IN DER FREMDE

Nigel Barleys ethnologische Entdeckungsreisen

Von Ulrike Krasberg

In der Fremde 1

Es gibt wenig EthnologInnen, die über sich, die Ethnologie und die Lieblingsbeschäftigung der EthnologInnen – die Feldforschung – so locker und selbstironisch schreiben und die so amüsant zu lesen sind wie der britische Ethnologe Nigel Barley. Seit Ende der 80er-Jahre hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht, und mittlerweile haben sie in der Übersetzung auch im deutschsprachigen Raum ihr Publikum gefunden.

Unter Ethnologen und Ethnologinnen gilt als Credo, dass sie nach dem Studium mindestens ein Jahr lang "draußen" gewesen sein, in einer Kultur seiner oder ihrer Wahl gelebt, dort "teilnehmend beobachtet" und ein wissenschaftliches Buch darüber geschrieben haben sollten. Erst dann werden sie als vollwertige EthnologInnen von der wissenschaftlichen Zunft anerkannt. Der nach diesen ein oder zwei Jahren Feldforschung verfasste wissenschaftliche Forschungsbericht unterschlägt meist Aspekte der täglichen Mühsal, die ein solches Unternehmen mit sich bringt. Sprache, Ernährung, Wohnen ( Notizen aus meiner Lehmhütte nennt Barley bezeichnenderweise sein erstes Buch im Untertitel), der Umgang mit den Behörden, all die kleinen und großen Tücken, die das Leben fernab europäischer Lebensstandards mit sich bringt, werden - science oblige - in wissenschaftlichen Fachdiskussionen meist mit dem Mantel des Schweigens bedeckt. Nigel Barley dagegen widmet sich in seinen Büchern genau diesen Widrigkeiten, den kulturellen Fettnäpfchen, die in der fremden Kultur bereitstehen. Die LeserInnen werden nicht nur mit dem oft sehr sonderbaren Gebaren der Fremden konfrontiert, Barley schildert auch, wie merkwürdig sein eigenes Tun als Ethnologe im Feld ist. An der Fremde scheint nichts sonderbarer zu sein als der Fremde, der sie besuchen kommt.

In Traumatische Tropen zum Beispiel hat er zwar schon Fortschritte im Erlernen der tonalen Sprache der Dowayos in Kamerun gemacht, verheddert sich aber immer wieder in den Tonhöhen: "Ich stand auf und gab dem Regenmacher höflich die Hand. 'Entschuldigen Sie mich', sagte ich, 'ich habe gerade ein Stück Fleisch auf dem Feuer.' Jedenfalls hatte ich die Absicht, das zu sagen; aber dank eines Irrtums in der Tonlage erklärte ich stattdessen meinen verblüfften Zuhörern: 'Entschuldigen Sie mich, ich muss schnell mit dem Schmied kopulieren!'"

Barley hat für seine Feldforschung bei den Dowayos in Westafrika Forschungsgelder bekommen, nun muss er in der durch das Stipendium festgesetzten Zeit so viele "Daten" sammeln, (das heißt Einblick in die Lebenszusammenhänge der Dowayos gewinnen), dass er anschließend eine ethnographische Monographie über sie schreiben kann. Aber immer, wenn er versucht, die Dowayos dazu zu bringen, ihm in einem bestimmten Augenblick etwas Bestimmtes zu zeigen oder zu erzählen, ist die stereotype Antwort: „Dafür ist jetzt nicht die richtige Zeit!“ Verabredungen, sich zu einer bestimmten Zeit oder an einem bestimmten Ort zu treffen, klappten nie. „Die Leute wunderten sich darüber, dass ich beleidigt war, wenn sie einen Tag oder auch eine Woche später als verabredet kamen, oder wenn ich fünfzehn Kilometer marschierte nur um festzustellen, dass sie nicht zu Hause waren.“ Barley arrangiert sich mit dem für viele Europäer unerträglichen Problem des Wartens, indem er, wo immer er warten muss, sich in einen mitgebrachten Kriminalroman vertieft.

Barley beschreibt sich selbst, den Ethnologen auf Feldforschung, als genauso merkwürdig wie die Menschen, die ihm auf seinen Reisen und Aufenthalten in Afrika und Indonesien begegnen. Er forscht aber auch als Ethnologe in seiner Heimat Großbritannien. In Traurige Insulaner beschreibt er die Menschen in seiner Heimat aus ethnologischer Perspektive: ihre Heiratsriten, wie sie in ihren Pubs rumhängen, warum sie Schönheitsfarmen besuchen und wie über allem die Queen thront. Er stellt sich hin und beobachtet das scheinbar selbstverständliche Tun seiner Landsleute, als ob er es zum ersten Mal sehen würde, und siehe da, es mutet genauso merkwürdig an wie das Tun des Regenmachers bei den Dowayo.

