SHELLEY NIRO

Ein irokesischer Blick auf die Dokumenta 11

Ein Interview von Doris Stambrau und Sylvia Kasprycki

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Die Mohawk-Künstlerin Shelly Niro

Die Mohawk-Künstlerin Shelley Niro im Gespräch mit Doris I. Stambrau und Sylvia S. Kasprycki

Shelley Niro lebt und arbeitet in Brantford nahe der Six Nations Reserve in Kanada. In ihren Werken setzt sie sich mit gängigen Stereotypen und Vorurteilen gegenüber der indianischen Bevölkerung und mit ihrer eigenen Lebenserfahrung als Künstlerin und Angehörige der Mohawk auseinander. Ihre inszenierten und teils handkolorierten Fotografien deuten eingeübte Sehweisen um und eröffnen auf humorvolle Weise neue Perspektiven. Das oft problematische Zusammenleben auf der Reservation thematisiert sie in ihren Filmen; vor allem visualisiert sie emotionale Positionen irokesischer Frauen. (Schau-)Spielerisch setzt sie die Menschen und das Land ihrer Herkunft ins Bild. Sie hat an internationalen Ausstellungen teilgenommen, und ihre Arbeiten haben über die Grenzen Kanadas und der USA hinaus große Anerkennung gefunden.

Von der kontroversen Berichterstattung in den nordamerikanischen Medien neugierig gemacht, reiste Shelley Niro für einen dreitägigen Ausstellungsbesuch zur Documenta11, bei dem die beiden Mitarbeiterinnen des Museums sie begleiteten. Das Interview fasst die daraus entstandenen Beobachtungen und Diskussionen zusammen.

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Shelly Niro: Mohawks in Beehives, handkolorierte Fotografie, 1991

Frage: Mit welchen Erwartungen hast du deine Reise zur Documenta11 verbunden?

Ich hatte keine festen Erwartungen, als ich im letzten Sommer die Documenta besuchte. Ich wusste von der beachtlichen Reputation der teilnehmenden Künstler, und ich wollte sehen, was sie zu sagen hatten und wie sie es sagten. Ich bin immer daran interessiert, die Arbeiten anderer Künstler zu sehen, und daran, ob ich davon angesprochen werde. Manchmal bin ich sofort tief berührt, manchmal kann ich nicht aufhören, über bestimmte Stücke nachzudenken. All das funktioniert auf einer unbewussten Ebene, und das macht Kunstwerke ja auch so interessant.
Als ich Kunststudentin war, wurden uns oft Arbeiten früherer Documentas gezeigt. Das hat in mir immer den Wunsch geweckt, eine Ausstellung einmal selbst zu sehen und mich nicht mit Dias zufrieden geben zu müssen. Andere Kollegen, die die Ausstellungen gesehen haben, haben auch davon erzählt. Dieses Jahr fragte mich meine Künstlerfreundin Louise Noguchi, ob ich an einem Besuch interessiert wäre. Das Timing war perfekt, ... und wir konnten beide zusammen fahren.

Frage: Deine Arbeit steht im Zeichen der Auseinandersetzung mit Geschichte, deren Brüchen und den gegenwärtigen Lebensbedingungen der Mohawk, deiner eigenen Familie und den Verwandten auf der Reservation. Wie beurteilst du als Künstlerin die Bedeutung der historischen Erfahrungen der Mohawk und Irokesen für deine eigenen Werke?

Unsere historische Erfahrung ist in meiner Arbeit immer präsent. Die Identität nordamerikanischer Indianer war immer schon von den Massenmedien der nordamerikanischen Gesellschaften geprägt. Irgendwann waren wir gezwungen, eine neue Perspektive auf unser Leben zu finden. All die Filme aus Hollywood machten es uns fast unmöglich, uns als Nation mit eigener Kultur und eigenenLebenszusammenhängen zu sehen und eine eigene Identität zu entwickeln. Im Verlauf des letzten Jahrhunderts mussten wir lernen, moderne Technologien zu nutzen und mit der herrschenden nordamerikanischen Kultur umzugehen. Meine Eltern und deren Eltern mussten außerdem die schrecklichen Zeiten des systematischen Rassismus, der Armut und des tagtäglichen Überlebenskampfes durchstehen.
Als ich anfing, mich in Künstlerkreisen zu bewegen, und das Kunstschaffen in meiner Kommune kennen lernte, wurde mir schnell klar, dass ich andere Kunst machen wollte, denn damals gab es nur Bilder, in denen Frauen als Objekte dargestellt wurden. Außerdem war nirgends auch nur eine Spur von Humor zu finden. Damals beschloss ich, dass der Humor und die Subjektivität der Frau die Aspekte sein sollten, auf die ich mich konzentrieren würde. Und das tat ich auch. Heute glaube ich, dass ich diese Aspekte in meiner Arbeit nicht mehr so forcieren muss. Ich glaube nicht, dass ich kraftloser geworden bin, aber ich habe mich entschlossen, nunmehr andere Aspekte in meiner Kunst auszuprobieren und Altes und Neues miteinander zu kombinieren.

