PHANTASIEN ÜBER DIE MILCHSTRASSE

Rituelles Design in der japanischen Modernen Religiösen Organisation World Mate

Von Inken Prohl

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Die Einladungsbroschüre zum Milky Way-Ritual in Ise

Mit ihrem abwechselungsreichem Programm und ihrem charismatischen Leiter Toshu Fukami ist die World Mate eine der schillerndsten neuen religiösen Entwicklungen in Japan. Im Zuge der rasanten Modernisierung hat sich die traditionelle religiöse Landschaft Japans stark verändert. Als Folge dieses Wandels ist eine Fülle von Modernen Religiösen Organisationen entstanden, denen gegenwärtig ungefähr 20 Prozent der Japaner angehören. Die größte dieser noch jungen Sekte ist die weltweit bekannte Soka Gakkai, der nach eigenen Angaben mehr als 10 Millionen Japaner angehören. Im Vergleich dazu handelt es sich bei der World Mate mit gut 30.000 Anhängern um eine kleine Organisation. Die World Mate erreicht mit ihren gut 100 Zweigstellen in ganz Japan und ihren Publikationen allerdings ein wesentliches größeres Publikum. Von Fukamis Bestseller Lucky Fortune verkauften sich mehr eine Million Exemplare.

Die World Mate bezeichnet sich selbst als eine Organisation, die in der Tradition der einheimischen Götterpraxis Japans, dem Shinto steht. Zu ihrem religiösen Programm gehören Seminare über die Kraft der Götter, Rituale zur Problemlösung und Wunscherfüllung sowie aufwendige Rituale an berühmten Schreinen in ganz Japan. Die World Mate mietet dazu Vortragshallen und größere Plätze in der Nähe der besuchten Schreine an, um Unterweisungen in die Geheimnisse der Schreine, vielfältige Kraft- und Problemlösungsrituale und ein Ritual durchzuführen, bei dem Millionen von sogenannten Wunscherfüllungszettel verbrannt werden, auf die die Teilnehmer ihre Wünsche an die Götter schreiben in der Hoffnung, dass sie erfüllt werden.

Das wichtigste Ritual im Festkalender der World Mate ist den Göttern des Ise-Schreins, dem ältesten und bedeutendsten Heiligtum Japans, gewidmet. Der Schrein besteht aus dem Inneren Schrein ( naikû ) der Sonnengöttin Amaterasu und dem einige Kilometer entfernt liegenden Äußeren Schein ( gekû ) der Reis- und Nahrungsgöttin Toyouke. Der Schrein steht in enger Beziehung zum Tennô, da die mythische Ahnenherrin des Kaiserhauses, die Sonnengöttin Amaterasu an ihm verehrt wird. Fukami erklärt in Vorträgen und den einladenden Broschüren über dieses Ritual die besondere Bedeutung der in Ise verehrten Götter und die Kräfte, die sie für die Besucher entfalten können

Das Ritualdesign der "Milchstraßen-Phantasie"
Im Jahre 1996 stellt die World Mate laut Weisung der Götter mit dem Motto „Fantastic World“ (auf englisch) eine fröhliche Thematik in den Mittelpunkt des Rituals in Ise. Die sich über vier Tage erstreckende Veranstaltung setzt sich aus gemeinsamen Gebeten am Inneren Schrein von Ise, Unterweisungen und Initiationen zusammen. Höhepunkt des Festes bildet ein Ritual mit dem Titel: Milchstraßen-Phantasie. Die Herabkunft der Prinzessin Kikurihime, Universums-Phantasie-Gebet .

Die Einladungsbroschüren wecken gespannte Erwartungen bei den Mitgliedern der World Mate. Sie kündigen an, dass ein Cinderella-Schloß in Ise erscheinen werde. Dabei handele es sich um den Palast des Sternenbilds Kassiopeia aus dem Mittelpunkt der Milchstraße. Für die Zeit des Rituals würden in diesem Schloss die herabkommenden Götter und Geister residieren. Angesichts des vor ihren Augen sich erhebenden Schlosses mittelalterlichen europäischen Stils könnten die Partizipierenden die wahre Welt der Sterne und intensive märchenhafte Rituale für die Götter erleben: „Genauso wie das Cinderella-Schloß im Stile Walt Disneys wird ein romantisches Schloß erstrahlen, am Festplatz wird sich das Tor zur kosmischen Milchstraße öffnen“. In diesem Schloss, einer Nachahmung des hakuôkyû (weißer Seelöwenpalast) der Kassiopeia, residiere die Herrscherin der Milchstraße, Kikurihime . Die Broschüre fährt mit einer Beschreibung des Festzuges fort, der Fukami und seine engsten Schüler zum Schloss geleiten wird. Die Einladungen stellen den Zuschauern ein erhebendes Gefühl beim Anblick des Festzuges, die Erfahrung der Vibrationen göttlicher Energien und einen Aufstieg ihrer Seele in Aussicht. Bei Kikurihime handele es sich um die Muttergöttin der menschlichen Seelen. Gebete an die Götterwelt der Kassiopeia könnten eine Vervollkommnung der Seele bewirken. Den Teilnehmern an diesem faszinierenden Ereignis verspricht die Broschüre ein intensives Erlebnis, die grundlegende Wandlung ihres Menschenbildes und schließlich den Erwerb einer gewaltigen Menge an „ritueller Tugend“. Das sind eine Art von Bonuspunkten, die für die Erfüllung von Wünschen gegenüber den Göttern eingetauscht werden können.

