WELT / KULTURERBE?

Materielle Zeichen und ihre Bedeutung

Von Hans Voges

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Goslar, Deutschland. Kann eine ganze Stadt ein repräsentatives Zeichen für Weltkulturerbe sein?

A.
Es ist kein Zufall, dass eine so umfassende Vorstellung wie die des Weltkulturerbes, der Weltorganisation, besser gesagt: einer ihrer Unterorganisationen – der UNESCO – entstammt. Wer gewohnt ist, die ganze Menschheit auf der Erde in Betracht zu ziehen, indem er sie auf Frieden und Recht verpflichtet, wird über kurz oder lang auf das stoßen, was sie an besonderen materiellen und sichtbaren Leistungen hervorgebracht hat. Ist es auf der einen Seite der menschliche Erkenntnisdrang, der sich an diesen Hervorbringungen misst, sie zu verstehen sucht und kommentierend aneignet, so meldet sich andrerseits das Bewusstsein zu Wort, dass diese Monumente – wie sie heute da sind – endlich sind, dass sie verfallen und vom Verschwinden bedroht sind.

Die Menschen einer bestimmten Erdregion finden in dem Monument, das von schöpferischen Individuen in ihrer Mitte zeugt, offenbar etwas, das sie bewundern oder bestaunen, das sie besuchen, das ihnen Rätsel aufgibt und doch selbstverständlich unter ihnen anwesend ist, das ihnen Begeisterung oder Kraft einflößt, - so dass sie ihm eine möglichst lange, über Generationen hinweg reichende Beständigkeit wünschen. War es in der Vergangenheit Westeuropas der Fall, dass das materielle Erbe einer Gesellschaft, das als vorbildlich betrachtet wurde, in der Obhut von Einzelnen oder von Institutionen lag, so gilt der Erhalt der großen kulturellen Monumente heute als eine Aufgabe, zu der sich die ganze Menschheit verpflichtet.

Wie es dazu gekommen ist? – Gewiss hat man mit der zunehmenden Aufmerksamkeit, mit der die ideelle wie materielle Seite der Kultur beachtet wird, ein Spektrum von verschiedenartigen Monumenten unterscheiden gelernt. Dazu kommt, dass mit dem Anbruch der Moderne die über die Kontinente verstreuten Völker und Nationen auf Gedeih und Verderb enger zusammen gewachsen sind. Sie sind in Krieg und Frieden näher zusammen gerückt, haben sich durch Handel, Wanderungen und Austausch kennen gelernt – vor allem haben die Europäer aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts den praktischen Schluss gezogen, dass ihre Verhältnisse weltweit auf Frieden und Recht gestellt sein müssen. Trotz wenig verheißungsvoller Aussichten habe sie noch einmal versucht, eine weltweite Dachorganisation, diesmal mit dem Namen UNO, zu gründen, in der alle Nationen vertreten sein sollen, um ihre Angelegenheiten und Auseinandersetzungen zu regeln, und ihr die Hoffnung auf künftig weit reichende Vollmachten eingepflanzt. Nicht nur die Errichtung einer guten internationalen Ordnung war das nüchterne Ziel, sondern es wurde eine weitere Institution gegründet, die – überall wo nötig – Bildung und Erziehung voranbrachte: die UNESCO. So ergeben sich aus der Gründung einer Organisation über den Nationen und der Annahme einer Charta, in der u.a. erstmals die Menschen und Bürgerrechte kodifiziert werden, mehr als nur die vielfältigsten völkerrechtlichen und politischen Konsequenzen. Wenn das schon einiges an Wollen und Wünschen einer Epoche verrät, so gewinnt nach und nach auch der Gedanke Gestalt, die kulturhistorisch bemerkenswerten Leistungen aller Völker (und damit jedes einzelnen) als Orientierungspunkte eines gemeinsamen Stolzes und der Selbstvergewisserung aller unter ausdrücklichen Schutz zu stellen. Die Monumente, Zeichen des Weltkulturerbes, stehen für die Errungenschaften einer potentiellen Weltgesellschaft: sie sind ihr utopisches Gründungskapital.

B.
Denkmäler, so wie sie sich historisch differenziert haben, lassen sich in unterschiedliche Kategorien einordnen: religiöse, kulturelle und nationale. Schon die mögliche Anziehungskraft, die solche öffentlich anerkannten Monumente auf eine größere, in sich differenzierte Bevölkerung ausüben, unterläuft die strikte Zuordnung an einzelne Bedeutungs- und Praxisfelder. In der Sicht ihrer Verehrer sind sie als Erinnerungszeichen für viele Dinge wertvoll: Der Gründer eines politischen Gebildes mag zugleich auch wie ein Heiliger verehrt werden. Kurzum, was im Vordergrund als politisch (oder national) deklariert wird, mag sich im Hintergrund mit anderen, religiösen und kulturellen Sinn-Gehalten aufladen. Gleichwohl erscheint es nicht überflüssig, die Bedeutungsabweichungen kenntlich zu machen.