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Shelley Niro: "500 Year Itch", handkolorierte Fotografie, 1992

Frage : Im weltweiten Kunstdialog der Documenta11 sind, abgesehen von einer Filmproduktion der Inuit, die Positionen des indigenen Nordamerika nicht vertreten. Welche Beiträge vermisst du in der Ausstellung als notwendige Ergänzung der internationalen künstlerischen Aussagen?

Nun, das indigene Nordamerika wird offensichtlich nicht repräsentiert. Ich denke, dass die globale Dampfwalze uns immer noch überrollt und dass wir nicht einmal mehr gesehen werden. Diese Documenta hätte eine Gelegenheit sein können, indianische Positionen der Welt zu zeigen oder sichtbar zu machen. Viele der ausgestellten Arbeiten äußern sich explizit zu den Auswirkungen der Kolonisierung. Kolonisierung wird von Gier und materiellen Werten genährt und drängt die indigenen Völker an den Rand des globalen Tisches.

Frage : Die dreizehn halbstündigen Videos von Igloolik Isuma Productions, in denen orale Traditionen und Gebräuche der Inuit und die Folgen der Modernisierung von einheimischen Produzenten filmisch umgesetzt wurden, fanden beim Publikum großen Anklang. Welchen Stellenwert haben diese scheinbar dokumentarischen Aufzeichnungen, die zugleich Spielfilm sind, im Rahmen der indigenen Kunstproduktion?

Die Bedeutung dieser Arbeit ist eine zweifache. Erstens sind die Filme eine Form der Dokumentation ihrer Lebensweise, wie sie sie kennen, und dienen damit auch der Bewahrung dieser Lebensweise. Diese Filme werden zu einer Art Archiv werden und eine reiche Erinnerungsquelle für ihre Kindeskinder bleiben. Zweitens sind diese Filme so etwas wie ein Antrieb für das Selbstwertgefühl. Die Filmproduktion war ein Unternehmen, das aus ihrer Kommune heraus entstand, und es sieht so aus, als wären eine Menge Leute daran beteiligt gewesen. Jedes Projekt, das so aus einer Gemeinschaft entsteht, das heißt das wichtig genug für die Gemeinschaft ist, dass viele daran mitarbeiten, wird zu einer bedeutenden gemeinsamen Erfahrung.

Frage : Die Auseinandersetzung mit erzwungener räumlicher Trennung und der Notwendigkeit einer neuen Positionierung steht im Mittelpunkt der Arbeiten von Mona Hatoum, die als Tochter palästinensischer Exilanten im Libanon aufwuchs. Shirin Neshats mythologisch inspirierte Videoinszenierung hat dich stark beeindruckt wie auch die Arbeiten von Zarina Bhimji aus Uganda, die auf den Unterschied weisen "zwischen dem, von dem wir wissen, dass es wahr ist, und dem, von dem wir glauben, dass es wahr ist", wie es im Kurzführer der Documenta 11 heißt. Bhimjis Installationen und großformatigen Farbfotos sind ein Dokument der Entwurzelung. In etwas veränderter Form findet sich das Thema Entwurzelung auch in deinen Arbeiten. Ist das ein speziell weiblicher Denkansatz? Frauen sind im Allgemeinen diejenigen, die sich um die Familie kümmern. Sie verstehen deshalb am besten, was es bedeutet, wenn sich Lebensumstände verändern, wenn die Familie umziehen muss. Wir wissen, was wir behalten müssen und was wir wegwerfen müssen. Wir Frauen sind diejenigen, die Kompromisse schließen, die andere zufrieden stellen und die den Frieden am Ende des Tages finden müssen.

Frage : Welche Arbeiten von Künstlerinnen haben dich in besonderer Weise beeindruckt?

Shirin Neshats Arbeit war wunderschön anzuschauen. Die Betrachter mussten sich für einen der beiden Bildschirme entscheiden, den mit der Frau, die vor dem Baum steht, oder den mit der Gruppe von Männern. Zu Beginn des Videos fällt diese Wahl nicht schwer, da die Bilder auf beiden Bildschirmen poetisch sind. Mit dem Fortgang des Videos fühlen wir uns bedrängter, wir verstehen nicht ganz, was passiert, aber die Aggression der Männer wird immer deutlicher. Das versetzt den Betrachter in eine Position des Konflikts, wir verstehen nie ganz, was geschieht, und mit wem und warum. Neshat macht uns unsicher, und wir wollen die potenzielle Gewalt, die in der Menge zu spüren ist, aufhalten.

