HEILIGE FIGUREN, WERTLOSER MÜLL, MUSEUMSEXPONATE

Wie sakrale Objekte in Südmexiko zu kulturellem Erbe werden

Von Carolin Kollewe

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Ídolos, ausgestellt im Museum. Foto: C. Kollewe

Weltkulturerbe oder Brücke? Der Streit um die Dresdner Waldschlößchenbrücke hat mittlerweile deutschlandweit für Schlagzeilen gesorgt und deutlich gemacht, welche Bedeutung der Auszeichnung „kulturelles Erbe“ zukommt. Wird dem Dresdner Elbtal der Titel „Welterbe“ aberkannt, wenn die Brücke gebaut wird? Welche Konsequenzen hätte es für den Ruf der Bundesrepublik, wenn die UNESCO Deutschland als erstem Land weltweit einen Welterbetitel entziehen würde?

Das Prädikat „kulturelles Erbe“ adelt Objekte. Es hebt sie aus der Vielzahl von Dingen als etwas Besonderes, Bewahrenswertes hervor und macht sie wertvoll. Zugleich fällt vom Glanz des kulturellen Erbes auch etwas auf die Menschen ab, die diesen Gegenstand geschaffen haben oder ihn besitzen. Wird etwas zu kulturellem Erbe erklärt, verändert sich oftmals das Verhältnis der Menschen zu dem nun als Kulturerbe verstandenem Objekt – so wie bei einigen DresdnerInnen. Seitdem das Dresdner Elbtal von der UNESCO zum Welterbe erklärt wurde, plädieren nun manche der früheren BrückenbefürworterInnen plötzlich gegen einen Bau der Brücke, die das Panorama des Elbtals beeinträchtigen würde.

Dieses Beispiel macht deutlich, welche Bedeutung der Stempel „kulturelles Erbe“ für die Wahrnehmung eines Objekts haben kann. Es zeigt auch auf, dass kulturelles Erbe nicht nur bewahrt, sondern auch produziert wird. Mit dem Prädikat „kulturelles Erbe“ zeichnen wir Dinge aus, die aus der Vergangenheit stammen, und machen sie zu etwas Neuem, wie die US-amerikanischen Kulturanthropologin Barbara Kirshenblatt-Gimblett dargestellt hat.

Dieser Vorgang vollzieht sich nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern auch in vielen anderen Regionen der Welt. Ich werde hier aufzeigen, welche Bedeutung es im Süden Mexikos haben kann, wenn Objekte als kulturelles Erbe bewertet werden. Beispiel sind dabei prähispanische Figuren und Köpfe aus Stein, die dort oftmals ídolos (Idole) genannt werden. Sie wurden in vergangenen Zeiten in der Mixteca-Region im südwestmexikanischen Bundesstaat Oaxaca vielfach als Darstellungen des Göttlichen betrachtet. Sie standen auf den Bergen und es wurden ihnen Opfer dargeboten. Eine Berührung dieser ídolos konnte zu Krankheit und sogar zum Tod führen. Heute hingegen stehen sie als archäologische Exponate vielfach in Museen – sei es im Nationalmuseum in Mexiko-Stadt oder in kleinen Dorfmuseen. Dort werden sie als kulturelles Erbe Mexikos dargestellt. Wie hat sich der Wandel dieser Objekte von religiösen Gegenständen zum kulturellen Erbe vollzogen und welche Bedeutung weisen Mixteken, wie sich Bewohner der Mixteca-Region nennen, diesem Prozess zu?

