KLEIDER MACHEN LEUTE - MODE IN AFRIKA

Eine Rezension von Ilsemargret Luttmann

Das Thema Kleidung und Mode, verstanden nicht nur als materielles Kulturgut, sondern als potenter Symbolträger im Kontext sozialer Beziehungen, ist erst vor einigen Jahren von den Afrikawissenschaften entdeckt worden. Bislang basierte die Forschung vornehmlich auf schriftlichen Quellen und damit auf verbalen Kommunikationsformen, um Wirklichkeit und Geschichte zu rekonstruieren. Der Fokus auf den Körper und die Gestaltung seiner Oberfläche erweitert nun die analytischen Kategorien und bietet damit neue Möglichkeiten, soziale Veränderungen wahrzunehmen und zu untersuchen. Kleidungsstile geben zum Beispiel Auskunft über die Selbstwahrnehmung der Subjekte und die Formen der Selbstdarstellung. Über sie treffen wir auch auf Diskussionen über Sexualität und Ziemlichkeit. Und ganz besonders wichtig ist diese Forschungsrichtung auch deshalb, weil sie Ausdrucksformen des Politischen aufdeckt, die besonders von Frauen gestaltet und genutzt wurden.

Afrikanische Modernitäten
Der Sammelband "Fashioning Africa: power and the politics of dress" von 2004, herausgegeben von Jean Allman, umfasst elf Aufsätze, die sich mit den unterschiedlichen Bedeutungen von Kleidung und Mode beschäftigen. Der geographische Raum umfasst nicht nur Afrika, sondern auch im Exil lebende afrikanische Gemeinden. Der zeitliche Rahmen reicht vom vorkolonialen Sansibar bis zum heutigen Lusaka. Den Rahmen der empirischen Studien bildet der politische Kontext, in dem das Kleidungsverhalten seine jeweilige Bedeutung erhält und sein Machtpotenzial entfaltet. Allen Beiträgen liegt ein historischer Ansatz zugrunde, der den Blick auf die verschiedenen Entwicklungswege von spezifischen afrikanischen Modernitäten richtet, die über die Wahl, Adaption und Innovation von Kleidungsstilen vermittelt und hergestellt werden. Auf diese Weise wird das so gern benutzte Gegensatzpaar von Tradition versus Moderne aus den Angeln gehoben, denn die verschiedenen Fallstudien zeigen, dass sich diese beiden Kategorien weder wie Kontrahenten zueinander verhalten noch zeitlich aufeinander folgen. Vielmehr sind sie zeitgleiche und komplementäre Erscheinungen.

Kleidung als Ausdruck von Identitäten
Kleidung als leicht zugängliches Mittel zur Darstellung von individuellen und kollektiven Identitäten ist in Afrika in vielen historischen Momenten zum Einsatz gekommen. Davon legen die so unterschiedlichen Konstellationen der Luo im kolonialen Kenia sowie der Frauen auf Sansibar unmittelbar nach der Aufhebung des Sklavenstatus 1896 Zeugnis ab. Während im ersten Fall die Christen und Migrationsarbeiter in der Zeit zwischen den Weltkriegen zum westlichen Kleidungsstil überwechseln, um damit ihre neuen sozialen Identitäten und Ambitionen zum Ausdruck zu bringen, kreieren die Städterinnen auf Sansibar einen neuen hybriden Stil, der sich aus arabischen und Festlandsmoden zusammensetzt. Damit wenden sie sich vom arabischen Herrschaftsmonopol ab und definieren sich neu als so genannte kosmopolitische Bürgerinnen. In der Nachkriegszeit benutzt der Frauenverband von Abeokuta in Nigeria die Kleiderordnung als ein politisches Integrationsmittel, um die Barrieren zwischen den Mitgliedern zu überwinden. Durch den Rückgriff auf das traditionelle und bescheidene Frauenkostüm, das für alle als verbindlich erklärt wird, kann eine Solidarität zwischen den gebildeten Elitefrauen und den Analphabetinnen, den Christinnen und Musliminnen, den versorgten Ehefrauen und ums Überleben kämpfenden Marktfrauen erzeugt werden, die sie im Kampf gegen koloniale Ungerechtigkeiten vereint. Die Somalierinnen der Diaspora in den USA schaffen durch ihren religiös geprägten Kleidungsstil eine ähnliche Konstellation, indem sie sich damit solidarisch als Gruppe manifestieren, die sich den Verlust der Heimat immer wieder gegenseitig vor Augen führt und die politische Vision eines wieder vereinigten und friedlichen Somalia durch ihre Kleidung nach außen projiziert.