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Shelly Niro: The Iroquois Is a Highly Developed Matriarchal Society, handkolorierte Fotografie, 1992

Frage: Shonibare (Documenta11 Kurzführer, S. 206) und Adéagbo nehmen mit ihren Werken an einem postkolonialen Diskurs teil, zitieren Entwicklungen afrikanischer und europäischer Geschichte, beziehen die eigene Biografie in die künstlerische Arbeit ein. Greifen irokesische Künstlerinnen und Künstler in ihren Arbeiten postkoloniale Entwicklungen bewusst als Thema auf? Deuten Werke dieser Art auf eine Revitalisierung indigenen Selbstbewusstseins und eigener Tradition, oder sind sie eher als eine politische Auseinandersetzung mit der Gegenwart zu verstehen?

Ich glaube nicht, dass wir postkoloniale Entwicklungen als Thema behandeln. Das klingt so positiv und erweckt den Eindruck, als würden wir den Kolonialismus akzeptieren. Ich denke, wir versuchen all das Schreckliche zu sehen, das der Kolonialismus unseren Völkern angetan hat, und wir versuchen, es zu bekämpfen. Wir sind uns der Auswirkungen des Kolonialismus bewusst, fühlen uns aber nicht besiegt. Ich glaube, wir sind dabei, einen Dialog mit anderen Völkern zu erschaffen, und oft ist es das Kunstwerk, das diesen Dialog anstößt und begleitet.
Was Kunst als Mittel zur Wiederbelebung des Selbstbewusstseins betrifft, das ist ein andauerndes Projekt. Als jemand, die in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts geboren wurde, habe ich das Gefühl, dass unser Selbstbewusstsein stark beschädigt wurde, aber durch das Leben in der Gemeinschaft, durch unsere gemeinsame Geschichte und vor allem durch andauernde Gespräche über dieses Thema beginnen wir eine eigene gemeinsame Sprache wiederzuerschaffen.

Frage: Du hast über die Documenta11 gesagt, dass Witz und Humor zu kurz kämen. Welchen Stellenwert haben für dich Witz und Humor als Ausdrucksformen in der Kunst?

Humor ist ein nützliches Werkzeug, um wichtige Fragestellungen zu diskutieren. Manchmal geraten solche Fragestellungen ins Stocken, und die Leute werden es müde, immer wieder denselben Vortrag zu hören. Humor aber öffnet neue Wege und macht es manchmal ein wenig einfacher, harte Wahrheiten hinzunehmen. Er kann auch auf verschiedenen Ebenen wirksam sein. Ich glaube, dass er auch zum Theater, zu einer anderen Dimension werden kann. Humor kann gewissermaßen wie ein Theaterstück inszeniert werden. Er muss aber auch gut ausgedacht sein, sonst kann er gefühllos oder gar einschüchternd wirken.

Frage: Stell Dir vor, du hättest eine Einladung erhalten, in Kassel an der Documenta teilzunehmen. Welche deiner Arbeiten gehören in den Rahmen dieser Präsentation und in welchem Umfeld wären diese zu platzieren?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Es würde auf das Thema ankommen. Diese spezielle Documenta befasste sich mit sehr ernsten politischen Inhalten, die jeden betreffen. Als eine Art Hauptthema hat sich mir eingeprägt: Wir alle kämpfen ums Überleben. Aber diejenigen, die am härtesten kämpfen müssen, sind gerade die, die hier nicht ausreichend repräsentiert werden. Manche Arbeiten versuchten auf das Elend aufmerksam zu machen. Aber dieses Aufmerksammachen auf das Elend blieb sozusagen im Design und der Darstellungsform der Werke stecken. Ich hatte das Gefühl, dass das Leiden der Menschen zur Ware wurde und sie somit zum Objekt wurden und nicht mehr Subjekt waren.

Frage: In deiner Installation The Essential Sensuality of Ceremony , die im Mai 2003 in der Galerie 37 des Museums der Weltkulturen zu sehen sein wird, sind die Sinne des Betrachters in ganz besonderer Weise angesprochen. Ist dieses Werk eine Begegnung mit dem "Anderen"?

The Essential Sensuality of Ceremony ist eine Landkarte dessen, was wir nach dem Kontakt mit den "Anderen" wieder erlernen müssen. Nach dem Erstkontakt mit den weißen Siedlern starben viele indigene Völker Nord- und Südamerikas als Reaktion auf Krankheitserreger, die es zuvor nicht gab. Die Überlebenden mussten die Kontrolle über ihre Sinne wieder gewinnen, indem sie lernten, was sie essen sollten und was nicht, auf ihre geistige Gesundheit und ihr emotionales Wohlbefinden zu achten und Seelenfrieden zu gewinnen, um sich um andere Mitglieder der Gemeinschaft kümmern zu können. Es war eine Übung darin, auf die traditionellen Geschichten zu hören und zu sehen, was daraus zu lernen war.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008