Vor der Eroberung durch die Spanier wurden bei den Mixteken Figuren und Köpfe aus Stein als Darstellungen des Göttlichen benuzt. Die Priester opferten ihnen Tabak, Lebensmittel und auch Tiere. Beim Opfern betete man um eine gute Ernte oder für die Gesundheit eines Familienangehörigen. Die Mitglieder des Dominikanerordens, die im 16. Jahrhundert mit der Mission der Mixteca-Region begannen, verteufelten die mixtekischen Darstellungen des Göttlichen als ídolos oder „Dämonen“. Sie zerstörten viele von ihnen und verfolgten ihre Verehrung als „Idolatrie“, das heißt als Götzenverehrung. Trotz der Zerstörungswut der Missionare und ihrer Christianisierungsambitionen pflegten viele MixtekInnen ihre Opfer und Rituale weiter, nun allerdings im Verborgenen. So hatten viele Dörfer der Mixteca-Region ihre ídolos bis vor einigen Jahren auf den Bergen.

Nach der mexikanischen Revolution von 1910-20, die das Land zerrissen hatte, setzte sich die Regierung zum Ziel, Mexiko durch die Verbreitung einer homogenen Nationalidentität zu einigen. Der spanisch sprechende, katholische mestizo, Nachkomme von SpanierInnen und Indigenen, wurde zum Ideal des mexikanischen Bürgers erklärt. Die prähispanischen Hochkulturen wurden glorifiziert als mythischer Ursprung der mexikanischen Nation. Gegenwärtige indigene Kulturen hingegen wurden als Hindernisse auf Mexikos Weg in die Erste Welt betrachtet, die schnellstmöglich verschwinden sollten. Eine verstärkte Politik der Anpassung sollte dabei helfen.

Zur Verbreitung der neuen Nationalideologie und zur Umsetzung der Assimilationspolitik setzte man in Mexiko auf die Schule und die LehrerInnen, die nun auch in die entlegensten Dörfer geschickt wurden. Sowohl in der Schule als auch im Alltag war es verboten indigene Sprachen zu sprechen. Außerdem sollten die Dörfler mit unterschiedlichsten Aktivitäten zu „Modernisierung“ und „Zivilisierung“ auf dem Lande beitragen.

So wurde 1927 auch der erste staatliche Lehrer in das kleine mixtekische Dorf San José Chichihualtepec geschickt. Er verbot nicht nur die mixtekische Sprache zu sprechen, sondern holte gemeinsam mit seinen SchülerInnen auch die ídolos von den Bergen. Er stellte sie in einem öffentlichen Raum im Ort aus, einer Art Museum. Dabei wurden die ídolos von sakralen Objekten zu Repräsentationsobjekten herabgestuft. Denn sie sollten in diesem Museum nicht mehr auf das Göttliche verweisen, sondern auf die Vergangenheit und die mexikanische Geschichte, die der Lehrer verbreiten sollte. Die prähispanischen Objekte wurden in diesem ersten Museum Chichihualtepecs zu Symbolen für das Überkommene und den „Aberglauben“, dem die Alten anhingen. Das Museum und der Umgang des Lehrers mit den prähispanischen Objekten dienten manchen im Dorf als Beweis dafür, dass diese Gegenstände nicht die Kraft besaßen, die ihnen die DorfbewohnerInnen vormals zugewiesen hatten. Andere Chichihualtepecanos ließen sich aber nicht so schnell überzeugen und trugen nachts viele der dolos wieder auf die Berge zurück. Als der Lehrer 1933 das Dorf verließ, wurde sein Museum geschlossen.

Abgesehen vom ersten staatlichen Lehrer, der die ídolos als Symbole der mexikanischen Geschichte und als kulturelles Erbe behandelte, trugen aber auch andere Entwicklungen im Dorf dazu bei, dass die ídolos ihre Kraft verloren. Sicher hatte die Abwanderung, die Ende des 19. Jahrhunderts einsetzte, hierauf einen Einfluss. Sehr viel stärkeren Anteil an der Umdeutung und Umwertung der prähispanischen Objekte mit menschlichem Antlitz hatte aber der verbesserte Zugang zu biomedizinischer Versorgung in der Region seit den 1960er-Jahren. Bis dahin hatte es im Dorf Heilkundige gegeben, die nicht nur mit Hilfe von Kräutern, Massagen und Tees heilten, sondern suchten auch mit Beopferungen der ídolos zur Gesundung ihrer Patienten beizutragen. Nun übte sich nicht mehr nur die Kirche, sondern auch der Staat darin, diese HeilerInnen zurückzudrängen. Bis heute werden sie noch vielfach mit „Hexerei“ in Verbindung gebracht.

