PFLANZENWISSEN AUF WANDERSCHAFT

Wie Santería-Priester in Deutschland an ihre Pflanzen kommen

Von Lioba Rossbach de Olmos

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Sonnenblume, Zimt und Kürbis gefallen Ochún, der Orischa-Gottheit des Süßwassers und der Weiblichkeit. Foto: L. Rossbach de Olmos

Die folgenden Ausführungen umreißen zunächst die Bedeutung von Pflanzen und Pflanzenwissen in der afrokubanischen Santería-Religion, welche die Yoruba-Sklaven in der Kolonialzeit hervorbrachten, als sie in Kuba ihre afrikanischen Orischa-Gottheiten aus Schutz vor religiöser Verfolgung als katholische Heilige tarnten und dabei eine Reihe von Fremdeinflüssen aufnahmen. Dann wenden sie sich der Frage zu, wie Priester dieser Religion, denen man seit 15 oder 20 Jahren auch in Deutschland begegnen kann, hierzulande die nötigen Pflanzen, Pflanzenbestandteile (Blätter, Kräuter, Früchte, Blüten etc.) oder aber einen adäquaten Ersatz beschaffen. Die Santería und ihr an kubanische Verhältnisse angepasstes lokales Pflanzenwissen, selbst im Zuge einer erzwungenen Migration durch die Sklaverei entstanden, ist nun erneut auf Wanderschaft gegangen und bewegt sich zunehmend in einer globalisierten Welt.

Wichtig ist es zunächst, darauf hinzuweisen, dass die Bedeutung von Pflanzen in der Santería sich nicht auf ihre Verwendung bei Heilung und Ritual beschränkt, selbst wenn hier ihre wichtigsten Anwendungsgebiete liegen und es ausgewiesene Pflanzenheilkundige ( yerberos ) gibt. Vielmehr bilden Pflanzen einen festen Bestandteil des Glaubenssystems dieser Religion. Sie verfügen über ashé , d. h. die Segenskraft Gottes, die überall wirksam ist, besonders stark aber von den Orischa-Gottheiten ausgeht und die durch die Pflanzen rituell übertragen werden kann. Deshalb sind sie in der Religion allgegenwärtig. In der sieben Tage währenden Initiation eines Priesters ( santeros ) beispielsweise, zu der Nichteingeweihte bis heute keinen Zugang haben, kommen Pflanzen zum Einsatz. Es werden rituelle Waschungen sakraler Gegenstände und des Initianten selbst vorgenommen, für die mehr als 20 Pflanzen benötigt werden. Pflanzen gehören damit gleichermaßen zum Heil- und zum Heilssystem, wie die kulturelle Nähe von Religion und Medizin umschrieben werden kann.

Ein besseres Verständnis gewährt eine Orischa-Legende oder pataki , wie diese im kubanischen Yoruba oder Lukumí heißt. Sie berichtet von Osain, der Orischa-Gottheit, welcher der Schöpfergott, als er jedem Orischa einen Aspekt der Welt zuordnete, das Geheimwissen über die Pflanzen übertrug. Von Osain heißt es, dass er seine Pflanzen mit niemanden zu teilen gewillt war. Chango, Orischa des Feuers und Krieges, beklagte sich darüber bei seiner Frau Oya, der Herrin des Windes, woraufhin diese Wind aufkommen ließ. Die Geheimnisse der Pflanzen bewahrte Osain in einem Flaschenkürbis, der am Ast eines Baumes hing. Dieser fiel durch den Windstoß herunter und zerbrach, wodurch die Pflanzen in alle Richtungen zerstoben. Osain konnte nicht verhindern, dass die übrigen Orischas die Pflanzen einsammelten, sie untereinander aufteilen und ihnen bestimmte Wirkungen zuwiesen. So kommt es, dass Osain nach wie vor der Herr über das Geheimwissen der Pflanzen ist, dem jeder yerbero , bevor er die Natur auf der Suche nach Pflanzen betritt, Mais, Schnaps, Münzen und ein wenig Zigarrenrauch opfern und um Erlaubnis zum Pflanzensammeln bitten wird, dass es aber gleichzeitig um jeden Orischa eine Reihe von Pflanzen gibt, die diesem wohl gefallen und die er bei Verehrung oder Opferung "mit Liebe empfängt", wie es der in Berlin ansässige Orakelpriester ( babalawo ) Jorge Pichy ausdrückte.

