SKLAVENJAGD IN AFRIKA

Der Afrikaforscher Heinrich Barth als Zeitzeuge

Von Dieter Kramer

Zur Erinnerung an den Kampf gegen die Sklaverei

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Musgohäuptling. Gezeichnet nach Dr. Barth's Skizze von J.M. Bernatz

Die Vereinten Nationen haben 2004 zum Internationalen Jahr des Gedenkens an den Kampf gegen die Sklaverei und an ihre Abschaffung erklärt. Warum gerade 2004? Vor 200 Jahren, 1804, wurde in Haïti, dem in den letzten Monaten durch Unruhen fast täglich in den Nachrichten erwähnten Staat, der erste unabhängige „schwarze Staat“ von verschleppten afrikanischen Sklaven gegründet. Diese historische Wende gelang im Gefolge der Ideen der französischen Revolution und wurde zum Ansporn für den Kampf gegen die von den europäischen Siedlern in Süd- und Nordamerika und den vorgelagerten Inseln praktizierte Sklaverei und führte schließlich zur offiziellen Abschaffung der Sklaverei weltweit. UNESCO-Generalsekretär Koïchiro Matsuura erklärte am 10. Januar 2004: „Dieses dunkle Kapitel in der Geschichte der Menschheit sollte seinen vollen Platz in den Schulbüchern und in den Lehrplänen jedes Landes der Welt finden.“ Die Praktiken und Strukturen des Sklavenhandels waren der Nährboden für rassistische Ideologien, Rassendiskriminierung und Fremdenfeindlichkeit. Matsuura rief die internationale Gemeinschaft dazu auf, allen zeitgenössischen Formen von Sklaverei und sklavereiähnlichen Praktiken ein Ende zu setzen.

Das Ziel der Aktivitäten zu diesem Gedenkjahr ist es vor allem, unser Wissen über Sklaverei und den Sklavenhandel zu vertiefen und die politischen, kulturellen und rechtlichen Konsequenzen dieses historischen Phänomens aufzuzeigen. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit soll den Blick auf die Gegenwart und die Zukunft schärfen.

Ein europäischer Zeuge und Begleiter von Sklavenjagden in Afrika

Sklavenjagd in Afrika 2
Das Innere einer Musgowohnung. Gezeichnet nach Dr. Barth's Skizze von J.M. Bernatz

In den Jahren 1849 bis 1855 reist der deutsche Afrikaforscher Heinrich Barth (1821-1865) von Tripolis aus durch die Sahara an den Tschad-See und durch den Sudan und die Sahel-Zone bis nach Timbuktu. Er durchquert mit einem Engländer und einem deutschen Begleiter (beide überleben die Reise nicht) im Auftrag der Britischen Regierung diese Region, um Handelsverträge vorzubereiten und die Nutzbarkeit der großen afrikanischen Ströme für den Handel zu untersuchen, gleichzeitig aber soll er die arabischen Herrscher dieser Region zur Abschaffung der Sklaverei motivieren. Schon 1857/1858 veröffentlicht er fünf dicke Bände über diese Reise (Heinrich Barth: Reisen und Entdeckungen in Nord- und Central-Afrika in den Jahren 1849 bis 1855. Tagebuch seiner im Auftrag der Brittischen Regierung unternommenen Reise. Bd.1-5 Gotha: Justus Perthes 1857-1858). Schon im Vorwort des ersten Bandes muss er sich rechtfertigen, weil er seiner Forschungen wegen in einer Phase seiner Expedition sich einem arabischen Raubzug zur Sklavenjagd anschließt (1, S. XXVII). Passagen aus seinem Reisebericht vermitteln ein eindrucksvolles Bild von der Praxis der Sklaverei und des Sklavenhandels ( eigene Zusätze kursiv, die Orthographie des Originals ist beibehalten )

Handel und Wandel mit Sklaven und anderen Waren

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Ein zerstörtes Dorf: Das Ingaljam bei Demmo. Gezeichnet nach Dr. Barth's Skizze von J.M. Bernatz

