WIDDER UND ZIEGENBOCK

Zum kulturellen Konzept von Ehre und Schande

Von Esther Baumgärtner

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Geschäft für Brautmoden in der auch von vielen Migranten bewohnten westlichen Unterstadt in Mannheim. Foto: E. Baumgärtner

Ehre und Schande – diese Begriffe gelten heutzutage im deutschsprachigen Raum als althergebrachte, traditionelle und veraltete Konzepte, die insbesondere mit MigrantInnen aus dem islamischen Raum assoziiert werden. Tatsächlich wird Ehre in öffentlichen Diskursen in erster Linie mit dem Begriff des "Ehrenmords" in Beziehung gesetzt. Delikte, die als "Ehrenmorde" gelten, erhalten in den letzten Jahren eine starke mediale Aufmerksamkeit und bewegen auch im Rahmen von Integrations-und Genderdebatten die Gemüter.

Die Namen der jungen Frauen Hatin Sürücü und Morsal Obeidi, die Opfer solcher Straftaten wurden, sind vielen Menschen ein Begriff. Ihr Tod wird als Folge einer patriarchalen Vorstellung von Ehre und Schande gesehen, die in Konflikt mit der demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik steht. Und tatsächlich scheint hier die männliche Ehre sehr stark geprägt zu sein von der Machtausübung über weibliche Haushaltsmitglieder. Die Kontrolle des Mannes über den weiblichen Körper geht dabei mit dem Zeitpunkt der Hochzeit nahtlos vom Vater - beziehungsweise dessen Stellvertreter, dem Bruder - zum Ehemann über. Doch was ist dieses Konzept von Ehre und Schande genau?

Zwischen dem Ideal der männlichen Ehre und dem weiblichen Körper, insbesondere in Bezug auf dessen Jungfräulichkeit oder Keuschheit, besteht also ein Zusammenhang. Ein verbreitetes Mittel, die Ehre eines Kontrahenten in Frage zu stellen, stellt daher die Beleidigung weiblicher Familienmitglieder dar. Begriffe wie "Hurensohn" oder Verbalattacken wie "Ich fick’ deine Mutter" sind auch in deutschen Klassenzimmern und Schulhöfen durchaus nicht unbekannt. Galten solche Diffamierungen beispielsweise in der türkischen Jugendgruppe Power Boys nur als unter engen Freunden zulässig, wie der Kulturanthropologe Hermann Tertilt 1996 fest stellte, scheinen sie heute den öffentlichen Raum stärker zu durchdringen. Hierbei geht es in erster Linie um die Darstellung der eigenen Potenz und die Infragestellung der Männlichkeit des Gegenübers. Solche Angriffe erfordern eine Antwort oder Entgegnung, welche das angegriffene Ehrgefühl wieder Instand setzt. Diese können sowohl einen spielerischen Charakter haben, wie in den Beleidigungsduellen der Power Boys , als auch zu ernsten Auseinandersetzungen führen. Es gibt also gewisse Reglementierungen oder besser Ritualisierungen die Ehre betreffend.

Dass Ehre mehr umfasst, als die Thematik des "Ehrenmords", darauf verwies auch der Ethnologe Thomas Hauschild 2006 in einem Artikel der FAZ. Hierin diskutiert er ein medial sehr präsentes Ereignis, den Kopfstoß Zinedine Zidanes nach einer Auseinandersetzung mit einem Spieler der gegnerischen Mannschaft beim Fußballspiel Frankreich gegen Italien. Der genaue Wortlaut der verbalen Attacken Materazzis, welche dem vielfach als unrühmlichen Karriereabschluss betrachteten Kopfstoß Zidanes vorausgingen, ist bis heute nicht bekannt. Hauschild geht allerdings davon aus, dass es sich um einen Angriff auf die Familienehre handelte. Den Kopfstoß deutet Hauschild daher als einen symbolträchtigen "Widderstoß" als Reaktion auf die Beleidigung. Es handele sich hierbei um einen Rückgriff auf traditionelle - aber auch durch Migration transformierte – mit dem Ehrbegriff verknüpfte Symboliken.

