EDITORIAL

Kleidung und Mode international

Auf den ersten Blick scheint es selbstverständlich zu sein, dass Mode international ist. In Paris oder London trägt man das Gleiche wie in New York oder Rom. Mode bewegt sich auf internationalem Parkett. Außerhalb der westlichen Welt scheint es dagegen in unseren Augen keine „Mode“ zu geben. Die Kleidung in Indien, Afrika oder den arabischen Ländern würden wir „Tracht“ nennen und meinen damit eine traditionelle Kleidung, die keinerlei Veränderungen unterworfen ist. Auch scheint es uns, als würde nur die westliche Mode für Individualität, Freiheit und Status stehen, während die „Tracht“ Uniformität, Zwang und Unterordnung ausdrückt. Wenn wir aber über den Tellerrand der westlichen Mode hinausblicken, wird uns bewusst, dass „Mode“ und „Tracht“ keinen Gegensatz bilden, dass auch Tracht Individualität, Freiheit und Status zum Ausdruck bringt.

Die Beiträge des Schwerpunktthemas Kleidung und Mode international beziehen sich regional auf Afrika, Mexiko und Deutschland. Ilsemargret Luttmann schreibt über afrikanische Modemacher, die für einheimische Kunden arbeiten und an Kreativität die westlichen Modeschöpfer durchaus in den Schatten stellen.
Den Zusammenhang von kreativer afrikanischer Mode und ökonomischen Katastrophen in Dakar, Senegal, der Mode-Hauptstadt Westafrikas, legt Leslie W. Rabine dar.
Katja Turé widmet sich den indigogefärbten Stoffen Gambias. Sie sind zum Einen Ausdruck einer alten Tradition, zum Anderen sind sie Teil der aktuellen Wirtschaftsstruktur Gambias. Frauen ernähren ihre Familien mit dem Färben und Verkaufen von Stoffen und üben ein modebewusstes und Kreatives Handwerk aus.
Über die eigenwillige Kleidung der Frauen in Juchitan schreibt Annegret Hesterberg de Hernández. Ihre buntbestickte Kleidung ist ebenso traditionell wie sie Freiheit, Individualität und weibliche Macht signalisiert.
Birgitta Huse blickt hinter die Fassade der Ethnomode in Deutschland und zeigt, dass, auch wenn sie westlichen Trägerinnen noch so exotisch erscheint, sie in keiner Weise Botschaften aus fernen Ländern vermittelt, sondern schlicht nur Ausdruck westlicher Fantasien ist.
Durch und durch „deutsch“ (was immer das sein mag!) ist die Mode der Teenager an deutschen Schulen. Beate Schmuck greift die Diskussion um die Schulkleidung auf und zeigt, mit welcher Vehemenz Jugendliche in ihrer Kleidung die Irrungen und Wirrungen ihrer Identitätsfindung ausdrücken. Sie macht aber auch darauf aufmerksam, dass die Kleidung der Jugendlichen für Erwachsene genauso eine terra incognita ist wie die Kleidung außerhalb der westlichen Welt.
Kerstin Bauer zeigt am Beispiel der Côte d’Ivoire, dass die Jugendmode dort die gleichen Bedürfnisse nach Freiheit und Individualität befriedigt wie auch bei den Jugendlichen in Deutschland.
Der Beitrag von Heide Wahrlich widmet sich der Hose. Sie zeigt, welche abenteuerlichen Entwicklungen in der Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist die Hose als Kleidungsstück durchmachen musste, bis sie heute das vielleicht meistgetragene weibliche Kleidungsstück geworden ist.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008