In der Fremde 2
Kalimantan Frauenmarkt, Borneo, Indonesien. Foto: Sonja Balbach. Museum der Weltkulturen, Frankfurt am Main

Ein Feldforschungsbericht hat etwas von einer guten Karikatur: Durch die Pointierung wird das Wesentliche sichtbar, das sonst unter dem Alltäglichen, dem "Immer-schon-Gesehenen" verborgen bleibt. So schreibt er über seine britischen Landleute am Strand: „Menschen entledigten sich auf jede nur mögliche Art verstohlen ihrer Kleidung und blickten verzweifelt und ängstlich umher. Andere hatten sich aus Tüchern glockenförmige Zelte gebastelt, unter denen sie sich ausziehen konnten. Überall starrten Menschen auf ihren Körper und zogen an ihm herum, ganz erstaunt mit dem eignen Brustkorb oder den großen, behaarten Zehen konfrontiert zu sein ... Menschen zogen Teile ihre Körpers ein oder versuchten sie zu verbergen. Denn in unserer Kultur ist der begehrenswerte Körper jung, sogar sehr jung, sodass wir die meiste Zeit des Lebens mit unseren Leibesformen im Clinch liegen.“

Barley hat einen Blick für das Sonderbare und Überraschende interkultureller Begegnungen. Seine Bücher sind keine Reiseberichte im klassischen Sinn, es geht ihm vor allem um das Zwischenmenschliche. Den LeserInnen begegnen Menschen, die sich merkwürdig verhalten, aber keineswegs merkwürdiger sind als der Ethnologe unter ihnen oder andere Europäer, die immer mal wieder am Horizont von Barleys Beschreibungen auftauchen. Barley ist in Hallo Mister Puttymann des Nachts von Singapur aus in einem Überlandbus unterwegs. „Sobald der Bus abgefahren war, kuschelten die Reisenden sich aneinander und fielen in Schlaf. Wie bei ... einem Wurf Hundebabies verflochten sie die Beine und betteten ihren Kopf auf die Brust des Nachbarn. Leute, die einander offensichtlich fremd waren, räumten sich, um zu schlafen, Kuschelfreiheiten ein. Der Franzose und ich dagegen saßen steinern nebeneinander, bemüht, jede Berührung der Knie zu vermeiden.“

Diese Reise, die ihn schließlich nach Sulawesi führt, unternimmt er, um für das British Museum von den Torajas eine Reisscheune zu erwerben, die im British Museum in Originalgröße und aus Originalhölzern aufgebaut werden soll. Die Materialien dafür müssen zusammengetragen und für den Seeweg nach England verfrachtet werden. Drei Torajas, mit denen sich Barley in Sulawesi anfreundete, begleiten ihn schließlich nach London, um die Scheune aufzubauen. Dieses Unternehmen, das insgesamt zwei Jahre dauerte und fünf Besuche in Sulawesi brauchte, zeigt einen weiteren Aspekt ethnologischer Tätigkeiten, nämlich die Arbeit der Völkerkundemuseen. Wobei die Leser mit Schmunzeln die Transformation einer originalen, funktionstüchtigen Reisscheune zu einem Ausstellungsobjekt im Museum verfolgen können.

In Der Löwe von Singapur geht Barley der Lebensgeschichte des Thomas Stamford Ruffles nach, eines Engländers, der Anfang des 19. Jahrhunderts als Gouverneur ein kolonialistisches Leben auf Java führte, die Stadt Singapur gründete und dessen Aktivitäten bis heute Java geprägt haben. Bei seiner Spurensuche auf Java beschreibt Barley vor allem, wie die heutigen Javaner mit ihrer kolonialen Vergangenheit umgehen. „Es war ein unglaublicher Bau, eine zerfallene europäische Villa, die auf dem Wasser zu schwimmen schien ... der Sultan (soll) hier die Göttin der Südsee empfangen, mit seinen Konkubinen gespielt und seine orientalischen Wasser- und Reinheitszeremonien gefeiert haben. Lukas zeigte auf das Schloß. 'Raffles hat das Wasserschloß zerstört', tönte er ergriffen. 'Hat er nicht, es war schon eine Ruine, als er ankam. Davon gibt es sogar eine zeitgenössische Zeichnung.' 'Na, dann waren es vielleicht die Holländer ....' Doch Lukas konnte seine postkoloniale Empörung nie lang aufrechterhalten. Sie war nur ein Hut, den er dann und wann aufsetzte, um festzustellen, wie das wirkte. Er lachte: 'Es sieht als Ruine sowieso besser aus ...'"

Auch in diesem Buch – auf historischer Quellensuche – stehen die Menschen, denen Barley begegnet, im Mittelpunkt. Sie leben mit ihrer Geschichte und den Bedingungen der Gegenwart, sie haben ihre Weltanschauungen und arrangieren sich mit den Tücken des Alltags. Und die LeserInnen fragen sich: Was unterscheidet sie eigentlich von uns? Stehen sie uns im Grunde nicht näher als der europäische Kolonialherr und Gouverneur Thomas Stamford Riffles?

Nigel Barley (2000): Tanz ums Grab. München: Dt. Taschenbuchverlag
Nigel Barley (1996/1991): Der Löwe von Singapur. Eine fernöstliche Reise auf den Spuren von Thomas Stamford Raffles. Stuttgart: Klett-Cotta
Nigel Barley (1999/1989): Traurige Insulaner. Als Ethnologe bei den Engländern. Stuttgart: Klett-Cotta
Nigel Barley (1999/1988): Hallo Mister Puttymann. Bei den Toraja in Indonesien. Stuttgart: Klett-Cotta
Nigel Barley (1998/1987): Die Raupenplage. Von einem, der auszog, Ethnologie zu betreiben. Stuttgart: Klett-Cotta
Nigel Barley (1999/1986): Traumatische Tropen. Notizen aus meiner Lehmhütte. Stuttgart: Klett-Cotta


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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