Hauschild greift hier Thesen und Deutungsmuster auf, wie sie insbesondere innerhalb der europäischen Ethnologie der 60er bis 80er Jahre zum Thema Ehre und Schande entwickelt wurden. Diese sozialen Kategorien werden hier als moralischer Code betrachtet und insbesondere mit dem Mittelmeerraum in Verbindung gebracht. Das es zwischen dem algerisch-stämmigen Franzosen Zidane und dem Italiener Matarazzi durchaus zu einer ritualisierten transnationalen Auseinandersetzung kam, ist insofern wohl nicht verwunderlich. Der gehörnte, also betrogene Ehemann, wird in bäuerlichen Gemeinschaften des Mittelmeerraums symbolisch mit dem Ziegenbock in Verbindung gebracht, so der niederländische Ethnologe Anton Blok zu Beginn der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts. Dieser überlasse seine Weibchen auch anderen Böcken. Der Widder hingegen behält seine Weibchen für sich, beziehungsweise verteidigt seine Frauen. Der Widder und der Ziegenbock repräsentieren damit den Unterschied zwischen Ehre und Schande.

Ehre und Schande sind also Kategorien, die in unterschiedlichen Gemeinschaften und Regionen eine zentrale Rolle spielen. Die Kategorien Ehre und Schande haben dabei laut dem britischen Sozialanthropologen Julian Pitt-Rivers (1965), der in Andalusien forschte, für die unterschiedlichen Geschlechter auch differente Bedeutungen. Ein Mann erhält seine Ehre in erster Linie durch männliche Verhaltensweisen. Zu diesen Verhaltensweisen zählen die Verteidigung der Familienehre und die Autorität über die Familie. Zum ehrbaren Verhalten der Frau gehört neben Keuschheit auch ein spezifisches Schamgefühl in der Öffentlichkeit. Ehrlichkeit, Loyalität und die Aufrechterhaltung des Rufes gelten bei beiden Geschlechtern als ehrbares Verhalten. Kehren sich allerdings die den Geschlechtern in solcher Weise zugewiesenen Verhaltenskategorien um – zeigt ein Mann weibliche Verhaltensweisen wie beispielsweise Passivität und eine Frau männliche wie beispielsweise ein offensives Auftreten – wird dies als ehrloses, beziehungsweise schändliches Benehmen gedeutet.

Ehre und Scham beschreiben also die moralisch wünschenswerten Verhaltensweisen, die eine Person kennzeichnen. Die Schande beziehungsweise die Ehrlosigkeit ist hingegen die Folge der Beurteilung einer Person oder einer Familie durch Angehörige der sozialen Gemeinschaft. Im Englischen spricht man anstatt von Ehre und Schande von honour and shame – also Ehre und Scham – was diesen Zusammenhang von Ehre als tendenziell männlicher und Scham als tendenziell weiblicher sozialer Kategorie und ihrer jeweiligen Negation Ehrlosigkeit / Schamlosigkeit beziehungsweise Schande beschreibt. Trotz der politischen Dominanz des Mannes in der sozialen Gemeinschaft und in der Familie ist seine Ehre letztlich stark vom Verhalten seiner Frau abhängig. Der Kulturanthropologe Werner Schiffauer (1983), der sich mit türkischen MigrantInnen in Deutschland befasst, sieht darin auch die Diskrepanz zwischen der Unterdrückung von Weiblichkeit bei einer gleichzeitigen kulturellen Überhöhung weiblicher Sexualität und Verführungskraft begründet. Doch auch die Ehre der Frau ist sehr stark vom Mann abhängig, denn eine – auch wirtschaftlich und sozial – erfolgreiche Ehe sichert ihr Auskommen. Vom Ehemann Verstoßen zu werden kommt hier einem sozialen Makel gleich.

