle Wien. Stroemfeld/Roter Stern
Limbeck-Lilienau, Elisabeth (Hg.) (2002): Margherita Spiluttini - Nach der Natur. Konstruktionen der Landschaft. Ausst. Kat. Technisches Museum Wien. Edition Fotohof
Piffer Damiani, Marion (Hg) (2003): Walter Niedermayr. Civil Operations. Ausst. Kat. Kunsthalle Wien

Zur Autorin
Doris Hallama, DI der Architektur, Studium der Kunstgeschichte, derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gestaltung der Universität Innsbruck tätig.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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