Das Ritual
In einem von bewaldeten Bergen umgebenen Tal in der Nähe des Schreines hat die World Mate am Abend des Rituals einen riesigen Festplatz hergerichtet. Die Zuschauer des Rituals bevölkern die unter weißen Zeltdächern untergebrachten Tribünen an den Rändern des Platzes. Wie auch bei den anderen Festen bietet die Organisation die Teilnahme in mehreren Preisstufen an.

Das Ritual beginnt mit der Anrufung der Götter an einem gigantischen Shintô-Altar. Nach einer längeren Pause verwandeln tausende von kleinen glitzernden Lämpchen den Festplatz in ein Abbild des Sternenhimmels. Begleitet von Synthesizer-Klängen im Stil Jean-Michel Jarres, beginnen die mit Lichterketten geschmückten Wagen des Festumzugs auf den Platz einzurollen. In der Dunkelheit sind lediglich ihre Silhouetten zu erkennen. Nach und nach fahren die funkelnden Kutschen und Boote, auch einzelne Sternen und Tieren nachempfundene Wagen auf dem Platz ein.

Den Abschluss bildet eine rundes Gefährt aus transparentem weißen Papier, dem Uematsu, die zweite Gründerin der World Mate, gekleidet in ein ausladendes silbernes Cinderella-Gewand, und Fukami, angetan mit einem pelzbesetzten Anzug samt goldenem Umhang, entsteigen. Sämtliche Lichter erlöschen und unter einsetzender klassischer Musik erstrahlt vor ihnen das glitzernde Schloss der Kassiopeia im Lichte von Feuerwerksraketen und Goldregen. Langsam erklimmen Fukami und Uematsu, begleitet von ihren engsten, in barocken Gewändern gekleideten Schülern, die Treppe des Schlosses und postieren sich auf dem Balkon des Schlosses. Von dort aus richtet Fukami, unterstützt von Uematsu und seinen Schülern, seine Gebet an die Götter des Universums, mit denen er sie um ihre Unterstützung für das Gelingen des Rituals, die Erfüllung der auf den Wunscherfüllungsformen eingetragenen Wünsche und ein glückliches und friedliches Neues Jahr bittet.

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Ein Wunscherfüllungszettel für das Milky-Way-Ritual

Die Götter erleben
Das Ritual von Ise wird mit professionellen Mitteln perfekt zur Aufführung gebracht. Lichteffekte, Tonqualität und Timing stehen der Performance eines Rockkonzerts in keiner Weise nach. Die World Mate bewältigt immense organisatorische und logistische Aufgaben, die im wesentlichen im Verborgenen ablaufen. Die Organisation demonstriert so ihre Macht und Fähigkeit zur Kontrolle. Die ästhetischen Arrangements der Milchstraßen-Phantasie wirken wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt. Auf diese Weise werden die von der World Mate postulierten göttlichen Kräfte sinnlich erfahrbar. Dementsprechend begeistert fallen die Reaktionen der Besucher des Ise-Rituals aus. Die in den Broschüren abgedruckten Berichte sprechen von Gefühlen der Rührung und des Hingerissenseins. An erster Stelle heben die von mir befragten Teilnehmer hervor, sie hätten die Götter in Ise fühlen können.

