DAS „INTANGIBLE HERITAGE MEDIA INSTITUTE“

Skizze eines medienanthropologischen Projektes an der Schnittstelle von Theorie und Praxis

von Thorolf Lipp & Gertraud Koch

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Thorolf Lipp. Dreharbeiten in Kontu,
Papua Neuguinea, im August 2002. (c) MK

Die UNESCO hat seit dem Jahr 2000 ein Programm entwickelt, durch das „immaterielle Formen kulturellen Ausdrucks“ und „kulturelle Räume“ beispielhaft unter Schutz gestellt werden. Das meist kurz „Intangible Heritage“ genannte Programm ist als Ergänzung zum bereits bestehenden Welterbeprogramm gedacht und soll herausragende Kulturleistungen, gerade auch von nicht-westlichen Gesellschaften, würdigen. Zum immateriellen Erbe gehören Sprachen, mündliche Literaturformen wie Mythen, Epen und Erzählungen, aber auch Musik, Tänze, Spiele, Bräuche oder besondere handwerkliche Fähigkeiten.

Die UNESCO beklagt, daß der Vielfalt der kulturellen Ausdrucksformen durch die Massenmedien der Niedergang durch Vereinheitlichung droht. Sie regt mediale Repräsentationen und die Vermittlung des „Intangible Heritage“ ausdrücklich an, um freie Zugangsmöglichkeiten zu den kulturellen Ausdrucksformen der jeweils „Anderen“ zu schaffen und das Medienangebot diesbezüglich zu erweitern. Dabei werden Kooperationen zwischen entwickelten Ländern und Entwicklungsländern explizit angemahnt. Die Unterzeichner der Konvention sind insbesondere dazu aufgerufen, Maßnahmen zu ergreifen, die darauf abzielen, die Medienvielfalt durch öffentliche Institutionen und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu erhöhen.

Spätestens wenn die Bundesrepublik dem „Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes“ beitreten wird, woran kein Zweifel besteht, stellt sich die Frage, welchen Beitrag unser Land zum Schutz des immateriellen Kulturerbes hier und weltweit leisten kann. Ein Intangible Heritage Media Institute , dessen Zielsetzung die Aufforderungen der UNESCO aufgreift, kann hierzu einen wichtigen Beitrag leisten. Ansätze ethnologischer und medienanthropologischer Forschung bilden wichtige konzeptionelle Grundlagen für das Vorhaben eines Intangible Heritage Media Institutes, das derzeit in Zusammenarbeit von Thorolf Lipp (Universität Bayreuth) und Gertraud Koch (Zeppelin University Friedrichshafen) konzeptionell entwickelt wird.

Die mediale Darstellung kultureller Gruppen und Zusammenhänge sowie die reflexive Erarbeitung theoretischer Konzepte, die diese Repräsentationen leiten, sind originäre Forschungsfragen und Tätigkeitsfelder von Ethnologen – und zwar nicht erst seit das Nachdenken über Bilder in der Ethnologie durch zahlreiches Reden über diverse „Turns“, wie Iconic Turn, Pictorial Turn, Visual Turn, Media Turn bzw. Medial Turn, die bildbezogenen Forschungsparadigmen in den Blick gerückt hat. Schon lange arbeiten Subdisziplinen wie die Visual Anthropology, die Medienanthropologie und die Medienethnologie über Zusammenhänge von medialer Repräsentation und Kultur.

Obwohl es also an Forschung nicht mangelt, ist es eine Erfahrung von den meisten mit Medien befaßten Ethnologen, daß der ethnologische Wissensfundus von der medialen Praxis erstaunlich wenig abgerufen wird. Die Gründe hierfür sind vielfältig und in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen. Zum einen ist es in der Medienpraxis eine Herausforderung in die Darstellung von Kulturen theoretische Erkenntnisse der postkolonialen Ethnologie zu integrieren. Die Diskursivierung der Position und der Praxen des Beobachters, die Vermeidung von stereotypisierendern Zuschreibungen oder auch die Thematisierung anderer Sichtweisen und Machtverhältnisse zählt nach wie vor nicht zum Grundlagenwissen der Medienpraxis, sondern hat höchstens bei einigen gründlich arbeitenden Dokumentarfilmern Anregungen hinterlassen.

Zum zweiten ist das Themenfeld mit einer Reihe ethisch-moralischer Fragen behaftet, etwa die nach kulturellem Copyright, nach subtilen und technologie-inhärenten Euro- und Chronozentrismen u.ä.m. Dies hat nicht zuletzt zu einer dramatisch gesunkenen Akzeptanz von Konzepten des „ethnographischen Filmes“ als Praxis der Kulturrepräsentation geführt, was derzeit eine aktive, gar avantgardistische Rolle der Ethnologie eher verhindert.

