MIGRATION NEU INTERPRETIERT

Kulturpolitik in Deutschland

Von Dieter Kramer

Migration neu interpretiert
Philadelphia Gemeinde International e.V., Ostergottesdienst. Foto: Heiko Arendt

Thomas Röbke, Bernd Wagner (Hg.): Jahrbuch für Kulturpolitik 2002/2003 Band 3 Interkultur. Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft. Essen: Klartext Verl. 2003. 493 S. ISBN 3-89861-184-1.

Im neuen Jahrbuch für Kulturpolitik referiert der Entwicklungsforscher Franz Nuscheler, wie nach 1990 eine „neue Völkerwanderung“ als Horrorszenario an die Wand gemalt wird, das sich nach dem 11.9.2001 als Bedrohungsszenario im Rahmen eines Begriffes der „erweiterten Sicherheit“ entfaltet und die ohnehin prekäre Situation der Migranten in den Industriegesellschaften noch verschärft. Aber genauer betrachtet, sagt Nuscheler, sind einige Relativierungen notwendig: Insgesamt hat die „große Wanderung“ nicht stattgefunden, und außerdem handelt es sich bei den intensivsten Wanderungen um solche innerhalb des „Südens“: Zwischen den armen und relativ reicheren Ländern des Südens finden die größten Wanderungen statt. Insgesamt nur 2.5 Prozent der Weltbevölkerung wandern, davon ein Drittel in Afrika und die Hälfte in Asien – die ganze übrige Welt muss mit weniger als 20 Prozent der Wanderungen auskommen, ist aber in entscheidendem Maße für die Produktion der Rahmenbedingungen der Migration verantwortlich.

Migranten wirken, darauf weist Nuscheler hin, als „Kulturkuriere“. Dank ihrer ist nicht von Kultur als einem Mosaik mit voneinander geschiedenen Einzelelementen zu reden, sondern wir haben es - wie der World Culture Report 2000 zitiert wird - zu tun mit einem sich ständig „wandelnden Fluss der Kulturen“ (oder, wie Clifford Geertz sagt, einem „Gewebe“, bei dem man nicht willkürlich einen Teil herauslösen kann, ohne dass alles zerfällt). Während Immanuel Kants Weltbürgergesellschaft und Goethes Weltliteratur Angelegenheiten der kosmopolitischen Intellektuellen war, ist heute die Alltagskultur global verflochten.

Franz Nuscheler entwickelt diese Analyse im dritten Jahrbuch für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft, das unter dem Thema „Interkultur“ Beiträge von mehr als 50 Autoren aus Wissenschaft, Politik, Kultur und Verwaltung versammelt und damit einen guten Überblick über den Stand der Migrationsdiskussion gibt. Einer der Autoren plädiert dafür, Migration nicht nur als (schlechte) Realität zu akzeptieren, sondern sie (mindestens für Deutschland, und das ist der Schwerpunkt des Bandes) als Chance zu begreifen: Die Kultur des Pendelns der Migranten endet, so der Augsburger Literaturwissenschaftler Carmine Chiellino, Anfang der 1980er-Jahre eindeutig auf der Seite der Bundesrepublik: "Zum ersten Mal in der Einwanderungsgeschichte Europas" scheint sich ein "zentrale(r) Einwanderungsprozess dadurch auf(zu)lösen, dass die Einwanderer im Laufe der Zeit Träger eines gemeinsamen Projektes mit dem Einwanderungsland geworden sind." Die Migranten stützen die Zugehörigkeit Deutschlands zu Europa. "Aufgrund der Anwesenheit von zahlenmäßig starken und so unterschiedlichen Gemeinden europäischer Mitbürger wird die Bundesrepublik eine innere Zugehörigkeit zur Europäischen Union aufbauen, die kein abstraktes Vorhaben ist, weil der Alltag der Republik per se europäische Züge längst angenommen hat." (anders als in Italien zum Beispiel). Die in unserem Land lebenden europäischen Mitbürger sehen "sich durch ihre Sprachen und ihre Kulturen von der Bundesrepublik aus schon längst in die Zukunft der Europäischen Union integriert".

Das ist eine wunderbare Interpretation, offen und zukunftsgerichtet, wie sie in den übrigen Beiträgen des Buches längst nicht immer so klar erkennbar ist, und sie lässt sich auch übertragen auf die Migranten aus der außereuropäischen Welt, die für uns eine Vorhut der Globalisierung darstellen.

Kulturpolitik spielt in diesem Band eine besondere Rolle. "Wie können Kunst und Kultur dazu beitragen, dass mehr interkulturelle Begegnungen stattfinden und sich ethnische Parallelgesellschaften nicht dauerhaft voneinander abschotten?" So fragt der nordrhein-westfälische Minister für Städtebau und Wohnen, Michael Vesper. Aber sowohl gegen die Instrumentalisierung von Kultur als auch gegen die Formel von den "Parallelgesellschaften", die nur bei den Migranten zum Problem werden, gibt es Widerspruch: Im kulturellen Leben unserer Städte muss sich die Anwesenheit von Migranten wiederfinden lassen, und auch in den Villenvierteln und den Führungsetagen der Banken und Unternehmen gibt es „Parallelgesellschaften“, die sich nicht mehr dem Wertekanon der sozialen Demokratie verpflichtet fühlen. Starre Kulturkonzepte, die nur zwischen Assimilation und Gettoisierung die Wahl lassen, gelten als überwunden.