Nach und nach verloren die ídolos im Dorf ihre Funktion und ihren Wert als heiliges Objekt. Sie wurden in der Hierarchie der Gegenstände, in der sakrale Objekte eine Spitzenposition haben, herabgestuft: Erst erklärte sie der Lehrer zu Repräsentationsobjekten, später, als die ídolos ihre Kraft verloren hatten, benutzte man sie teilweise als Schmuckstücke zur Verschönerung der Häuser oder auch als Kinderspielzeug. Sie wurden damit zu Gebrauchsgegenständen. In der folgenden Zeit maßen die meisten im Dorf prähispanischen Objekten keinen besonderen Wert zu. Einige dieser Gegenstände, die man häufig auf dem Feld oder auf dem Berg fand, wurden aus Unachtsamkeit zerstört oder gingen verloren. Damit diese Artefakte im Jahr 2001 zum kulturellen Erbe des Dorfes und zu Museumsexponaten erklärt werden konnten, mussten sie einen langen Weg der Umdeutung und Aufwertung durchlaufen. Ihre zwischenzeitliche Einordnung und Behandlung als wertloser „Müll“ war dabei eine Phase, die nach der „Mülltheorie“ des englischen Anthropologen Michael Thompson typisch für Neubewertungsprozesse von Objekten ist.

Zur Wiederaufwertung der Objekte trug in Chichihualtepec die Schule bei. Dort wird die offizielle Geschichte Mexikos gelehrt, in der, wie schon erwähnt, die vorkoloniale Vergangenheit eine wichtige Rolle spielt. Außerdem lernten viele im Dorf auch durch die Medien und durch die Migration in große mexikanische Städte die Bedeutung und den Wert kennen, den archäologische Objekte und Stätten innerhalb der mexikanischen Gesellschaft haben. Besonders eindrucksvoll führten auch Raubgrabungen auf chichihualtepekanischem Gemeindeland den großen Wert vor Augen, den prähispanische Objekte in Mexiko genießen. Das Begehren Anderer führte im Dorf zu einem neuen Interesse an diesen Artefakten.

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Museo Comunitario Yukuni‘i. Foto: C. Kollewe

All dies trug dazu bei, dass der 2001 neu angetretene Bürgermeister der Dorfversammlung vorschlug, ein Museum aufzubauen. Die Dorfversammlung beschloss, alle prähispanischen Objekte, die im Dorf jemals gefunden worden waren, in einem öffentlichen Raum auszustellen. Davon erhofften sich die Chichihualtepecanos Besuche von Touristen, welche die wirtschaftliche Situation des Dorfes verbessern sollten. Außerdem versprachen sie sich mehr Aufmerksamkeit und damit finanzielle Unterstützung seitens des Staates. Ein besonderer Wunsch war dabei, dass endlich die Brücke über den Fluss gebaut würde, der die Chichihualtepecanos mit seinem in der Regenzeit teilweise reißenden Strom davon abhält, ihr Dorf zu verlassen.

Schon drei Monate später eröffnete man das Gemeindemuseum. Dieses Museum führte zu öffentlicher Aufmerksamkeit auch außerhalb des Dorfes. Letztlich hatte dies auch zur Folge, dass die ethnologische und archäologische Abteilung der staatlichen Kulturbehörde um Unterstützung der Erweiterung des Museums gebeten wurden. Die Wissenschaftler, die nun in das Dorf kamen und sich mit den prähispanischen Objekten beschäftigten, führten zu einer weiteren Aufwertung dieser Gegenstände. Für manche Leute im Dorf wurden sie erst jetzt wirklich zu „wertvollen Stücken“. Denn der Archäologe der staatlichen Kulturbehörde trug die Gegenstände in das nationale Register archäologischer Objekte und Stätten ein. Als staatlich registriertes kulturelles Erbe wurde der Wert der Artefakte festgeschrieben und zugleich noch erhöht.

