KLÄNGE VON DEN NEBELN JENSEITS DER ZEIT

Aus dem Liederbuch der Naga

Von Peter van Ham und Aglaja Stirn

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Ein junger Chakhesang praesentiert eine der sechs Formen des traditionellen Johlens. Cheteba / Nagaland, 2002. Foto: Peter van Ham und Aglaja Stirn

Wir, die Bewohner des Morungs sind wie Blumen.
Wie Blumen blühen wir und vergehen.
Darum lasst uns das Leben glücklich gestalten
Denn morgen können wir bereits tot sein.
Lhota

Der Sammelbegriff ”Naga” umfasst etwa 30 verschiedenen Ethnien tibeto-burmesischer Herkunft, die die Berggebiete im äußersten Nordosten Indiens und dem Nordwesten Myanmars, dem ehemaligen Burma, bevölkern. In ihrem Erscheinungsbild, ihrer Sprache und ihren Gebräuchen zum Teil erheblich voneinander verschieden, teilen sich die Naga-Gruppen jedoch Glaubensvorstellungen und viele ihrer kulturellen Traditionen und sozialen Praktiken. Es lassen sich grob eine Nördliche, eine Zentrale und eine Südliche Gruppe unterscheiden, wobei die Übergänge fließend sind. Die Hauptgruppen innerhalb dieser Einteilung sind die Konyak, die Khiamniungan und Yimchunger sowie die Ao, Sema und Angami.

Kernland der Naga-Kulturen ist das heutige Nagaland, hervorgegangen aus dem ehemaligen ”Naga Hills District” von Assam. Doch das Siedlungsgebiet der Naga erstreckt sich noch über Teile drei weiterer indischer Bundesstaaten – Arunachal Pradesh, Manipur und Assam – sowie den Sagaing-Distrikt von Myanmar. Gemein ist all diesen Gebieten der bergige Charakter der Landschaft, “Nebeneffekt” der Auffaltung des Himalaya-Gebirges vor 50 Mio. Jahren. Einst nahezu vollkommen bewaldet – von immergrünem Regenwald bis sub-alpinem Hochwald – waren die unzugänglichen Naga-Gebiete bis in Höhen über 2.500 m Rückzugsrefugien für Menschen und eine Vielfalt heute seltener Tiere und Pflanzen gleicher Maßen, z.B. Tiger, Leoparden, Bären, Panzernashörner, wilde Elefanten, Gayal-Rinder, Mithun-Büffel, Gibbons und Nashornvögel.

Durch ihre entrückt und unzugänglich gelegene Lebenswelt wie auch durch die vielen politischen Wirren innerhalb ihres Territoriums – 65 Jahre war ihr Gebiet für den Zutritt jeglicher Ausländer gesperrt – haben die Naga viele ihrer Traditionen erhalten, so auch ihre reichen Musikkulturen.

Das Liederbuch der Naga – Gesang, Tanz und Poesie

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Khiamniungan-Krieger bei der getanzten Vorstellung ihres Status. Tuensang/ Nagaland, 2002. Foto: Peter van Ham und Aglaja Stirn

Über die Jahrhunderte haben die verschiedenen Naga-Gruppierungen eine schier unüberschaubare, bisher kaum dokumentierte und unerforschte Vielfalt an musikalischen Ausdrucksformen entwickelt. Alleine die Yimchunger behaupten, über einen Schatz von mehr als 1.000 Liedern zu verfügen, von denen viele in einer eigenen, vom eigentlichen ”yimchungru” stark abweichenden Sprache komponiert worden sind. Der Tradition zufolge dürfen sie ihre Lieder nur in traditioneller Kleidung und bis zu Ende singen, da ansonsten ihr Volk von Unglück heimgesucht wird. Unter den meisten Naga-Gruppen ist es bis heute üblich sich für den Gesang speziell zu kleiden. Die persönliche Verschönerung dient dabei der Verstärkung des freudigen und feierlichen Charakters der Musik, da ”Musik dazu dient das Universum, die Flora und Fauna und alles was auf Erden existiert zu preisen”. Die Chakhesang beschreiben lebhaft die 223 Lieder ihres traditionellen Liederbuchs ”Li kukre kutiko”. Es besteht aus 40 Festtagsliedern, 50 im Sitzen gesungenen Liedern, 15 Liebes-, 15 Verehrungs-, 13 Morgen- und 10 Kinderliedern, neun Klagegesängen, neun Versammlungsliedern und sieben Feiergesängen ersten Ranges. Es gibt auch Lieder für die Ordination von Priestern, Melodien, die der Landwirtschaft zugeordnet sind, Weisen, die auf Spaziergängen angestimmt werden, und Gesänge für Krieger und Wächter, sowie Musiken, die der spirituellen Erkenntnis dienen. Zahlreiche instrumentale Weisen sind ebenfalls erhalten. Zusätzlich verfügen die Chakhesang über sechs verschiedene festgelegte Formen des Schreiens und drei Formen des Johlens, die gewissen traditionellen Melodien zugeordnet sind. 14 indigene Spiele und 12 Tänze sind weiterhin erhalten.

