DER ARMENISCHE FRIEDHOF IN ISFAHAN

Von Mehdy Naficy

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Armenischer Friedhof in Djulfa. Quelle: Höltzer, Ernst (1976): Reisen vor 113 Jahren. S. 40

Friedhöfe sind Orte, an denen die Verstorbenen ihre letzte Ruhe finden und wo die Lebenden der Verstorbenen gedenken und über ihr eigenes Leben nachdenken. Als eine öffentliche Einrichtung ist der Friedhof nicht nur den Ort, wo die Verstorbenen zu finden sind, sondern er zeigt auch die Vorstellungen der Lebenden von den Toten.

In Iran findet man verschiedene Typen von Friedhöfen: Friedhöfe von religiösen Minderheiten, Friedhöfe von ethnischen Gruppen, einen Märtyrer Friedhof, einen Friedhof der „Ungläubigen“, die wegen ihrer Opposition gegen die politisch Herrschenden hingerichtet wurden. Je nach den Vorstellungen der Bevölkerung werden diese Orte und ihre Verstorbenen unterschiedlich betrachtet und behandelt: Manche, wie der Märtyrer-Friedhof, werden unter den religiösen Muslimen und den regierungstreuen Menschen hoch geschätzt und ihre „Bewohner“ gut behandelt, während andere Friedhöfe, wie zum Beispiel der Friedhof der „Ungläubigen“ und der „Häretiker“, als „unreine“ Orte von geringem Wert betrachtet und ihre „Bewohner“ entsprechend schlecht behandelt werden. Oft kommt es hier zu Demolierungen der Grabsteine und zu Festnahmen der Angehörigen. So gesehen, sind Friedhöfe nicht ein Ort der Ruhe und Harmonie, sondern ein Ort, an dem die Lebendigen ihre politisch-religiösen Vollstellungen an den Verstorbenen vollstrecken und sie in „Gute“ und „Schlechte“ einteilen. Sie sind Orte des Streits.

Der armenische Friedhof in Isfahan gehört, wie der Name schon sagt, den Armeniern, die seit dem 17. Jahrhundert am Rande der Stadt, in dem Stadtviertel Djulfa, leben und ihre Verstorbenen dort begraben. Er ist fast 400 Jahre alt und liegt im Süden des armenischen Viertels, am Fuße des Soffeh-Gebirges südlich von Isfahan.

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Christlich-armenischer Friedhof in Isfahan. Foto: M. Naficy

Der Friedhof umfasst 30 Hektar Gelände, das heute neben der Autobahnstrecke Isfahan - Schiraz liegt. Nach der Revolution von 1979 wurde eine Straße durch das Gelände gebaut, die das Friedhofsareal in etwa halbierte, und alle Grabsteine wurden auf die verbliebene Seite gebracht. Der jetzige Friedhof ist von einer Mauer umgeben und mit einem Tor zu verschließen. Nur die Armenier und ihre Angehörigen dürfen den Friedhof betreten. Diese Regelung wurde neuerdings eingeführt wegen der Gefahr der Beschädigung der Grabsteine und der Störung der Totenruhe durch Fanatiker. Besucher, die keine Christen sind, brauchen eine Genehmigung vom „Armenischen Kalifenrat“. Diese Stelle befindet sich in der Vank-Anlage in Djulfa und ist zuständig für alle Angelegenheiten der Armenier in Isfahan.

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Werkstatt für Grabsteine auf dem christlich-armenischen Friedhof in Isfahan. Foto: M. Naficy

Der heutige Friedhof liegt in einem gartenähnlichen Gelände mit vielen Bäumen, vor allem Tannen. Er beherbergt eine Totenhalle, in der die Verstorbenen für das Begräbnis vorbereitet werden, und einer Werkstatt für die Grabsteinmetze. Die Grabsteine sind meistens auf Armenisch beschriftet und außer dem Sterbedatum tragen sie den Beruf der Verstorbenen. Dies sind wertvolle Informationen, mit denen man feststellen kann, welche Berufe die Armenier in den letzten 400 Jahren in Isfahan ausgeübt haben. Einige dieser Berufe sind alte Berufe, die es heute nicht mehr gibt. Nach einer Studie sind es insgesamt 50 Berufe, die die Armenier im Laufe der Jahrhunderte und zum teil auch heute noch in dieser Stadt ausübten. Darunter sind: Gießer, Steinmetz, Glaser, Maurer, Uhrmacher, Sticker, Gärtner, Pferdepfleger, Drucker, Schreiner, Sattler, Brotbäcker, Übersetzer, Arzt, Barbier, Schmied, Juwelier, Büchsenmacher, Textilarbeiter, Händler, Kaufmann und Künstler wie Maler oder Musiker. Einige wenige sehr wohlhabende Armenier waren im Seidenhandel beschäftigt.