Auffällig ist, dass es bei den Gesprächen über das Ritual stets um organisatorische Fragen geht, während inhaltliche Aspekte völlig ausgeklammert werden. So ist zum Beispiel kaum jemand in der Lage zu erklären, in welcher Beziehung die Göttin Kikurihime oder das Sternenbild der Kassiopeia zum Schrein von Ise stehen. Auf Unverständnis stößt auch die Frage nach den Gründen für die Gestaltung des Schlosses im Stile mittelalterlicher europäischer Architektur oder das Design des Gewandes Aiko Uematsus. Diese Beobachtungen zeigen, dass die „Bedeutung“ des Rituals und sein Zusammenhang mit der Lehre der World Mate für die Anhänger der World Mate kaum eine Rolle spielen. Für die Teilnehmer ist die Vorfreude auf das Erlebnis des Rituals zentral. Körperlich am Rande ihrer Kräfte erleben sie im Anschluss an die aufreibenden Vorbereitungen gemeinsam mit Fukami in einem berauschenden Setting die Inszenierung der Milchstraßen-Phantasie umso intensiver. Wohl klagen einige über die Anstrengungen der Götterpraxis in Ise, doch die meisten, die ich nach ihren Eindrücken befragt habe, sind sich darüber einig, dass sie an einer wunderbaren Herabkunft der Götter teilhaben duften.

Zeichen und Signale aus der Traumfabrik Walt Disneys als Vehikel sinnlich erfahrbarer Transzendenz
Die Milchstraßen-Phantasie erinnert eher an eine Zeichentrickproduktion Walt Disneys als an ein Ritual an die Götter von Ise, doch genau dieser Effekt ist von der World Mate beabsichtigt. Wie der Generalsekretär der Organisation im Gespräch äußerte, ist man in der World Mate bestrebt, die Gestaltung der Rituale gemäß dem Geschmacks und der Vorlieben der Anhänger zu optimieren. Die Analyse der Nachfrage ergab laut World Mate, dass sich die Botschaften und das Design der von Walt Disney ins Leben gerufenen Traumwelten unter den Anhängern großer Beliebtheit erfreuen. Unter dieser Maßgabe wurden das Ise-Ritual des Jahres 1996 wie auch weitere Rituale „designt“. Offensichtlich hatte die World Mate mit dieser Strategie Erfolg, denn knapp 3000 Teilnehmer erleben die Götterpraxis von 1996 vor Ort und mehr als 1500 Besucher über Satellitenübertragung in den Versammlungszentren der Gruppe mit.

Laut Fukami sind Musik, Tanz und Theater in der Lage, die Aufmerksamkeit der Götter zu wecken. Die World Mate rekurriert mit ihren künstlerischen Darbietungen auf die in Japan tief verwurzelte Sicht, die Götter müssten erfreut und amüsiert werden, um sie zur Herabkunft und Unterstützung zu bewegen. Die Vorstellung, dass die Götter amüsiert werden müssten, rechtfertigt die Übernahme der in Japan so beliebten Zeichen und Signale der Disney-Traumwelt für dieses Ritual. Die Gefühle der Ergriffenheit und Rührung, die die Disney-Welt hervorrruft, legen die Teilnehmer als Gefühl der Götter aus.

Im Mythos über die in Ise verehrte Sonnengöttin heißt es, dass es der Tanz von Ame no Uzume war, der die Sonnengöttin aus ihrer Höhle herauslockte und der Welt Licht und Leben wieder gab. Die Zeichen und Signale der Disney-Welt erwecken die japanischen Mythen wieder zum Leben, indem sie die Bedeutung der Machtergreifung der Sonnengöttin und die Revitalisierung der Welt in ein sinnlich erfahrbares Schauspiel überführen und, eingebettet in aktuelle Heilsabsichten, mit neuer Relevanz ausstatten. Fukamis Rhetorik verwandelt somit eine aus dem säkularen Bereich der Unterhaltungsindustrie stammende Semantik und ihr Design in religiös aufgeladene Zeichen und Signale. Sie werden überführt in Komponenten individuellen und kollektiven Heils, die Transzendenz sinnlich erlebbar werden lassen.

Weiterführende Literatur
Grimes, Ronald L. (1996): Readings in Ritual Studies. Upper Saddle River, N.J.: Prentice Hall
Prohl, Inken (2006): Religiöse Innovationen. Die Shintô-Organisation World Mate in Japan. Berlin: Reimer
Reader, Ian and George Joji Tanabe (1998): Practically Religious: Worldly Benefits and the Common Religion of Japan. Honolulu: University of Hawai´i Press

Zur Autorin
Inken Prohl, Professorin für Religionswissenschaft an der Universität Heidelberg, studierte an der FU Berlin und an der University of Tokyo. Ihre Forschungsschwerpunkte sind gegenwärtige religiöse Entwicklungen in Japan und den USA.




Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008