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Bamiyan, Afghanistan. Kann ein Monument, außer Zeichen für eine vollkommene oder meisterhafte Hervorbringung zu sein, auch noch etwas anderes bedeuten?

1. religiöse Denkmäler gehen in erster Linie Personen an, die von einem Glaubenskomplex überzeugt sind. Sie (die Gläubigen) fühlen sich solchen Orten gegenüber tradierten Regeln und häufig einer andächtigen Haltung verpflichtet, sie streben solchen Orten zu, weil sie sich eine gewisse Wirkung versprechen – sei es auf sich selbst, sei es auf andere, die gleichzeitig mit dem oder den ‚transzendenten’ Adressaten kommunizieren. Ihre Bedeutsamkeit verdankt sich gewöhnlich einem bestimmten legendären oder mythischen Geschehen, an dem eine bzw. mehrere davon geprägte Personen teilhatten, wodurch sie als Orte später immer noch von einer gleichsam unerschöpflichen Aura umgeben erscheinen. Von hier nimmt man gerne auch ein Stück ‚Erinnerung’ mit, das für seinen Bewahrer einen imaginären Kontakt mit dem einmal besuchten Ort stiftet.


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Bismarck-Nationaldenkmal. Kann ein Zeichen sozial wirksam werden und Gemeinschaft in einem Kollektiv fördern?

2. nationale , politische Denkmäler sind ein relativ junges Phänomen – es gibt sie seit rund zwei Jahrhunderten – und sie sprechen die Mitglieder einer Nation unmittelbar an; damit sind Menschen gemeint, die gleichsam ein gemeinsames Haus auf einem fest umrissenen Territorium bewohnen und die einer solchen Existenzweise zustimmen. Ihre heraus ragende Gemeinsamkeit ist, dass sie sich aufgrund von konkreten und gepflegten historischen Traditionen (also institutionalisierten Erinnerungen) untereinander verbunden glauben und daher das Recht beanspruchen, die Angelegenheiten ihres jeweiligen sozio-politischen Verbandes zu bestimmen. Es existieren geachtete Traditionen und soziale Praktiken, die (regelmäßig wiederkehren und) den Zusammenhalt als politisches Kollektiv stärken. Häufig kreisen diese Motive um Orte und Landschaften, die dank historischer Ereignisse und der in sie verwickelten Persönlichkeiten hohe Wertschätzung genießen. Um solche Orte herum entwickeln sich Rituale, deren Zeitpunkt im Kalender dick unterstrichen ist und die durch die Teilnahme politischer Prominenz geadelt werden.

Politische, nationale Denkmäler sind oftmals protzig gestaltet – was in den Zeiten eines hochgespannten Nationalismus die Regel und nicht die Ausnahme war. Man denke nur daran, dass das Wilhelminische Deutschland mit Bismarck-Denkmälern, den Stifter und Künder deutscher Einheit und Größe verkörpernd, beziehungsweise Kriegerdenkmälern für 1870/71 flächendeckend bestückt wurde. Neben den bekannten grandiosen Showeffekten trifft man gelegentlich auf bescheidene, tief stapelnde Versuche, nationale oder kollektive Erinnerungen zu wecken und zu pflegen.

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Hochzeitsturm-Ensemble, Mathildenhöhe, Darmstadt, Deutschland. Kann ein Gebäude ein mustergültiges Zeichen für eine ganze Kunst- und Kulturepoche sein?

3. Die Benennung und Unterhaltung kultureller Denkmäler beginnt mit dem Zeitalter des Tourismus. Sie entstehen erst, wenn etwas – ein Ort, ein Wahrzeichen, eine gehegte Landschaft – deutlich hervorgehoben wird, wenn etwas also nicht einfach so selbstverständlich existiert, in alltäglichen Zusammenhängen betrachtet und genutzt wird. Menschen mit einem gewissen Einkommen, freier Zeit und der Sehnsucht nach Abwechslung und fremden Ländern nehmen die kulturellen Errungenschaften, auffälligen Bauwerke z.B., - kurzum das, was andere an anderen Orten sichtbar können - neugierig oder bewundernd zur Kenntnis und können davon (mit Begeisterung) zu Hause berichten. Was solche Menschen gemeinsam haben, ist die zufällige Übereinstimmung darin, dass sie sich zu gegebener Zeit an den selben Orten versammeln. Ansonsten sind sie eine Masse, ein Schwarm, der die selben Verkehrs- und Transportmittel benutzt, dieselben Hotels aufsucht und an den selben Orten – und zwar ohne Verabredung – zusammentrifft.