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Die Kokosnuss wird in der Santería in einem einfachen Divinationsverfahren eingesetzt. Foto: L. Rossbach de Olmos

Man sagt der Santería nach, dass sie ein eigenes Klassifikationssystem hervorgebracht habe, welches die Pflanzen nicht nach gemeinsamen morphologischen Merkmalen, wie die Taxonomie in der Botanik, oder nach Wirkstoffen, wie die Pharmakologie, ordnet, sondern nach ihrem Bezug zu den Orischas. Einige Autoren meinen gar, dass die Orischa-Gottheiten selbst als "pharmakologische Kategorien" verstanden werden können, doch wird dies den religiösen Dimensionen der Gottheiten und ihrem vielseitigen Verhältnis zu den Pflanzen nicht ganz gerecht. Denn zum einen teilen sich mehrere Orischas bestimmte Pflanzen, zum anderen gehören einige Pflanzen mehreren oder allen Orischas und schließlich werden einige Orischas mit mehr Pflanzen identifiziert als andere. Dies ist in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Denn generell kreisen um jeden Orischa eine Reihe typischer Merkmale, wie Farben, Zahlen, Rhythmen, Mythen, Orakelzeichen etc. Nun werden Pflanzen oder Pflanzenbestandteile, die Bezug zu diesem Orischa, seinen Eigenschaften und Merkmalen haben, ihm entsprechend zugeordnet. Unter allen Merkmalen spielt die Farbe eine wichtige Rolle, sodass häufig Pflanzen oder Pflanzenbestandteile einer Farbe auf jenen Orischa verweisen, der mit dieser Farbe assoziiert wird. Ochún, die weibliche Gottheit des Süßwassers und der Erotik, nennt die Farbe Gelb bzw. Gold ihr Eigen, und entsprechend werden Pflanzen in einem Farbspektrum von hellgelb bis goldbraun ihr zugeordnet: Sonnenblume, Zimt oder Kürbis können als Beispiele genannt werden. Obatalá, dem alten weisen Orischa, der für Reinheit und Weisheit steht, werden weiße Pflanzen zugerechnet, wie etwa die Baumwolle. Andere Pflanzen, unter anderem der Mais, gehören allen Orischas. Die kubanische Ethnographin Lydia Cabrera, welche die genannte Osain-Legende aufzeichnete, hat rund 550 Pflanzen, ihr Anwendungsspektrum sowie den Orischa dokumentiert, dem diese zugeordnet sind. Wenn die Ethnobotanik heute davon ausgeht, dass sich traditionelle Systeme der Pflanzenklassifikation nicht grundlegend von wissenschaftlich-systematischen unterscheiden, so folgt doch die Santería mit ihrer auf die Orischas bezogenen Ordnung eigenen Regeln.