Aus der Vielfalt der musikalischen Formen nur dieser zwei Gruppierungen wird klar, wie umfangreich das musikalische Repertoire bei den Naga entwickelt ist, da anzunehmen ist, dass vergleichbare Mengen an traditionellen Liedern, Tänzen und Spielen bei vielen, wenn nicht sogar bei allen weiteren 28 Naga-Gruppen existieren.

Musikalische Konzepte Der Gruppengesang der Naga ist charakterisiert durch komplex-harmonische Klänge, denen mitunter wenig textlicher Gehalt zu Grunde liegt, und der vielmehr dem reinen Klangerlebnis als Reflektion der natürlichen Umgebung dient. Die in einem Naga-Lied vermittelte Botschaft bezieht ihren Gehalt aus verschiedenen Quellen, von denen der Text nur eine darstellt. Oft geht es vielmehr um die Darstellung eines Gefühls- und Gemütszustandes und Vermittlung von Ewigkeit und der Einheit mit der Natur. Dieser Zustand ist nicht allein mit Worten zu fassen, und umgekehrt reichen Worte nicht aus, solch einen Zustand zu erzeugen. Auch scheinbar einfache Themen wie die Geschichten eines Bauern oder eines Kriegers, stellen die Naga in spirituelle oder kosmische Zusammenhänge. Daher wird der Komponist eines Liedes möglicherweise eine Silbe in seine Komposition einführen, wenn dies seiner Klangvorstellung zuträglich sein sollte, auch wenn diese das Textverständnis einschränkt bzw. auflöst. So schreibt Christoph von Fürer-Haimendorf 1939 in seinem Buch „Die Nackten Nagas“, dass ”Konyak Lieder nicht dazu dienen, den Zuhörer zu informieren. Auf dargestellte Geschichten werden nur Anspielungen gemacht. Gewisse Fakten, die allen bekannt sind, werden lediglich in Erinnerung gerufen und so eine Atmosphäre kreiert. Denjenigen, die mit den Geschichten nicht vertraut sind, wird notgedrungen eine derartiger Zusammenhang fremd bleiben, während er für die Konyak voll von Bedeutung ist. Es geht nicht so sehr um die Information des Zuhörers als um die Erzeugung emotionaler Assoziationen.”

Gesangsstile und Gruppenperformances

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Chakhesang-Frauen preisen singend die Mitglieder ihres Morungs. Cheteba/Nagaland, 2002. Foto: Peter van Ham und Aglaja Stirn

Ein typisches Merkmal des Gesangs vieler Naga-Gruppen, das dem oben beschriebenen Klangerlebnis dient, sind die repetitiven ”Ho-he-ho”-Chöre, die zwischen mehreren Gruppen entweder als Ergänzung oder als Echo aufgeteilt werden. Neben ihrer Komplexität dienen sie der Stärkung des Gruppenbewusstseins. Verschiedene Gruppen haben spezielle Atemtechniken entwickelt, in denen sowohl Ein- und Ausatmen zur Tongenerierung verwendet werden, um dem Ausdrucksprinzip des kontinuierlichen Klangs auch technisch nachzukommen. Ebenso typisch sind eingeworfene, laute ”ooooh-hu-hu-hu”-Schreie und die Grundharmonie des Gemeinschaftschores verändernde Oberstimmen einzelner Sänger. Diese Elemente beziehen sich auf die Ehrung der mythischen Vorfahren des Gesangs, die für die Naga die Hoolock Gibbons sowie die Doppelhornvögel sind.

