ZUR STIFTUNG SOZIALEN SINNS (ONLINE) UND DER LACKIERUNG EINES DOPPELDECKERBUSSES (OFFLINE)

Von Patrick Neveling

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Abb. 1: „Offline“-Lackierung des Vereinsbusses. Foto: P. Neveling

Das World-Wide-Web mit all seinen Spielarten (im Folgenden um der Kürze Willen "Internet" genannt) gehört in der Ethnologie wie kaum ein anderes soziales Phänomen zu den letzten „weißen Flecken“ des Theorems Globalisierung. Entzaubert sind bereits die Thesen zur Flexibilisierung von Kapitalakkumulation, zur Hybridisierung von Kultur oder zur Zunahme transnationaler Migration. Während letztere zunehmend kritisch auf normative und teleologische Aspekte überprüft und unter dem Label "Globalismus" (wie die Kulturanthropologin Anna Tsing es nennt) als Relikte der Vergangenheit Gegenstand der Forschung geworden sind, hat das Internet in der Ethnologie zumindest Aspekte seiner Rätselhaftigkeit behalten.

Einer der Gründe für die bisher nicht vollzogene Entzauberung des Internets mag in den Problemen der Forschungsmethodik liegen. Der Ethnologe Andreas Wittel führt in diesem Zusammenhang an, dass die Anwendung einer der Kernmethodiken der Ethnologie – die teilnehmende Beobachtung - zumindest schwer falle und somit die Validität der Daten nicht prüfbar sei. Hyperlinks als entscheidende Art der Verbindung innerhalb des Internet ließen keine Rückschlüsse auf Intensität der sozialen Beziehung zu und zudem fehlten dem Forschenden entscheidende Sinneseindrücke wie Gerüche, Mimik, Gestik oder der Klang der menschlichen Stimme. Einzig schlüssiger Ausweg scheint bis dato die Aufhebung der beispielsweise von Castells postulierten Aufspaltung der Welt in eine virtuelle und eine reale, eine Online- und eine Offline-Welt, zu sein. Vollzogen werden soll diese Bewegung, indem Ethnographien eine Brücke von Online- zu Offline-Beobachtungen der NutzerInnen schlagen und so der Einbettung des Internet in andere soziale Räume empirisch näher kommen.

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Abb.2: Startseite des Online-Auftrittes Chill-Out e.V. Aachen

Eine solche Brücke zwischen Online- und Offline-Welt zu schlagen schien mir möglich, als mich am 26. Februar 2006 eine Nachricht über die Mailingliste eines in Aachen ansässigen gemeinnützigen Vereines zur akzeptierenden Suchtberatung erreichte. Der Verein war am 1. Februar 1998 zunächst als reines Online-Projekt gegründet worden. Auf einer Interseite konnten KonsumentInnen Warnhinweise zu Ecstasy-Pillen mit verunreinigten und teils lebensgefährlichen Inhalten abrufen, sowie per Email binnen 24 Stunden Rat von einem Team in der Suchtberatung geschulter SozialarbeiterInnen einholen. Zudem wurden vergleichbare Kampagnen bundesweit durch Linksetzungen beworben. Bald jedoch wurde auch auf Offline-Veranstaltungen des Vereins hingewiesen.

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Abb. 3: „Warum solltest Du eine Beratungsstelle aufsuchen – es geht Dir schließlich gut!“ - Werbung für das mobile Beratungsangebot des Chill-Out e.V.

Ein besonderer Clou dieser Offline-Veranstaltungen war ein von der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) erworbener Doppeldeckerbus, den einige der Vereinsmitglieder zu einer mobilen Drogenberatungsstation umgebaut hatten. Aufgrund des lokalen Erfolges dieses Konzeptes kam der Bus in den folgenden Jahren auch überregional zu zahlreichen Einsätzen - beispielsweise beim alljährlichen Kölner Reggaefestival "Summer Jam". Da er zudem den Vereinsmitgliedern für eine jährliche Ausflugs- und Informationsreise zur Verfügung stand, wurde in besagter Mail vom 26.02.2006 zur Erneuerung der durch Wind und Wetter nicht mehr sonderlich ansehnlichen Außenfassade aufgerufen. Untermauert wurde dieser Aufruf durch die Zusage einer Redaktion des WDR-Fernsehens, im Rahmen der Sendung "Zimmer fertig" werde Anfang Mai die Inneneinrichtung des Busses komplett neu gestaltet und eine Aufzeichnung dieser Arbeiten in den Sommermonaten ausgestrahlt. Einer solchen Untermauerung bedurfte es, da der gleiche Aufruf seitens des Vereinsvorstandes zwei Jahre zuvor gescheitert war - was nicht zuletzt an langjährigen, aber doch eher passiven Vereinsmitgliedern wie mir selbst lag.