Letztlich fungiert die Ehre damit auch als strukturierendes Merkmal einer sozialen Gemeinschaft. Wer seine Ehre verliert, erfährt auch einen sozialen Abstieg. Der Zusammenhalt der Familie und der Erhalt der Familienehre sind daher in bäuerlichen Gesellschaften, in denen die Mitglieder sich untereinander kennen, von zentraler Bedeutung. Der Verlust des sozialen Status wirkt sich auf die gesamte Familie aus und wird als Schwäche gedeutet. Dies führt laut Schiffauer zu mehr Konflikten, Übervorteilungen und einer Gefährdung der Sicherheit für die Familie. Ein als ehrenhaft angesehener Mann hat hingegen gewisse Vorteile: Die Ehre fungiere in der Kabylei als symbolisches Kapital respektive Prestige und habe auch ökonomisch einen gewissen Tauschwert, so der französische Ethnologe und Soziologe Pierre Bourdieu. Der Ehrenmann hat damit einen Kredit innerhalb seiner Gemeinschaft. Trotz dieser verhältnismäßig strikten Kategorien, hat die einzelne Person in diesen Gemeinschaften aber durchaus einen gewissen Handlungsspielraum. Die britische Sozialanthropologin Nancy Lindisfarne stellt fest, dass im Diskurs über Ehre und Schande letztlich eine Simplifizierung von Männlichkeit und Weiblichkeit vorgenommen wird. Nicht nur Männer, sondern auch Frauen seien aktiv an der Reproduktion aber auch an der Transformation entsprechender Ideale beteiligt.

Dass das Konzept der Ehre als symbolisches Kapital in bäuerlichen Gemeinschaften im Mittelmeerraum eine gewisse Relevanz hat, lässt sich angesichts der Forschungen innerhalb der Europäischen Ethnologie wohl nicht leugnen. Warum aber bestehen die damit verknüpften Ideale von Weiblichkeit und Männlichkeit auch in der Migration scheinbar unverändert fort und werden von jüngeren Generationen als relevante und erhaltenswerte Tradition aus dem Herkunftsland gedeutet? Dafür mag es unterschiedliche Erklärungsansätze geben, die durch weitere Forschungen noch genauer zu untersuchen wären, wie beispielsweise die Rolle von engen Verwandtschaftsbeziehungen oder der starken Vernetzung mit anderen MigrantInnen desselben Herkunftslands, eventuell sogar desselben Dorfes. Gleichzeitig sind MigrantInnen – insbesondere junge Männer – in Deutschland gewissermaßen die Verlierer der Wende zur Dienstleistungsgesellschaft. Jene Bildungstitel, die bei uns als symbolisches Kapital betrachtet werden können, sind ihnen – aus verschiedenen Gründen, die hier zu erläutern den Rahmen des Textes sprengen würden – verwehrt geblieben. Dennoch gilt es, zwischen kulturellen Mustern, strukturellen
Bedingungen, dem individuellen Handlungsspielraum und kriminellen Handlungen zu trennen und "Ehrenmorde" als das zu sehen was sie sind: eine traurige Folge der Überhöhung traditioneller Wertsysteme ausgeführt durch gewaltbereite Täter, die sich nach Schiffauer in einen "Ehrwahn" hineinsteigern.

Weiterführende Literatur
Blok, Anton (1981): Rams and Billy-goats: A key to the Mediterranean Code of Honour. In: Man 16(3). S. 427-440
Bourdieu, Pierre (1993): Sozialer Sinn: Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt/M: Suhrkamp
Hauschild, Thomas (2006): Wie ein Widder. Ein ethnologischer Versuch. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.7.2006
Lindisfarne, Nancy (1994): Variant masculinities, variant virginities. Rethinking honour and shame. In: Andrea Cornwall, Nancy Lindisfarne (Hg.): Dislocating masculinity: Comparative ethnographies. London, New York: Routledge: S. 82-96
Pitt-Rivers, Julian (1965): Honour and social status. In: J.G. Peristiany (Hg.): Honour and shame: The values of mediterranean society. London: Weidenfeld and Nicolson. S. 19-77
Schiffauer, Werner (1983): Die Gewalt der Ehre. Frankfurt/M: Suhrkamp
Schiffauer, Werner (2005): Deutsche Ausländer: Schlachtfeld Frau. Süddeutsche Zeitung, 25.2.2005. 19.06.06.
Tertilt, Hermann (1996): Turkish Power Boys: Ethnographie einer Jugendbande. Frankfurt/M: Suhrkamp

Zur Autorin
Dr. des. Esther Baumgärtner, M.A., hat kürzlich ihre Promotion im Fach Ethologie an der Universität Heidelberg mit dem Titel: "Einmal Jungbusch - immer Jungbusch: Selbstverortung im multi-ethnischen Stadtraum" über ein Innenstadtquartier in Mannheim abgeschlossen.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008