7. Oktober 1849: Begegnung mit einer Sklavenkarawane, aus etwa 40 Kameelen und 60 Sklaven bestehend. Auch diese Reisegesellschaft gewährte, indem sie sich auf dem engen Pfade zwischen der übrigen Vegetation hinzog, eher einen munteren als trüben Anblick. Die unglücklichen Schwarzen, von der malerischen Beschaffenheit der Landschaft erheitert, wie denn ihr ursprünglich fröhliches und lebhaftes Gemüth sie leicht alle Sorgen vergessen lässt, sangen ein fröhliches Lied in der wilden Melodie ihrer Heimat. ... Es ist dies eine bedauerliche Thatsache, die, so lange der Sklavenhandel an der Nordküste Afrika´s nicht unterdrückt ist, fortbestehen wird. (Bd. 1, S. 420)

Das wenig später erfolgende Sklavenhandel-Verbot an der Mittelmeerküste hat negative Auswirkungen für die Expedition:
Es muss übrigens zugestanden werden, dass die Kaufleute in Ghadāmes ungeheurere Verluste durch die Abschaffung des Sklavenhandels in Tunis erlitten haben, ohne dass ihnen dafür durch Erweiterung oder Sicherung des legitimen Handels irgend ein Ersatz gegeben worden wäre … Da sie nun den Sklavenhandel in Nūpe oder Nyffi (südwestlich der Sahara) ruhig fortbetrieben sehn und die Überzeugung haben, die Engländer könnten ihn auch da vernichten, wenn sie nur wollten, zumal in Nyffi dieser Handel nicht von Mohammedanern, sondern von Christen – gleichviel von welcher Nation – betrieben wird: so haben sie einigen scheinbaren Grund, gegen die Engländer aufgebracht zu sein. (Bd. 2, S. 70/71)

In einer Fußnote von 1857 (Bd. 1, S. 420) weist Barth darauf hin, dass durch die europäischen Besetzungen an der nordafrikanischen Küste in Algerien, Tunesien usf. der Sklavenhandel offiziell abgeschafft ist. Aber südlich der Sahara sind es genau die großen Flüsse, von denen Barth sich die Erschließung Afrikas für die europäischen Interessen erhofft, durch die amerikanische Sklavenhändler vom Atlantik her ins Land kommen.
Die Engländer haben es zugelassen, dass diese Hochstrasse des Handels in die Hände der Süd-Amerikanischen Sklavenhändler gefallen ist, die einen regelmäßigen jährlichen Sklavenhandel mit den Landschaften des Binnenlandes eröffnet haben. ... So hat denn Amerikanische Waare, in grosser Menge auf den Markt von Nūpe gebracht, angefangen, Mittel-Sudan zu überschwemmen, zum grossen Nachtheil des Handels der Araber und zu ihrem ungeheueren Ärger, da sie überzeugt sind, dass die Engländer, wenn sie wollten, so etwas verhüten könnten. Denn dies ist nicht der gesetzmässige Handel, den die Britten zum Ziel ihrer Bemühungen um Abschaffung des Sklavenhandels gemacht haben, sondern es ist nichts als Sklavenhandel im Grossen. Die Amerikaner nämlich nehmen nichts zurück für ihre Waare und ihre Dollars als Sklaven – ein Bisschen Natron abgerechnet.“ (Bd. 2, S. 153/154)

Barth beschreibt die noch herrschende Dynamik des Sklavenhandels: „...eben die Begierde nach den Feuerwaffen der Europäer hat den Sklavenhandel an der ganzen Westküste hervorgerufen. Aber wozu wollen diese Leute Gewehre haben? Nicht um sich damit eine überwiegende Herrschaft zu verschaffen, sondern besonders eben deshalb, um wieder Sklaven einzufangen und mit einem guten Vorrath dieser schmählichen Handelswaare sich diejenigen Luxusartikel Europäischer Civilisation zu verschaffen, mit welchen sie bekannt geworden. (Bd. 3, S. 124)