In den kommenden Wochen wurde seitens der beiden Vorsitzenden des Vereines - dem Betreiber einer Marketing- und Designagentur und dem im Doppeldeckerbus tätigen Sozialarbeiter - mittels der Mailingliste und einer umfangreich gestalteten Internetpräsentation eine Kampagne zur Renovierung des Busses initiiert und inszeniert. Ziel war die Aktivierung Freiwilliger für die sehr arbeitsintensive und nicht unbedingt angenehme Arbeit des Lackierens des Busses. Über die am 07.03.2006 online gestellte Internetpräsentation wurden bis zum avisierten Termin (28.04. bis 01.05.2006) für Gerüst-/Materialaufbau, Abschleifen, Grundierung, Lackierung und Aufräumen sämtliche Aktivitäten koordiniert. Im Laufe der zwischen beiden Terminen liegenden sieben Wochen veränderten sich Inhalte und Zweck des Online-Auftrittes in drei Schritten, die jeweils Auskunft über die Etappen bis zum erfolgreichen Abschluss der Kampagne zur Identifikation mit dem frisch zu lackierenden Doppeldeckerbus als Aushängeschild des Vereins geben. Die folgende retrospektive Analyse vollzieht nach, wie für das Wochenende der Buslackierung 25 HelferInnen mobilisiert wurden, die 1.200 Stunden unbezahlter Arbeit und Geldspenden von mehr als 1.250 € leisteten. Hinzu kamen weitere substantielle Leistungen im Vorfeld.

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Abb. 4: Die kulturelle Biographie des Busses als Motivationsmittel zur Restaurierung – Online Auftritt anlässlich des Aufrufes zur Lackierung

Während der ersten Phase bildete sich eine Gruppe von acht Personen, die das Ereignis aktiv vorbereiteten. Über die Online-Präsentation wurden die Vereinsmitglieder an zwei zentrale Aspekte der Nutzung des Busses erinnert: Die gemeinsame Nutzung für die Vereinsarbeit und die gemeinsamen Ausflugs- und Fortbildungsfahrten als ein konstituierendes Moment der Gruppe in der Vergangenheit. Hinzu kamen für die Mehrzahl der Vereinsmitglieder neue Informationen über die kulturelle Biographie des bereits einunddreißig Jahre alten Fahrzeuges. Die abgebildete Internetseite suggeriert zwar eine Web 2.0 basierte Programmierung, bietet aber dennoch aufgrund einer HTML-basierten Gestaltungssoftware nur dem Administrator der Seite die Möglichkeit, Inhalte zu veröffentlichen. Dieses "basisdemokratische" Manko wurde bereits beim ersten Treffen am 10.03. angegangen: Eine Abstimmung über die Außengestaltung des Busses wurde per Mail durchgeführt. Auf der Internetseite wurde ein "Blanko"-Bild des Busses bereitgestellt, das alle zur Abstimmung aufgerufenen zweiunddreißig Adressaten der Mailingliste herunterladen und nach eigenen Vorstellungen in einem Bildbearbeitungsprogramm verändern konnten. Per Antwortmail eingehende Vorschläge veröffentlichte der Administrator und gab diese zu einem Voting bis zum 13.04. frei. Unter dem Punkt "Blog" (vergl. Abb. 4) konnten die Protokolle von vier Treffen des Vorbereitungskomitee jeweils am Folgetag eingesehen werden.

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Abb. 5: „Blanko“-Bild zur Erstellung von Vorschlägen für die neue Außengestaltung

Beim zweiten Treffen am 25.03. war die Gruppe auf elf Personen angewachsen. Die Inhalte des Internetauftritts zeigten eine zunehmende Professionalisierung. Inzwischen waren im "Blog" ein vorgefertigtes Sponsorenanschreiben vom 13.03., sowie eine Powerpointpräsentation zum Ablauf der Lackierung und ausstehenden Aufgaben (Sponsoring für Schweißarbeiten am Bus, Schleifgeräte, Schutzkleidung und Baugerüste für die Lackierung sowie für eine Halle zum Schutz gegen Regen) abrufbar. Hinzu kamen Ratschläge und Aufmunterungen: "Und der Strom der Spender will nicht abreißen... Die Firma Aspera spendet 50 EUR. Und alles nur, wenn man im Freundeskreis ein wenig über unsere gute Sache spricht, ..." (Eintrag vom 30.03.2006).