Der baden-württembergische Minister für Wissenschaft, Forschung und Lehre, Peter Frankenberg, entwickelt ein Programm interkultureller Bildung, das der Überwindung von Voreingenommenheiten dient. Schüler sollen "sich ihrer jeweiligen kulturellen Sozialisation und Lebenszusammenhänge bewusst werden ..., Neugier, Offenheit und Verständnis für andere kulturelle Prägungen entwickeln ..., den eigenen Standpunkt reflektieren, kritisch prüfen und Verständnis für andere Standpunkte entwickeln, Konsens über gemeinsame Grundlagen für das Zusammenleben in einer Gesellschaft und einem Staat finden ...".

"Bildung ist nicht Brücke zwischen den Kulturen im Sinne von Integrationspolitik, sondern sie ist Entfaltungs- und Begegnungszone, weil in den Zwischen-Räumen die entscheidenden Prozesse stattfinden (Max Fuchs, Remscheid). Weg von der diskriminierenden Migranten-Spezifik bedeutet eine Bewegung hin zur Programmatik des „lebendigen kulturellen Milieus für alle“. Der Weg zu diesem anregungsreichen kulturellen Milieu wird auch in der Programmatik von Jürgen Markwirth (Nürnberg) angedeutet: "Interkulturelle Kulturarbeit akzentuiert die Chancen und positiven Entwicklungsmöglichkeiten, die in der multikulturellen Stadt liegen, greift gesellschaftliche Probleme mit den spezifischen Mitteln der Kulturarbeit auf und trägt durch entsprechende Zielgruppenangebote für Migrantinnen dazu bei, dass sie sich in Nürnberg 'heimisch' fühlen."

Dem Präsidenten der Bundeszentrale für Politische Bildung, Thomas Krüger, geht es nicht um das Programm einer "postmodernistischen Pflege von der Differenz um der Differenz willen" (Thomas Krüger, 352), sondern um partizipative Integration, die eher behindert wird durch ein "holistisches Kulturverständnis und paternalistische Zuschreibungspolitik" (bei der „selbst ernannte Identitätswächter“ weder die Dynamik noch die Veränderungsfähigkeit einer Kultur berücksichtigen). Er will daher weg von der Kultur und hin zur Politik, "nämlich zu der Frage, wie viel ethnische, kulturelle und religiöse Differenz eine demokratische Gesellschaft anerkennen und ermöglichen kann, ohne fundamentale Verfassungsprinzipien zu gefährden". Aber auch die Verfassung ist historisches Produkt von Prozessen des Aushandelns, bei denen die fundamentalen Prinzipien nicht ausgehebelt werden dürfen, sondern immer wieder neu zu interpretieren sind - und damit sind wir wieder bei der Kultur, konkret: den prägenden sozialregulativen Standards und Werten einer Gemeinschaft. Es drängt sich als Konsequenz die Strategie des Aushandelns von Prozeduralitäten auf. Sie wird in der Praxis bereits angewandt als Bestandteil einer partizipativen Integration mit professionellen Strukturen: Der prozessual entwickelte normative Minimalkonsens im "gewaltfreien Aushandlungsprozess über die gemeinsame gesellschaftliche Zukunft" (Jörg Stüdemann, Dortmund), bei dem es auch runde Tische von Polizei und Moscheen geben kann - nur wenige muslimische Gemeinschaften schließen sich wirklich ab.

Der Band lässt erkennen, dass es sinnvoll ist, von Kultur aus Deutschland zu sprechen und nicht von deutscher Kultur. Statt eine wie auch immer geartete wesenseigene deutsche Kultur oder Deutschheit eines kulturellen Lebens zu unterstellen, wird mit der Nennung der geographisch-politischen Einheit zunächst weiter nichts als eine Herkunft benannt. Nicht geleugnet wird dabei, dass in einem Land wie Deutschland eine spezifische historische, traditionelle und lokale Singularität entstanden ist. Aber Menschen verschiedener Herkunft und kultureller Prägung, wie sie seit Jahrhunderten und heute besonders zahlreich in diesem Land leben und arbeiten, haben daran mitgewirkt und bilden mit ihren ästhetisch-kulturellen und sonstigen symbolischen Praktiken insgesamt das Gewebe (nicht Mosaik) der Kultur in Deutschland. Sobald dies im Allgemeinen und in den besonderen Ausprägungen anerkannt wird, entsteht eine integrierte Gesellschaft.

In dem angekündigten Band werden sehr unterschiedliche Positionen additiv nebeneinander gestellt, aber nicht diskursiv behandelt. Der Leser selbst muss sich seinen Weg bahnen (auch keine Untergliederung hilft ihm dabei); die selektive Rezeption der Beiträge muss sich der Leser selbst organisieren. Aber ein guter Einblick in den Stand der Diskussion um Migration vor allem in der Kulturpolitik und unter den kulturellen Akteuren lohnt die Mühe.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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