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Christlich-armenischer Friedhof in Isfahan. Foto: M. Naficy

Ernst Höltzer (1835-1911), ein deutscher Techniker aus Thüringen, der im Auftrag der britischen Regierung im Jahr 1863 über London - Berlin - Petersburg - Astrachan - Teheran nach Isfahan kam und dort in Djulfa ungefähr 20 Jahre lebte, war ein begabter Photograph und hat die Lebenssituation in Djulfa und auch den armenischen Friedhof in Bildern und Schriften festgehalten. Er war ein Zeitgenosse von Antoin Sevruguin (ca. 1840-1933). Beide waren gute Photographen, und ihre Bilder sind ethnologisch wertvoll, da sie das Leben und den Alltag der einfachen Leute wie auch die Umgebung realistisch darstellten. In seinen Schriften über Isfahan beschreibt Höltzer, wie Beerdigungszeremonien in Djulfa seinerzeit stattgefunden haben: „Bei einer Beerdigung wird nach der zeremoniellen Feier in der Kirche der mit schwarzem und weißem Tuch beschlagene Sarg von Freunden die ganze lange Strecke auf einer Tragbahre getragen. Das Gefolge der Leidtragenden besteht nur aus Männern, voran geht ein oder mehrere Priester, den ganzen Weg die Liturgie singend. Vor dem Einlassen in die Gruft wird nochmals vom Priester mit unbedecktem Haupt ein kurzes Gebet getan. Dann wird der Sarg so eingesenkt, dass der Kopf am westlichen Ende mit dem Blick nach Osten zu liegen kommt. Nachdem die Umstehenden noch etwas Erde in die Gruft geworfen haben, wird das Grab schnell aufgefüllt und darüber ein Hügel gebildet. In einer Grube am westlichen Ende des Grabes wird die Räucherung mit Kohle und Tannenharz schnell in Gang gebracht, und ein letztes Gebet des Priesters, gegen Osten gewendet, beschließt die Feierlichkeit“.

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Grab eines Deutschen auf dem christlich-armenischen Friedhof in Isfahan. Foto: M. Naficy

Auf diesem Friedhof werden nicht nur Armenier begraben, sondern alle Christen, die in Isfahan und Umgebung gestorben sind, finden hier ihre letzte Ruhestätte. Bei der Besichtigung dieses Friedhofs kann man feststellen, welche Gruppen von Christen hier beigesetzt sind, darunter christliche Minderheiten wie Assyrer oder Nestorianer, christliche Missionare aus europäischen Ländern, Katholiken, Protestanten, Diplomaten und Botschafter aus anderen Ländern, Soldaten und Fremdenlegionäre. Die Zahl der nicht-armenischen Christen, die hier begraben wurden, beträgt nach einer Studie 200 Personen, darunter Christen aus England, Deutschland, Frankreich, der Schweiz, den Niederlanden, Polen und Russland.

Als ich diesen Friedhof im Jahr 2007 besuchte, habe ich den Grabstein von Höltzer und seiner Familie (Photograph und Telegraphenarbeiter aus Thüringen) sowie den Grabstein eines Soldaten der nationalsozialistischen deutschen Wehrmacht entdeckt. Auch gibt es einen kleinen Ort für die polnische Bevölkerung, die in Isfahan gelebt hat. Diese Polen sind nach dem Angriff der deutschen Armee auf Russland nach Iran geflüchtet, und einige von ihnen haben sich während und nach dem Zweiten Weltkrieg hier angesiedelt. Die Grabsteine der Polen sind in eine andere Richtung als die der Armenier ausgerichtet. Der älteste Grabstein des Friedhofs gehört einem britischen Gesandten am Hof von Sah Abass, der im Jahr 1624 in Isfahan gestorben ist.

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Christlich-armenischer Friedhof in Isfahan. Foto: M. Naficy

Der armenische Friedhof in Isfahan ist noch in Betrieb und armenische wie auch nicht-armenische Christen, die in Djulfa oder Umgebung sterben, werden hier beigesetzt. Eine Studie dieses Friedhofs erlaubt Informationen nicht nur über das Leben der Einwohner in Djulfa, sondern auch über die Beziehungen der Christen zu den anderen Einwohnern dieser Stadt. Sie spiegelt das Bild wider, wie das kleine Stadtviertel Djulfa mit der größeren Welt der Europäer in Verbindung stand und noch immer steht.

Weiterführende Literatur
Schafaghi, Cyrus (2002): Geographie von Isfahan (Joghraphiya-ye Isfahan - Persisch), Verlag der Universität Isfahan, 1381 Schamsi, Isfahan.
Honarfar, Lotfolah (1967): Isfahan (Persisch). Taschenbuch Verlag, 1346 Schamsi, Teheran.
Höltzer, Ernst (1976): Persien vor 113 Jahren (bilingual: Deutsch-Persisch). Zusammengestellt und übersetzt von Mohammad Assemi, Publikation des Kultur- und Kunstministeriums, Zentrum für Persische Ethnologie, Teheran, 2535 Shahanshahi

Zum Autor
Dr. Mehdy Naficy, Anthropologe, B.A. und M.A. an der University of California in Los Angeles und Oklahoma University in Norman, USA, Promotion an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Seit 1992 Leiter der englischen Bibliothek im Deutsch-Amerikanishcen Institut in Heidelberg. Veröffentlichungen: Basar und Klerus in der Iranischen Revolution (Deutsches Orient Institut, Hamburg), Impulse des Lebens: Biographie eines Arztes (Persisch). m_naficy@yahoo.de


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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