Mit dem dritten Treffen am 07.04. zeigte sich ein weiterer Professionalisierungsschritt - ausgedrückt im Löschen der Abbildungen vergangener Ausflüge zugunsten derer von rostiger Stellen am Bus und neu zu beschaffender Fahrzeugteilen: "...damit die Internetseite auch mal interessierten Sponsoren gezeigt werden kann." (Eintrag vom 07.04.2006). In den folgenden Wochen wurde der Austausch über die Mailingliste aktiver, eine Nachricht mit der Betreffzeile "Du bist gefragt!" enthielt eine Excel-Tabelle, in der HelferInnen verbindlich Arbeitszeit während der auf vier Tage kalkulierten Lackierung, sowie die von ihnen übernommenen Aufgabenbereiche eintragen sollten. Bereits geleistete ehrenamtliche Gaben – beispielsweise Schweiß- und Reparaturarbeiten von Mitarbeitern der städtischen Busgesellschaft - wurden in Form eines Kuchens in Busform und die Aufschrift der respektiven Leistungen ("Motor-Öl", "Öl") tragenden Schnapsflaschen aus eigener Herstellung erwidert.

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In den Tagen vor der Lackierung nahmen Aktivitäten und Postings auf der Internetseite rapide ab. Im Anschluss an das Protokoll des letzten Vorbereitungstreffen am 21.04. und die Download-Option des von mir am selben Tag eingereichten Exposé zur Bewilligung meines Forschungsvorhabens schloss der "Blog" mit: "Important Advice: Weil das keine offizielle Veranstaltung ist, gibt es keinen Versicherungsschutz. Jeder hilft auf eigene Gefahr." (Eintrag vom 21.04.2006). Abschließend wurden am 03.05. ein Dankesschreiben an alle 25 HelferInnen sowie zahlreiche Fotos von den Lackierungsarbeiten veröffentlicht.

Ethnologische Forschungen im Internet sind in der Vergangenheit oft kritisiert worden; Brückenschläge zwischen Online-Verhalten der NutzerInnen und deren lebensweltlicher Erfahrungen gestalteten sich insbesondere aus methodischer Sicht problematisch. Das gewählte Beispiel zeigt eine Möglichkeit, die Trennung zwischen „online“ und „offline“ Welten bereits mit der Wahl des Forschungsfeldes aufzuheben: Vorgestellt wurden Strategien, die eine bereits existente Gruppe anwendet, um ein nicht alltägliches, arbeitsaufwändiges und dennoch überschaubares soziales Ereignisses der "realen" Welt im Internet (per Mailverteiler, Homepage, etc.) vor- und nachzubereiten. Somit stellt sich die Frage nicht, ob die durch die Internetkommunikation geschaffene oder an ihr beteiligte Community real oder imaginiert ist. Mit der Ausweitung des Internets in zahlreiche Lebensbereiche der NutzerInnen geht eine Entzauberung des Mediums einher. Diese bietet den Sozialwissenschaften Möglichkeiten, Abstand von einer Auffassung des Mediums als rein virtuelle, parallele Welt zu nehmen.

Dank an: Marc, Lara & Familie, Arnold und alle HelferInnen der Lackierung des „Chill-Out e.V.“ Doppeldeckerbusses für ihre freundliche Aufnahme und geduldige Antwort auf Fragen angesichts von Farbstaub, Lackgeruch und Erschöpfung!

Weiterführende Literatur
Tsing, Anna (2000): The Global Situation. In: Cultural Anthropology, 15 (3): 327-60
Wilson, Samuel M. & Leightin C. Peterson (2002): The Anthropology of Online Communities. In: Annual Review of Anthropology, 31: 449-67
Wittel, Andreas (2000, January). Ethnography on the Move: From Field to Net to Internet 23 Paragraphs . Forum Qualitative Sozialforschung/Forum Qualitative Research Online Journal , 1(1). Available at: 2007, 08, 15 .

Zum Autor
Patrick Neveling, M. A., Ethnologe, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ethnologie der Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg, Feldforschung auf Mauritius und Sulawesi.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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