Das Pflanzenwissen der Santería kann zwar als "traditionell" bezeichnet werden, d. h. als ein Wissen, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Aber es ist nicht indigen oder einheimisch. Es kommt ursprünglich aus Westafrika und war zunächst auf die dortige Flora bezogen. Schon bei der Entstehung der Santería in Kuba müssen Priester und Anhänger eine enorme Übersetzungsleistung vollbracht haben, als sie die ihnen aus Afrika bekannten Pflanzen mit der für sie neuen kubanischen Flora abglichen, gleiche oder ähnliche Pflanzen identifizierten und übernahmen oder neue in ihren Fundus religiös und medizinisch relevanter Pflanzen aufnahmen. Eine Neuerung ist etwa der Mais, der in Amerika domestiziert wurde und in die Santería Eingang fand. Es gibt durchaus interessante Erklärungen dafür, wie die Neuanpassung an kubanische Verhältnisse erfolgt sein könnte: So sollen versierte Sklaven Pflanzen entdeckt haben, die es auch in ihrer afrikanischen Heimat gab oder die solchen zumindest ähnelten. Mit der Umwandlung etwa, die der für (Haut-)Krankheiten zuständige Orischa bei seiner Übersiedlung nach Kuba durchlief, bis er dort zu Babalu Ayé und seinem katholischen Gegenstück, dem Heiligen Lazarus, wurde, wurde auch "seine" afrikanische gegen eine kubanische Agavenart ausgetauscht, die freilich beide zur gleichen Familie gehören. Zudem half die erwähnte Farbsymbolik dabei, Pflanzen auf Kuba den eingewanderten Orischas zuzuordnen. Schließlich werden Wortspiele als Mechanismus der Übersetzung in Betracht gezogen, die sich aus der Santería-Mythologie ergeben und die man auf Pflanzen oder Pflanzenbestandteile anwenden, d.h. diese damit identifizieren kann.

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Den "palo vencedor" brachte der Santero Obbanique aus Kuba mit. Foto: L. Rossbach de Olmos

Es werden ähnliche Methoden herangezogen, wenn sich in Deutschland lebende Santería-Priester die für Ritual und Heilung erforderlichen Pflanzen besorgen. Allerdings ist das Auffinden der Pflanzen einfacher geworden. Mit den weltweiten Migrationsbewegungen gehen auch Warenströme einher. Wenn auch viele in der Santería wichtige Pflanzen in Deutschland nicht gedeihen, so sind sie doch problemlos hier zu beschaffen. Ein gutes Beispiel ist die Kokosnuss, die in der Santería unverzichtbar und mittlerweile in allen Supermärkten zu erhalten ist. Zum Beispiel kommen vier runde Scheiben aus Kokosnussfleisch bei einem einfachen Divinationsverfahren zum Einsatz. Andere Pflanzen oder Pflanzenbestandteile kann man mittlerweile in afrikanischen Läden kaufen, die es in fast jeder größeren deutschen Stadt gibt. Eine vergleichsweise junge Bezugsquelle ist der Internetversand. In den USA, wo die afrokubanische Santería seit mindestens 60 Jahren praktiziert wird, wenn nicht gar sehr viel länger, floriert der Internethandel mit Paraphernalien dieser Religion, und es finden sich z. B. pulverisierte Pflanzen darunter. In Deutschland, wo die Praktizierenden nur eine verhältnismäßig kleine Gruppe bilden, ist kein wirklicher Markt vorhanden. Doch wird sich der Interessierte sicher aus Spanien beliefern lassen können, wo die Santería über eine größere Anhängerschaft und eine gewisse Infrastruktur an Läden verfügt. Weiterhin spielt der Abgleich der Pflanzen eine wichtige Rolle, bei der die Farbsymbolik erneut zum Tragen kommt. Man hat selbst eine nur wenige Wochen zu Besuch in Deutschland weilende Santería-Priesterin hiesige Wiesen und Wälder auf der Suche nach interessanten Pflanzen durchstreifen sehen. Sie verfolgte keine unmittelbaren Verwertungsinteressen, sondern nur den Wunsch, die belebte Natur für ihre Orischas zu erkunden. Der Winter stellt die Santería-Priester hingegen vor Probleme, weil die Natur sozusagen tot ist und die nötigen Pflanzen nicht zu finden sind. Andererseits hat er Eigenschaften, die sich die Religion innovativ nutzbar macht, wenn etwa der Hamburger Perkussionist Thomas Altmann, der die heiligen Batá-Trommeln in Santería-Zeremonien zu schlagen befähigt ist, Schnee als kühle weiße Grundlage der Pflanzenaufgüsse für Obatala entdeckt. Meist tut sich ein Weg auf, um die Orischas zufrieden zu stellen oder ein Reinigungs- oder Heilritual durchzuführen. Ob eine Pflanze, auf die der Priester aus Mangel an Alternativen zurückgreift, als Ersatz taugt, darüber lässt sich im Zweifelsfall das Orakel befragen. Die Orischa-Gottheiten, die sich im Orakel äußern, erweisen sich zumeist als pragmatisch und tolerant und lassen durchaus eine improvisierte Lösung gelten. Andererseits kann niemand mit Sicherheit sagen, ob die eine oder andere Eintrittskarte in einen deutschen botanischen Garten nicht doch in der Absicht gekauft wurde, Pflanzen für ein Santería-Ritual zu besorgen.