Haipou nou aliathang ko lio
Haipou nou asothang ko so
(Selbst wenn unsere Vorfahren verstorben sind,
sollten wir wie die Hoockoos schreien und wie die Hongwais singen)
Khiamniungan (SARDESHPANDE, S.C., The Patkoi Nagas: 65 .(Delhi, 1987))

Um Einheit und Gemeinsamkeit geht es auch in vielen Tanzformen, in denen z.B. die Tanzenden durch ihre Positionen die gegenseitige Abhängigkeit durch gemeinsame Balance- und Gleichgewichtsformationen bezeugen. Obwohl die Musik der Naga generell durch Anmut und Getragenheit suggerierende mittlere Tempi charakterisiert ist, tendieren gewisse Performances, etwa der von Kriegstänzen, aber auch bestimmte Formationen mitunter zu ekstatischen Beschleunigungen. Die Chakhesang haben einen besonders dynamischen Gesangsstil entwickelt, in dem ihre Stimmen innerhalb kürzester Zeit vom leisesten pianissimo zu einem aufwühlenden forte ansteigen nur um kurz darauf wieder auf die ursprüngliche Lautstärke zurückzufallen. Hinzu kommt, dass ihre mehrstimmig vorgetragenen, komplizierten Melodien in einer Art Jodelgesang, in dem die Sänger kontinuierlich zwischen Brust- und Falsettstimme wechseln, zum Besten gegeben werden.

Helden und Fruchtbarkeit – Themen in Naga-Liedern
Die in Naga-Liedern zur Sprache gebrachten Themen sind divers. Man tanzt und singt zu allen Gelegenheiten, wobei das Hauptaugenmerk auf den landwirtschaftlichen Aktivitäten liegt. Über extensive Rhapsodien verfügen die Ao, in denen sie ihre Klan-Genealogien in epischer Breite darlegen, ihre Migration (ein allen Naga-Gruppen gemeinsames Thema) oder Geschichten von Helden oder legendären Liebhabern beschreiben.

Das Leben nach dem Tode kann im Lied ebenso thematisiert werden wie die Verehrung des Kopfjägers und die Preisung der eigenen Gruppe, deren Schönheit, Kraft, Mut und Stärke. Dabei werden letztgenannte immer als Abbilder der Natur verstanden:

Dies ist ein Land schöner Menschen
Gesegnet seien die Menschen dieses Landes.
Freut Euch Menschen
Gesegnet seid Ihr, Menschen
Wie die Blumen, die auf der Bergspitze blühen
Wie schön die Blumen auf der Bergspitze blühen.
Auf der Bergspitze
Sei(d) gesehen von aller Welt
Unüberwindliches Entzücken
Seid entzückt.
Khiamniungan ( AO, M.A., The Arts and Crafts of Nagaland (Kohima, 1968))

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Khiamniungan-Krieger bringen eine Baumstammtrommel zum Klingen. Nokyan/Nagaland, 2002. Foto: Peter van Ham und Aglaja Stirn

Auch der Schrecken des Krieges und der Kopfjagd wird thematisiert:

Oh, bevor ich erwachsen war,
brachte mich mein böser Vater in den Morung unserer Feinde.
Die Feindeskrieger alle um mich versammelt
bin ich nun der Einzige
der solch ein schlimmes Schicksal erdulden muss.
Bestellt meiner Mutter nicht um mich zu weinen.
Ich liebe meine gute Mutter.
Doch nie mehr werden wir zusammen sein.
Rengma (RENGMA OF TESOPHENYU VILLAGE, Welcome – Atekapuka. Liedtext transkribiert aus: Naga – Songs from the Mist. A Celebration of Music from the Naga Hills in Northeast India and Burma. Audio-CD (Frankfurt, 2004))

Doch auch von Schonung, Mitgefühl und Frieden ist die Rede:

Guter neuer Freund
Freundschaft geboren im feindlichen Dschungel
Guter neuer Freund
Freundschaft geschlossen auf dem Pfad
Es ist unsere Bestimmung zu sterben
Daher lasst uns alle Freundschaften schliessen
So wie die Blumen blühen
Möge auch die Freundschaft blühen.
Yimchunger ( AO, M.A., The Arts and Crafts of Nagaland (Kohima, 1968))

Den Mithunbüffel zu sehen bricht mir das Herz
Oh, lege keine falsche Klinge an das Mithun
Doch schlachte es auf die richtige Weise.
Das herrliche Mithun, das den Anblick des Dorfes erhellte
Dieses wertvolle Mithun
O schlachte es auf die richtige Weise.
Ao (AO, M.A., The Arts and Crafts of Nagaland (Kohima, 1968))

Eines der philosophischen Gedichte wird von den Sangtam anlässlich kommunaler Zusammenkünfte gesungen. Es thematisiert den Wert des Strebens nach Harmonie und ist charakterisiert durch die Vorstellung, dass Mensch, Tier und alles Existierende gleichberechtigt sind:

Siehe o Sangtam
Das Universum weint.
Ongngo, der Vogel, singt und so singt auch der Mensch
Singt mit der Stimme des Universums, Du und Dein Inneres
Hast Du es gehört oder nicht?
Tritt herbei, das Universum ist für Dich
Und alle
Mit Deinem Tod wird das Lied des Universums nicht sterben
Daher zögere nicht
Doch denke und fühle für die Menschheit.
Sangtam (AO, M.A., The Arts and Crafts of Nagaland (Kohima, 1968))

Schliesslich widmet sich ein Grossteil der Naga-Lieder der Liebe:

Zu meinem geliebten Haus
In einem weit entfernten Dorf
Eile ich
Lass uns schnell sein
Ich habe die Beziehung zu sämtlicher Speise verloren
Und das Trinken hat keine Bedeutung für mich
Es ist Liebe, alles umfassende Liebe
Lang war ich auf der Reise
Lass mich nicht verloren gehen.
Konyak ( SINGH, K.S. (ed.), People of India, Vol. 34: Nagaland: 109–10 (Calcutta, 1994))

Weiterführende Literatur
STIRN, A. and HAM, P. VAN, The Hidden World of the Naga: Living Traditions in Northeast India and Burma (München/Berlin/London/New York, 2003)
STIRN, A. and HAM, P. VAN, The Seven Sisters of India: Tribal Worlds between Tibet and Burma (Muenchen/London/New York, 2000)
LOTAN YIMCHUNGRU, K., ”Brief History of Yimchungru (Naga) Tradition and Culture”; Manuskript (2002)
DZÜLHAMI VILLAGE COUNCIL, ”Gist of the Historical and Cultural Accounts of Dzülha Village”; Manuskript (2002)
SARDESHPANDE, S.C., The Patkoi Nagas: 65 (Delhi, 1987)
MOPUNGCHUKET SENSO MONGDANG, Jina Etiben (Mopungchuket, o.D.)

Naga-Musik auf CD
Anlässlich der Ausstellung ”Naga. Kopfjäger im Schatten des Himalaya”, Museum der Weltkulturen, Schaumainkai 37 (Hochparterre), 60594 Frankfurt am Main (noch bis 26.9.2004) ist die erste CD mit Aufnahmen von Naga-Musiken –

NAGA – Songs from the Mist. A Celebration of Music from the Naga Hills in Northeast India and Burma (The Stirn-van Ham Archives, Frankfurt, No. SVH 200401)

erschienen. Sie enthält 34 Aufnahmen in 74 Minuten Länge und ein 24-seitiges Booklet mit Texten und Fotos zur Musik der Naga und ist an den Kassen des Museums erhältlich bzw. direkt über das Museum unter folgender Adresse zu bestellen:
Museum der Weltkulturen
Schaumainkai 29-37
60594 Frankfurt/M
e-mail: museum.weltkulturen@stadt-frankfurt.de

Links
www.stirn-vanham.com
- die Website der Autoren dieses Artikels und Kuratoren der Ausstellung mit vielen weiteren Infos zu den Naga und anderen Ethnien Nordost-Indiens und des Himalaya
www.spnh.com
- Website der Gesellschaft zum Erhalt und der Förderung der Naga-Kultur.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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