Schließlich findet, drittens, die Praxis der Medienproduktion eben nicht im geschützten Raum des universitären Seminars statt, sondern auf einem hart umkämpften kulturindustriellen Marktplatz, dessen Mechanismen den meisten Ethnologen unbekannt sind. In aller Regel dominieren hier kommerzielle Produktionen, die Quoten bringen müssen und deswegen auf bewährte Sehweisen und Produktionsmodi zurückgreifen, also im Kern immer gleiche Narrationsmuster perpetuieren. So verwundert es nicht, daß es auch dort, wo es um die Darstellung fremder Kulturen geht, kaum je zu Berührungen mit medienanthropologischer Theorie kommt, die etwa dafür plädieren könnte, das Repertoire der eigenen narrativen Formen zu hinterfragen, zu erweitern oder gar radikal zu durchbrechen.

Diese Beobachtung trifft zweifelsfrei auch auf mediale Adaptionen des Intangible Heritage zu, denn bislang sind es ausschließlich professionelle TV-Produzenten die hier agieren und mediale Fakten schaffen. Inzwischen gibt es allein in Deutschland zwei (unregelmäßige) Sendereihen, die sich dem „Intangible Heritage“ widmen, freilich ohne dabei die von der UNESCO erwähnte Zusammenarbeit mit lokalen Medieninstitutionen und das Aufgreifen kulturell spezifischer, „fremder“ Narrationen auch nur im Ansatz anzustreben. Das Resultat ist, es kann unter diesen Umständen kaum anders sein, stark normierte TV-Produktionen.

Für das Intangible Heritage Media Institute ist dieses Dilemma, Ausgangspunkt und Aufgabe zugleich. “ Seine Arbeit ist von dem Bemühen geleitet, zwischen (medien-)anthropologischer Theorie und medialer Praxis zu vermitteln. Dies geschieht im Sinne einer Theorie der Praxis, in der Pierre Bourdieu deutlich gemacht hat, daß dem Ignorieren der Wahrheit der Praxis als gelehrte Ignoranz unzählige theoretische Irrtümer zugrunde liegen. Dies ist auch für die Medienpraxis festzuhalten, allerdings gilt der Umkehrschluß genauso. Es bleibt die dringende Notwendigkeit, Brücken zu bauen. Das Intangible Heritage Media Institute steht daher nicht nur für ein „Nachdenken über Bilder“, sondern auch für ein „Denken mit Hilfe von Bildern“, (Doris Bachmann-Medick) und das schließt einen praktischen Umgang mit Bildern, also auch deren Produktion, zwingend mit ein. Ein erster Schritt zum Erreichen dieses Zieles besteht im Aufbau eines entsprechenden internationalen und interdisziplinären Netzwerkes: Kultur-Akteure, Künstler, Filmemacher, Filmproduzenten und andere Medienakteure sowie Vertreter von Universitäten, Kulturinstituten und TV-Sendern werden hier Partner sein.

Das Institut selbst wird aus einem Medien- und einem Forschungszentrum bestehen. Im Medienzentrum wird zunächst ein mehrsprachiges, multivokales Intangible Heritage Media Internetportal eingerichtet, betrieben und stetig weiterentwickelt. So soll ein einfacher, schneller und übersichtlicher Zugang zu Filmen, Audiodaten, Texten und Bildern die immaterielles Kulturerbe thematisieren, ermöglicht werden. Neben Archivierung und Distribution werden interaktive Kommunikationsmedien zur Community-Bildung von Medienpraktikern, Künstlern, Wissenschaftlern und Kulturschaffenden bereitgestellt, die mit dem immateriellen Kulturerbe befassten sind. Gerade die Multivokalität, also das Zulassen verschiedener Sichtweisen und Interpretationen, macht deutlich, daß es sich bei den auf der Internetplattform versammelten Adaptionen des Intangible Heritage um Material handelt für Erinnerungen, für Vermittlungen, als Anknüpfungspunkte für seinen Gebrauch bzw. seine Fortschreibung und für politisch-gesellschaftliche Diskurse. Ein jeweiliges Intangible Heritage wird demnach von vornherein nicht als eine einzelne, geschlossene Meistererzählung, sondern als ein „lieux de mémoire“ aufgefaßt, das grundsätzlich offen, allgemein zugänglich und immer wieder neu verhandelbar ist.