Zeuge von Grausamkeiten der Wissenschaft wegen

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Wulia. Gezeichnet nach Dr. Barth's Skizze von J.M. Bernatz

1851 schließt sich Barth einem Kriegszug von 20.000 Personen, 10.000 Pferden und ebenso viele Lasttieren an. Der bekriegte Herrscher von Mandara willigt in einen Unterwerfungsvertrag ein, in dem unter anderem 10 schöne Sklavinnen als Preis bestimmt sind (Bd. 3, S. 144). Damit wäre der Kriegszug eigentlich überflüssig, aber er wird fortgesetzt. Nun wussten wir wohl, dass es bei einem solchen Zuge vorzüglich, ja fast allein auf Sklavenjagd abgesehen sei; es verlohnte sich aber doch wohl der Mühe, sich mit eigenen Augen zu überzeugen, was wahr sei an den Grausamkeiten, welche den Mohammedanern bei diesen Streifzügen zur Last gelegt werden, und mehr noch eine Gegend zu besuchen, die von so grosser Wichtigkeit sein musste, um das viel besprochene und ebenso oft falsch dargestellte Verhältnis zwischen dem System des Afrikanischen Centralbeckens und des grossen westlichen Flusses zu entscheiden, was auf friedlichem Weg zu thun wir keine Aussicht hatten.“ (Bd. 3, S. 145)

Barth braucht nicht lange zu warten, bis er Zeuge von kaum beschreiblichen Grausamkeiten wird. Die Ortschaft, wo wir unser Lager aufgeschlagen hatten, heisst Kákalā, und ist eine der bedeutenderen im Mússgu-Lande. Eine grosse Menge Sklaven war heute eingefangen worden und noch am Abend ward nach einem Kampfe, in welchem drei Bórnu-Reiter fielen, eine bedeutende Anzahl eingebracht. Im Ganzen sollten an diesem Tag 1000 Sklaven gefangen worden sein, aber sicherlich belief sich die Beute nicht unter 500. Die erwachsenen Männer, meist hochgewachsene Leute, aber keineswegs mit sehr einnehmenden Zügen, wurden ohne Schonung abgeschlachtet, oder man liess sie sich vielmehr verbluten, indem man ihnen ein Bein abhieb; ihre Zahl belief sich auf 170. (Bd. 3, S. 175).

Nachdem wir lange Zeit den Anblick dieser Landschaft genossen, die an Mannichfaltigkeit und Reichtum die öde Umgebung von Kúkaua so weit übertraf, zogen wir uns wieder etwas zurück, um uns vor den Mücken zu schützen, die nah an diesen Wassern natürlich in grosser Fülle hausen, und lagerten uns mitten zwischen den rauchenden Trümmern der soeben in Brand gesteckten Hütten. Das ganze Dorf, noch vor Kurzem eine Stätte der Wohlhabenheit und des Glückes, war zerstört und verödet, und abgeschlachtete Männer lagen überall zerstreut zwischen den Ruinen umher.“ (Bd. 3, S. 183)

In Ngáufate ging die vorläufige Theilung der Sklaven ruhig vor sich, nur gestört durch die kläglichen Scenen, die bei der Menge ganz kleiner Kinder nicht ausbleiben konnten; viele von diesen armen Geschöpfen wurden schonungslos aus den Armen ihrer Mütter losgerissen, um sie nie wieder zu sehn. (Bd. 3, S. 192)

Marktwirtschaft statt Sklavenwirtschaft

Barth setzt große Hoffnungen in die Zukunft. Die Europäer werden zivilisieren, vermutet er. Das reiche Feld wird ausgebeutet werden, sobald der rastlos vorwärts strebende Sinn des Europäers auch diese Länder in sein Gebiet zieht, - und das kann nicht ausbleiben. In der That, ich bin davon überzeugt, dass in 50 Jahren (1904!) Europäische Fahrzeuge vom Busen von Biafra aus regelmässigen alljährlichen Verkehr mit dem grossen Becken des Tsad unterhalten werden.“ (Bd. 3, S. 198)