Vermarktung des afrikanischen Textilkulturerbes
Durch die Internationalisierung afrikanischer Stoffe und ihre Transformation in abstrakte Konsumgüter wird zwar einerseits ihre ungeheure Bedeutungskapazität offen gelegt, aber andererseits kommen auch problematische ethische und wirtschaftliche Implikationen zum Vorschein. Betrachtet man bestimmte Textilformen als schützenswertes künstlerisches Eigentum eines Volkes, so wird die massenhafte Reproduktion auf dem globalen kapitalistischen Markt als Rechtsbruch entlarvt, der zudem die Lebensgrundlage der legitimen Erben und Produzenten der Originale zerstört oder zumindest stark angreift.

Kleidung als Form und Inhalt von Politik
Der öffentliche Charakter von Kleidung wird besonders deutlich bei Uniformen oder anderer politischer Staatsgarderobe. Die Formel „From khaki to agbada“, die in Nigeria beim Übergang von der Militärherrschaft zur Zweiten Republik unter Shagari (1979-1983) geprägt wird, versucht zwei unterschiedliche Regierungsformen durch ein Kleidungssymbol zum Ausdruck zu bringen.

Doch analog zu der offen legenden und gleichzeitig verhüllenden Funktion von Kleidung tragen auch diese Staatsformen unter der Fassade weitere widersprüchliche Züge. Militärische und zivile, koloniale und postkoloniale, traditionelle und moderne Instanzen lassen sich in dem einen und anderen Herrschaftssystem erkennen, und genau dasselbe trifft für die Kleiderrepräsentationen zu. Ein Kleidungsstil kann auch die Form eines politischen Projekts der Nationsbildung annehmen wie zum Beispiel im postkolonialen Ghana. Unter Nkrumah war die politische Elite bemüht, die aus der Sicht des Südens „nackten“ Bewohner des Nordens einzukleiden und sie damit in die moderne Nation zu integrieren. Diese Strategie basierte sowohl auf kolonialen ideologischen Konzepten wie Modernisierung und christliche Moralität als auch auf vorkolonialen Wertemustern, die von den Hegemonialbestrebungen des Akan-Reiches geprägt waren, dessen Überlegenheitsgefühl unter anderem in der Kategorie von Nacktheit seinen Ausdruck suchte.

Kleidung, Sexualität und Frauen
Wenn das Tragen bestimmter Kleidungsstücke zu einem heiß umstrittenen Gegenstand und der Körper sogar zum Schlachtfeld wird, dann wird daran nochmals deutlich, wie werte- und emotionsgeladen Kleidung oftmals ist. Dabei geht es also bei weitem nicht nur um Ästhetik, sondern um divergierende Interessen. Meistens ist es Sexualität, aber darüber hinaus sind auch noch andere soziale und ökonomische Fragen im Spiel. Außerdem sind es fast ausschließlich Frauen, die durch ihre Kleiderwahl zu Opfern von tätlichen Übergriffen werden. Dieses Thema wird in zwei Beiträgen behandelt. Der eine berichtet vom Jugendflügel der in Tansania herrschenden TANU-Partei, der 1969 politisch gesteuerte Aggressionen gegen Frauen in Miniröcken richtete. Im anderen wird Bezug genommen auf die Situation in Lusaka/Sambia am Ende der 90er-Jahre, die verglichen wird mit einer weiter zurückliegenden kritischen Phase Anfang der 70er-Jahre. Während der offizielle Diskurs um Begriffe wie Modernität, nationale Traditionen und Würde kreist, liegen die wahren Ursachen in den Ängsten der Männer, die Kontrolle über die Mobilität und die Sexualität der Frauen sowie ihre Vormachtstellung auf dem Arbeitsmarkt zu verlieren.

Kleidung als Handlungsfläche von Frauen
Dieser an empirischen Studien über die Bedeutungsvielfalt von Kleidung und Mode sehr reiche Sammelband stellt einen wertvollen Beitrag zur afrikanischen Sozialgeschichte dar, in der mittels des neuen Forschungsgegenstandes Dimensionen politischen Handelns von Frauen deutlich werden, die durch die klassischen Analyseraster bislang durchfielen.

Jean Allman (Hrsg.), Fashioning Africa: power and the politics of dress, Bloomington: Indiana University Press, 2004, 233 p. ISBN 0 – 253 – 34415 - 8

Zur Autorin

Dr. Ilsemargret Luttmann beschäftigt sich seit vielen Jahren mit afrikanischer Mode. Mehrjährige Studien- und Arbeitsaufenthalte in Westafrika. Kuratorin der Ausstellung „Mode in Afrika“ im Museum für Völkerkunde, Hamburg, vom 15.9. - 12.10.2005.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008