In religiösen Dingen wird in der Regel vorgesorgt; dazu zählt auch, dass Santeros sich bei ihren Besuchen in der kubanischen Heimat mit solchen Pflanzen eindecken, die sie hierzulande nur mit Schwierigkeiten finden. Es heißt, dass darunter vor allem die palos , also Bestandteile von bestimmten Bäumen und Sträuchern zählen. Ein in Aschaffenburg ansässiger Santero, der den religiösen Namen Obbanique trägt, hat von seiner letzten Kubareise einen palo vencedor mitgebracht, der, wenn er präpariert ist, beruhigende Wirkung hat.

Die Santería und ihre Diaspora-Erfahrungen mit Pflanzen werfen neben religionsethnologischen oder ethnobotanischen noch ganz aktuell politische Fragen auf. Ihr Pflanzenwissen ging nämlich just erneut auf Wanderschaft nach Europa und globalisierte sich gewissermaßen, als die Vereinten Nationen ein globales Regime zum Schutz der Biodiversität etablierten, bei dem traditionelles (Pflanzen-)Wissen Beachtung fand. Der 1992 unterzeichneten "Übereinkunft über die biologische Vielfalt" geht es zwar vorrangig um Schutz und nachhaltige Nutzung der weltweit bedrohten biologischen Vielfalt, doch will sie dabei auch das lange ignorierte Wissen traditionell lebender Gemeinschaften einer verspäteten Anerkennung zuführen, zu dem nicht zuletzt pflanzenbezogenes Wissen zählt. Nun stellt sich die Übereinkunft dieses Wissen als lokal verankertes und in örtlichen Strukturen verharrendes Wissen vor. Wie ist es aber damit bestellt, wenn solches Wissen auf Wanderschaft geht? Behält es den Anspruch auf Anerkennung und Schutz oder verwirkt es diesen, sobald es migriert und sich neuen Bedingungen anpasst? Fest steht, dass lokales Wissen unter Umständen eigenwillige globale Wege gehen kann. Das Pflanzenwissen der Santería zumindest belegt dies.

Weiterführende Literatur

Cabrera, Lydia (1968): El monte: igbo finda, ewe orisha, vititinfinda. Notas sobre las religiones, la magia, las supersticiones y el folklore de los negros criollos y del pueblo de Cuba. Miami: Rema Press.
Marks, Morton (1987): Exploring El Monte: Ethnobotany and the Afro-Cuban Science of the Concrete. In: Isabel Castellanos und Josefina Inclán (Hrsg.): En torno a Lydia Cabrera. Miami: Ediciones Universal, Col. Ebano y Canela, S. 227-245.
Wedel, Johan (2004): Santería Healing. A Journey into the Afro-Cuban World of Divinities, Spirits, and Sorcery. Gainesville et. al.: University Press of Florida.

Zur Autorin

Dr. Lioba Rossbach de Olmos, Ethnologin, Forschungen zu Nicaragua und Kolumbien. Langjährige Mitarbeit im "Klima-Bündnis der europäischen Städte mit indigenen Völkern der Regenwälder", zurzeit Wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt "Santería in Deutschland: Manifestationen der afrokubanischen Religion in deutschen Kontexten" am Institut für Vergleichende Kulturforschung – Völkerkunde der Philipps-Universität Marburg.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008