Im heutigen Museo Comunitario Yukuni‘i in San José Chichihualtepec erinnert kaum etwas daran, dass die ídolos im Dorf nicht immer als archäologische Objekte und als kulturelles Erbe des Dorfes und der mexikanischen Nation betrachtet wurden. Es findet sich kaum noch ein Hinweis darauf, dass die ídolos bis vor wenigen Jahren eine bedeutende Rolle im religiösen Leben mancher Menschen spielte. Denn heute wird das mixtekische Glaubenssystem von vielen im Dorf als „Aberglauben“ abgetan, mit dem man nicht mehr in Verbindung gebracht werden möchte. Stattdessen präsentieren sich die Dorfbewohner mithilfe der prähispanischen Objekte in ihrem Museum als Nachfahren der mixtekischen Hochkultur und zeigen „als deren Erben nun voll Stolz diese Objekte“, wie man in den Texten im Museum lesen kann. Die Artefakte sind zu Prestigeobjekten geworden, mit denen sich die Gemeinde heute schmückt und mit deren Besitz sie sich von anderen Dörfern zu unterscheiden sucht. Gerade damit, dass man diese Objekte nun ins Museum stellt und sie nicht mehr als ídolos oder als wertlose Überreste vergangener Zeiten betrachtet, grenzen sich manche Leute im Ort von anderen Dörfern ab, die sie als „indigen“ betrachten. Die Chichihualtepecanos selbst, können sich mithilfe ihres Museums und dem kulturellen Erbe darin als gebildet, „kultiviert“ und „zivilisiert“ präsentieren.

Den Chichihualtepecanos scheint es im Übrigen tatsächlich gelungen zu sein, dass die Regierung ihr Brückenvorhaben unterstützt. Und so heißt es in Chichihualtepec – im Gegensatz zu Dresden – nicht kulturelles Erbe oder Brücke, sondern kulturelles Erbe und Brücke!

Dieser Beitrag ist eine überarbeite Version des Vortrags „Kulturelles Erbe und der Wert des Selbst“ bei der Tagung „Prädikat ‚Heritage‘. Wertschöpfungen aus kulturellen Ressourcen“, die vom 29. bis 30. Juni 2006 am Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie, Georg-August-Universität Göttingen stattfand.

Weiterführende Literatur
Appadurai, Arjun (Hrsg.) (1986): The Social Life of Things. Commodities in Cultural Perspective. Cambridge, New York, London
Hemme, Dorothee; Markus Tauschek; Regina Bendix (Hrsg.) (2007): Prädikat ‚Heritage‘. Wertschöpfungen aus kulturellen Ressourcen. Münster
Kirshenblatt-Gimblett, Barbara (2004): Intangible Heritage as Metacultural Production. In: Museum International 56, 1-4. S. 52-65
Kirshenblatt-Gimblett, Barbara : From Ethnology to Heritage: The Role of the Museum. SIEF Keynote, Marseilles, April 8, 2004, (20.2.06)
Kollewe, Carolin (2007): Von Scham zu Stolz: Erinnerungen, Objekte, Identitäten und ihre Repräsentation in einem mexikanischen Gemeindemuseum. Münster
Thompson, Michael (2003): Mülltheorie. Über die Schaffung und Vernichtung von Werten. Neu herausgegeben von Michael Fehr. Essen

Zur Autorin
Dr. Carolin Kollewe ist Ethnologin und arbeitet gegenwärtig an einer Ausstellung zum Thema Alter und Älterwerden an den Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen. Ihre Schwerpunkte sind Mexiko, Objektforschung, Museumsethnologie und interkulturelle Alter(n)sforschung.



KolleweOaxaka
Oaxaca in Mexiko. Karte: E. S. Schnürer

Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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