Neben der Errichtung und dem Betrieb des Intangible Heritage Media Internetportals wird das Zentrum auch eigene mediale Produktionen durchführen und veröffentlichen, Partner können hier Broadcaster sein, aber auch Filmförderung, Universitäten oder Forschungsinstitute. Das Abhalten von Workshops, in denen mediale Praxis sowie Medientheorie und -geschichte vermittelt werden, wird eine weitere Aufgabe des Zentrums darstellen. So soll lokalen Medienschaffenden, Künstlern und Kulturschaffenden die Produktion von eigenen medialen Umsetzungen erleichtert werden. Dies ist im Sinne von multivokalen Perspektiven notwendig und auch, weil die angestrebte Weiterentwicklung medialer Adaption vielstimmig und vielfältig, also im Dialog mit kulturell diversen Formen der Narration, Inszenierung und Repräsentation, möglich ist. Überdies soll den Nutzern des Portals prinzipiell erlaubt werden, eigene Produktionen online zu stellen. So entsteht ein experimenteller Raum für eine medienschaffende „Community of Practice“, in dem Narrationen, Repräsentationsformen und Dramaturgien exploriert werden können, die Begrenzungen von bewährten textlichen und audiovisuelle Darstellungsweisen überwinden und weiterentwickeln, um den Besonderheiten von immateriellen kulturellen Traditionen gerecht zu werden.

Die Aufgabe, eine Brücke zwischen medienanthropologischer Forschung und medialer Praxis zu schlagen, erfordert es, die vielfältigen Fragen bezüglich multimedialer Repräsentation und der Verbreitung von immateriellen Kulturerben begleitend wissenschaftlich zu erforschen. Deswegen wird das Forschungsinstitut des Intangible Heritage Media Institutes wissenschaftliche Begleit- und Grundlagenforschung zu Fragen der Medien- und der Wissensanthropologie durchführen. Für eine qualitätvolle Medienarbeit zum immateriellen Kulturerbe ist eine solche enge Verbindung ethnologisch geleiteter Medienpraxis und wissenschaftlicher Forschung unverzichtbar. Sowohl Medienanthropologen als auch Kulturvermittler beschäftigen sich schon seit langem mit einer Reihe von Themen, die im Zusammenhang eines auf die Vermittlung immateriellen Kulturerbes spezialisierten Medieninstituts verstärkt an Bedeutung gewinnen.

Was sind angemessene Darstellungsformen für kulturelle Praktiken? Welchen Beitrag können mediale Darstellungen zur Kulturvermittlung leisten? Wie kann die filmische Autorität des Autors relativiert werden? Können mündliche Formen der Narration in audiovisuelle Medien überführt werden und wie könnte dies aussehen? Solche und weitere Fragen werden im Produktionsprozess von Audiovisionen und Texten zu immateriellem Kulturerbe immer wieder eine wichtige Rolle spielen. Aus wissensanthropologischer Sicht ist wiederum die Wissensvermittlung über kulturelle Grenzen hinweg interessant. Dies hat, genauso wie die medienanthropologische Forschung, unmittelbare Bezüge zur praktischen Arbeit des Institutes, da Menschen aus unterschiedlichen Kulturen mit der multivokalen und mehrsprachigen „Intangible Heritage Media Internetplattform weltweit über das Netz angesprochen werden sollen. Eine zentrale Frage hierbei wird lauten, wie sich einerseits sprachliche Vielfalt bewahren und andererseits eine internationale Zugänglichkeit des immateriellen Kulturerbes herstellen läßt?

Vielfältiger Forschungsbedarf besteht auch hinsichtlich der Medialisierung von kulturellem Wissen und seiner Verbreitung über audiovisuelle Medien bzw. über das Internet. Insbesondere sind die Übersetzungs- und Anpassungsleistungen von traditionellen Wissensformen zu untersuchen, wenn diese in neue mediale Formen umgesetzt werden. Lassen sich kulturelle Praktiken durch Medienarchive bewahren, möglicherweise sogar neu interpretieren und revitalisieren, oder trägt dies gerade zu deren Folklorisierung und Musealisierung bei? Zudem stellt das Internet erweiterte Modi der Kommunikation und Interaktion bereit, die neue Formen der Wissensvermittlung und –archivierung, etwa die stetige Transmigration der Daten im Internet, ermöglichen.

Bei der Einrichtung des ntangible Heritage Media Institute ergeben sich besondere Chancen zu sowohl interdisziplinärem als auch interkulturellem Austausch. Die Konzeptionsphase des Institutes ist in vollem Gange, Nachfragen, Anregungen und Kooperationsangebote sind willkommen.

Zu den AutorInnen
Dr. Thorolf Lipp, Ethnologe und Filmemacher, zurzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter am IWALEWA Haus, Universität Bayreuth. Inhaber der Arcadia Filmproduktion. www.thorolf-lipp.de; www.arcadia-film.de
Prof. Dr. Gertraud Koch, Inhaberin des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft & Wissensanthropologie an der Zeppelin University Friedrichshafen.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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