Die Sklaverei ist ein geschlossenes Gewaltsystem. Naturstoffwechsel in der Landwirtschaft und andere Formen der Produktion werden in diesen Regionen mit Sklaven betrieben. Sklaven sind die Grundlage von Herrschaft für die arabischen Herrscher, die die heidnischen Nachbarn unterwerfen (und weil Muslime keine Muslime als Sklaven verkaufen dürfen, sind sie auf die Existenz nichtmuslimischer Nachbarn angewiesen): Sklaven sind also das Einzige, was sie von ihnen wollen; durch gewaltsames Fortführen der Letzteren zwingen sie dieselben zur Unterwerfung und nach dieser erheben sie von ihnen einen friedlichen Tribut an – Sklaven. Dies Alles wird anders werden, sobald ein regelmässiger, friedlicher Handelsverkehr auf dem Benuë in das Herz dieser Länder eröffnet ist und eine stete Nachfrage nach den natürlichen Erzeugnissen derselben statt findet. ...(Bd. 3, S. 208).

Sklaven-Tribut begründet Reichtum und Macht (Bd. 3, S. 405) Ein Vasallenfürst verrät seine eigenen Untertanen in die Sklaverei (Bd. 3, S. 224). Schutz in den von Gewalt geprägten Regionen gibt es für die lokalen Autoritäten nur unter der Bedingung, dass er und seine Nachkommen dem Fürsten von Wádáï einen beträchtlichen Tribut zahlen sollten. Dieser alle 3 Jahre zu entrichtende Tribut besteht in 100 gewöhnlichen Sklaven, 30 schönen Sklavinnen, 100 Pferden und 1000 Hemden. (Bd. 3, S. 390)

Sklavenjagd zerstört die sozialen Lebensgrundlagen jeder betroffenen Gemeinschaft, der Jagenden wie der Gejagten. Es sind die Sklavenjagden, welche die natürlichen, selbst im einfachen Leben der Heiden entwickelten Keime menschlicher Glückseligkeit zerstören und Wüstenei und Wildnis rund umher verbreiten ...(Bd. 2, S. 559) Hofsklaven, wie sie von jedem Herrscher gehalten werden, schaden dem Lande, weil sie nur ihre eigenen Interessen verfolgen (Bd. 3, S. 243)

Sklaverei und Modernisierung

Bei aller Brutalität bedeutet der Sklavenhandel als Bewegung von Menschen auch interkulturellen Austausch. Fiebrig in seiner Hütte liegend, wird Barth einmal von einem Afrikaner in neugriechischer Sprache begrüßt: … er hatte sich während eines mehr als zwanzigjährigen Aufenthalts in Stambul, wohin er schon als Kind verkauft worden war, nicht nur die Sprache, sondern auch die Manieren seiner Herren vollkommen angeeignet ... Als Freigelassener kehrte er dann in seine Heimat zurück. So bringt allerdings Sklaverei gelegentlich einige kosmopolitische Elemente in diese vom Weltverkehr ausgeschlossenen Binnenländer. (Bd. 2, S. 176)

Ein andermal trifft Barth einen ehemaligen Sklaven, der aus brasilianischer Sklaverei zurückkehrte und seine dort erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten benutzt, um eine Zuckerrohr-Raffinerie zu bauen (Bd. 3, S. 139).

Auch eine Erbschaft

Sklaverei ist Teil einer gemeinsamen Erfahrung der „postkolonialen Welt“. Ihre Auswirkungen bis in die Künste (denken Sie nur an Jazz) sind aus unserem Alltag nicht wegzudenken. Einst von Angehörigen fast aller großen Religionen praktiziert, ist sie heute, obwohl laut Koran erlaubt, auch in muslimischen Regionen „außer Gebrauch“ gekommen (wenigstens offiziell). EIN Bestandteil der Menschenrechtserklärung der UN ist so Allgemeingut geworden.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008