Kulturdenkmäler treten für andere Personengruppen, die gewöhnlich in der Nähe eines Monuments siedeln, auch als religiöse oder nationale Wahrzeichen in Erscheinung, wie z.B. die Kirchen in den europäischen Städten. Doch darum müssen sich Touristen nicht scheren, für sie ist es ein Ort, eine Gelegenheit Bewunderung zu äußern.

Die Vergesellschaftungsform, die die wichtigen kulturellen Monumente anstiften, entwickelt sich in einem fluktuierenden, sozialen und psychologischen Rhythmus und strebt in alle Richtungen des umgebenden Sozialraums auseinander. Die sozialen Praktiken, die sich in den Denkmalsbesuchen abzeichnen, sind solche, die das Auftauchen, Besichtigen und wieder Verschwinden kodifizieren. Man könnte sie fast als Rituale betrachten, wenn sie an Ort und Stelle Verbindungen schlügen, die sich in den Alltag hinein fortsetzten und ein Echo in den Aktivitäten von Individuen und Institutionen fänden. (Ein Ritual hielte sich im Übrigen auch an die Einschnitte im Kalender, die seinen Zeitmodus ausmachten.) Für die Wirkung der Kulturdenkmäler auf die Individuen hat das Konsequenzen: sie schreiben sich womöglich der Erinnerung der sie besuchenden Touristen und Enthusiasten ein, die ihre Bedeutsamkeit mit sich forttragen. Die Erinnerungsspuren aber, die sich in das touristische Bewusstsein graben mögen, sind leicht wieder zu löschen, wie in dem jedes anderen Menschen auch. So stehen und fallen Aufmerksamkeit, Haltbarkeit oder eine Art Bodenhaftung, die dem umgebenden Sozialraum des Denkmals gelten, allen Intentionen zum Trotz, mit dem zufälligen Kommen und Gehen, das der touristischen Existenz eigen ist. Noch etwas zeichnet das Kulturdenkmal und noch viel mehr das Weltkulturerbe-Denkmal aus:
- Es ist ein materielles Zeichen, das nicht von vornherein auf eine bestimmte Qualität festgelegt ist: es kann groß oder klein sein, ein Buch, ein Gebäude, eine gestaltete Landschaft. Ausschlaggebend ist, dass es sich um eine ansehnliche und erhaltenswerte menschliche Leistung handelt.
- Es ist ein materielles Zeichen, das außerhalb eines Kontexts existiert. Das klingt paradox, denn offensichtlich weist es soziale und räumliche Bezüge auf. Während es aber für die Ortsansässigen ‚eingebettet’ erscheint, schlüpft es doch für die anreisenden Besucher in einen ‚Rahmen’ und wird zu einem transportablen Erinnerungsbild. So wie es einem primären Kontext entzogen ist, gleicht es dem Objekt in einer Sammlung. Sein Wert ist vom Grad seiner Bekanntheit und der Frequentierung durch Besucher abhängig.

C.
Ausgewählte Objekte, die in den Kreis des Weltkulturerbes eintreten, erfreuen sich eines gewissen öffentlichen bzw. offiziellen Zuspruchs, sie geraten vorübergehend weit oben auf die kulturpolitische Tagesordnung. Auch mögen ihre Anwohner in materieller Hinsicht von ihnen profitieren. Wann immer eines von der entsprechenden UNESCO-Kommission erkoren wird, kann man gewiss sein, dass es einen hohen Neuigkeitswert genießt. Die Kriterien seiner Auswahl und Anerkennung werden öffentlich besprochen. Wann immer die staatlichen oder kommunalen Organe die Voraussetzungen der Wahl zum Negativen verändern oder ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind, ziehen sie herbe Kritik auf sich. Doch nur einmal bei solchen Gelegenheiten stehen die erwählten Objekte im Rampenlicht; danach werden sich andere um sie kümmern und den größten Respekt genießen sie ohnehin bei den Touristen, die von weither kommen, um sie zu besuchen. Solange sich kein Streit um sie anbahnt, solange keine der zuständigen Einrichtungen in einen Skandal verwickelt ist, ist ihnen – den Objekten des Weltkulturerbes – kein dauerhafter Ort im öffentlichen Bewußtsein gewährt.

Zum Autor

Hans Voges, Museums- und Wissenschaftsgeschichte, Visuelle Anthropologie, Südasien und Naher Osten, freier Mitarbeiter des Museums der Weltkulturen in Frankfurt am Main. E-Mail: voges.hans@web.de


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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